Karlheinz Töchterle: "Sicher nicht der Bonvivant"

14.04.2012 | 18:38 |  von Rainer Nowak UND Christoph Schwarz (Die Presse)

Altphilologe und Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle spricht im Interview über Unterschiede zwischen Brüdern, die Bequemlichkeiten eines Nichtvegetariers und geistige Eliten.

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Was ist eigentlich trauriger: der letzte aufrechte ÖVPler oder der letzte aufrechte Lateiner zu sein?

Karlheinz Töchterle: Ich bin weder das eine noch der andere. Es gibt noch andere Aufrechte. Im Fach Latein gibt es derzeit deutliche Zeichen der Festigung. Es gibt ein neues Interesse an dem Fach. Und die ÖVP muss derzeit zwar ein Wellental durchschreiten, wir kennen aber die Ursachen. Eine davon ist sicher der U-Ausschuss samt den vielen negativen Schlagzeilen, die er generiert. Spätestens wenn der U-Ausschuss vorbei ist, wird die ÖVP ihre Stärken wieder besser kommunizieren können.

 

Wir wollten heute die Innenpolitik einmal auslassen, aber dennoch: Sehen Sie einen Verlust des Vertrauens in die Politik?

Ja, den sehe ich leider. Dennoch: Ohne etwas kleinreden oder verteidigen zu wollen, muss man schon auch sagen, dass der U-Ausschuss noch keine wirklich schlimmen, bisher unbekannten Dinge ans Tageslicht befördert hat.


Kommt darauf an, was man unter schlimm versteht. Es wird auf jeden Fall ein Sittenbild skizziert, dass auch Ihre Entscheidung vor einem Jahr, in die Politik zu gehen, in einem anderen Licht erscheinen lässt. Oder?

Natürlich. Aber ich meine etwas anderes: Im Ausland werde ich immer wieder gefragt, wie wir es schaffen, ein 27 Milliarden Euro schweres Konsolidierungspaket zu schnüren, ohne dass jemand streikt oder laut schreit. Das ist eine beachtliche Leistung, die einfach nicht wahrgenommen wird. Dagegen sind 10.000 Euro Druckkostenbeitrag oder ein Hirsch, den Günter Platter geschossen hat, eine andere Dimension.


Sind Sie auch Jäger?

Nein, ich gestehe, dass das eine mir fremde Welt ist. Und es ist auch eine Welt, an der ich Kritik üben könnte.

 

Bitte!

Als Naturmensch stört mich etwa die zum Teil ausufernde Wildfütterung. Die ist ökologisch problematisch. Mir ist etwa klar, dass man als Jäger einschreiten muss, wenn zum Beispiel dem Rotwild die natürlichen Feinde fast abhanden gekommen sind. Wenn man das Wild parallel dazu aber mit Kraftfutter anfüttert, stimmt doch etwas nicht.

 

Ist das Töten von Tieren für Sie ein Problem?

Ja. Ich war viele Jahre lang Vegetarier. Als Rektor habe ich das dann beendet. Es war mir zu kompliziert bei Essenseinladungen.

Sie sind also ein Bequemlichkeitsnichtvegetarier.

Ja, ich gebe zu, das ist Bequemlichkeit. Mein Nicht-Fleisch-Essen war ein symbolischer Beitrag. Und wenn symbolische Beiträge zu mühsam werden, neigt man dazu, sie bleiben zu lassen. Ich bin hier vielleicht nicht mit der nötigen Konsequenz ausgestattet.

Aber Ihre Entscheidung, Vegetarier zu werden, hatte ethische Gründe?

Ethische und ökologische. Gesundheitliche weniger. Ab und zu Fleisch zu essen, ist ja nicht ungesund. Aber wir wissen alle, was Fleischkonsum auch für das Ungleichgewicht zwischen armen und reichen Staaten in dieser Welt bedeutet. Das ist katastrophal. Denken Sie allein an die Energie, die zur Fleischproduktion verbraucht wird.

 

Sie strahlen etwas Asketisches aus. Ist das ein Grundsatz in Ihrem Leben?

Ich bin ernährungsbewusst und habe sicher auch asketische Züge. Ich bin sicher nicht der Bonvivant.

 

Wie wir, meinen Sie. Fällt man diese Entscheidung bewusst: Ich werde Asket?

Ich kann einen schönen Vergleich zwischen mir und meinem Bruder ziehen. Wir haben uns irgendwann auseinanderentwickelt. Er ist mehr der Epikureer, der Genießer geworden. Und ich immer mehr zum Stoiker. Worin die Gründe liegen, weiß ich nicht genau.


Der Epikureer ist eine der am stärksten fehlverstandenen Zuschreibungen.

Stimmt. Es geht nicht um Völlerei. Es kann auch um wohldosierten Genuss gehen. Bei Epikur selbst ist es sogar noch weniger. Es geht um die Vermeidung von Schmerz in allen Lebenslagen. Epikur war ein extrem defensiver Philosoph. Und Sie sehen: Schon wieder sind wir bei den antiken Kulturen und alten Sprachen angekommen.

 

Genau, darüber wollten wir ja reden. Wie würden Sie Ihre eigenen Enkel überzeugen, in der Schule Latein und dann vielleicht auch noch Altgriechisch zu lernen?

Ich würde sie keinesfalls drängen. Aber ich würde Ihnen die Vorteile der Fächer natürlich schon in schönen Farben malen.

Malen Sie doch einmal für uns.

Dem Lernenden tut sich mit diesen Sprachen eine reichhaltige und vollständige Welt auf. Das beginnt schon mit den Begrifflichkeiten. Ein einfaches Beispiel: Dass es etwa eine weibliche Form von „deus“, also von Gott, gibt, lernt man erst im Lateinunterricht. Ebenso, dass es eine Mehrzahl, also Götter, gibt. Heutzutage ist Gott, so man überhaupt noch von ihm spricht, immer nur maskulin und im Singular zu hören. Mit Latein tut sich da eine andere Welt auf. Oder nehmen sie den Terminus „servus“, also den Sklaven. Im Lateinunterricht lernt man, dass es so etwas gegeben hat, und dass es eine Errungenschaft der Moderne ist, dass es das in dieser Form kaum noch gibt.

Das könnte man über jede Sprache sagen. Ihnen geht es um eine Historie des Denkens.

Nein, um eine Weite des Denkens. Das Denken wird viel weiter, wenn ich in diese Sprach- und Literaturwelt eintauche. Hinzu kommt, dass Latein und Griechisch die Fundamente unserer Kultur darstellen.

Gehört auch die Kirche zum Fundament?

Ja, als drittes Element. Sie hat unsere abendländische Kultur neben den Griechen und den Römern sicher am stärksten geprägt. Eigentlich hat sich das Christentum diese beiden Kulturen ja auch einverleibt und sie an uns weiterüberliefert.


In einem Vortrag, den Sie in dieser Woche bei einem deutschen Altphilologenkongress in Erfurt gehalten haben, fordern Sie einen „Vierten Humanismus“ an den Schulen.

Ich ziehe Parallelen zum „Dritten Humanismus“, der vor allem geprägt war von Werner Jaeger. Auch dieser Dritte Humanismus war ein Versuch, aus einer Bildungskrise und einer politischen Krise heraus mit den alten Sprachen neu Fuß zu fassen. Auch heute liegt in den alten Sprachen eine Chance, die immer wieder auftauchende Sehnsucht nach Bildung frei von ökonomischer Verzweckung zu stillen.

Sehen Sie diesen Wunsch auf breiter Basis? Ist das nicht eine Erfindung der Eliten?

Nein. Eines meiner stärksten Indizien war die Bewegung rund um die Hörsaalbesetzungen 2009. In Diskussionen habe ich da einen regelrechten Hass auf die Verzweckung der Bildung erlebt.

 

Die Hörsaalbesetzer hatten vor allem ein Problem mit Arbeitsmarktrelevanz und mit Leistungsdruck. Ihnen hingegen geht es darum, traditionelle Werte hochzuhalten. Da kann man sich höchstens auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. Das ist keine gemeinsame Basis.

Für mich schon. Wir treffen uns beim Humbolt'schen Bildungsideal.


Die Schulreformen der Koalition gehen derzeit exakt in die Gegenrichtung. Da sprechen wir von Kompetenzorientierung und Anwendungsorientierung, etwa bei der neuen Zentralmatura. Auch das ist Verzweckung.

Ich sehe auch die von Ihnen angesprochene Entwicklung in der AHS, die weggeht von Latein und den Idealen des humanistischen Gymnasiums. Ich kann mir in Zukunft eine stärker differenzierte Schule vorstellen, in der Latein – für die, die es wollen – wieder eine wesentlich stärkere Rolle spielt.

 

Wie könnte das konkret aussehen?

Ich denke an eine stärkere Typendifferenzierung. Ein Typus wäre dann eben das „Gymnasium älteren Zuschnitts“. Mit Latein ab der ersten Schulstufe. So könnte Latein als Basisfach für Mehrsprachigkeit an Boden gewinnen.

Womit wir wieder bei den Eliten wären. Für die Neue Mittelschule könnten Sie sich Latein nicht vorstellen.

Ich habe in Tirol Latein sogar in einige Hauptschulen gebracht. Aber ich war auch nie gegen eine geistige Elite. Es kann parallel etwa Mittelschulen mit einem Sport- oder kreativem Schwerpunkt geben. Auch das sind Eliten, halt in einem anderen Gebiet. Diese Menschen haben auch meine volle Anerkennung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2012)

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17 Kommentare

Bequemlichkeitsnichtvegetarier Töchterle

Erstaunt lese ich von ethischen und ökologischen Motiven bei der früheren vegetarischen Lebensweise von Minister Töchterle, die dann einfach wegen der "Komplikationen" bei Essenseinladungen des damaligen Rektors über Bord gingen. Gerade in einer gewissen Position ist es sehr leicht, Wünsche z.B. beim Essen durchzusetzen und ein entsprechendes Beispiel zu geben. Die genannten Motive können also wohl nicht ernst gemeint gewesen sein!
Eine solche Ethik ist irrelevant und in höchstem Maße suspekt, und ich muss mich fragen, wie es bei anderen Ansichten und Entscheidungen des jetzigen Wissenschaftsminsters steht.

Er kann gar nichts erreichen,...

... weil die Sozialisten (für die die es nicht wissen, die sind auch in der Regierung) alle Vorschläge und Kompromisse zum Thema Hochschule ablehnen.
Ist auch verständlich, schließlich kennt die rote Truppe die Uni nur als ein U-Bahn-Station und was man nicht kennt, wird abgelehnt...
Leider!

Gast: Tirolfreund
15.04.2012 16:29
1

Endlich einmal nicht nur leere Worthülsen!

Töchterle ist wirklich der beste in der derzeitigen Ministerriege - einer, der eine Ahnung hat und auch was in der Sache weiterbringt. Einige feinden ihn wegen der Studiengebührendiskussion an. Zu Unrecht, denn wir dürfen nicht vergessen, dass uns die seltsame Koalition SP+FP+Grüne mit ihrem verunglückten NR-Schnellschuss kurz vor der letzten Wahl eine Gebührenmisere eingebrockt hat. Das muss endlich irgendwer sanieren. Töchterle hebt sich auch wohltuend von LH Platter ab. Der denkt sich nichts dabei, gratis Böcke zu schießen und verleugnet offensichtlich lieber Tiroler Werte (wenn er z. B. die Süd-Tiroler Patrioten zu Unrecht durch den Dreck zieht und in der Süd-Tirol-Politik ablenkt und bremst, wo es nur geht).

Antworten Gast: AuchTirolFreund
15.04.2012 17:36
7

Re: Endlich einmal nicht nur leere Worthülsen!

Wenn Töchterle der beste der jetzigen Ministerriege ist, dann gute Nacht!

Und was hat er in der Sache weitergebracht? Ü b e r h a u p t N i c h t s !

Also was ist der Bruder jetzt, Epikuräer im

eigentlichen Sinne, sprich, nach der Philosohie Epikurs, der wohl eher ein Asket war, zum Zweck der Unzufriedenheitsvermeidung, oder Hedonist?

Für einen Wissenschaftsminister und Altphilologen ist diese Grenzziehung äußerst unklar.

Auch seine Beispiele für alte Sprachen halten der Realität nicht stand: wir lesen ständig von Sklaven, Sklaverei früher und heute? Inwieweit hilft mir da der Begriff "servus" weiter?

Und wer sich je mit der Geschichte befasst hat und der Antike, oder auch mit dem Hinduismus, kennt natürlich Götter im Plural und Göttinnen.
Wieder kein starkes Argument.
Nicht missverstehen, ich bin sehr für die Weiterführung des Lateinunterrichts, vor allem weil Latein die Grundlage so vieler Sprachen ist, aber Töchterles Argumente überzeugen nicht.
Bei Griechisch kann ich leider nicht mitreden, da ich es nicht genommen hatte. Wenn man aber als Altphilologe so ungenau zu Epikur Stellung beziehen kann, frage ich mich, ob man die alte griechische Philosophie nicht auch in guten Übersetzungen besser lernen kann.
Gerne würde ich aber fähig sein, die Bibel in ihrer ältesten Form zu lesen...

Gast: Balduin S.
15.04.2012 12:17
8

Sprücheklopfen schön und gut

Nach einem Jahr im Amt erwartet sich die österreichische Bevölkerung aber Ergebnisse. Irgendwelche. Bitte.


Gast: Hansi L.
15.04.2012 11:44
8

Ein solches Parlieren

geht vielleicht für die Uni gut, aber nicht für die Politik. Und es ist auch inhaltlich überhaupt nicht überzeugend. Töchterle ist über alle Bereiche hin Antworten schuldig geblieben. Da nützen nun auch ein paar nette, leider sehr abgedroschene Phrasen nichts.

Interessant zu wissen

wäre, wieviel von diesem interview unsere hochintelligenten landespolitiker plattler, steixner, reheis etc verstanden haben

Antworten Gast: Hansi L.
15.04.2012 11:42
6

Re: Interessant zu wissen

Ich glaube nicht, dass man bei diesem Interview viel verstehen muss...

Unterschätzen Sie mir Platter und Steixner nicht. Diese mögen vielleicht keine so hochgestochenen Worte in den Mund nehmen, sie verstehen aber etwas von Politik und sie bringen etwas weiter. Was man von unserem Wissenschaftsminister kaum sagen kann.

Re: Re: Interessant zu wissen

" ...sie verstehen aber etwas von Politik und sie bringen etwas weiter..."

bei allem respekt, dann sind sie, geschätzter hansi l., neben den erwähnten einer der wenigen, die das glauben.
sie befassen sich wohl nicht mit der tagespolitik von tirol?

Antworten Antworten Antworten Gast: Hansi L.
15.04.2012 12:14
5

Re: Re: Re: Interessant zu wissen

Auch wenn Platter zwischendurch mal einen Bock schießt, ist er deshalb noch kein schlechter Politiker. Er hat für Tirol sehr viel getan.

Und man kann über Herrn Steixner sagen, was man will: Aber seine Klientel bedient er gut. Er eckt an und ist halt durch und durch ein Bauernvertreter: Aber diese fahren gut mit ihm.

Töchterle wäre der Wissenschaftsminister. Was haben die österreichischen Wissenschaftler bislang von ihm gehabt? Was hat er konkret für die österreichische Wissenschaftslandschaft getan? Ich glaube, diese Frage muss ich nicht explizit beantworten.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Ost Tiroler
15.04.2012 14:53
1

Re: Re: Re: Re: Interessant zu wissen

Bitte um Beispiele, was dieser Platter gemacht hätte für Tirol.
Ein peinlicher unbeholfener Typ.

Ein Politiker und Humanist

solche Politiker braucht es, um zu zeigen, dass Bildung in einer Demokratie notwendig ist: zuerst Denken und Mitfühlen, dann handeln und wählen. Hoffebtkich bleibt er uns noch lange erhalten.

Re: Ein Politiker und Humanist

.. nur er ist kein Politiker

Gast: Vogel Strauss
15.04.2012 08:27
2

Falscher Job, aber nettes Interview

Sowas liest man natürlich gerne bei einem Politiker, denn die übliche leeren Phrasendrescherei dieser Spezies nervt unendlich. Ich glaube jedoch nicht, dass er viel weiterbringen wird in seinem Amt ...

Gast: Schwanengesang der ÖVP
14.04.2012 23:22
7

Und dieser weit überbezahlte Schwafler ist ÖVP-Wissenschaftsminister...da kann es nur bergab gehen...tschüss ÖVP...mir grau(s)t nurmehr vor eurer Problemlösungs-in-kompetenz!

Die ÖVP ist hirntot.
Das dokumentiert dieses Interview mit "Mr. Wissenschaft", der nur als der IV hörige, selbst ideenlose Marionette die Bildungsbürger nur weiter ausplündern will.

Gast: Vermessung der Orthographie
14.04.2012 19:49
5

köstlich

Wir treffen uns beim Humbolt'schen Bildungsideal.

Das ist unübertrefflich.

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