Karlheinz Töchterle: "Sicher nicht der Bonvivant"

Altphilologe und Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle spricht im Interview über Unterschiede zwischen Brüdern, die Bequemlichkeiten eines Nichtvegetariers und geistige Eliten.

Karlheinz Toechterle Sicher nicht
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Karlheinz Toechterle Sicher nicht
Töchterle – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Was ist eigentlich trauriger: der letzte aufrechte ÖVPler oder der letzte aufrechte Lateiner zu sein?

Karlheinz Töchterle: Ich bin weder das eine noch der andere. Es gibt noch andere Aufrechte. Im Fach Latein gibt es derzeit deutliche Zeichen der Festigung. Es gibt ein neues Interesse an dem Fach. Und die ÖVP muss derzeit zwar ein Wellental durchschreiten, wir kennen aber die Ursachen. Eine davon ist sicher der U-Ausschuss samt den vielen negativen Schlagzeilen, die er generiert. Spätestens wenn der U-Ausschuss vorbei ist, wird die ÖVP ihre Stärken wieder besser kommunizieren können.

 

Wir wollten heute die Innenpolitik einmal auslassen, aber dennoch: Sehen Sie einen Verlust des Vertrauens in die Politik?

Ja, den sehe ich leider. Dennoch: Ohne etwas kleinreden oder verteidigen zu wollen, muss man schon auch sagen, dass der U-Ausschuss noch keine wirklich schlimmen, bisher unbekannten Dinge ans Tageslicht befördert hat.


Kommt darauf an, was man unter schlimm versteht. Es wird auf jeden Fall ein Sittenbild skizziert, dass auch Ihre Entscheidung vor einem Jahr, in die Politik zu gehen, in einem anderen Licht erscheinen lässt. Oder?

Natürlich. Aber ich meine etwas anderes: Im Ausland werde ich immer wieder gefragt, wie wir es schaffen, ein 27 Milliarden Euro schweres Konsolidierungspaket zu schnüren, ohne dass jemand streikt oder laut schreit. Das ist eine beachtliche Leistung, die einfach nicht wahrgenommen wird. Dagegen sind 10.000 Euro Druckkostenbeitrag oder ein Hirsch, den Günter Platter geschossen hat, eine andere Dimension.


Sind Sie auch Jäger?

Nein, ich gestehe, dass das eine mir fremde Welt ist. Und es ist auch eine Welt, an der ich Kritik üben könnte.

 

Bitte!

Als Naturmensch stört mich etwa die zum Teil ausufernde Wildfütterung. Die ist ökologisch problematisch. Mir ist etwa klar, dass man als Jäger einschreiten muss, wenn zum Beispiel dem Rotwild die natürlichen Feinde fast abhanden gekommen sind. Wenn man das Wild parallel dazu aber mit Kraftfutter anfüttert, stimmt doch etwas nicht.

 

Ist das Töten von Tieren für Sie ein Problem?

Ja. Ich war viele Jahre lang Vegetarier. Als Rektor habe ich das dann beendet. Es war mir zu kompliziert bei Essenseinladungen.

Sie sind also ein Bequemlichkeitsnichtvegetarier.

Ja, ich gebe zu, das ist Bequemlichkeit. Mein Nicht-Fleisch-Essen war ein symbolischer Beitrag. Und wenn symbolische Beiträge zu mühsam werden, neigt man dazu, sie bleiben zu lassen. Ich bin hier vielleicht nicht mit der nötigen Konsequenz ausgestattet.

Aber Ihre Entscheidung, Vegetarier zu werden, hatte ethische Gründe?

Ethische und ökologische. Gesundheitliche weniger. Ab und zu Fleisch zu essen, ist ja nicht ungesund. Aber wir wissen alle, was Fleischkonsum auch für das Ungleichgewicht zwischen armen und reichen Staaten in dieser Welt bedeutet. Das ist katastrophal. Denken Sie allein an die Energie, die zur Fleischproduktion verbraucht wird.

 

Sie strahlen etwas Asketisches aus. Ist das ein Grundsatz in Ihrem Leben?

Ich bin ernährungsbewusst und habe sicher auch asketische Züge. Ich bin sicher nicht der Bonvivant.

 

Wie wir, meinen Sie. Fällt man diese Entscheidung bewusst: Ich werde Asket?

Ich kann einen schönen Vergleich zwischen mir und meinem Bruder ziehen. Wir haben uns irgendwann auseinanderentwickelt. Er ist mehr der Epikureer, der Genießer geworden. Und ich immer mehr zum Stoiker. Worin die Gründe liegen, weiß ich nicht genau.


Der Epikureer ist eine der am stärksten fehlverstandenen Zuschreibungen.

Stimmt. Es geht nicht um Völlerei. Es kann auch um wohldosierten Genuss gehen. Bei Epikur selbst ist es sogar noch weniger. Es geht um die Vermeidung von Schmerz in allen Lebenslagen. Epikur war ein extrem defensiver Philosoph. Und Sie sehen: Schon wieder sind wir bei den antiken Kulturen und alten Sprachen angekommen.

 

Genau, darüber wollten wir ja reden. Wie würden Sie Ihre eigenen Enkel überzeugen, in der Schule Latein und dann vielleicht auch noch Altgriechisch zu lernen?

Ich würde sie keinesfalls drängen. Aber ich würde Ihnen die Vorteile der Fächer natürlich schon in schönen Farben malen.

Malen Sie doch einmal für uns.

Dem Lernenden tut sich mit diesen Sprachen eine reichhaltige und vollständige Welt auf. Das beginnt schon mit den Begrifflichkeiten. Ein einfaches Beispiel: Dass es etwa eine weibliche Form von „deus“, also von Gott, gibt, lernt man erst im Lateinunterricht. Ebenso, dass es eine Mehrzahl, also Götter, gibt. Heutzutage ist Gott, so man überhaupt noch von ihm spricht, immer nur maskulin und im Singular zu hören. Mit Latein tut sich da eine andere Welt auf. Oder nehmen sie den Terminus „servus“, also den Sklaven. Im Lateinunterricht lernt man, dass es so etwas gegeben hat, und dass es eine Errungenschaft der Moderne ist, dass es das in dieser Form kaum noch gibt.

Das könnte man über jede Sprache sagen. Ihnen geht es um eine Historie des Denkens.

Nein, um eine Weite des Denkens. Das Denken wird viel weiter, wenn ich in diese Sprach- und Literaturwelt eintauche. Hinzu kommt, dass Latein und Griechisch die Fundamente unserer Kultur darstellen.

Gehört auch die Kirche zum Fundament?

Ja, als drittes Element. Sie hat unsere abendländische Kultur neben den Griechen und den Römern sicher am stärksten geprägt. Eigentlich hat sich das Christentum diese beiden Kulturen ja auch einverleibt und sie an uns weiterüberliefert.


In einem Vortrag, den Sie in dieser Woche bei einem deutschen Altphilologenkongress in Erfurt gehalten haben, fordern Sie einen „Vierten Humanismus“ an den Schulen.

Ich ziehe Parallelen zum „Dritten Humanismus“, der vor allem geprägt war von Werner Jaeger. Auch dieser Dritte Humanismus war ein Versuch, aus einer Bildungskrise und einer politischen Krise heraus mit den alten Sprachen neu Fuß zu fassen. Auch heute liegt in den alten Sprachen eine Chance, die immer wieder auftauchende Sehnsucht nach Bildung frei von ökonomischer Verzweckung zu stillen.

Sehen Sie diesen Wunsch auf breiter Basis? Ist das nicht eine Erfindung der Eliten?

Nein. Eines meiner stärksten Indizien war die Bewegung rund um die Hörsaalbesetzungen 2009. In Diskussionen habe ich da einen regelrechten Hass auf die Verzweckung der Bildung erlebt.

 

Die Hörsaalbesetzer hatten vor allem ein Problem mit Arbeitsmarktrelevanz und mit Leistungsdruck. Ihnen hingegen geht es darum, traditionelle Werte hochzuhalten. Da kann man sich höchstens auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. Das ist keine gemeinsame Basis.

Für mich schon. Wir treffen uns beim Humbolt'schen Bildungsideal.


Die Schulreformen der Koalition gehen derzeit exakt in die Gegenrichtung. Da sprechen wir von Kompetenzorientierung und Anwendungsorientierung, etwa bei der neuen Zentralmatura. Auch das ist Verzweckung.

Ich sehe auch die von Ihnen angesprochene Entwicklung in der AHS, die weggeht von Latein und den Idealen des humanistischen Gymnasiums. Ich kann mir in Zukunft eine stärker differenzierte Schule vorstellen, in der Latein – für die, die es wollen – wieder eine wesentlich stärkere Rolle spielt.

 

Wie könnte das konkret aussehen?

Ich denke an eine stärkere Typendifferenzierung. Ein Typus wäre dann eben das „Gymnasium älteren Zuschnitts“. Mit Latein ab der ersten Schulstufe. So könnte Latein als Basisfach für Mehrsprachigkeit an Boden gewinnen.

Womit wir wieder bei den Eliten wären. Für die Neue Mittelschule könnten Sie sich Latein nicht vorstellen.

Ich habe in Tirol Latein sogar in einige Hauptschulen gebracht. Aber ich war auch nie gegen eine geistige Elite. Es kann parallel etwa Mittelschulen mit einem Sport- oder kreativem Schwerpunkt geben. Auch das sind Eliten, halt in einem anderen Gebiet. Diese Menschen haben auch meine volle Anerkennung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2012)

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