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Unis: "Keine Kultur der Kündigung"

22.04.2012 | 18:19 |  THERESA AIGNER (Die Presse)

Wer sechs Jahre an einer Uni mittels befristeter Dienstverträge angestellt ist, findet danach anstatt eines sicheren Jobs meist das Ende der Tätigkeit an der Uni.

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Wien. Seit acht Jahren erforscht Günther Hodlmayer (Name geändert, Anm.) im Dienste einer österreichischen Medizin-Uni Wirkstoffe gegen Darmkrebs. Im Rahmen dieser Anstellung hat er seine Dissertation gemacht und ist auch als Postdoc in derselben Arbeitsgruppe beschäftigt. Er führt wissenschaftliche Experimente durch, verfasst Publikationen und betreut Diplomanden und Dissertanten. Zwei Forschungsprojekte, bei denen er Ko-Antragsteller war, haben vom Wissenschaftsfonds FWF eine positive Förderzusage bekommen: Eines davon startete erst im vergangenen Jänner. Den Ausgang seines Forschungsprojekts wird Hodlmayer jedoch wahrscheinlich nicht mehr miterleben.

Denn: In den acht Jahren, die er nun an der Uni beschäftigt ist, folgte ein befristeter Vertrag dem nächsten – und damit muss jetzt Schluss sein. Nicht, weil er nicht mehr will. Sondern, weil es das Gesetz nicht erlaubt. Genauer gesagt Paragraf 109, Absatz 2 des Universitätsgesetzes, der besagt, dass universitäre Mitarbeiter – die im Bereich der Lehre oder über Drittmittel- und Forschungsprojekte beschäftigt sind – nicht länger als sechs bzw. acht Jahre bei Teilzeit in befristeten Dienstverhältnissen beschäftigt werden dürfen.

 

Eigentlich gut gemeint

Eigentlich sollte diese Regelung – die nicht nur an den Universitäten zum Einsatz kommt – Arbeitnehmern größere Sicherheit bringen. So sollte sichergestellt werden, dass nach sechs bzw. acht Jahren in unbefristeten Dienstverhältnissen ein unbefristeter Dienstvertrag auf jene Mitarbeiter wartet.

Was in der Theorie gut klingt, führt in der derzeitigen Praxis der universitären Personalpolitik aber zum genauen Gegenteil. Denn: Die Universitäten vergeben nur in seltenen Fällen unbefristete Verträge. Und somit steht für viele der betroffenen Mitarbeiter am Ende der sechsjährigen Tätigkeit im befristeten Verhältnis das Ende der beruflichen Laufbahn an der Uni – anstatt eines sicheren Jobs. Warum die Universitäten so sparsam mit der Vergabe von unbefristeten Verträgen umgehen, hat mehrere Ursachen. Jene, die von den Universitäten selbst zumeist genannt wird, ist, dass es nicht gut sei, wenn man Forscher in jungen Jahren an eine Universität bindet – sie sollen internationale Erfahrungen sammeln und sich an unterschiedlichen Forschungsprojekten beteiligen können. Das klingt zwar einleuchtend, erklärt aber noch nicht unbedingt, warum Mitarbeiter, denen – wie im Falle Hodlmayers – die Finanzierung eines Projekts zu verdanken ist, dasselbige nicht zu Ende führen können.

Die Meinung, dass junge heimische Wissenschaftler, die exzellente und kompetitive Forschung betreiben, ins Ausland gehen sollen, teilt auch FWF-Geschäftsführerin Dorothea Sturn. „Bedauerlich“ findet sie es allerdings, wenn Forscher Projekte, die vom FWF positiv evaluiert werden, nicht zu Ende führen können. Und das müsste ihrer Meinung nach auch nicht unbedingt so sein.

 

Kündigung wäre möglich

Denn: Vergeben die Universitäten einen unbefristeten Vertrag, heißt das noch lange nicht, dass die Unis die Mitarbeiter nie wieder loswerden könnten. Genau davor haben sie aber Angst. Einerseits hat man in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit pragmatisierten Professoren gemacht, andererseits lassen ihnen unsichere finanzielle Verhältnisse nur wenig Spielraum für längerfristige Bindungen von Mitarbeitern.

Ein Risiko, das in Wahrheit gar keines ist: Selbst wenn Rektoren einen unbefristeten Vertrag vergeben, geht ihnen dadurch die Möglichkeit, diesen Mitarbeiter zu kündigen, nicht verloren. Das Problem: An den Universitäten gebe es eben keine „Kultur der Kündigung“, meint Sturn. Man habe zu große Angst vor Klagen. Kleinere Unis wie etwa die Boku würden zwar bereits von der Möglichkeit zu kündigen Gebrauch machen. Aber es bräuchte „eine große Uni, die im Brennpunkt des öffentlichen Interesses steht, um es vorzumachen. Etwa die Uni Wien“, sagt Sturn.

 

Schlechtes Personalmanagement

Kritik am Personalmanagement kommt aber nicht nur von dieser Seite. Maria Dabringer, Vorsitzende der IG-Lektoren, ortet ebenfalls großen Nachholbedarf. Denn nicht nur junge Forscher sind von der Problematik betroffen. Auch jene Uni-Mitarbeiter, die im Bereich der Lehre tätig sind, werden häufig zweimal im Jahr mittels befristeten Dienstvertrags neu angestellt – jedes Mal, wenn ein neues Semester beginnt.

Dabringer wird bald selbst zu den Betroffenen gehören, nächstes Jahr läuft ihre Zeit der befristeten Verhältnisse ab. Dabei würde die Uni mehr Geld verlieren als sparen, wenn Dabringer gehen muss. In sie wurden in Form von Fortbildungen und Studienreisen „tausende Euro“ investiert. Ein Schaden, den die Unis offenbar lieber in Kauf nehmen, als unbefristete Verträge zu vergeben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2012)

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8 Kommentare
Gast: wolgang
26.04.2012 16:12
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Projekt verlassen müssen....

Herr Rektor Schütz hat wohl einiges nicht ganz richtig verstanden. Hier ging es um Wissenschaftler die inmitten eines Forschungsprojekts den Hut au rund eines dämlichen Paragrafen schmeissen müssen. Nicht nur, das hierbei Spezialisten sinnloserweise Ihr Projekt und den Job verlieren...Der Zynismus von seiner Seite ist noch unglaublicher als man es sich erwarten könnte... wahnsinnn...man packt es kaum.

Gast: Stefan Rogler
23.04.2012 19:29
0 0

Nachdem das so ist...

...würde ich vorschlagen, dass Wissenschaftler in den letzten beiden Jahren (also 5 u. 6 Jahr) einfach keine Anträge mehr als Ko-author schreiben. Denn wozu sich die Arbeit antun und das eigene IP einbringen wenn man danach gar nichts davon hat (außer Übung und vielleicht die Ko-authorschaft auf div. Publikationen). In Zukunft sollte es in derartigen Fällen zumindest die Sicherheit von Seiten der Unis geben, dass man Projekte auch wirklich abschließen kann bzw. bei Folgeprojekten auch noch weiterarbeiten darf.

Gast: Leukozyt
23.04.2012 16:31
0 0

Heuchelei

Die Begründung, junge Wissenschafter sollten dazu animiert werden ins Ausland zu gehen, ist reine Heuchelei. Erstens wissen wir Wissenschafter selbst, dass Auslandsaufenthalte positiv zu Buche schlagen und versuchen daher, wenn möglich, schon von uns aus ein Semester oder ein paar Jahre Mal woanders zu forschen und/oder zu lehren.

Wer nun (wie ich) nach fünf Jahren im Ausland zurückkehrt, mittlerweile eine Familie hat und - weil's keine anderen Stellen gibt - eine befristete Teilzeit-Anstg. an der Uni, hat vielleicht nicht gerade Lust, weil der Vertrag ausläuft, wieder mit Frau & Kindern in irgendein anderes Land zu ziehen.

Interessant wäre es, wenn Uni-Leute nach einem befristeten Vertrag oder einem Projekt und einem Auslangsaufenthalt jedenfalls einen unbefr. Vertrag bekämen. So ist es aber nicht. Es wartet der nächtse befr. Vertrag, Teilzeit, Zwangspause, wieder Projektantrag, und die ewige Unsicherheit.

Es ist Heuchelei, nichts anderes.

Re: Heuchelei

und Schütz - Rektor der Med Uni Wien - ist der Oberheuchler - siehe seinen Gastkommentar in der heutigen Printausgabe der Presse

Gast: Misere
23.04.2012 14:09
1 0

schön, daß die Presse dieses Problem thematisiert

seit mindestens zehn Jahren sind die "Karriere"-Aussichten für Nachwuchsforscher sehr wenig planbar geworden

warum die Unis so extrem vorsichtig sind mit Kettenverträgen, die wie im Artikel erwähnt, ja eigentlich als Arbeitnehmerschutz gedacht sind, liegt daran, daß etliche der größeren Unis sehr schlechte Erfahrungen mit Kündigungen gemacht haben - wenn bei einem unbefristeten Vertrag kein Fehlverhalten vorliegt, muß die Uni nachweisen, daß der gekündigte Mitarbeiter nirgendwo auf der Uni einsetzbar ist, und das ist ein schwieriges Unterfangen

Gast: Gast0394
23.04.2012 12:19
2 0

Unglaublich!

Anerkannte, fleißige und fähige Wissenschaftler werden entlassen.

In Innsbruck soll Walter Obwexer, der mit seiner Habilitation gegen die gute wissenschaftliche Praxis verstoßen hat, zum Professor gemacht werden.

Siehe den Jahresbericht 2011 der ÖAWI (Fall 2010/02):

http://www.oeawi.at/downloads/Jahresbericht-2011.pdf

http://blog.zdf.de/hyperland/2012/04/ein-jahr-vroniplag-die-doktorjaeger-sind-weiter-auf-jagd/


Gast: ianrichardson
23.04.2012 10:31
0 0

Keine Perspektive

An vielen Instituten der Universität Wien bestreiten LektorInnen den überwiegenden Teil der Lehre - Bezahlung ist schlecht, selbst nach vielen Jahren Lehrerfahrung werden nur Semesterverträge ausgestellt, und berufliche Perspektiven gibt es keine, weil nur sehr wenige Jobs ausgeschrieben werden. Dass sich Studierende dann da und dort mit Betreuungsverhältnissen von 1:200 konfrontiert sehen, wundert eine/n dann natürlich nicht.

Gast: uni-video
22.04.2012 20:11
4 0

Bestürzend

Es ist bestürzend zu sehen, dass hochqualifizierte, zielstrebige Wissenschaftler österreichische Universitäten wegen Ablauf ihres Vertrages verlassen müssen, während "Wissenschaftler", die plagiieren und/oder die gute wissenschaftliche Praxis verletzen geschützt, verteidigt, ja sogar noch befördert werden.

Man braucht nur den ÖAWI-Jahresbericht 2011 zu lesen um zu sehen, was für Missstände vorherrschen. Welche Konsequenzen hatten diese z.T. verheerenden Feststellungen für die Betroffenen? Wie es scheint, hat es in vielen Fällen überhaupt keine Konsequenzen gegeben.

http://www.oeawi.at/downloads/Jahresbericht-2011.pdf

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