Bologna: Die reformresistente Reform

06.05.2012 | 18:25 |  von Iris Bonavida (Die Presse)

Mit „Bologna 2.0“ sollen Umsetzungsprobleme der neuen Studienarchitektur behoben werden. Konkrete Pläne und Maßnahmen gibt es allerdings keine. Lösungen sollten Ende April gefunden werden.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Wien. Die Beseitigung von Mobilitätshindernissen, eine kürzere Studiendauer bis zum Erstabschluss und leicht vergleichbare Titel: Das waren die Beweggründe dafür, dass sich ab dem Jahre 1999 insgesamt 47 europäische Staaten dazu verpflichteten, die Bologna-Reform umzusetzen. Auf dem Papier klangen die Maßnahmen einfach und umsetzbar. Die Praxis sieht anders aus: Knock-out-Prüfungen während der Studieneingangsphase, Curricula, die immer und immer wieder überarbeitet werden müssen sowie ein Abschluss, der in Österreich noch nicht von allen akzeptiert wird.

Lösungen sollten Ende April auf einer Konferenz aller Bologna-Länder in Bukarest gefunden werden. Es sei nun Zeit für die Strategie „Bologna 2.0“, mit der Umsetzungsprobleme behoben werden sollen, kündigte Martin Polaschek von der Universitätskonferenz an. Die Maßnahme klingt fast genauso modern und vielversprechend wie „Bologna reloaded“ – also jene Reform, die die damalige Uni-Ministerin Beatrix Karl (ÖVP) im Jahre 2010 ankündigte.

Und auch das Ergebnis wird wohl dasselbe sein: Ebenso wie „Bologna reloaded“ wird auch „Bologna 2.0“ keine Verbesserungen bringen. Das Problem: Es gibt keine konkreten Ziele oder Maßnahmen, die die Bologna-Länder ins Auge gefasst haben. Das zeigte sich bei einer Pressekonferenz von Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP) zu diesem Thema: Da war zwar viel von Umstrukturierung und Aufholbedarf die Rede, Pläne wurden allerdings keine präsentiert.

 

Standortwechsel schwer möglich

Woran es krankt? Bis 2020 will man erreichen, dass 20 Prozent aller Graduierten einen Teil des Studiums im Ausland absolviert haben. Österreich ist laut Töchterle (ÖVP) mit 19 Prozent zwar schon „nah dran“. Dennoch ist ein Wechsel der Standorte für viele Studierende immer noch nicht möglich – weder innerhalb Europas, noch innerhalb Österreichs. An diesem Punkt „hapert es zum Teil“, meint Polaschek. Ein Grund dafür sei die Autonomie der einzelnen Universitäten: Jeder Senat an jeder Uni könne eigene Curricula aufstellen. Das habe Vorteile (Profilbildung), aber auch Nachteile (Inkompatibilität). Jederzeit während des Studiums den Standort zu wechseln sei nur möglich, wenn es einen „Einheitsbrei“ gebe. Fazit: An diesem Punkt wird sich in Zukunft nicht viel ändern.

Die Uniko will auch die Umstellung der Bewertung von Lehrveranstaltungen in Form von Wochenstunden auf das European Credit Transfer System (ECTS) nachbessern. In einigen Bereichen sei aufgrund des Zeitdrucks eine „starre Umstellung“ erfolgt, so Polaschek. Nun geht es darum, den tatsächlichen Arbeitsaufwand für Studierende zu berücksichtigen und sich auf Inhalte zu konzentrieren. Doch auch hier gilt: Es gibt keinen konkreten Plan, wie diese Überarbeitung tatsächlich aussehen und wer sie koordinieren soll.

Von der ÖH wurde die Studieneingangsphase heftig kritisiert – vor allem wegen der Knock-out-Prüfungen. Ab dem Wintersemester 2014 soll das System zur „weicheren“ Eingangsphase wechseln, ohne verpflichtende derartige Prüfungen. Allerdings: Aufgrund des Andrangs an Erstsemestrigen sowie der fehlenden Zugangsbeschränkungen wird die Eingangsphase wohl auch künftig für die Minimierung der Studentenzahl genutzt.

 

Bachelor: Akzeptanz „steigerbar“

Als „österreichisches Problem“ bezeichnet Töchterle, dass die Akzeptanz des Bachelor als akademischer Abschluss „noch steigerbar“ sei. „Hier gibt es Aufholbedarf“, meint auch Polaschek. Man müsste Institutionen befragen, was sie von Absolventen erwarten, und den Studienplan anpassen. Müsste man – in Planung ist es nicht.

Die Chancen sind somit hoch, dass auch die Zeit bis zur nächsten Bologna-Konferenz in zwei Jahren ohne Ergebnisse verstreichen wird. Dort wird dann einfach die nächste Reform der Reform angekündigt.

Auf einen Blick

Seit 1999 haben 47 europäische Staaten die Bologna-Reform unterzeichnet. Ziele der neuen Studienarchitektur (Bachelor, Master, PhD) sind die Beseitigung von Mobilitätshindernissen, kürzere Studiendauer bis zum Erstabschluss und leicht vergleichbare Titel. Alle zwei Jahre treffen sich Vertreter der Bologna-Länder, um Fortschritte und Probleme zu besprechen. Zuletzt traf man sich in Bukarest.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

AnmeldenAnmelden