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"Gute Ideen haben wir selber"

10.06.2012 | 18:17 |  JULIA NEUHAUSER UND CHRISTOPH SCHWARZ (Die Presse)

Die Rektoren der wichtigsten Wiener Universitäten an einem Tisch: Ein Schlagabtausch über den schwelenden Budgetstreit mit dem Ministerium und die "Kooperations-Manie" der Bundespolitik.

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Die Presse: Eigentlich wäre die Gesprächsrunde noch größer gewesen. Wir haben Vizebürgermeisterin Renate Brauner eingeladen. Sie hat leider abgesagt. Ist diese Absage symptomatisch für den Umgang der Stadt Wien mit den Unis?

Heinz W. Engl: Nein, sie ist überraschend. Ich gehe davon aus, dass die Absage terminlich bedingt war. Wir haben mit der Stadt ein sehr konstruktives Verhältnis.

Christoph Badelt: Es war nicht immer so. Wer die Geschichte der Stadt Wien und ihr Verhältnis zur Wissenschaft kennt, weiß, dass das erst in den vergangenen zwölf bis 15 Jahren so geworden ist. Trotzdem kann die Stadt, die eine positive Einstellung zu den Unis hat, nicht deren Grundprobleme lösen.
Wolfgang Schütz: Die intensivste Partnerschaft mit der Stadt führen wahrscheinlich wir, aufgrund des AKH. Und die ist natürlich von Höhen und Tiefen geprägt. Aber letztlich von einem kooperativen Gedanken.

Mit Alexander Van der Bellen wurde ein Uni-Beauftragter der Stadt geschaffen. Fühlen Sie sich dadurch nun besser ernst genommen – oder hat die Stadtregierung da eine Agenda abgeschoben an jemanden, der nichts tun kann?

Schütz: Alexander Van der Bellen hat sicher sehr viel Detailwissen. Und vielleicht hat er im Hintergrund bisher einiges erreicht, von dem uns nicht bewusst ist, dass er es war.

Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Schütz: Etwa, was Bauvorhaben betrifft.
Engl: Van der Bellen hat eine Katalysatorfunktion. Unser Kontakt ist gut, aber nicht intensiv. Die Uni Wien pflegt Kontakte bis hin zum Bürgermeister, die sind alle wertvoll.

Eine Studie zeigt, dass Wien eine „wissenschaftliche Transitstadt“ ist. Weder ausländische Studierende noch Forscher bleiben länger in Wien. Sind Ihre Unis zu wenig attraktiv?

Engl: Die Studie stellt fest, dass es so werden könnte. Der Standort Wien ist ein Asset, um etwa US-Wissenschafter zu berufen.

Sonja Hammerschmid: Wien ist als Stadt mit einer extrem hohen Lebensqualität ein wesentlicher Faktor in der Berufungspolitik.

Die bleiben da, weil es hier so schön ist?

Engl: Sie bleiben, weil die Bedingungen passen. Das soll auch weiterhin so sein.
Schütz: Es sind weniger die Gehälter, es ist das Umfeld. Wien ist ein wissenschaftlicher Humus geworden. Dabei spielen auch abgesicherte Arbeitsbedingungen eine Rolle.

Bast: Mit den Gehältern allein könnten wir viele gar nicht locken. Es ist auch die Lebensqualität. Die Leute wissen, dass es hier exzellente Schulen gibt, dass Wien eine sichere Stadt ist und ein extrem gutes Kulturangebot vorhanden ist.

Die Studie fordert auch, dass die Unis stärker mit der Wirtschaft kooperieren. Etwa in Form vom verpflichtenden Praxissemestern für Studenten.

Bast: Es gibt gute Kontakte zu Wirtschaftsbetrieben. Ich habe Zweifel daran, dass das besser wird, wenn im Studienplan steht, dass jeder ein Pflichtpraktikum machen muss.
Hammerschmid: Wichtig ist, dass die Studierenden hinausgehen. Egal, ob ins Ausland oder in die Wirtschaft.

Sind es die Unis, die weiter auf die Wirtschaft zugehen müssen, oder sollte die Wirtschaft einmal auf die Unis zugehen?

Badelt: Ich sehe das entkrampft. Wenn beide in Kontakt sind, erkennen die Wissenschafter die praktischen Probleme, die sie zum Gegenstand ihrer Forschung machen können. Und die Wirtschaft wendet sich an sie, wenn sie Berater braucht.

Engl: Die Unis müssen hier Flexibilität beweisen. Zugleich muss die Wirtschaft überzeugt sein, dass Kooperationen mit Unis deswegen gemacht werden sollen, weil sie Qualität bieten.
Bast: Es geht auch um das Zusammenfinden von Uni und öffentlicher Verwaltung. Nehmen wir die Probleme der Migration, oder den Unterschieden zwischen den Altersschichten. Das sind Probleme, mit denen die Stadtverwaltung massiv beschäftigt ist. Hier könnten die Unis wesentlich zu Lösungen beitragen.

Ihre Expertise wird nicht in Anspruch genommen?

Bast: Es gibt auf beiden Seiten Möglichkeiten, das noch mehr zu tun.
Engl: Im Bereich Migration und Integration hat die Politik etwa erkannt, dass auch zur Lösung gesellschaftlicher Probleme der Konnex zur Forschung wichtig ist.
Hammerschmid: Unsere Forschungsleistung kann noch so gut sein, wenn die Infrastruktur nicht vorhanden ist, haben wir ein Problem. Unternehmen vergeben ihre Aufträge international. Und zwar an den besten.

Was wäre die Forderung, die Sie daran knüpfen?

Hammerschmid: Forschungsinfrastruktur.
Schütz: Leider geht es wieder ums Geld. Die Konkurrenzfähigkeit muss gegeben sein.
Badelt: Im internationalen Vergleich sind wir einfach wesentlich schlechter gestellt. Punkt. Bei all dem positiven Klima, das in der Stadt gegenüber den Unis herrscht, das kann sie nicht wettmachen.

Zum Thema Kooperationen zwischen den Unis: Es heißt, dass dort Einsparungspotenzial liege.

Badelt: Es herrscht derzeit wirklich eine Manie, was Kooperationen betrifft. Weil unsere Politiker selbst nicht mehr aus und ein wissen, wollen sie alles durch Kooperationen lösen. Zu glauben, dass zwei Unis, die schlecht ausgestattet sind, besser werden, weil sie zusammenarbeiten, ist naiv. Heute sind wir so weit, dass Kooperation zum Ziel per se gemacht wird. Ohne im Einzelfall zu schauen, ob es inhaltlich etwas bringt.
Schütz: Im Strukturfonds gibt es einen Brocken Geld, der für Kooperationen vergeben wird. Das Paradoxe: Im Vordergrund steht, dass es eine Kooperation ist. Und erst das zweite Kriterium ist, dass es sich um ein gutes Projekt handelt.
Badelt: Das ist verrückt.
Schütz: Wir müssen uns da selbst in die Pflicht nehmen. Theoretisch könnten wir einander einfach viele durchschnittlich qualitative Kooperationen anbieten, nur damit ein möglichst großer Pool entsteht und wir an das Geld kommen. Das kann aber nicht das Ziel sein.

Hammerschmid: Eines ist noch wichtig: Unsere Kooperationen gehen über Projekte hinaus. Wir haben eine Vielzahl an „double appointments“, also Berufungen, bei denen die Professorinnen und Professoren für beide Häuser arbeiten.
Bast: Wir haben sicher nicht die Politik gebraucht, um zu Kooperationen zu finden. Das wird seit Jahrzehnten gemacht, weil es sinnvoll ist. Und wenn man mir dauernd entgegenruft, wir müssten Reibungsverluste beseitigen und effizienter sein, dann rufe ich das der Politik gerne zurück.

Badelt: Aber locker!

Bast: Die wahren Defizite liegen in der Politik: Wo ist etwa eine echte Verwaltungs- oder Schulreform? Die Angewandte hat Kooperationen mit fast allen Wiener Unis. Da passiert wahnsinnig viel. Aber nicht aus Selbstzweck.

Badelt: Es gibt aber auch Bereiche, in denen wir in Konkurrenz gehen müssen.

Wie sieht es mit der Konkurrenz zu anderen österreichischen Uni-Städten aus? Gibt es da, etwa in der Universitätenkonferenz, eine inhaltliche Abstimmung zwischen Ihnen, also den Wiener Unis?

Engl: Nein. Es gibt keine Wiener Uniko.

Also keine Geheimtreffen in verrauchten Hinterräumen, am Vorabend der Uniko-Sitzungen?

Engl: Darauf sind wir noch nicht gekommen.
Badelt: Die Steirer machen das. Da gibt es eine enge Abstimmung zwischen den Unis.

Schütz: Die Konkurrenz zwischen Wien und den Ländern ist ja auch nichts uni-spezifisches. Das hat Tradition. Es wird neidig auf Wien geschaut. Wir verstehen uns aber nicht als Bollwerk gegen die Bundesländer.
Engl: Es muss immer auch Konkurrenz geben. In Wien haben wir die Wirtschaftswissenschaften an der Uni Wien und an der WU. Beide Studien sind anders, mit anderen Schwerpunkten. Das ist befruchtend.

Das würden Sie also nicht als Doppelgleisigkeit bezeichnen?

Badelt: Es wäre betriebswirtschaftlich absurd, das als negative Doppelgleisigkeit zu sehen. Beides sind voll ausgelastete, eher überlastete, Studien.

Bast: Wer immer gleich Doppelgleisigkeiten sieht, nur weil irgendwo ähnliche Namen stehen, der hat nicht verstanden, wie Wissenschaft, Kunst und Forschung funktionieren. Nehmen Sie meine Universität: Es gibt seit Jahrzehnten ein Konkurrenzverhältnis zwischen Akademie und Angewandter. Konkurrenz stimuliert Qualität.

Akademie und Angewandte sind zwei sehr kleine Universitäten. Wie klein darf eine Institution sein, um leistungsfähig zu bleiben?

Bast: Es geht nicht um Größe, sondern um die Leistungen und die Wahrnehmung in der Community. Die Angewandte stellt seit 150 Jahren unter Beweis, dass sie zu jeder Epoche Wichtiges beizutragen hat. Die Sezession, die Wiener Werkstätte, Medienkunst und aktuell Art&Science sowie Social Design. Die Konkurrenz ist eine produktive Kraft, unerlässlich in einer Stadt, die sich als Kultur- und Kunststadt sieht. Das durch Fusionen aufs Spiel zu setzen, weil wir zwei Buchhalter einsparen, wäre gefährlich.
Hammerschmid: Kleinheit ermöglicht rasche Entscheidungen. Und solche benötigen wir, um international bestehen zu können.

Es laufen die Verhandlungen über die Leistungsvereinbarungen. Da gab es zwischen Ihnen, Rektor Engl, und Ihnen, Rektor Bast, schon den ersten Konflikt. Und zwar nachdem Rektor Engl für seine Uni einen höheren Anteil am Gesamtbudget gefordert hat. Quasi auf Kosten der anderen.

Engl: Im internationalen Vergleich sind alle heimischen Unis unterfinanziert.Unser gemeinsames Ziel ist, dass die Finanzierung des Wissenschaftsstandorts gestärkt wird. Aber natürlich konkurrieren wir mit unserem Bedarf und unseren Ideen auch um das Geld, das die Politik zur Verfügung stellt.

Bast: Das Problem ist, dass die Politik eine Hochschulmilliarde mit großem Trara verkündet hat, die 750 Millionen sind, verteilt auf drei Jahre. Das reicht gerade aus, unsere inflationsbedingten Kostensteigerungen zu decken. Das gibt die Politik aber nicht zu. Sie sagt: „Da habt ihr die Milliarde! Jetzt löst eure Probleme! Seid konkurrenzfähiger, erhöht eure Investitionen, verbessert die Betreuungsverhältnisse!“ So funktioniert das aber nicht. Das ist politischer Etikettenschwindel. Wenn wir uns gegeneinander ausspielen lassen, können wir nichts gewinnen, aber die kleinen Unis können alles verlieren.

Uniko-Chef Heinrich Schmidinger hat angedroht, dass sich die Unis die Option offenhalten, die Leistungsvereinbarungen nicht zu unterzeichnen. Eine konkrete Antwort bitte von jedem von Ihnen: Ist dieser Schritt für Sie denkbar?

Bast: Das diskutieren wir mit dem Ministerium, nicht mit den Medien.

Schmidingers Aussage war bewusst platziert.

Engl: Und es war seine Aussage.

Vertritt er keine gemeinsame Uniko-Position?

Schütz: Wir führen die Verhandlungen, um uns zu einigen. Wenn das nicht gelingt, trauen wir uns aber, nicht zu unterschreiben.Wir haben keine Angst, zur Schlichtungsstelle zu gehen. Es kann uns aber Ähnliches passieren wie der WU im Vorjahr: Die Schlichtungsstelle gibt uns recht, was aber nichts nützt. Weil das Ministerium schlicht nicht mehr Geld hat.

Badelt: Wir sind keine Streithanseln. Wir haben aber klar in unserem Entwurf geschrieben, dass wir entweder das Geld benötigen, um alle zu finanzieren, die studieren wollen. Oder aber – da es so viel Geld nicht geben wird – Zugangsregelungen. Wenn es da keine Lösung gibt, unterschreibe ich nicht. Dann müssen wir es juristisch klären.

Engl: Wir sind zuversichtlich. Wir können aber nur unterschreiben, was erfüllbar ist.
Hammerschmid: In den Leistungsvereinbarungen wird auf ein ausgeglichenes Budget hingewiesen. Jede Rektorin und jeder Rektor ist gut beraten, nur zu unterschreiben, wenn sie bzw. er dieses garantieren kann. Immerhin haften sie dafür.
Schütz: Das geht sich mit meinem Gehalt nicht aus. (lacht)

Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle war bis vor einem Jahr selbst Rektor. Hätten Sie sich von ihm mehr an neuen Ideen erwartet?

Hammerschmid: Gute Ideen haben wir selber.
Badelt: Weder Töchterle noch irgendjemand anderer kann die Quadratur des Kreises schaffen. Wir müssen uns entscheiden: Entweder es gibt Geld oder wir schaffen Zugangsregelungen. Punkt. Vorher brauchen wir gar nicht mit neuen Ideen kommen.

Auf einen Blick

Runder Tisch. „Die Presse“ bat Rektoren der wichtigsten Wiener Universitäten aus allen Wissenschaftsfeldern an einen Tisch. Fünf von ihnen sind der Einladung gefolgt: Heinz Engl, seit dem Vorjahr Rektor der Universität Wien; Wolfgang Schütz, der der Med-Uni Wien seit ihrer Gründung 2004 vorsteht; Christoph Badelt, Ex-Uniko-Vorsitzender und WU-Chef seit dem Jahr 2002; Gerald Bast, Vizechef der Uniko und Rektor der Uni für angewandte Kunst; Sonja Hammerschmid, seit 2010 Chefin der Veterinärmedizinischen Universität.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2012)

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