Was gehört zum guten Ton?

03.08.2012 | 18:50 |  ALEXIA WEISS (Die Presse)

Nicht nur Sänger müssen gut bei Stimme sein – vom Pädagogen bis zum Manager erleichtert der passende Ton den Job. Wie man Klang und Technik verbessern kann.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Die Stimme ist das Auto, das den Inhalt im Kofferraum transportieren soll“: Ingrid Amon, Expertin für Stimm- und Sprechtechnik sowie Mitbegründerin und Präsidentin von stimme.at, zeichnet ein sehr anschauliches Bild der Stimme. „In der inhaltsorientierten Kommunikationsgesellschaft schauen die Menschen jedoch kaum darauf, wie das Auto fährt“, so Amon. Dabei „ist es eine Grundvoraussetzung präsentierender Menschen, sich einmal in ihrem Leben ihr Transportmittel genauer anzuschauen und es in Schuss zu halten“.

 

Kein Kinderspiel

Was sie als „präsentierende Menschen“ bezeichnet, findet sich in allen Berufsgruppen. Besonders kommunikations- und damit stimmintensiv sind jedoch, so der Stimmpädagoge Hannes Tropper, die Bereiche Handel, Vertrieb, Beratung – zum Beispiel in Banken, Versicherungen, durch Architekten oder Bauingenieure – und die Berufe des Pädagogen, des Trainers und Coaches. Laut einer Studie aus dem Jahr 2011 von Waltraud Kutej (Masterarbeit an der FH Kärnten, Gesundheitsmanagement) waren von 484 AHS-Lehrern bereits 51 Prozent aufgrund von Stimmstörungen im Krankenstand. Nur drei Prozent haben allerdings „jemals eine Anamnese hinsichtlich der stimmlichen Situation erfahren“, betont Tropper. Auch für den Stimmtrainer Olaf Nollmeyer gehören vor allem Lehrer und Erzieher zu jenen, denen er ein Stimmtraining empfiehlt, die ein solches aber selten in Anspruch nehmen. Er arbeitet in seiner dreijährigen Ausbildung in funktionaler Körper- und Stimmentwicklung (FKS), die er auch in Österreich anbietet, hauptsächlich mit Logopäden, Stimmtherapeuten, Gesangspädagogen, Schauspielern und Sängern.

Katrin Haugeneder, Expertin für Stimmentfaltung, bietet am Wifi Linz gemeinsam mit dem Gesangspädagogen und Sprecherzieher Gerhard Doss den „AAP-Lehrgang für Atem-, Stimm- und Persönlichkeitstraining“ an. AAP steht dabei für die Methode „Atemrhythmisch Angepasste Phonation“, die ein sicheres Kommunizieren durch die Übereinstimmung von Atem, Stimme und Bewegung anstrebt. Der Lehrgang umfasst sechs Module und wendet sich an „alle Menschen, die die eigene Kraft über ihre Stimme finden, die sich gut und sicher präsentieren wollen“. Haugeneder betont: „Sich bewusst mit der eigenen Stimme zu beschäftigen bedeutet, sich mehr zu spüren. Die Art des Sprechens ist eng mit dem Körpergefühl verbunden.“ Die Themen klingen dementsprechend: Wie die Art des Sprechens die eigene Präsenz und Aufmerksamkeit zeigen kann, wann es genug der Worte ist, wann sie zu laut sind oder zu leise. „Bei der ersten Begegnung mit einem bis dahin fremden Menschen kommt es nicht so sehr darauf an, was jemand sagt, sondern wie. Eine Stimme kann Vertrauen über Klang transportieren – oder distanziert wirken.“

Tropper, vom interdisziplinären Team „Stimmbetreuung“ in Graz sowie Vorstandsmitglied von stimme.at und des Austrian-Voice-Institutes, arbeitet im Rahmen eines acht Abende dauernden Seminars mit Menschen in stimmintensiven Berufen. Er erklärt, dass die Stimme aus anatomischer, biomechanischer Sicht über ein Zusammenspiel von über 100 Muskelgruppen erzeugt wird. Daher ist die Stimme auch trainierbar „und dadurch mit dem Sport vergleichbar“. Die Operndiva oder der Startenor sind also Hochleistungssportler im Bereich der Stimme.

Für den Einzelnen bedeutet das: Das Stimmtraining bietet eine Vielzahl von Übungen und Drills, die, wenn sie richtig erlernt werden – also unter Anleitung eines Stimmtrainers, -pädagogen, -coaches – nachhaltig die Stimmleistung, den Stimmklang, aber auch die Deutlichkeit in der Artikulation verbessern helfen können.

 

Veränderbares Instrument

Denn, betont Tropper: „Stimme ist nicht, wie vielfach vermutet, angeboren. Stimme ist in jedem Lebensalter willkürlich veränder- und trainierbar.“ Der Experte hält allerdings wenig davon, sich an Hand von Literatur allein an seiner Stimme zu schaffen zu machen – und sich dabei viel zu erwarten.

Was aber tun, wenn man merkt, die Stimme versagt ihren Dienst – wird kratzig, heiser, brüchig? Zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt gehen, empfiehlt Tropper, denn: Heiserkeit könne viele Ursachen haben, von medizinischen, die abgeklärt werden müssen, bis zu falscher Sprech- und Atemtechnik. Damit diese sprachlichen Gewohnheiten keine jobrelevanten Einschränkungen mit sich bringen, gibt es eben eine Reihe stimmhygienischer Maßnahmen, die verhindern, dass Vielsprecher nach ihrer Stimme suchen müssen. „Jeder, der sich beruflich in eine kommunikationsintensive Branche begibt, sollte sich dafür stimm- und sprechtechnisch vorbereiten, schulen lassen.“ Eine Möglichkeit ist der zweitägige Grundkurs „Die Macht der Stimme“. Darin kann der Einsatz der Stimme geprobt werden: Wie die Stimme helfen kann, sich besser durchzusetzen, oder wie es gelingt, lebendig und melodisch zu sprechen, oder rasch und dennoch verständlich. Für viele Menschen sei das Sprechen vor und zu anderen auch mit Stress verbunden, betont Amon. Aber: „Wenn der Körper und/oder der Geist unter Stress stehen, hört man das, dann wirkt auch die Stimme – so man nicht gelernt hat, sie als eigenständige Funktion zu handhaben – angespannt. Gepresst, atemlos, druckvoll, zu laut, zu leise klingt sie dann – und die inhaltliche Botschaft kommt nicht gut hinüber.“

Und wie ist es möglich, allein durch die Stimme Sympathien zu schaffen? Gibt es einen Trick, den manche Menschen einfach anwenden können? Nein, meint Amon, Trick ist es keiner, aber „entspannt, locker im Klang, voll, resonanzreich, melodisch in der Gestaltung. Dynamisch im Tempowechsel, deutlich und fest in der Aussprache und in der Emotion positiv neutral gestimmt“ zu sprechen, ist erlernbar – auch wenn es in der Beschreibung zuerst einmal eines zu sein scheint: schwierig.

Aber auch wer sich nur in Verhandlungen besser durchsetzen möchte, kann es mit stimmlichem Training versuchen. Nollmeyer: „Solche Situationen lassen sich gut nachstellen, dann kann stimmtechnisch interveniert werden.“

Auf einen Blick

Die Stimme ist nicht angeboren, sondern trainierbar. In Österreich ist das derzeit nicht üblich – obwohl es in vielen Berufen, vor allem in der Pädagogik oder Beratung, zur Prävention von Stimmproblemen oft sinnvoll wäre.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.stimme.at

www.iamon.at

www.stimmbetreuung.at

www.stimmentfaltung.at

www.austrianvoice.at

www.atelier-fuer-neues-lernen.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

2 Kommentare

Voicecraft

Institut für Stimmpädagogik & Sprechhygiene
www.stimme.at.gg

Gast: Harry Lucas
04.08.2012 18:21
1

Zentrum für Stimme & Sprechen

Viele haben größte Angst vor anderen Leuten zu stehen und etwas sagen zu müssen. Allein der Gedanke daran lässt viele innerlich verkrampfen. Dabei kann man in einfachen Übungen lernen, wie man sich entspannt, richtig atmet und locker spricht. Vorträge oder Präsentationen zu halten macht plötzlich richtig Spass.

Ich kann in diesem Zusammenhang das Zentrum für Stimme & Sprechen in Wien 1 sehr empfehlen (http://www.stimme-und-sprechen.at).

Schlagzeilen Bildung

  • Jeder siebte Erstklassler versteht kein Deutsch
    SPÖ und ÖVP debattieren darüber, wie man mit Schülern umgehen soll, die nicht gut genug Deutsch sprechen, um dem Unterricht zu folgen. Allein in der ersten Klasse Volksschule betrifft das 11.000 Kinder.
    Gesamtschulversuch liegt auf Eis
    Der paktierte Schulversuch in Salzburg wird immer wieder verschoben.
    ÖH-Wahl: (Mehr) Stimmen, Spannung, Schmutz
    Der Wahlkampf kommt langsam in die Gänge. Von den Themen bis zur möglichen neuen Spitze: Fünf Thesen zur diesjährigen Wahl des Studierendenparlaments.
    Orthografie: Schlechtschreibung
    Rechtschreibfehler scheinen immer gehäufter aufzutreten. Was sagt es aus, wenn jemand nicht rechtschreiben kann? Und wie wichtig ist Rechtschreibung eigentlich? Über ein emotionales Thema.
  • Autonome Uni-Gebühren? Rektoren uneins
    Die ÖVP-Idee, dass Unis im Rahmen ihrer Autonomie selbst Studiengebühren einheben dürfen sollen, spaltet die Rektoren: Anstoß für Wettbewerb versus Abgeben von politischer Verantwortung.
    Abgesang auf die Akademiker
    Die neuen Technologien steigern die Nachfrage nach gut ausgebildetem Personal nicht – im Gegenteil. Computer übernehmen die qualifizierte Arbeit, vom Arzt bis zum Juristen.
    Heimische Unis in Forschung gut, in Lehre weniger
    Beim EU finanzierten Hochschulranking "U-Multirank" zeigten österreichische Unis in der Forschung auf. Die Lehre bleibt ein Schwachpunkt.
    Inklusion: "Da gibt es Grenzen des Zumutbaren"
    Die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung sei ein gutes Anliegen, sagt der Pädagoge Bernd Ahrbeck – trotzdem sollten Sonderschulen nicht abgeschafft werden.
  • Mathematikmatura – eine Abrechnung
    Die Zentralmatura stellt den Mathematikunterricht völlig auf den Kopf: weg von eingetrichterten Rechentechniken, hin zu mehr Reflexion und Argumentation. Was das bedeutet, zeigt ein Vergleich der Beispiele.
    Liessmann über Bildungsillusionen
    Die Schlagworte Individualisierung und Inklusion haben mittlerweile den Charakter von Glaubenswahrheiten angenommen. Es scheint, als solle das Bildungssystem das schlechte Gewissen der Erwachsenenwelt auffangen.
    Marcel Koller: "Man hat verlernt, Nein zu sagen"
    Warum die fünf Minuten nach dem Tor die schwierigsten sind und achtzig Prozent einfach nicht reichen. ÖFB-Teamchef Marcel Koller über österreichische Eigenheiten und den Wert von Disziplin.
    Eine Verteidigung des Gymnasiums
    Das Gymnasium ist Brennglas kultureller und sozialpolitischer Krisenlagen. Es ist wesentliches Element der kulturellen Identität und gleichzeitig starker Kritik ausgesetzt. Was das Gymnasium kann – und wofür es nichts kann.
AnmeldenAnmelden