Wien/Chs. „Karriere mit Lehre“ lautet der Slogan, mit dem junge Menschen für einen der rund 200 Lehrberufe in Österreich begeistert werden sollen. Die Realität ist freilich eine andere: Auf Lehre reimt sich in Österreich bis heute eher „Misere“ denn „Karriere“. Wer in Österreich eine Lehre wählt, tut das zu oft nicht deshalb, weil er sich tatsächlich für den Beruf interessiert – sondern weil er aus dem Schulsystem fällt. Zu viele Lehrlinge, so der bekannte Vorwurf der ausbildenden Unternehmen, verfügen nicht einmal über ausreichende Grundkompetenzen in Lesen und Schreiben. Und: Lehrabsolventen werden vom Arbeitsmarkt zwar großteils gut aufgenommen, die Chance auf Weiterbildung – etwa der Weg zu akademischer Bildung – ist jedoch schwierig.
Nachholbedarf besteht für Peter Haubner, Generalsekretär des ÖVP-Wirtschaftsbundes, vor allem bei der „Attraktivierung“ der Lehre. Das Problem dabei: Die 15-jährigen Jugendlichen seien heutzutage „heftig umkämpft“, so Haubner. „Schulen versuchen oft um jeden Preis, die Schüler zu halten.“ Auch, wenn so mancher vielleicht besser für eine Lehre denn für weiterführende Schulformen geeignet wäre. „Wenn Unternehmer nicht aktiv in die Schulen gehen und Jugendliche anwerben, haben sie da oft das Nachsehen“, so Haubner.
Tatsächlich ist die Durchlässigkeit des Systems gering. Wer eine AHS-Unterstufe besucht, der findet kaum mehr den Weg in einen Lehrberuf: Im Schuljahr 2010/2011 kamen 0,7 Prozent aller Lehrlinge aus der AHS-Unterstufe – demgegenüber stehen 36 Prozent, die zuvor eine Polytechnische Schule besuchten (Details siehe Grafiken).
Aufstiegschancen in der Branche
Haubner nimmt hier vor allem die Schulen in die Pflicht: „Die Berufsorientierung muss ausgebaut werden.“ Und zwar – so die Forderung des Wirtschaftsbundes – von derzeit 30 Stunden auf 60 Stunden. Zudem will Haubner flächendeckend Potenzialanalysen bei Schülern: „Wir müssen noch besser in die Stärken unserer Jugendlichen investieren.“ Wenn sich dabei herausstelle, dass jemand etwa handwerkliches Talent hat, könne man ihm gezielt die Vorteile eines Lehrberufs näherbringen – etwa mittels Schnupperlehre.
Auch brauche es in Österreich ein Umdenken, was den gesellschaftlichen Stellenwert von Fachkräften betrifft: „Wir müssen den Jugendlichen näherbringen, dass Facharbeiter nicht nur angesehen sind, sondern auch gut verdienen und in der Branche gute Aufstiegschancen haben.“ Immerhin seien 39 Prozent aller Führungspositionen in der Wirtschaft mit Lehrabsolventen besetzt.
Auch die Jobaussichten seien besser, als viele annehmen dürften: Laut Haubner werden in 52 Prozent aller Stellenanzeigen Arbeitskräfte mit Lehrabschluss gesucht; nur fünf Prozent der Stellenanzeigen richten sich an Akademiker. Diesen Herbst haben österreichweit rund 36.000 Lehrlinge – in zirka ebenso vielen Betrieben – ihre Ausbildung begonnen.
Mehr als 200 Lehrberufe
Wenig informiert sein dürften die Jugendlichen auch, was die Vielfalt des Arbeitsmarkts betrifft: Von 205 möglichen Lehrberufen nutzen die Jugendlichen nur zirka fünf Prozent. Die Spitzenreiter sind altbekannt: Bei den Männern sind die Lehrberufe Metalltechnik, Elektrotechnik und Kraftfahrzeugtechnik am beliebtesten. Die Mehrheit der Frauen lernen Einzelhandels-, Bürokauffrau oder Friseurin.
Am morgigen Dienstag findet zum sechsten Mal der „Tag der Lehre“ statt: Bei der Lehrberufsmesse im Wiener MAK informieren Ausbildungsunternehmen über das Lehrstellenangebot. Alle Infos unter: www.tag-der-lehre.at
Der ÖVP-Wirtschaftsbund fordert eine Attraktivierung der Lehre. Vor allem die Schulen seien hier gefordert, sagt Generalsekretär Peter Haubner. Österreichweit absolvieren derzeit rund 120.000 Jugendliche in circa 36.000 Ausbildungsbetrieben eine Lehre. Zwei Drittel sind Männer. [Fabry]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2012)
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