Die Karrierestufen im Galopp zu erklimmen war für Michael Hundsler, 31, lange Zeit kein Problem. Mit 19 Jahren heuerte der Absolvent einer Kooperativen Schule mit Informatikschwerpunkt bei einer Software-Entwicklungsfirma als Programmierer an. Mit 21 Jahren stieg er in dem expandierenden mittelständischen Unternehmen zum Chef-Projektmanager auf, vier Jahre später folgte die Bestellung zum geschäftsführenden Gesellschafter. „In einem Alter, in dem sich meine Freunde ihr Wirtschaftsstudium mit Kellnernächten finanzierten, ließ ich mich von einem Chauffeur zur Arbeit führen und wohnte in einer Eigentumswohnung in Grinzing, mit Zweitwohnsitz in London“, erinnert sich Hundsler an den Erfolgslauf zurück.
Option Kloster?
Auf den steilen Aufstieg folgte die Ernüchterung. 80-Stunden-Arbeitswochen über Jahre hinweg forderten ihren Tribut. „Mit 28 war mein Akku leer. Ich konnte und wollte so nicht mehr weitermachen“, erzählt Hundsler, der sich trotz Widerständen seitens seines Geschäftspartners entschloss, eine längere Auszeit zu nehmen. „Ich musste zur Ruhe und zu mir kommen und bin für sechs Monate in ein Kloster gegangen.“ Die neue Lebenswelt brachte tägliche Schweigestunden statt Kommunikation rund um die Uhr, karge Mahlzeiten statt opulenter Geschäftsessen und eine Zehn-Quadratmeter-Zelle anstelle der großräumigen Residenz im 19. Bezirk.
Als Führungskraft einen Schritt zurück zu machen ist ungewöhnlich, wenn man sich die Ergebnisse eines Reports des Marktforschungsinstituts OGM vor Augen führt. Im Jahr 2011 wurden im Auftrag des Hernstein-Instituts 300 Führungskräfte in Österreich, Deutschland und der Schweiz zum Thema Auszeit befragt. Die viel zitierte Work-Life-Balance ist demnach in den Führungsetagen alles andere als gelebte Realität. Zwei Drittel der Manager gaben an, dass in ihrem Unternehmen noch nie Führungskräfte auf einen Karriereschritt zugunsten einer ausgeglichenen Work-Life-Balance verzichtet haben.
Angst vor Prestigeverlust
„Das Ergebnis überrascht nicht. Menschen in Führungspositionen sind karriereorientiert und möchten in Unternehmen etwas bewegen und weiterentwickeln. Teilweise wird auch die Angst vor Job-, Prestige- und Einkommensverlust eine Rolle spielen“, meint Hernstein-Institutsleiterin Katharina Lichtmannegger. Eine Angst, die nicht unbegründet erscheint. Obwohl laut Hernstein-Management-Report zwei Drittel der Großunternehmen eine Auszeit grundsätzlich als Möglichkeit anbieten, gaben nur sieben Prozent aller befragten Führungskräfte an, dass diese Option im eigenen Unternehmen auch anerkannt ist. In rund einem Drittel der Großunternehmen in Österreich, Deutschland und der Schweiz wird die Möglichkeit eines Sabbaticals erst gar nicht angeboten.
Auch der Wunsch der befragten Führungskräfte nach einer Auszeit ist nicht sehr ausgeprägt: Zwei Drittel können sich ein Sabbatical gar nicht vorstellen, für ein Viertel ist eine Auszeit prinzipiell denkbar. Lediglich acht Prozent aller Führungskräfte von Großunternehmen erklärten, dass eine Auszeit derzeit für sie persönlich ein Thema ist. Die geringste Bereitschaft dazu bekundeten im Ländervergleich zwischen Deutschland, Schweiz und Österreich die heimischen Manager.
Arbeitsverhältnis bleibt bestehen
Bei den Möglichkeiten, sich eine Zeit lang aus dem Job zurückzuziehen, unterscheidet man in erster Linie zwischen Sabbatical und Bildungskarenz. In der Privatwirtschaft werden meist Sabbaticals vereinbart, ohne dass es dafür allerdings eine gesetzliche Grundlage gibt. Entweder können hier angesparte Überstunden als Zeitausgleich konsumiert werden, oder der Arbeitnehmer verzichtet für eine bestimmte Phase auf einen Teil seines Gehalts.
Die Bildungskarenz offeriert die Chance, sich bei aufrechtem Arbeitsverhältnis freistellen zu lassen und die Zeit für Weiterbildung zu nutzen. „Die Bildungskarenz kann zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber innerhalb eines Beobachtungszeitraumes von insgesamt vier Jahren im Gesamtausmaß von maximal einem Jahr abgeschlossen werden. Während dieser Zeit erhält die karenzierte Person vom Arbeitsmarktservice Weiterbildungsgeld in Höhe des Arbeitslosengeldes, mindestens jedoch 14,53 Euro täglich. Zudem bleibt der Kranken- und Unfallversicherungsschutz aufrecht und die Zeit wird bei der Pensionsermittlung berücksichtigt“, erklärt Beate Sprenger vom Arbeitsmarktservice (AMS) Österreich. Die steigenden Zahlen der letzten Jahre zeigen laut Sprenger, dass diese Form der beruflichen Auszeit immer beliebter wird.
In Österreich besteht weiters für Beamte und Vertragsbedienstete des Bundes und der Länder die Option eines Freijahres. Voraussetzungen sind, dass keine dienstlichen Gründe dagegensprechen und der Bedienstete bereits eine bestimmte Zeit im öffentlichen Dienst gearbeitet hat. Während eines Freijahres bleibt das Arbeitsverhältnis bestehen. Beispielsweise kann während einer fünfjährigen Rahmenzeit ein Anteil von 80 Prozent des Monatsgehalts bezogen und dann ein Jahr Auszeit genommen werden.
Freiräume nutzen
Während die Bildungskarenz bei uns in Mode kommt, wird das Sabbatical hierzulande immer noch kritisch beäugt. Anders scheinen die Uhren in Deutschland zu ticken. Dort ließ die Deutsche Bahn (DB) jüngst mit einer spendablen Maßnahme für ihre rund 3000 leitenden Angestellten aufhorchen. Im Zuge einer Maßnahme zur Verbesserung des Arbeitsklimas bietet das Unternehmen ihren obersten Kräften seit Anfang 2012 eine befristete Auszeit von bis zu sechs Monaten an. Das Sabbatical muss weder begründet werden, noch bleibt es unbezahlt. „Die Auszeit soll eine Möglichkeit sein, um einmal die Perspektive zu wechseln oder Freiräume zu nutzen, um sich persönlich weiterzuentwickeln“, erläutert Ute Plambeck, Konzernbevollmächtigte für Hamburg und Schleswig-Holstein.
Eine persönliche Weiterentwicklung, wie sie auch Michael Hundsler im Kloster gesucht und gefunden hat. Auch wenn seine persönliche Pause zur tatsächlichen Aus-Zeit mutierte. „Ich bin nicht mehr ins Unternehmen zurückgekehrt. Das Wort Karriere hat bei mir an Glanz und Attraktivität verloren“, so Hundsler, der sich neu orientiert hat und seit Kurzem eine kleine Bar betreibt.
Ob ein Mitarbeiter sich eine Auszeit nehmen kann und danach wieder einen sicheren Arbeitsplatz hat, hängt vom Arbeitgeber ab. Grundsätzlich bieten sich in der Privatwirtschaft die Optionen Sabbatical oder Bildungskarenz.Erstere Variante ist gesetzlich nicht geregelt, ein Modell besteht aus einer Ansparphase, in der Überstunden gesammelt werden. Diese können dann in ruhigeren Geschäftsphasen über längere Strecken abgebaut werden. Beim Entgeltverzichtbekommt man eine Zeit lang weniger Gehalt und kann sich dafür länger „frei“ nehmen. Die Bildungskarenz ist gedacht für Weiterbildungsmaßnahmen, während deren man vom Arbeitsmarktservice Geld – einen bestimmten Prozentsatz des Gehalts – bezieht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2012)
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