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Lernstrategien: Training für die grauen Zellen

28.12.2012 | 18:53 | CHRISTIAN LENOBLE (Die Presse)

Namenlose Geschäftspartner, verschollene Argumente: Manch einer will im neuen Jahr kein Laster ablegen, sondern seine Vergesslichkeit. Wie es gelingen kann.

Man kennt die Situation: Jemand begrüßt einen bei einem Geschäftstermin, bei einer Messe oder einem informellen Abendevent freundlich mit Namen; man hat die Person schon öfter gesehen, aber weder Vor- noch Nachname können beim besten Willen in Erinnerung gerufen werden. Tausend Mal passiert und jedes Mal aufs Neue unangenehm.

 

In Bildern denken

Boris Nikolai Konrad würde das wohl niemals passieren. Der deutsche Weltmeister im Gedächtnissport, Spezialgebiet Namensgedächtnis, löst ungleich schwierigere Aufgaben. Sein aktueller Weltrekord: 15 Minuten Konzentrationsübung, um sich 201 Namen zu merken.

„Das Fundament aller Gedächtnistechniken lässt sich in drei Worten zusammenfassen: In Bildern denken!“, erläutert Konrad das Erfolgsrezept und liefert als Neurowissenschaftler die Erklärung nach. „Wenn Lerninhalte in mentale Bilder umgewandelt werden, werden nachweislich zusätzliche Gehirnbereiche aktiviert, die für visuelles Vorstellungsvermögen, für Kreativität, Fantasie und räumliches Navigieren zuständig sind. Die Gehirnregionen werden dadurch in die Lernprozesse miteinbezogen.“ Wer sich also bei Müller, Bäcker oder König vorstellt, was ein Müller, Bäcker oder König tut, macht es richtig. Bei weniger geläufigen Namen ist Fantasie gefragt. Herr Kowalski? Einer, der k.o. geht, wenn er von einem Wal auf Skiern überfahren wird! Eine seltsame, aber gerade deshalb umso „merk-würdigere“ Bildgeschichte. Frau Seiffert? Eine Frau, die sich mit Seife wäscht. „Es ist nicht schlimm, wenn das Bild nicht exakt den Namen wiedergibt. Die Bilder dienen als Impuls. Den Rest vervollständigt das Gehirn von selbst“, so Konrad. Was mit Namen funktioniert, klappt mit Zahlenkombinationen – beispielsweise mit PIN-Nummern – übrigens genauso gut. Einfach jede Zahl mit einem festen Bild verknüpfen und eine Geschichte dazu erfinden – und die Chance, ratlos vor einem Bankomaten, einem Nummernsafe oder einer Internetseite mit Passwort zu stehen, sinkt.

 

Immer der Reihe nach

Beim letzten Vortrag den Faden verloren? Bei der Gehaltsverhandlung oder der Präsentation eines neuen Geschäftskonzepts das wichtigste Argument übersprungen? Kann passieren, kann aber auch vermieden werden. Etwa mit der Loci-Technik, die schon Cicero vor mehr als 2000 Jahren bei seinen Reden verwendet hat, und die sich laut Experten auch heute noch bestens eignet, wenn es darum geht, sich an Reihenfolgen erinnern zu müssen. „Der Begriff ,Loci‘ stammt vom Lateinischen ,locus‘, Platz. Bei der Methode verknüpft man einen bekannten Raum oder Weg mit Begriffen, die man sich merken will. Die Begriffe werden zuerst mit Bildern verknüpft, dann an bestimmten Orten des Raumes oder Weges in Gedanken abgelegt“, erläutert der Wiener Lerncoach Tobias Judmaier.

Konkretes Beispiel gefällig? Man lege einen Pfad durch die eigene Wohnung fest, mit Stationen wie Tisch, Pflanze, Ofen, Eiskasten, usw. Begriffe, die gemerkt werden sollen, werden nun der Reihe nach an diesen Stationen abgelegt, indem Worte und Stationen miteinander verbunden werden. „Begabung“ gehört auf den Tisch, „Ungeduld“ bringt einen auf die Palme, im Ofen schwitzt selbst „eiskalte Berechnung“, und der Eiskasten ist so voll, dass er dringend eine neues „Marketing“ braucht. „Zum Abrufen der gemerkten Punkte schreitet man in Gedanken den Weg ab“, erklärt Judmaier.

 

Vernetzungen schaffen

Ein Blatt Papier, am besten im Querformat benutzt, ist der Ausgangspunkt für eine weitere Lernstrategie zur Verbesserung geistiger Leistungen. Die vom britischen Psychologen Tony Buzan entwickelte Methode des Mindmappings versucht Synergieeffekte zwischen unterschiedlichen Gehirnregionen herzustellen. Die Technik: In der Mitte eines Papierblattes wird ein Bild dargestellt, das dem Hauptthema eines Vortrags, Lernstoffs oder Brainstormings entspricht. Zu jedem Gedanken, der zu diesem zentralen Objekt gebildet wird, zeichnet man nun eine Linie, auf der die Schlüsselworte zu den Unterkategorien festgehalten werden. Von diesen können wiederum andere Linien ausgehen, die den Hauptgedanken noch weiter untergliedern.

Die Verästelung der Linien lässt sich beliebig fortsetzen und farblich variieren. Da nur Schlüsselwörter benutzt werden, erlaubt es die Mindmap, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Mindmapping eröffnet Zugänge zu geistigen Ressourcen, um strukturierter zu denken und zu arbeiten, mehr Überblick über komplizierte Themen zu haben, schneller zu Entscheidungen zu kommen und kreativer zu denken“, so Hannes Lenz vom Wiener Austrian Buzan Centre, wo Trainings und Workshops zum Thema abgehalten werden.

 

Wettbewerbsvorteil

„Im Berufsalltag muss man mit einer enormen Informationsflut zurechtkommen. Wer hier den Überblick bewahrt, sich problemlos neue Daten und Fakten (Umsatzzahlen, Termine, Namen, Argumentationslisten) merken kann, hat einen klaren Wettbewerbsvorteil“, bringt es Monika Puck, Leiterin der Gedächtnistrainingsakademie und Obfrau des Bundesverbands für Lern-, Denk- und Gedächtnistraining, auf den Punkt. In einer Zeit, in der sich das Wissen alle sieben bis zehn Jahre verdoppelt, die menschliche Kapazität im Gedächtnisbereich aber ohne zusätzliche Hilfen unverändert bleibt, müsse den Anforderungen in Beruf und Weiterbildung durch geeignete Arbeits-, Lern- und Gedächtnisstrategien begegnet werden.

„Wissen, wie Information verarbeitet wird, kann als Führungsinstrument genutzt werden. Um die eigene Informationsaufnahme zu optimieren oder um im Umgang mit Kunden, Geschäftspartnern und Mitarbeitern zu wissen, wie Informationen beim Gegenüber gut ankommen“, so Arbeitspsychologin Putz, die in der Gedächtnisakademie unter anderem Kurse wie „Training für den Berufsalltag – Merktools für Kopfwerker“ anbietet. Ziel ist das Kennenlernen der optimalen Nutzung der eigenen Ressourcen – und der Vorteile des druck- und stressfreien Denkens und Merkens.


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