Innovation: Spatenstich für kreative Prozesse

04.01.2013 | 18:21 |  ERIKA PICHLER (Die Presse)

Lassen sich Kreativität und wertschöpfendes Handeln in Seminaren, Workshops oder Kompaktprogrammen erlernen? Einige Beispiele, die neue Denkanstöße und Strategien zu vermitteln suchen.

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Auf dem Ozean der Spannungen surfen“ – was ein wenig nach Esoteriktitel oder Hochglanzferienkatalog klingt, ist eine Claim, mit dem der Computermathematiker Bruno Buchberger, einer der renommiertesten Wissenschaftler Österreichs und „Forscher des Jahres 2010“, seine Anleitung für das Entwickeln kreativer Lösungen auf den Punkt bringt.

 

Spannung nutzen

Das Bild des Ozeans soll vermitteln, dass Spannungen auch als positive Energiewellen verstanden werden können, die Projekte nicht zerstören, sondern erst in Gang setzen. Beispiele dafür gibt es zuhauf: etwa Österreichs Nationalparks, an deren Anfang der heiße Disput zwischen Naturbewahrern und Naturerschließern stand und die heute ihre Einmaligkeit und auch ihre ökonomische Sinnhaftigkeit gerade aus dem Nebeneinander beider Tendenzen beziehen. „Neue kreative Lösungen entstehen nicht durch Kompromisse, sondern durch das gleichzeitige extreme Betreiben zweier oder mehrerer kontrastierender Modelle“, ist Buchberger überzeugt. „Wenn man beides voll auslebt, passieren Dinge, die man nicht vorhergesehen hat, die von selbst entstehen.“ Als Gegenpol zu dieser emotionalen Schiene wird eine mathematisch nüchterne dazu benutzt, konkrete Ideen und Konzepte aus der förderlichen Disbalance abzuleiten.

„Innovative Systeme erfinden mit Spannungsmanagement“ lautet denn auch das Seminar, das er regelmäßig auf Schloss Hagenberg in den Räumlichkeiten des „RISC“ anbietet. In Kleingruppen wird versucht, die Theorie gemäß den Teilnehmerbedürfnissen umzusetzen. Dazu gibt es noch Training für Entspannungstechniken – schließlich sollte man wissen, wie man Spannung nicht nur auf-, sondern auch abbauen kann.

 

Anwendbarkeit beachten

Es mag erstaunen, dass gänzlich andere Modelle der Kreativitätsentwicklung als jenes von Buchberger doch auf ähnliche Handlungsanleitungen hinauslaufen. „Es braucht beides – inneren Druck und Aktion, aber auch Entspannung und Leichtigkeit. Aus der Überwindung dieser Gegensätze entsteht Kreativität“, sagt Markus Gruber, Leiter der österreichischen Niederlassung des international tätigen „Instituts für Angewandte Kreativität“ (IAK), das neben Deutschland und Österreich auch in der Schweiz, Italien, den Niederlanden und den USA vertreten ist. Angeboten werden neben Seminaren und Workshops auch Inhouse-Programme. Entscheidend für eine erfolgreiche Weiterbildung ist für Gruber, wie viel Innovation nach dem Seminar tatsächlich im Unternehmen „ankommt“. Oft sei für Veranstaltungen von Beraterfirmen das Prinzip „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“ kennzeichnend. Der Innovationsprozess finde bei vielen Teilnehmern zwar im Kopf statt, nicht aber im wahren Leben. „Deshalb kann ein Impulsvortrag zwar der entscheidende Kick sein. Aber noch wichtiger ist die Umsetzung im konkreten Fall. Wir beschäftigen uns deshalb direkt im Workshop mit der Anwendung“, sagt Gruber.

Entscheidend für die Anwendbarkeit sei dabei die Ebene des Erlebens und Erfahrens, der persönlichen Begeisterung, die bei manchen Unternehmen vernachlässigt werde. „Wie viel Excel-Tabellen wollt ihr noch schreiben?, frage ich mich manchmal, wenn Firmen von Bemühungen um Innovation erzählen, die dann doch immer verpufft sind. Wir arbeiten daher eher an der Einstellung und dem Bewusstsein, als an Verhalten und Strukturen.“

 

Erfolgreiche Ethik

Das Institut arbeitet regelmäßig mit Hochschulen zusammen, um praktische Erfahrungen und Modelle mit wissenschaftlichen Projekten zusammenzuführen. Aktuell wurde mit der Universität Bochum ein „Kreativ-Barometer“ entwickelt, ein Monitoring-Instrument zur Messung der Innovationsfähigkeit von Unternehmen. Die begleitende Studie zeigt, dass sich ein kreativitätsförderndes Arbeitsumfeld positiv auf die Gesundheit der Mitarbeiter auswirkt. Ein Ergebnis, das zum neuen IAK-Schwerpunkt „Conscious Capitalism“ passt. „Das bewusste Verbinden von Erfolg mit ethischen Prinzipien wird immer wichtiger“, so Gruber. „Darauf müssen sich Unternehmer einstellen und lernen, wie man die daran interessierten Topleute hält.“ Denn Geschaut wird nicht nur auf den Gehaltszettel, wichtig sind auch Aspekte wie: Hat es Sinn, was ich mache? Was kann ich bewegen? Gruber: „Viele Firmen haben inzwischen begriffen, dass sie unter diesem Aspekt nicht mehr so arbeiten können wie vor zehn Jahren.“ Auch bei diesem Hebel kann Kreativität ansetzen. Das IAK-Modell ist darauf ausgelegt, Innovation und Kreativität nicht nur in Bezug auf Produkte oder Geschäftsmodelle zu vermitteln, sondern auch in Fragen unternehmensinterner Zusammenarbeit Weiterbildung.

 

Strategische Erneuerung

Ähnlich breit legt auch Gerald Steinwender, Gründer der „Plattform für Innovationsmanagement“ (PFI), den Begriff aus. „Innovation ist eine auf dem Markt wirtschaftlich erfolgreiche Erneuerung. Sie findet in Produkten, Services, technischen Prozessen und Geschäftsprozessen statt und kann auch die Neugestaltung von Geschäftsmodellen und Organisationen umfassen.“ Der Verein, dem zahlreiche Unternehmen aus verschiedenen Branchen, aber auch Wissenschaftler und Lehrende angehören, verfolgt das Ziel, die Innovationskraft seiner Mitglieder zu stärken. Veranstaltungen, Seminarangebote und der berufsbegleitende FH-Weiterbildungslehrgang für „Marktorientiertes Innovationsmanagement“ in Wieselburg stellen dabei die Weiterbildungsangebote dar.

Eine von der PFI in Auftrag gegebene wissenschaftliche Untersuchung, bei der 172 österreichische Unternehmen befragt wurden, zeigt einen direkten Zusammenhang zwischen Unternehmenserfolg und dem Reifegrad des Innovationssystems im Unternehmen. „Der Unterschied zwischen Innovationsführern und -nachzüglern liegt in der Umsetzung“, sagt Steinwender. Zu Ersteren gehörten Unternehmen, die ein Innovations-(management)system etabliert hätten und damit messbar höheren Markterfolg vorweisen könnten. Dabei spiele die Größe des Unternehmens kaum eine Rolle. Bei kleinen Firmen sei nur zu bedenken, dass „der Markt, die Komplexität der Strategie und das Produktportfolio vielleicht nicht so groß sind“.

 

Kreative Netzwerke

In den Best-Practise-Seminaren der PFI lernen die Teilnehmer, Voraussetzungen dafür zu schaffen, um Unternehmen durch Innovation wettbewerbsfähig zu halten. An erster Stelle gehe es darum, überhaupt Verständnis für Innovation und Innovationsmanagement zu entwickeln. „Unternehmen oder Organisationen müssen Innovation für sich definieren und eine klare Abgrenzung zum Tagesgeschäft ziehen“, sagt Steinwender. Oftmals sei innerhalb der Organisation kein gleiches Verständnis von Innovation gegeben. Erst auf dieser Grundlage könne jedoch ein passendes Managementsystem aufgebaut werden. Dafür gelte es, einige Methoden zu erlernen, wobei die PFI vor allem auf das Prinzip setzt, dass der Schaffungsprozess mit den Kundenbedürfnissen und nicht mit den Ideen starten soll („outcome-driven innovation“).

Eine weitere wichtige Quelle sind für Steinwender Netzwerke. „Innovationsführer bilden und bewegen sich in F&E- oder Technologienetzwerken und nutzen diese, um ihre beruflichen Fragestellungen gezielt, schnell und leichter beantworten zu können. Ganz wesentliche Aspekte dabei sind der Erfahrungsaustausch unter Praktikern und das Kennenlernen von neuen Themen, Technologien, Anwendungsgebieten oder auch Geschäftspartnern.“ Die Plattform für Innovationsmanagement unterstützt diesen Prozess, indem sie die vier Module ihrer Best-Practice-Seminare direkt in Unternehmen ansiedelt, die bereit sind, ihre Praxis und Expertise im Innovationsbereich weiterzugeben und offen für Austausch sind. „Damit wird nicht nur ein didaktisch funktionierendes Konzept umgesetzt, die Teilnehmer erleben Innovationskultur und Begeisterung für neue Wertschöpfungen direkt im Unternehmen. Es kann sein, dass dabei in einem Best-Practice-Seminar ein neues Produkt vorgestellt wird, das mit den Methoden des Innovationsmanagements entwickelt wurde.“

Auf einen Blick

Seminar „Innovative Systeme erfinden und umsetzen mit Spannungsmanagement“, office@brunobuchberger.com

Impulsvorträge, Seminare und Inhouse-Programme, „Institut für Angewandte Kreativität“ (IAK), www.iak.at

Seminare und FH-Lehrgang, Plattform für Innovationsmanagement (PFI), www.pfi.or.at

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.mci.edu
www.donau-uni.ac.at
www.tu-wu-innovation.at

www.incite.at

www.eoci.ac.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2013)

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4 Kommentare

Innovation: Spatenstich für kreative Prozesse

Die Wirklichkeit schaut ganz anders aus. Das ist alles graue Theorie.
Tatsache ist, man bekommt die besten Ideen, wenn man total entspannt ist und nicht an Probleme denkt. Plötzlich kommt wie aus heiterem Himmel die Lösung mit der man sich gar nicht gedanklich befasst hat. Immer ein Blatt Papier und einen Bleistift parat haben und sofort aufschreiben. Kein Druck, keine Anspannung.
Kreativität ist gleichzeitig Spontanität des Gedankens, also ein Geistesblitz. Zu managen gibt es hier nichts, außer der fruchtlose Versuch es jemanden erklären zu wollen der es nicht versteht oder nicht verstehen will um es dann für sich selbst als Idee in Anspruch zu nehmen.

Wie erklärt man einem renomierten Betriebsberater wie Informationswege in einem Konzern effektiver gestaltet werden können. Einfach, man erklärt auf was man achten muß beim Fischen auf Reinanken am Attersee. Nämlich, auf das Gewicht des Bleies um auf 70-80 m Tiefe zu kommen um die Auftriebskraft der Schnur zu überwinden. Vergleichbar, am Ende ist der Kunde den ich fangen will.
Stimmt das Gewicht nicht, der Köder geht in schwebe, das ist die Uminterpretationsebene die ausgeschaltet werden muß. Ergebnis, die Konzerne wurden in Profit Zenter zerschlagen Kundenwünsche unter Umgehung des Managements direkt mit der Technik geklärt und erst danach zum Management als Ergebnis.
Schaffungsprozess mit den Kundenbedürfnissen und nicht mit den Ideen starten soll („outcome-driven innovation“).
Das hat einen Bart wie Methusalm

Re: Innovation: Spatenstich für kreative Prozesse

Ja, entspanntes Warten auf den Geistesblitz ist eine Kreativitätstechniken. Ist aber gebunden an eine Voraussetzung: Es funktioniert nur, wann man sich vorher ausgiebig mit dem Thema befasst hat. Daneben gibt es noch zahlreiche weitere, aktivere Methoden als das Warten auf den Geistesblitz. Und a können dann in einem Ideen-Workshop schon mal 200-300 Ideen das Licht der Welt erblicken. Und selbst wenn man den ganzen unsinnigen Ideenmüll verwirft, es sind ddann halt doch immer ein paar verdammt gute, revolutionäre Ansätze dabei.
Ihr Kommentar klingt insgesamt ein wenig resignierend. Ich selbst kenne zahlreiche Unternehmen von innen und kann nur festhalten, dass es in vielen davon Gottseidank nicht so zugeht, wie Sie es schildern.
LG Uwe Pölzl, KreAktivator im IAK



Als Kreativität wird das bezeichnet was man nicht lernen kann.

Daraus resultiert, dass man Kreativität nicht lernen kann.

Re: Als Kreativität wird das bezeichnet was man nicht lernen kann.

Stimmt, Kreativität kann man nicht lernen wie in der Schule (1x3=3, 2x3 = ...). Aber es gibt schon hilfreiche Methoden (und ich rede jetzt nicht vom Brainstorming), mit denen es deutlich leichter fällt, neue und etwas "ausgefallenere" Ideen - abseits der Trampelpfade - für Probleme zu finden. Und in unseren IAK-Seminaren sind dann die Teilnehmer immer wieder selbst erstaunt, was ihnen alles so einfällt. Und dann kann halt das Bild eines Kirchturms helfen bei der Frage, wie Führungskräfte zu Vorbildern werden .... Es ist halt wichtig zu wissen, welche Vorgehensweise in den einzelnen Phasen des Problemlösungsprozess hilfreich sind.
LG Uwe Pölzl, KreAktivator ;-)

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