Interdisziplinäre Vorbilder gesucht

Dass man nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen sollte, ist nichts Neues. Oder doch? Praxisorientiert, selbstständig, in Modulen liegt jedenfalls im Trend.

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Hörsaal – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

„Es geht heute nicht mehr länger darum, den Studenten möglichst viel Wissen einzutrichtern, sondern darum, zu schauen, was sie benötigen – sprich: am Ende einer Ausbildung wissen müssen“, fasst Eva Werner, Rektorin der IMC Fachhochschule Krems, den Trend in der modernen Hochschuldidaktik in einem Satz zusammen.

Ein wesentlicher Paradigmenwechsel war für sie in diesem Zusammenhang der Bologna-Prozess, der die Abkehr von einer Input-Orientierung, hin zu einer Output-Orientierung eingeleitet hat. Es komme darauf an, sich neue Lernformen zu überlegen, um die Selbstständigkeit und Reflexion der Studenten zu fördern. Dazu gehöre eine sinnvolle Verbindung aus Wissen und Praxis. „Sie müssen lernen, mit dem vermittelten Wissen in der Praxis zu arbeiten – etwa durch Fallstudien und Forschungsprojekte.“

 

Förderung der Selbstreflexion

An der Fachhochschule Salzburg ist man sich der Bedeutung dieser Entwicklung bewusst. In eigenen Seminaren lernen die Lehrkräfte, Verantwortung an die Studenten abzugeben und zu übertragen. „Die Seminare kommen sehr gut an“, sagt Ulrike Hofmann, die sich mit didaktischen Fragen beschäftigt und Ausbildungskonzepte sowie Projekte gestaltet. Denn schließlich lerne man dort, mit den eigenen Ressourcen schonender umzugehen – natürlich im Sinne einer Verbesserung des Endergebnisses.

Tatsache ist, dass Lehrkräfte nicht mehr ausschließlich für die Wissensvermittlung, sondern die Begleitung und auch die Steuerung von Lernprozessen verantwortlich sind. „Sie müssen sozusagen Lernprozesse anstoßen. Dazu gehört auch, Möglichkeiten zur Reflexion zu geben“, so Hofmann. Diese Neuorientierung sei sicherlich nicht einfach – denn das klassische Lehren habe sicher auch heute noch eine gewisse Bedeutung. Auch für Werner zählt die Förderung der Selbstreflexion zu den wesentlichen Erfolgsfaktoren.

Angesichts der zunehmenden Bedeutung und Integration von E-Learning-Elementen im Hochschulbereich gehört es für Werner heute zu den größten Herausforderungen, den Spagat zwischen gemeinsamer Arbeit, Austausch und Reflexion zu meistern. Sie spricht in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit des „Feintunings“. Präsenzsequenzen bleiben für sie unverzichtbar. Sie hat „das Gefühl, dass auch die Studenten von berufsbegleitenden Studiengängen diese Einheiten schätzen, um gemeinsam nachzudenken. Es gilt, die Präsenzeinheiten sinnvoll zu gestalten und nicht etwa Hunderte von Folien runterzubeten“, so Werner. Bei den E-Learning-Elementen gehe es wiederum darum, sich zu überlegen, wie die neuen Medien genutzt werden können, um die Gruppe in Bewegung zu halten.

 

Umstritten: Online-Massenkurse

Heiß diskutiert wird unter Bildungsexperten gerade das Thema MOOCs („Massive Open Online Courses“). Bei diesen Online-Massenkursen handelt es sich in der Regel um aufgezeichnete Vorlesungen. Tanja Jadin vom Studiengang Kommunikation, Wissen und Medien der Fachhochschule Oberösterreich sieht den Boom durchaus kritisch. „Die Qualität hängt sehr stark von der Kompetenz der Lehrenden ab. Der Content muss hier wirklich sehr gut aufbereitet werden“, sagt sie und verweist gleichzeitig auf die hohe Drop-out-Quote. Problematisch sei auch, dass es keine Möglichkeit der Nachfrage oder Interaktion gebe – außer in Foren, wo sich allerdings tausende Studenten gleichzeitig bewegen. Dazu komme, dass dahinter keine Zertifizierungen stehen.

Auch die Prüfungsformen müssen sich an die neuen Lernformen angleichen. Für Hofmann bedeutet das beispielsweise, dass nicht mehr die klassische Abschlussprüfung am Ende einer Lehrveranstaltung den Ausschlag für ein Weiterkommen gibt, sondern ein Portfolio als Ganzes. Man könne es sich als eine Art von Leistungsschau vorstellen: Der Lehrveranstaltungsleiter gibt bestimmte Kriterien vor, die erfüllt werden müssen und für die Punkte vergeben werden. Das Portfolio könne so auch Prüfungen ersetzen, was an der Fachhochschule Salzburg zum Teil bei Sprachen praktiziert wird.

Der modulartige Aufbau einer Ausbildung ist für Jadin eine „gute Entwicklung“. Hofmann sieht dahinter auch eine große Herausforderung. Als Beispiel führt sie skandinavische Hochschulen an, bei denen vier Module pro Semester unterrichtet werden, und nicht wie in Österreich zwölf bis 13 Lehrveranstaltungen inklusive Prüfungen. Falsch sei die Herangehensweise, dass jede Kompetenz in eine eigene Lehrveranstaltung reingepackt werde. „Mehrere Felder müssen zusammenarbeiten, sich abstimmen und koordinieren“, so Jadin. Werner ergänzt: „Die Lehrenden müssen den Studenten vorleben, wie grenzüberschreitendes Denken und Handeln funktioniert.“

Auf einen Blick

Weg vom kategorisierten Wissenstransfer, hin zum fächerübergreifenden, praxisorientierten Begreifen: Auch an den Hochschulen wird auf moderne Didaktik immer größerer Wert gelegt. Dazu gehören auch modulare Strukturen, Best-Practice-Beispiele, „Problem-based learning“ und der Einsatz von E-Learning. Gefördert werden soll dadurch auch die interdisziplinäre, selbstständige Anwendung des Erlernten – und dessen Reflexion.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2013)

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