Politikwissenschaftler: „Politische Bildung zu lange Tabuthema“

Politikwissenschaftler Peter Filzmair sieht im Bereich politischer Bildung Nachholbedarf auf allen Ebenen.

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Politische Bildung zu lange Tabuthema
Politische Bildung zu lange Tabuthema – (c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Die Presse: Wie professionell agieren Österreichs Politiker?

Filzmair: Leider war Aus- und Fortbildung für Politiker und für im weitesten Sinn politische Akteure in Österreich zu lang ein Tabuthema. Es gab – übrigens ähnlich dem Journalismus – das falsche Vorurteil, dass man entweder Talent hätte oder nicht. Das ist für jemanden, der in den Gemeinderat einzieht, genauso Unsinn wie für einen Lehrer, der Politische Bildung unterrichten soll.

Sie haben seinerzeit die politischen Weiterbildungslehrgänge der Donau-Universität Krems mitentwickelt. Was war der Grund für diese Lehrgänge?

Zwei konkrete Beispiele: Erstens ist politische Bildung ein Unterrichtsprinzip an Österreichs Schulen und müsste daher in allen Schulstufen und Fächern berücksichtigt werden. Doch die Lehrer hatten dafür keine spezifische Aus- oder Weiterbildung. Zweitens: Jemand erhält ein politisches Mandat und steht vor der Aufgabe, Entscheidungen zu treffen, die – bereits auf Gemeindeniveau – Auswirkungen in Millionenhöhe und weitreichende Folgen für große Bevölkerungsgruppen haben. Hinzu kommt die Notwendigkeit, diese entsprechend zu kommunizieren. Im Regelfall haben Politiker keine entsprechende Ausbildung. Auch hier ist Fortbildung naheliegend.

Aber es greift viel zu kurz, solche Angebote auf Politiker zu beschränken. Die Qualität der Politik wird von zahllosen Mitarbeitern in Ministerien, Landes- und Bürgermeisterämtern, Parlaments- und Landtagsklubs, Parteien, NGOs, Kammern und den Medien bestimmt. Bei Firmen gibt es hier eine Unzahl von MBA, sogar Programme in Sport und Kultur nehmen zu – und ausgerechnet der Bereich Demokratie und Politik ist unterentwickelt. Wer ein Gefühl des Fortbildungsbedarfs zugibt, wird sogar schief angeschaut.

An welchen Fähigkeiten hapert es aus Ihrer persönlichen Sicht am ehesten?

Das größte Defizit ist die scheinbar fehlende Zeit. Natürlich liegt das am Berufsstress, doch ich orte auch eine zu geringe Anerkennung von Fortbildung. Würde diese gezielter gefördert, so würde es vom parlamentarischen Mitarbeiter bis zum Abgeordneten allen leichter fallen, sich Zeit für Bildung zu nehmen. Bei den Inhalten ist mein persönlicher Eindruck, dass es unter den Teilnehmern weniger Bereiche mit völligem Nichtwissen, dafür viele mit Halbwissen gibt. Das gilt sogar für die Grundlagen des politischen und medialen Systems. Hand aufs Herz: Wer ist wirklich firm im Wahlrecht, in der Datenanalyse oder den von der EU vorgegebenen Rahmenbedingungen? Darum geht es. Was wir nicht vermitteln können ist Detailwissen wie Agrar-, Handels- oder Verkehrspolitik. [www.mediaconsult.tv]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2013)

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