Was ist die Zukunft des Lernens?

Warum das Gehirn nicht wie ein Computer funktioniert und weshalb man am Arbeitsplatz besonders gut lernen kann, weiß Kognitionswissenschaftlerin Hanna Risku.

Hanna Risku
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Hanna Risku
(c) Müller/Donau Uni Krems

Die Presse:Lernen ist längst nicht mehr auf Schule und Universität beschränkt – lebenslange Bildung wird immer wichtiger. Wie hat sich das Verständnis von Lernkompetenz in den letzten Jahren gewandelt? Und wie wirkt es sich auf Weiterbildungs- und Lernformen aus?
Risku: Lernen ist keine einfache Aufnahme von Informationen, es kann nicht auf eine Frage der Gedächtniskapazität und der Fähigkeit komplexer Regelanwendung reduziert werden. Man hat ja lange geglaubt, je mehr Daten und Regeln im Gehirn gespeichert und je besser die Regeln auf diese Symbole angewendet werden konnten, desto höher die Kompetenz.

Doch die Annahme, dass das Gehirn ein informationsverarbeitendes System sei und prinzipiell wie ein Computer arbeite, ist überholt. Die heutige Kognitionswissenschaft sieht Aktion und Kooperation im Vordergrund, und die Rolle der aktiven Strukturierung der Umwelt wird betont. Gehirn, Körper und Umwelt werden nicht mehr als isolierte Einheiten gesehen, sondern als ein interaktives System.


Was heißt das nun konkret für den Prozess des Lernens?
Man lernt, indem man tut. Nicht einfach Wissen aufsaugt, sondern sich aktiv damit auseinandersetzt. Ein Beispiel: das Lernen am Arbeitsplatz. Dabei sind die Herausforderungen greifbar nah und real, es gibt diverse Entscheidungsmöglichkeiten, und der Lernende kann im besten Fall eine aktive Rolle übernehmen.

Nach den neueren Ansätzen der Lernforschung sind genau dies wichtige Voraussetzungen für das effektive Lernen: die authentischen Ziele und Werkzeuge sowie eine aktive Rolle in der Durchführung. So gesehen hat Lernen am Arbeitsplatz viele Vorteile im Vergleich zum Lernen an Bildungsinstitutionen.
Warum kommt der Aktivität so große Bedeutung zu?
Es klingt hart, aber zwei grundlegende Annahmen der bisherigen Kognitionswissenschaft werden heute abgelehnt: dass das Gehirn Informationen über die Umwelt speichert und intelligentes Handeln zentral steuert. Wir sind ja nicht intelligent – und lernen –, weil wir unseren gewohnten Schemata folgen, sondern weil wir diese nur als erste Erwartung nutzen, um aber danach relativ flexibel in der gegebenen Umwelt zu navigieren. Also auf eine Situation aktiv eingehen können.
Welche Rolle spielen neue Lernmöglichkeiten wie etwa E-Learning?
Sicherlich reizen die neuesten technischen Möglichkeiten vor allem Entwickler und Anbieter, während Benutzer teilweise noch mit der „Basisausrüstung“ für das E-Learning kämpfen. Das liegt in der Natur der Sache. Hier gilt auch die Devise: Nur wenn ich die Organisation und die Lernenden kenne und ihre Voraussetzungen und Bedürfnisse verstehe, kann ich eine passende Weiterbildung wählen. Technik-Experten in einem Telekom-Unternehmen können gut mit hochtechnologischen Lösungen umgehen, bei sozial orientierten Pflegern im Gesundheitsbereich muss der Ansatz möglicherweise völlig anders sein. Zudem ist E-Learning nicht für jeden Inhalt geeignet. In jedem Fall ist es wichtig, den Transfer des erlernten Wissens in den Arbeitsprozess zu unterstützen.

 


Hat man nicht aus den Erfahrungen gelernt, dass zu viel Technik leicht abschreckt?
Ja, ein wichtiger Aspekt ist immer die einfache und intuitive Bedienbarkeit von E-Learning-Systemen, da nur sie der Kritik der Technikzentriertheit entgegenwirken können. Und generell gilt: Universelle Fertiglösungen sind out, flexible Einsatzmöglichkeiten sind in – ganz im Sinne der ,Mass Customization‘. Generell ist die aktive Partizipation aber im virtuellen Raum gegeben. E-Learning ist sicher ein sehr wichtiger Bestandteil unserer Spektrums geworden.


Welche Lern-Art ist nun Ihrer Ansicht nach die beste?
Weiterbildung in Organisationen ist eine Frage von Kultur, Kognition und Technologie. Daher – die beste Lösung gibt es nicht. Für die konkrete Durchführung gibt es keine Faustregel: Welche Weiterbildungsmaßnahmen wo eingesetzt werden sollen, hängt sowohl von den Lernstilen der Individuen als auch von der Art der Organisation ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2008)

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