Die Muse in den Zeiten des Coachings

Kunst ist abgehoben? Dass Literatur, Malerei und Theater im ganz normalen Weiterbildungsalltag ihren Einsatz finden können, zeigen verschiedene Ausbildungen mit Bodenhaftung.

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Fünf gestandene Männer sitzen im Schreibseminar. Eigentlich wollen sie nur lernen, wie man eine Pressemitteilung schreibt, doch plötzlich werden sie mit Lyrik konfrontiert. Sie sollen ein Haiku schreiben, das als die kürzeste anerkannte Gedichtform der Welt gilt. Drei Zeilen mit jeweils fünf, sieben und wieder fünf Silben. Was das im beruflichen Alltag bringt, wollen die Männer wissen. Fokussierung auf das Wesentliche, sagt die Trainerin.

 

Sprache gestalten

„Je kreativer der Sprachgebrauch, desto weiter gefasst die Möglichkeiten und der Aktionsradius. Andererseits verwandeln uns auch Texte, die wir geschrieben haben, das heißt, das Schreiben wie das Sprechen wirken auf uns zurück und verändern uns“, sagt Petra Ganglbauer, Leiterin des Lehrgangs Schreibpädagogik, der vom Bundesverband österreichischer Schreibpädagogen getragen wird und zwei Jahre dauert. Außerdem trage der sichere Umgang mit Sprache zur überzeugenden Selbstdarstellung bei: „Souveräner Umgang mit Sprache bedeutet auch, nicht an der Grammatik, am Erlernten zu kleben, sondern frei und schöpferisch damit umzugehen.“ Die Betätigungsfelder für Schreibpädagogen sind vielfältig, reichen vom Schriftsteller bis zum Bibliothekar, vom Therapeuten bis zum Journalisten. Mit etwas Erfindungsreichtum lassen sich auch durchaus neue, überraschende Angebote kreieren: „Eine Bäuerin, die den Lehrgang bei uns absolviert hat, bietet nun literarisch-kreatives Schreiben kombiniert mit Shiatsu auf dem Land, inmitten der Pflanzen und Tiere, an“, schildert Ganglbauer mögliche Folgen der kreativen Entfaltung.

Dass man Kunst auch in der Beratung einsetzen kann, zeigt ein dreitägiger Workshop am Berufsinstitut für Erwachsenenbildung BIFEB am Wolfgangsee diesen Spätsommer. Dabei wird versucht zu vermitteln, wie eine Lösung nicht nur auf rein logischer und allgemeingültiger Ebene zu finden ist, sondern auch auf subjektiver, künstlerischer. Kunst biete „Ratsuchenden Raum für einzigartige und mehrdeutige Schöpfungen und eigensinnige Erkenntnissen daraus“, so Renate Lerch, eine der Referenten und Dozentin an der Zürcher Hochschule der Künste. Zudem würden im künstlerischen Tun eingeschliffene Handlungsmuster und Denkschemata durchbrochen und bestehende Systeme verändert. Zielgruppe sind unter anderem Bildungs- und Berufsberater, Supervisoren und Coaches.

 

Neuen Spielraum gewinnen

Um eine Änderung von Handlungsmustern geht es auch beim angewandten Theater. „Es ist im beruflichen Kontext eingesetzt ein vielseitiges Tool für die Ausdrucks- und Wirkungsschulung, für die Persönlichkeitsbildung, für die Arbeit an Prozessen in Teams sowie für ein konzentriertes und doch lustvolles Miteinander“, erläutert Claudia Bühlmann, Gründerin des Instituts Angewandtes Theater IFANT. „In Form von Stimm-, Sprech- und Interaktionsarbeit, Rollenspielen und Playback ist es ein effektives Trainings- und Reflexionsinstrument“, IFANT bietet einen sechssemestrigen Lehrgang im Bereich Theaterpädagogik an. Auch an der Produktionsschule BOK und BOK Gastro der Wiener Volkshochschule kommt das Konzept seit mittlerweile vier Jahren zum Einsatz. Dort sollen junge Menschen mit Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt oder in einem weiterführenden (Aus-)Bildungssystem Fuß fassen können und sich in diesem behaupten lernen. „Die Theaterarbeit unterstützt die Jugendlichen mit individuellen Trainings. Diese fördern den Erwerb von Basisqualifikation wie etwa authentischem Auftreten und Sprachgebrauch, Mut zum Dialog und Kommunikationskompetenz“, sagt Bühlmann. Das steigert die Sozialkompetenz und gibt den Jugendlichen bei der Bewerbung für die Lehrstelle bessere Chancen, ihr Potenzial zu zeigen.

 

Wahrnehmung verbessern

Dass Kunst dabei helfen kann, sich nach einer psychischen Ausnahmesituation oder Krankheit wieder in einer alltäglichen Lebenswelt zurechtzufinden, hat Irmgard Starke oft beobachtet. Sie leitet die Wiener Schule für Kunsttherapie und die Akademie für Phronetik, ein Denk- und Handlungsmodell und Erweiterung der Bild- und Gestaltungsarbeit. Vermittelt wird dabei das Know-how, wie Klienten im künstlerischen Prozess die Wahrnehmung der eigenen Person verbessern können. „Er ist eine konkrete Auseinandersetzung mit dem, was entgegenkommt, den Stärken und Schwächen, den angenehmen und unangenehmen Gefühlen sowie der Hilflosigkeit und deren Überwindung“, sagt Starke. Die Aufgabe des Kunsttherapeuten sei es, den Klienten zu begleiten: „Er nimmt ihm nichts ab, doch er stellt ihm die passenden Mittel und die passende Unterstützung zur Verfügung, um eine stimmigere Gestaltung möglich werden zu lassen. Diese Erfahrung kann der Klient unmittelbar in seiner Lebensgestaltung umsetzen.“ Die Mittel wie Malerei, Zeichnung, Skulptur, Performance, Installation und Video setzen die Teilnehmer in der vierjährigen Ausbildung, die mit einem Diplom abschließt, ein.

Die fünf Männer haben übrigens nach kurzem Staunen ihre Haikus angefertigt – und gut formulierte Pressetexte.

Web:www.kunsttherapie-schule.at

 

www.schreibpaedagogik.com

 

http://ifant.at, www.bifeb.at

 

www.issa.at, www.mgt.or.at

 

http://kunsttherapiecollege.at, www.sfu.ac.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2015)

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