Die Idee Europa weiter denken

Europa-Studien. Wie die Krisen der EU gelöst werden, ist nicht nur eine Geld-, sondern auch ein Wertefrage. Einige Programme, die die Teilnehmer EU- und „europafit“ machen.

Themenbild
Schließen
Themenbild
(c) Erwin Wodicka

Die Krisen, die Europa derzeit erlebt, verlangen nicht nur nach Antworten im Hier und Heute. Sie lassen auch erkennen, wie viele Fragen sich künftig in einem so heterogen zusammengesetzen Kontinent auftun werden, selbst wenn es beim derzeitigen Stand von 28 Mitgliedsstaaten bliebe. „Für die Zukunft gilt es, für Strukturen zu sorgen, die eine identitätsstiftende Weiterentwicklung der EU möglich machen“, sagt der Jurist, Bildungsforscher und für Querschnittsthematiken bekannte Buchautor Werner Hauser, Professor an der FH Joanneum, der kürzlich von der Alpen-Adria-Universität zum Honorarprofessor ernannt wurde. „Ganz besonders muss allen Verantwortungsträgern klar sein, dass Demokratie und Frieden Werte sind, die es auch zu finanzieren gilt.“

Zu diesem Zweck wäre es aus Hausers Sicht beispielsweise sinnvoll, das Steuerrecht der einzelnen Mitgliedstaaten zu harmonisieren (EU-Steuern für elektronische Spiele, EU-einheitliches Autobahnmautsystem); auch ein wesentlich stärker differenziertes Finanzausgleichsmodell, das durch Einrichtung von Schwerpunktfonds etabliert werden könnte (zum Beispiel für Forschung und Entwicklung, Infrastruktur, Regionalisierung und Nahversorgung), sollte auf der EU-Agenda stehen.

 

Einjähriges Uni-Programm

Fachleute heranzuziehen, die solche Zukunftsprojekte der Europäischen Union mitgestalten, machen sich in Österreich diverse Studienangebote zur Aufgabe, die in der Regel zum Grad eines Master of European Studies (MES) führen. Eines davon ist das postgraduale Programm Europäische Studien der Universität Wien, das sich als einjähriges Vollzeitstudium vor allem durch seine Kompaktheit und Intensität abhebt. „Die Erfahrung zeigt: Es ist das ideale Angebot für Interessierte, die bereits im Berufsleben stehen und ein Sabbatical oder ein Bildungskarenzjahr einschieben, aber auch für Absolventen eines Universitätsgrundstudiums, die sich vertiefend mit der Thematik der Europäisierung auseinandersetzen und sich darin spezialisieren möchten“, sagt Lehrgangsleiter Christoph Reinprecht, Soziologe an der Universität Wien. Zudem sei der interdisziplinäre Charakter dieses Studiums besonders stark. Im Unterschied zu ähnlichen MES-Programmen, die primär wirtschaftswissenschaftlich, juristisch oder politikwissenschaftlich ausgerichtet seien, integriere das Wiener Masterstudium auch kulturwissenschaftliche Perspektiven und richte sich daher nicht nur an Personen, die Tätigkeiten in nationalen und multinationalen Wirtschaftskonzernen ausüben, sondern auch in Institutionen des Sozial- und Kulturmanagements. Man würdige zudem die Multilingualität, so Reinprecht. Unterrichtssprachen sind Deutsch und Englisch. Zudem werden Sprachkurse für nicht muttersprachliche Teilnehmer in vier Sprachen angeboten.

Ein weiteres Prinzip sei – entsprechend dem universitären Profil– die Bezugnahme auf die Forschungstätigkeit der Lehrenden bei der Vermittlung von Grundlagenkenntnissen der Europäisierung und europäischen Integration. Andererseits gehe es inhaltlich auch darum, aktuelle Themen und Fragestellungen aufzugreifen, sagt Reinprecht und nennt zwei Beispiele: Angesichts der jüngsten Entwicklungen habe man ein Seminar „Wirtschaftspolitische Antworten auf die Wirtschafts- und Finanzkrise der Europäischen Union“ entwickelt. Das Modul „Migration-Menschenrechte-Minderheiten“ thematisiere die aktuelle Situation im Bereich Flucht und Asyl. „Konkret schließt dies die Einladung von Experten, Gespräche und Diskussionen mit Repräsentanten von internationalen Organisationen und NGOs, aber auch Veranstaltungsteilnahmen und Exkursionen mit ein.“

 

FH-Master für EU-Projekte

Qualifikation braucht es außerdem, um die unzweifelhaften Vorteile der EU lukrieren zu können, die vor allem mit EU-Projekten und EU-Förderungen verbunden sind. Der Zugang zu beidem ist eine eigene Wissenschaft und ein Inhalt eines mehr wirtschaftsorientierten Europa-Masters. Um EU-Gelder zu lukrieren – egal ob für die Forschung, die Wirtschaft oder andere Bereiche –, braucht es Kenntnisse der EU-Förderstellen, Finanzierungsstrategien, Budgetierungen und Prozesszyklen, vom Antrag bis zum Endbericht. „Es ist wichtig und förderlich, dass für das Management von EU-Projekten eigens ausgebildete Fachleute zur Verfügung stehen, da ganz viele eingereichte Projekte gerade an Einzelheiten scheitern“, sagt Irena Zavrl, Universitätsprofessorin und Leiterin des Masterstudiums Europäische Studien – Management von EU-Projekten, das vor sieben Jahren an der FH Burgenland entwickelt wurde.

Unterrichtssprache ist Englisch, was bei Studierenden aus derzeit elf Nationen die Kommunikation untereinander erleichtert, vor allem aber auch in der Sache unverzichtbar ist. „Ausgezeichnete Englischkenntnisse sind bei EU-Projektmanagementarbeit die erste Voraussetzung für Erfolg“ sagt Zavrl. „Europa ist international geworden. Die Absolventen finden sich häufig in Aufgabengebieten und Organisationen wieder, die projektorientiert arbeiten. Da sich bei EU-Projekten häufig internationale und interkulturelle Teams zusammenfinden, ist es wichtig, Personen in der Ausbildung zu haben, die mit den besonderen Aufgabenstellungen eines solchen Aufgabenfelds vertraut sind.“ Aus diesem Grund habe man im Curriculum auch Fächer und Workshops wie „Cross-cultural communication“, „Managing intercultural project teams“ und „Managing virtual teams“ integriert.

Abgesehen davon macht laut Zavrl jedoch vor allem die Kombination fachübergreifender Qualifikationen die Studierenden zu Fachleuten für das Management von EU-Projekten. Dazu zählten EU-relevante Themen, EU-Projektmanagement, aber auch Fallarbeiten, konkrete Projektarbeit und Exkursionen nach Brüssel und in EU-Regionen.

MASTERSTUDIEN & TIPP

FH Burgenland: Europäische Studien – Management von EU-Projekten,www.fh-burgenland.at

FH BFI Wien: European Economy and Business Management,www.fh-vie.ac.at

FH Joanneum: European Project and Public Management,www.fh-joanneum.at

Universität Salzburg: European Union Studies, www.uni-salzburg.at

Universität Wien: Europäische Studien,www.postgraduatecenter.at

Donau-Universität Krems: Europastudium,www.donau-uni.ac.at

„EU-Topia“: Gedanken zu Entwicklung, Stand und Zukunft der EU aus ökonomischer und rechtlicher Sicht. Von Werner Hauser und Peter Schachner-Blazizek, Neuer wissenschaftlicher Verlag, 2015, um 22,80 Euro erhältlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2015)

Kommentar zu Artikel:

Die Idee Europa weiter denken

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen