„Denke das Undenkbare!“

Katastrophenmanagement. Prävention und Organisation von Krisen sind eine Herausforderung – auch für die Wissenschaft. Zwei neue Masterstudien widmen sich dem Thema.

An aerial view shows the No.1 and No.2 reactor buildings at Kyushu Electric Power´s Sendai nuclear power station in Satsumasendai
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An aerial view shows the No.1 and No.2 reactor buildings at Kyushu Electric Power´s Sendai nuclear power station in Satsumasendai
(c) REUTERS (KYODO)

Von der Zerstörung Pompejis bis zur atomaren Verseuchung Fukushimas: Den großen Katastrophen der Menschheitsgeschichte ist gemein, uns durch bis dahin ungekannte Ausmaße und völlig neue Fragestellungen herauszufordern.

Wie damit umgehen? „Denke das Undenkbare!“, bringt es Thomas Glade, Experte für Naturgefahren- und Risikoforschung der Universität Wien, auf den Punkt. Sowohl die Natur als auch die Gesellschaft seien Teil eines ständigen globalen Wandels. Auch Katastrophen, die sich aus dem Wechselspiel von Natur und Mensch ergeben, seien einem dynamischen Wandel unterzogen und immer neu zu bewerten. Nur eines bleibe gleich: „Es sollte wahrgenommen werden, dass Risikoprävention zur Vermeidung oder Verminderung von Katastrophen führt und deshalb zu fördern ist”, so Glades.

 

Fokus Vorbeugung

Auf Prävention liegt der Fokus des neuen Masterstudiengangs Risikoprävention und Katastrophenmanagement (OeRisk), dessen wissenschaftlicher Leiter Glade ist. Er richtet sich an Personen aus dem Berufsspektrum des Katastrophenschutzes und der Risikoprävention, etwa Einsatzorganisationen, Gesundheitswesen, Stadt- und Raumplanung, aber auch Forschung und Lehre. Bereits in den ersten beiden Wochen habe er durch die bunte Zusammensetzung des Teilnehmerfelds – Architekten, Piloten, Feuerwehrtechniker, Kommunikationswissenschafter – und der Lehrenden, etwa Mitarbeiter von ZAMG und der Landesverteidigung, viel gelernt, sagt Glade. „Da entstehen Diskussionen, die für alle unglaublich bereichernd sind.” In der Sache soll vor allem die Fähigkeit vermittelt werden, informierte Entscheidungen treffen zu können. „Das alles muss eingebettet sein in das Wissen um den Katastrophen- und Risikozyklus, der aus Nachsorge und Bewältigung, Wiederaufbau und parallel dazu bereits aus Vorsorge und Vorbeugung besteht. Nach dem Ereignis ist vor dem Ereignis.”

 

Neu in Leoben

Auch an der Montanuniversität Leoben wurden zwei neue Weiterbildungen gestartet: der Universitätslehrgang sowie der Masterlehrgang Prozess- und Anlagensicherheit, Notfall- und Katastrophenmanagement. Beide Programme dauern vier Semester und sind berufsbegleitend organisiert. „Die Studierenden kommen aus dem Bergbau, aus Einsatzorganisationen und aus dem Bundesheer. Auch Ärzte sind dabei”, sagt Lehrgangsleiter Harald Raupenstrauch, Thermoprozesstechniker an der Montanuniversität. Katastrophenschutz ist für Raupenstrauch schon lang ein Thema. „Ich habe mich schon vor 20 Jahren mit der Sicherheitstechnik von Industrieanlagen beschäftigt. Da geht es etwa darum, wie man bei terroristischen Anschlägen vorgehen kann, etwa um die Kommunikation zwischen den Einsatzgruppen.”

Als Lehrender an der ABC-Abwehrschule des Bundesheers entwickelte Raupenstrauch später Abschlussübungen mit speziellen Gefährdungsszenarien. Sein ganz privater Zugang zum Katastrophenschutz war die Ausbildung zum staatlich geprüften Skitourenlehrwart, zu der auch die richtige Vorgehensweise in Lawinensituationen gehörte. „Wenn man im Stress Lawinenverschüttete suchen muss, funktioniert nur, was im Hirn automatisiert ist.” Auch jüngst habe die Amokfahrt in Graz, deren Zeuge er zufällig geworden ist, gezeigt, wie unvorbereitet man auf viele Ereignisse sei: „Niemand hätte sich gedacht, dass so etwas in Graz passieren könnte. Es hat relativ lang gedauert, bis die Rettungskette zustande gekommen ist.”

Egal mit welcher Katastrophe man konfrontiert ist – man braucht die technischen und theoretischen Grundlagen, entscheidend ist aber, ganze Abläufe wirklich durchgespielt zu haben. Deshalb wurden in beide Programme zahlreiche Übungen integriert. Die Montan-Uni kann dabei auf außergewöhnliche Möglichkeiten zurückgreifen, etwa im Untertage-Bergbau und auf einem Lehr- und Forschungsschiff.

 

Englischsprachiges Programm

Wer über den Tellerrand blicken möchte: Internationale Programme gibt es in Deutschland einige, eine Besonderheit ist das englischsprachige – und kostenfreie – Programm „Natural Hazards and Risks in Structural Engineering“ für Bauingenieure. Es wird an der Bauhaus-Universität in Weimar als Master angeboten. „Wir bilden Ingenieure aus, die Katastrophen aus Naturgefahren – Erdbeben, Hochwasser, Tsunami, Sturm – in der Gefährdung einschätzen und bewerten sowie Gebäude und Infrastruktur ereignissicher gestalten können“, sagt Studiengangsleiter Jochen Schwarz.

Der Studiengang vermittelt die naturwissenschaftlich-technischen Grundlagen, modelliert Einwirkungen auf Bauwerke und zeigt, wie mit modernen Technologien Szenarien simuliert werden können. Dies geschieht durch intensive Projektarbeit, die die Situation in den Herkunftsländern aufnimmt, dazu werden im Earthquake Damage Analysis Center Daten aus Einsätzen vor Ort bezogen.

Web:www.postgraduatecenter.at/oerisk

 

weiterbildung.unileoben.ac.at/de/4585/

 

www.uni-weimar.de/nhre

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2015)

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