Keine Angst vor dem Display

Snapchat, WhatsApp . . . what? Oft verteufelt und belächelt, werden Neue Medien auch als didaktisches Werkzeug wichtiger. Aber die universitären Ausbildungen sind rar.

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Spielen, lernen, arbeiten, kommunizieren – für den Betrachter kaum zu unterschieden. Know-how im Umgang mit allem ist in Zukunft existenziell. – APA/AFP/ANP/REMKO DE WAAL

„Möchtest du nicht mit Farben auf Papier malen?“, fragt der besorgt-ärgerliche Opa seine Enkelin, die auf dem Smartphone der Mutter ein Foto bemalt. Mit seiner abschätzigen Meinung ist er nicht allein, und wenn 30-Jährige gesenkten Blicks durch die Straßen gehen, weil sie auf dem Smartphone Pokémons jagen, und 15-Jährige in der Straßenbahn nicht mehr miteinander reden, sondern snapchatten und whatsappen, sehen gar viele den Untergang des Abendlands kommen.

Etwas jüngere Kulturpessimisten verbergen hinter der Bestürzung allerdings oft weniger die Sorge um den unkontrollierten Umgang mit Neuen Medien als vielmehr, sie selbst könnten in den Kulturtechniken der Moderne hinter der Jugend zurückbleiben. Zu Recht. Davon betroffen sind vor allem die Eltern und die Lehrer der Generation Z – der bereits zweiten Kohorte, die in der schönen digitalen Welt sozialisiert wurde. Betroffen sind aber auch alle, deren Arbeitsalltag durch die Nutzung Neuer Medien effizienter (wenn schon nicht leichter) werden sollte.

Nachholbedarf bei Ausbildung

Ihnen allen mehr Wissen über Medien – auch über die traditionellen Buch, Film, Fernsehen – und den zweckmäßigen Umgang damit zu vermitteln, ist Aufgabe der Medienpädagogik. An Ausbildungen darin besteht jedoch Nachholbedarf. „Derzeit werden Medien und die Mediatisierung in Österreich nur hingenommen. Damit machen wir uns von denen abhängig, die Medien aktiv gestalten“, sagt Christian Swertz, Leiter der Plattform Wiener Medienpädagogik und Professor für Medienpädagogik mit dem Schwerpunkt Neue Medien an der Uni Wien.

Der zweite österreichische Lehrstuhl für dieses Fach besteht an der Universität Innsbruck. Theo Hug, Professor fürErziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Medienpädagogik und Kommunikationskultur, pflichtet seinem Wiener Kollegen bei. „Die Lage der medienpädagogischen Lehre, Forschung und Weiterbildung ist in Österreich prekär. Sie steht in Kontrast zu den Medien-Relevanzbekundungen auf Seiten der Bildungspolitik, der Wirtschaft, der Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens und vieler Verbände.“

Eingang in Lehramtsstudium

Ein Silberstreif am Horizont ist das neue Innsbrucker Lehramtsstudium für die Sekundarstufe, in dessen Rahmen ab dem Wintersemester 2017 eine Spezialisierung in Medienpädagogik angeboten wird. Diese kann eines der beiden zu wählenden Unterrichtsfächer ersetzen oder zusätzlich absolviert werden. Die Innsbrucker Absolventen werden in erster Linie dafür ausgebildet, in mediendidaktischen Fragen, die sich in allen Schulfächern stellen, zu unterstützen. „Sie beraten und betreuen Lehrer bei der Gestaltung und Verwendung von multimedialen Bildungsmaterialien, digitalen Portfolios und Plattformen sowie der individuellen Medienkompetenzentwicklung und bieten Hilfestellungen bei der Nutzung digitaler (Lern-)Spiele und sozialer Netzwerke, bei der Entwicklung von mediendidaktischen Szenarien und Arrangements sowie bei Fragestellungen an den Nahtstellen von Fach- und Mediendidaktik.

Insbesondere seien sie für schulische Aufgabenfelder wie Schulentwicklung und Medienmanagement, Öffentlichkeitsarbeit, Evaluierung von medienbezogenen Entwicklungsprozessen und Bildungsangeboten qualifiziert, „aber auch für außerschulische Bereiche wie Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, betriebliche Weiterbildung, Kulturarbeit oder Museumspädagogik“, sagt Hug.

Ein Schwerpunkt wie in Innsbruck wäre für die Wiener Medienpädagogik wünschenswert. An der Universität Wien und im Verbund Nord-Ost ist es bisher nicht gelungen, Medienpädagogik im Lehramtsstudium zu verankern. „Es wird derzeit als ein Teilschwerpunkt im Studium der Bildungswissenschaft angeboten. Schwerpunkte in anderen Studien, insbesondere im Lehramtsstudium, gibt es in Wien nicht“, sagt Swertz. „Eine von uns durchgeführte Untersuchung zeigt, dass in den meisten Lehramtsstudien sogar die für den Unterricht wichtige Mediendidaktik fehlt. Es wäre sinnvoll, Mediendidaktik für alle Lehramtsstudierenden und einen Schwerpunkt Medienpädagogik im Lehramtsstudium zu etablieren.“ An der Bildungswissenschaft wird laut Swertz Medienpädagogik vor allem von jenen gewählt, die in der außerschulischen Jugendarbeit (Medienzentren, Jugendzentren) oder in der Erwachsenenbildung (E-Learning) arbeiten wollen.

Wahlfach in Kärnten

In begrenzterem Ausmaß wird Medienpädagogik auch an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt gelehrt, vor allem am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften. Und zwar sowohl im Rahmen des gleichnamigen Bachelorstudiums als auch des Masterstudiums Medien, Kommunikation und Kultur. Dass das Institut im Gegensatz zu früher die Medienpädagogik nicht mehr im Titel führe, bedeute mitnichten, dass sie heute weniger Gewicht habe, sagt Institutsvorstand Rainer Winter. Damals sei es hauptsächlich um die Vermittlung von medientechnischem Wissen gegangen. „Mit der Einrichtung der Universitätsprofessur für Medien- und Kulturtheorie im Jahr 2002 wurde Medienpädagogik und Kommunikationskultur wichtiger Bestandteil des Studiums. Gesellschaftliche und kulturelle Bezüge stehen im Zentrum.“ Fächer aus dem Wahlfach-Schwerpunktbereich Medienpädagogik und Kommunikationskultur können in Klagenfurt auch von Studierenden anderer Disziplinen, etwa der Pädagogik, gewählt werden.

INFORMATION

Medienpädagogik an den Unis

Uni Wien, im Rahmen von Bildungswissenschaften.
http://medienpaedagogik.univie.ac.at/

Uni Innsbruck als Schwerpunkt im Lehramtsstudium.
www.ubik.ac.at

Alpen-Adria-Universität Klagenfurt im Rahmen des Studiums Medien und Kommunikationswissenschaften.
www.uni-klu.ac.at/mk

 


[MOCCC]

(Print-Ausgabe, 20.08.2016)

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