Kritische Masse und mehr Teamwork

Die Universität Wien will mit neu gegründeten Einrichtungen aussichtsreiche Ph.D.-Studenten fördern und so in der Doktoratsausbildung effektiver und auf dem internationalen Parkett sichtbarer werden.

Vizerektor Heinz Faßmann (r.) und der Experte David Bogle erläutern bei der Kick-off-Veranstaltung an der Universität Wien das Konzept der Doctoral Schools.
Schließen
Vizerektor Heinz Faßmann (r.) und der Experte David Bogle erläutern bei der Kick-off-Veranstaltung an der Universität Wien das Konzept der Doctoral Schools.
Vizerektor Heinz Faßmann (r.) und der Experte David Bogle erläutern bei der Kick-off-Veranstaltung an der Universität Wien das Konzept der Doctoral Schools. – (c) Andreas Tanzer

Unter dem Titel Vienna Doctoral Schools und Vienna Doctoral Academies hat die Uni Wien ein Programm zur Förderung ausgewählter Doktoranden ins Leben gerufen. Wie Vizerektor Heinz Faßmann im Rahmen der Kick-off-Veranstaltung erklärte, gibt es dafür zwei Gründe: „Wir folgen einem internationalen Trend und adressieren gleichzeitig das Problem des in Österreich sehr liberalen Zugangs zum Ph.D.-Studium.“ Letzterer ist laut Faßmann eine Ursache für die relativ hohe Drop-out-Quote, die den Ruf der Uni Wien beschädigt. Diese „schlechte Nachred“ sei sowohl im innerösterreichischen bildungspolitischen Diskurs hinderlich, als auch wenn es darum geht, im internationalen Wettbewerb die besten Köpfe nach Wien zu holen.

Schon 2009 habe man mit einer von allen Doktoranden zu unterschreibenden Vereinbarung zwischen Student und Uni eine Maßnahme gesetzt. Nun werden die Doktorate Schools oder Academies eingerichtet, um besonders aussichtsreichen Kandidaten noch bessere Studienbedingungen zu bieten.

Vorerst gibt es sieben dieser Einrichtungen (siehe Kasten) mit einem Gesamtbudget von zwei Millionen Euro für die ersten drei Jahre. Die Doctoral Schools fördern unter anderem Auslandsaufenthalte und Forschungsaufwendungen, eine generelle finanzielle Unterstützung der Doktoranden ist nicht vorgesehen, auch weil ein Großteil von ihnen laut Faßmann ohnehin via Uni oder Drittmittel ein Einkommen haben.

Weiters sollen die Doctoral Schools die Kommunikation unter den Doktoranden eines Fachgebiets fördern und eine kritische Masse generieren, erklärt Faßmann. Die Vernetzung untereinander soll die Ph.D.-Studenten fachlich voranbringen, und sie – Stichwort Interdisziplinarität – auf die Anforderungen moderner Forschung inner- und außerhalb der Universität vorbereiten. „Das Verteidigen eigener Ideen fördert die Kreativität und den Mut zum Neuem, der im heutigen Forschungsbetrieb oft fehlt“, sagt David Bogle, Leiter der Graduate School des University Colleges in London (UCL), einer der ersten derartigen Einrichtungen im Europa. Bogle ist Vorsitzender der League of European Universities (LERU) Doctoral Studies Community und hat die Uni Wien bei der Einrichtung der Doctoral Schools/Academies beraten.

Forscherpersönlichkeit fördern

„Das Produkt ist nicht die Thesis, sondern der Doktorand“, betont Bogle. „Die Doktorarbeit muss nicht mehr wie früher das Opus magnum sein, sie zeigt, dass der Kandidat einen eigenständigen kreativen Input liefern kann.“ Wie der Experte erklärt, vermitteln die Doctoral Schools Skills, die in der klassischen akademischen Ausbildung zu kurz kommen, aber für die weitere Laufbahn – die oft außerhalb der Universität fortgesetzt wird –, entscheidend sind, etwa Teamfähigkeit und Kommunikation. In dieser Hinsicht ist Europa Vorreiter vor den USA, berichtet Bogle. Dort wäre zwar das fachliche Niveau sehr hoch, andere Fähigkeiten würden aber kaum entwickelt, was es den PH.D.-Absolventen erschwert, in der Wirtschaft unterzukommen.

Doctoral Schools sind vor allem in England, Frankreich, den skandinavischen Ländern und vielen deutschen Bundesländern bereits etabliert – teilweise auf der Ebene der einzelnen Universitäten, teilweise auch auf gesetzlicher Grundlage, berichtet Bogle, wobei es bei den konkreten Ausformungen viele Varianten gäbe.

Auch in Wien soll sich die Organisation der einzelnen Schulen nach den Erfordernissen der jeweiligen Fachbereiche richten. Man will zwar keinen Wildwuchs, aber mehrere Modelle für ausreichende Flexibilität. Bogle betont, dass sich die Anforderungen auch mit der Zeit wandeln können. Entsprechend ist auch an der Uni Wien nach drei Jahren eine Überprüfung der Schulen geplant.

Insgesamt werden 250 Doktoranden aufgenommen, das entspricht in den jeweiligen Fachbereichen zehn bis 50 Prozent. Der Auswahlprozess bleibt den einzelnen Schulen überlassen und soll transparent, etwa auf Basis von Notendurchschnitt und Hearings, von einem mehrköpfigen Gremium durchgeführt werden. Kritiker befürchten ein Zweiklassendoktorat, und auch Bogle plädiert dafür, gute Bedingungen für alle Doktoranden zu schaffen. Dem hält Faßmann einmal mehr den Umstand des (zu) liberalen Zugangs sowie der beschränkten Mittel entgegen.

INFORMATION

Vienna Doctoral Academies
► Communicating the Law - Innovative approaches to Law and Society
► Medieval Academy
► Theory and Methodology in the Humanities

Vienna Doctoral Schools
► Cognition, Behaviour and Neuroscience
► Mathematics
► Molecules of Life
► Physics

Weitere Infos: http://vd.univie.ac.at

 

 


[MVCAY]

(Print-Ausgabe, 22.10.2016)

Kommentar zu Artikel:

Kritische Masse und mehr Teamwork

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen