Die Umwelt ist oft ungesund

Umweltmedizin. Abgase, Chemikalien, Elektrosmog und Lärm: Experten untersuchen, welche alltäglichen Einflüsse krank machen, und suchen nach Abhilfe.

Chimney of a residential building
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Chimney of a residential building
(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)

Sind Handystrahlen schädlich? Lösen Dieselpartikel Krebs aus? Wie viel Lärm verträgt der Mensch? Dies sind nur einige der zahlreichen Fragen, mit denen sich Umweltmediziner beschäftigen. „Umweltmedizin ist ein sehr weites Themenfeld“, sagt Hans-Peter Hutter, Umweltmediziner und stellvertretender Leiter des Instituts für Umwelthygiene an der Med-Uni Wien. „Es reicht von Luftverschmutzung, Industrie-Emissionen, Straßenverkehr, Chemikalien aller Art bis hin zu elektromagnetischen Feldern, Hochspannungsleitungen oder dem Klimawandel.“ Und das ist noch nicht alles. Auch Wohnbau, Stadtplanung oder Abfallwirtschaft sind Themen, mit denen sich Umweltmediziner befassen. Und so unterschiedlich die einzelnen Aspekte auch sind: Es geht immer um die Auswirkungen der Umweltbedingungen auf die Gesundheit des Menschen.

 

Kurieren und Risken abschätzen

Generell unterscheiden Umweltmediziner zwei Bereiche ihres Faches: Einerseits die klinische Umweltmedizin, bei der es darum geht, Menschen, die aufgrund von Umwelteinflüssen erkrankt sind, wieder zu kurieren, und andererseits die bevölkerungsorientierte, präventive Umweltmedizin, bei der die Abschätzung von Gefahren und Risken im Vordergrund steht, wodurch Empfehlungen für Maßnahmen wie Richtwerte oder Verbote formuliert werden. „Eigentlich sollten wir vorausschauend arbeiten“, sagt Hutter. „Also eine neue Technologie oder Chemikalie beurteilen, die Risken abschätzen und sie dann einsetzen oder beschränken oder verbieten. Aber wir arbeiten immer hinterher.“ Bei zwei Facharztausbildungen in Österreich ist das Thema als Teilbereich in der Ausbildung integriert: dem Facharzt für Klinische Mikrobiologie und Hygiene (bisher Hygiene und Mikrobiologie) und dem Facharzt für Public Health. „Umweltmedizin ist bei beiden Ausbildungen nur ein Teil des Curriculums, danach muss man sich in diesem Feld weiter spezialisieren“, erklärt Hutter.

 

Erfolge nicht direkt erfahrbar

Besonders gehypt ist das Fach nicht, „die meisten Studierenden wollen heilen und Leben im OP retten“, meint Hutter. Dass Umweltmediziner mit ihrer Forschung und im Idealfall daraus resultierenden politischen Maßnahmen auch Leben retten, ist kein unmittelbar greifbarer Erfolg. „Wenn durch sauberes Wasser oder weniger Schadstoffe in der Luft eine halbe Million Menschen gerettet werden, dann ist es immer eine anonyme Masse.“ Banal ausgedrückt: Kein Einziger davon fällt dem Umweltmediziner um den Hals.

Gemeinsam ist den Experten dennoch die Leidenschaft für ihr Fach. So berichtet Heinz Fuchsig, wissenschaftlicher Leiter des alle zwei Jahre stattfindenden Diplomkurses Umweltmedizin der Ärzteakademie, dass nicht nur die Inhalte des Kurses kürzlich adaptiert wurden, sondern auch die Organisation nach ökologischen Kriterien erfolgt. So wurden die Beginnzeiten der Weiterbildung, die allen Ärzten offensteht, nun so gestaltet, dass alle Teilnehmer bequem am ersten Tag mit dem Zug anreisen können. Zumal, so Fuchsig: „Ärzte sind häufig des vielen Autofahrens leid.“ Und: „Es finden alle Module in öko-zertifizierten Hotels in Bahnhofsnähe statt.“ An fünf Wochenenden werden die Inhalte der Umweltmedizin vermittelt – ergänzt um E-Learning, das so gestaltet wurde, dass man auch ein versäumtes Wochenende online nachholen könnte.

Lärmbeurteilung, elektrische und magnetische Felder, energiesparender Wohnbau, Lebensmittel und Schadstoffe oder Beeinträchtigungen der Trinkwasserqualität sind nur einige der Inhalte, die an den Wochenenden (zwei in Wien, je eines in Linz, Graz und Salzburg) behandelt werden. „In jedem Modul wird auch die Erstellung von Gutachten thematisiert“, berichtet Fuchsig. Und Exkursionen stehen ebenfalls auf dem Programm: „Wir gehen in ein Sport- und Wellnessbad und in die Strom-Hauptschaltwarte in Wien.“ Ende Jänner startet der nächste Diplomlehrgang. „Mit der Ausbildung von Ärzten in diesen Bereichen wollen wir einen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion und zu einem besseren Schutz der Gesundheit leisten“, betont Fuchsig.

Umweltmedizin als Schwerpunkt im Grundstudium hat sich die Universität Augsburg (Deutschland) auf die Fahnen geschrieben. Ab dem Studienjahr 2018/19 sollen die ersten 84 Studenten in Augsburg das neu geschaffene Medizinstudium aufnehmen; die Fakultät wurde vergangenen Dezember gegründet. Uni-Präsidentin Sabine Doering-Manteuffel sagte bei der offiziellen Gründungsfeier im Hinblick auf das neue Fach: „Wir werden uns bei der Entstehung von Krankheiten mit Ursachenforschung befassen, vor allem mit Ursachen, die in unserer natürlichen und künstlichen Umwelt liegen. Der Mensch hat seit dem Aufbruch in das Industriezeitalter Spuren in der Natur hinterlassen, die uns heute krank machen.

In Deutschland gibt es an einschlägigen Bildungsangeboten bislang die Ausbildung zum Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin. Diese dauert nach dem Medizinstudium weitere fünf Jahre, eines davon muss im Stationsdienst absolviert werden, ein Jahr kann bei einem niedergelassenen Arzt verbracht werden. Anrechenbar sind beispielsweise Mikrobiologie, Arbeitsmedizin oder Rechtsmedizin.

Und um die zu Beginn gestellten Fragen zu beantworten: Ja, Handystrahlen können schädlich sein, wie stark, hängt allerdings von der Intensität und Dauer der Nutzung ab, wie Hutter erklärt. Ja, Dieselpartikel sind krebserregend und ja, Lärm kann krank machen – nicht nur schwerhörig. Der Stresspegel steigt und verursacht Folgeerkrankungen wie Schlaf- und Verdauungsstörungen, Herzinfarkte oder Burn-out.

INFORMATION

Aus- und Weiterbildung für Umweltmedizin.

Diplomlehrgang der Ärzteakademie Umweltmedizin findet alle zwei Jahre statt, der nächste startet Ende Jänner 2017, fünf Wochenenden und E-Learning.

www.arztakademie.at/umweltmedizin

Facharztausbildungen in deren Lehrplan Umweltmedizin enthalten ist (Auswahl):

Public Health und Klinische Mikrobiologie und Hygiene. www.aerztekammer.at/fachaerzte2015

Medizinstudium mit den Schwerpunkten Environmental Health Sciences und Medical Information Sciences ab Studienjahr 2018/19 in Augsburg (Deutschland): www.uni-augsburg.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2017)

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