Hörsaal am Display, Kollegen im Chat

Trend Flexibilisierung. Fernkurs oder Blended Learning? Beide Konzepte haben ihre Vor- und Nachteile, in der Praxis verschwimmen meist die Grenzen.

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(c) Die Presse - Clemens Fabry

Onlinekurse sind heute allgegenwärtig. Doch schon nach ersten Erfahrungen mit dieser Lernform stellte sich heraus, dass auch die Dynamik und der Austausch innerhalb einer Lerngruppe wesentlich sind. Das war die Geburtsstunde von Blended Learning – dem Mix aus E-Learning mit Präsenzphasen. Heute sind in der Aus- und Weiterbildung zunehmend beide Formate auf dem Markt, wobei eine starke Präferenz für die hybride Form des Blended Learning besteht. Besonders berufsbegleitende Programme haben fast immer auch einen Onlineanteil im Curriculum. Laut einer Studie des Wissenschaftsministeriums haben im Vorjahr 48 der 49 Unis und Hochschulen in Österreich Blended-Learning-Lehrveranstaltungen angeboten, jedoch nur 17 reine Onlinelehrveranstaltungen.
Auf so manches Programm würden beide Bezeichnungen zutreffen. Der letztlich gewählte Name weist in der Praxis lediglich auf Schwerpunktsetzungen hin: bei Onlineformaten auf maximale Flexibilität, Orts- und Zeitunabhängigkeit (auch die Dauer des Studiums betreffend), bei Blended-Formaten auf starkes Netzwerken und (bedingt durch die Präsenzphasen) oft ein fixierter Studienbeginn und -abschluss.
Allein schon der Boom an mobilen Endgeräten zwingt Anbieter zur Weiterentwicklung von Onlinelernformaten. Laut Astrid Kleinhans-Rollé, Managing Director der WU Executive Academy, ist Online-Learning inzwischen bei hochwertigen Anbietern viel mehr als das elektronische Bereitstellen von Content. „Dabei kommen diverse Tools zum Einsatz, die sowohl bei Online- als auch bei Blended MBAs Anwendung finden: In beiden Fällen übernimmt die Technologie den Part des physischen Präsentseins.“ Die Studierenden bekämen die Möglichkeit, via Streaming-Videos, Diskussionsforen, Chatrooms und webinar-basierten Breakout Sessions abseits des Plenums zu lernen und sich auszutauschen, und zwar sowohl synchron (also live) als auch asynchron. Gut gemachte Onlineprogramme sind daher laut Kleinhans-Rollé nicht billiger als Blended MBAs. Ebenso falsch sei das Vorurteil mancher Personalverantwortlichen, dass ein Online-MBA leichter zu erwerben sei als ein Blended MBA.

Blended Learning als Standard

Die WU Executive Academy bietet mittlerweile ausschließlich Blended-MBA-Programme an. Man sei von diesem Format nach wie vor überzeugt, sagt Astrid Kleinhans-Rollé. Einerseits biete der reale Hörsaal ein enormes Potenzial zum Netzwerken, besonders im Fall des Aufeinandertreffens unterschiedlicher Nationalitäten, Kulturen und Funktionen. „Aus Studienkollegen werden nicht selten Impulsgeber und Berater, Geschäftspartner oder Start-up-Gründer, weil im Hörsaal enge Beziehungen entstehen, die weit über das Studium hinausgehen.“ Andererseits eröffneten moderne Onlinetools umfassende Möglichkeiten, insbesondere für die im Führungsalltag so wichtige persönliche Reflexion und den Transfer des Gelernten in den Joballtag. „Daher passen wir die Onlinekomponenten der Programme immer mehr an die spezifischen Bedürfnisse der Teilnehmer an.“
Fast ausschließlich auf Online setzt etwa der im Vorjahr gestartete Online-MBA des Management Center Innsbruck (MCI). Der berufsbegleitende International Business MBA richtet sich an Studierende mit internationalem Background. Auch die österreichischen Teilnehmer bringen laut Susanne Herzog, Leiterin des Bereichs Executive Education am MCI, in der Regel Auslandserfahrung mit.
Im Curriculum finden sich insgesamt nur drei verpflichtende Präsenzphasen von je einer Woche in Innsbruck, die erste zu Beginn des Studiums, die zweite am Ende des ersten Jahres, die letzte gegen Ende des Studiums. Diese laut Herzog intensiven Präsenzphasen umfassen Themen wie „Introduction to E-Learning“, „Organisational Behavior“, die Bearbeitung und Präsentation von Fallstudien sowie die Vorstellung der Master Thesis.
Das Feedback der Studierenden zeige, dass dieser Mix aus Präsenz- und Onlinephasen sehr gut angenommen werde, sagt Herzog. „Vor allem Studierende aus aller Welt schätzen den hohen Anteil an synchronen und asynchronen Onlinephasen, da er die Kombination von Beruf und Studium erleichtert. Die höchst interaktiven Onlinephasen sichern ein aktives Miteinander der Studierenden – sowohl im Austausch von Know-how und Erfahrungen als auch im Networking.“
Ein Spezialist in Sachen Blended Learning ist die Fernuniversität in Hagen – mit 80.000 Studierenden Deutschlands größte Universität und gleichzeitig der von österreichischen Studierenden am meisten frequentierte deutsche Studienanbieter. Das Hagener Modell sieht vor, dass Studierende parallel zum Lernen per PC und Internet auch persönlich betreut werden, hierzulande durch das Zentrum für Fernstudien Österreich, das an der Johannes-Kepler-Universität Linz eingerichtet wurde. Ihm sind zudem mehrere Studienzentren zugeordnet, etwa in Bregenz, Rottenmann (Graz), Saalfelden, Wien und Villach. Dort können sich Interessenten informieren und einschreiben lassen. Auch studienvorbereitende und begleitende Kurse werden an den Studienzentren als Präsenzveranstaltungen abgehalten, außerdem Prüfungen.

Papier ist nicht passé

Die Studierenden erhalten neben gedruckten Lernmaterialien eine Fülle von Online-Angeboten. „Unsere Studierenden haben uns in Befragungen immer wieder vermittelt, dass sie den multimedialen Ansatz schätzen und jeweils für die augenblickliche Lernsituation den für sie geeigneten Lernpfad auswählen“, sagt Theo Bastiaens, Prorektor für Digitalisierung und Internationalisierung der Fernuniversität in Hagen.
Ein Treiber für Weiterentwicklungen des Hagener Lernmodells sei in den vergangenen Jahren vor allem das Thema Mobilität gewesen. Klar an Bedeutung gewonnen habe das Lernen an mobilen Endgeräten. Bei einem großen Anbieter wie der Fernuniversität in Hagen sei jedoch das Augenmerk auf die Tauglichkeit von Entwicklungen für eine große Anzahl von Studierenden zu legen. „Die Werkzeuge müssen massentauglich sein.“

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