Neue Technik bringt neue Kultur

Industrie & Technik. Engere Kooperationen mit der Wirtschaft, mehr Ausbildungen im Bereich Industrie 4.0 und generell ein Wandel in der Hochschulkultur – das sind laut Experten die Anforderungen an die Bildungsinstitutionen.

Cyber-Abwehr in der Praxis
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Cyber-Abwehr in der Praxis – (c) FH St. P�lten (FH St. P�lten)

Mit der Digitalisierung ändern sich die Berufsbilder. Das hat Auswirkungen auf die Ausbildungen, bemerkbar an so manchem Relaunch. An der FH St. Pölten erhält Media Management ein neues Curriculum und geht ab Herbst 2017 als Digital Media Management an den Start, bei dem Digital Entrepreneurship einen gewichtigen Schwerpunkt bildet.

Die Industriellenvereinigung sieht im tertiären Sektor Handlungsbedarf. „Duale Ausbildungsgänge auf Hochschulniveau werden stark an Bedeutung gewinnen. Unternehmen und Hochschulen müssen noch enger zusammenrücken“, sagt IV-Bildungsexpertin Gudrun Feucht. Vorbildlich sind in diesem Bereich die FH Vorarlberg mit dem dualen Studium Elektrotechnik, die FH Joanneum (Produktionstechnik und Organisation) und die FH St. Pölten mit dem Bachelor-Dualstudiengang Smart Engineering of Production Technologies and Processes. „Der Pool besteht aus 30 Unternehmenspartnern“, sagt Hannes Raffaseder, Leiter Forschung und Wissenstransfer der FH St. Pölten. „Die Studierenden haben ab dem dritten Semester intensive Phasen bei der jeweils kooperierenden Firma.“ Quasi eine Lehrlingsausbildung auf Hochschulniveau. Das bringt nicht nur für Studenten und Unternehmen Vorteile – die FH bleiben am Ball und kennen die Bedürfnisse der Unternehmen. Dadurch kann auf Veränderungen unmittelbar reagiert werden. „Schließlich warten die Herausforderungen nicht, bis es für sie Absolventen gibt, sondern es ist ein laufender interaktiver Prozess“, so Raffaseder.

 

Pilotfabriken für Industrie 4.0

Dass der Weg immer mehr Richtung Kooperationen gehen muss, demonstriert die „Plattform Industrie 4.0“. Experten aus den unterschiedlichen Bereichen stehen durch sie im ständigen Dialog, wie die Zukunft in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung proaktiv gestaltet werden kann. Eines der Mitglieder ist die FH Technikum Wien, die mit ihrer „Digitalen Fabrik“ Studenten und Unternehmen die Möglichkeit bietet, unter realen Bedingungen Industrie-4.0-Anwendungen kennenzulernen und zu entwickeln. Pilotfabriken sind vor allem die Stärken der Universitäten. Die TU Wien entwickelte eine der ersten in Kooperation mit zahlreichen Industrieunternehmen in der Seestadt Aspern, laufend entstehen weitere. Bis 31. März läuft im Rahmen der FTI-Initiative „Produktion der Zukunft“ die Ausschreibung für zwei Pilotfabriken Industrie 4.0 mit den Schwerpunkten „Fertigung diskreter Güter“ und „Verfahrenstechnische Produktion“.

Auch die TU Graz hat mit dem IBL LeanLab am Institut für Industriebetriebslehre und Innovationsforschung eine Lernfabrik eingerichtet. „Eine zielgerichtete Ausbildung von Studierenden, aber auch die Weiterbildung von bereits in der Industrie tätigen Personen im Bereich Industrie 4.0“, so Feucht. Zudem begrüßt die IV, dass die Montanuniversität Leoben, die Technischen Universitäten in Wien und Graz und die Johannes-Kepler-Universität Linz Stiftungsprofessuren in enger Kooperation mit Wirtschaft und Industrie zum Thema Industrie 4.0 eingerichtet haben.

Digitalisierung ist kein rein technologisches Phänomen, sondern ein gesellschaftliches. Daher geht es nicht nur um neue Inhalte oder neue Methoden, die in die Ausbildung integriert werden müssen, sondern um das Erkennen, welche neuen Arbeits- und Geschäftsmodelle sich mit dem gesellschaftlichen Wandel auftun. „Die Hochschule als Gesamtheit benötigt eine neue Kultur. Sie muss sich völlig neu positionieren“, ist Raffaseder überzeugt. „Die Digitalisierung bringt einen neuen Umgang und Zugang mit Wissen und führt zu einem Paradigmenwechsel.“ Hochschulen dürften sich nicht länger als reine Institutionen verstehen, die durch die Wissenschaft geprägt sind, ständig absichern und kontrollieren. „Die erfolgreichen Player in der Digitalisierung sind jene, die sich öffnen und experimentieren“, meint der FH-Professor.

 

Uni als Kooperationsplattform

Bestes Beispiel sind die Geschäftsmodelle der führenden Konzerne. Waren vor zwanzig Jahren noch produktorientierte Unternehmen am erfolgreichsten, sind es heute Plattformen, die selbst über keine eigenen Produkte verfügen (Google, Facebook usw.). Wie legt sich das auf Hochschulen um? „Hochschulen sind noch immer sehr produktorientiert, in dem Sinne, dass man in der Lehre Studienprogramme und Abschlüsse anbietet und in der Forschung Patente und Prototypen erzeugt.“ Raffaseder sieht in Zukunft das Modell der Hochschule als Plattformen, die „nicht alles allein machen, sondern sich öffnen und bewusst mit unterschiedlichen Stakeholdern – speziell mit Start-ups – kooperieren“. Mit dem Ziel, „den Austausch zu ermöglichen und sich gegenseitig zu pushen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2017)

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