Funktion und Gestaltung versöhnt

Architektur. Um Nachhaltigkeit umfassend in der Planung und Gestaltung von Gebäuden zu berücksichtigen, sind transdisziplinäre Ansätze gefragt.

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(c) imago/blickwinkel (imago stock&people)

Wenn im April an der Universität Innsbruck der neue Universitätskurs „Lebens.Räume im Wandel nachhaltig gestalten“ startet, dann ist das ein weiterer Schritt zur Kombination von Ästhetik und Nachhaltigkeit. Zwei Drittel der Anmeldungen kommen von Architekten, „doch wir hoffen, dass auch aus anderen Berufszweigen und besonders aus der Verwaltung und Politik Anmeldungen kommen, da der Kurs auch als transdisziplinärer Prozess zwischen diversen ,Raumfachleuten‘ zu betrachten ist“, sagt Andreas Flora, Architekt und Mitglied des Lehrteams. Nachhaltigkeit verlange einen Ansatz, der in früheren Gesellschaften, die wesentlich lokaler und kleiner strukturiert organisiert waren, eine Selbstverständlichkeit darstellte: „Nämlich einen universellen. Heute sagt man dazu Transdisziplinarität“, so Flora. In zwei Semestern will man den Teilnehmern die Grundlagen zu Begriffen und Konzepten nachhaltiger Regionalentwicklung und regionaler Governance unter Bedingungen von ökosozialer Transformation oder einer Postwachstumsgesellschaft nahebringen. Angewendet und diskutiert werden sie dann direkt am Beispiel einer Region. „Wenn man Nachhaltigkeit im Sinne des Anspruchs, ökonomische, ökologische und soziale Agenden in Einklang zu bringen, ernsthaft anstrebt, ist die Planung um einiges vielschichtiger. Man darf sich nämlich nicht mit dem direkten Energiebedarf eines Gebäudes begnügen, sondern muss den gesamten Wirkmechanismus einer Bautätigkeit berücksichtigen“, erläutert Flora. So müsse ein nachhaltiges Gebäude funktional und formal gute Architektur sein, denn ästhetisch nicht gelungene hätten erfahrungsgemäß eine geringere Lebensdauer als „schöne“ Bauten.

Nachhaltigkeit in der Architektur, also humanökologische, bauphysikalische und bauökologische Aspekte sowie „Bauen mit der Sonne“ waren an der TU Wien schon in den 1990er-Jahren Thema, „und wir waren damit nahezu allein auf weiter Flur“, sagt Karin Stieldorf, Ko-Leiterin des postgradualen, viersemestrigen Masterstudiengangs Nachhaltiges Bauen, der gemeinsam mit der TU Graz durchgeführt wird. Geforscht wird seit Langem an der Entwicklung nachhaltiger Bewertungsinstrumente.

 

Nicht nur als Wahlfach

Davor, Nachhaltigkeit als Etikett zu gebrauchen, warnt Bob Martens, Vizedirektor des Continuing Education Center der TU Wien: Nachhaltigkeit ist als Begriff ein wenig strapaziert. Die Einbindung in der Lehre erfolgte an manchen Ausbildungsstätten zunächst in Form von Wahlfachangeboten. Und weil das als unbefriedigend betrachtet wurde, entstand der Universitätslehrgang. „Die Absolventen sollen dazu befähigt sein, in der Projektentwicklung, bei der Planung und Ausführung sowie beim Betrieb und der Beseitigung von Bauwerken die Grundsätze nachhaltigen Wirtschaftens in ökologischer, ökonomischer und soziokultureller Hinsicht realisieren zu können“, erklärt Martens.

Dass nachhaltig und schön schwierig zu vereinbaren sind, hielt sich lange Zeit hartnäckig in den Köpfen von Planern und Häuslbauern. „Die Skepsis der letzten Dekaden gegenüber einer unzureichenden Ästhetik der nachhaltigen Architektur stammt aus der Zeit der identisch anmutenden Passivhäuser mit ihren dicken Außenhüllen“, sind sich Christian Polzer und Ana-Maria Simionovici von der FH Campus Wien einig. Die Leiter des Bachelor- beziehungsweise Masterstudiengangs Green Building betonen, dass es im Rahmen der Studien von Anfang an darum gehe, „dass bereits bei der Planung sowie beim Entwurf eines Bauwerkes nachhaltige Aspekte nicht nur einbezogen, sondern ins Zentrum gerückt werden“.

 

Digitalisierung verändert Planung

Der Nachhaltigkeitsaspekt beeinflusst die Vorgehensweise in der architektonischen Planung inzwischen sehr, was nicht zuletzt durch die fortschreitende Digitalisierung der Entwurfs- und Bautätigkeit möglich geworden ist. Die Projektentwicklung orientiert sich dabei an einer Lebenszyklusbetrachtung, wobei energieoptimierte und ressourcenschonende Lösungen angestrebt werden. Konkret: „Speziell klimatische und nutzungsbedingte Komponenten fließen in die Niedrigst-Energie-Haus-Planung ein, aktuell ergänzt durch ökologische Materialwahl, Flexibilität, Nutzungsoffenheit, lokale Bezüge zu Tradition und Topografie sowie Integration von erneuerbaren Energieträgern“, erläutert Stieldorf. Arbeiten im Team und laufende Unterstützung durch Planungstools seien dabei notwendig, um die vielfältigen Anforderungen unter einen Hut zu bringen, ohne die gestalterische Qualität zu mindern.

Dem sogenannten kontextsensitiven Bauen und der Vermittlung desselben widmet sich die Donau-Universität Krems. „Dabei soll das Bewusstsein für Ganzheitlichkeit geschärft werden. Beispielsweise für die Umgebung, in der ein Gebäude steht, für die Menschen, die darin wohnen oder arbeiten, sowie den Verbrauch des Hauses“, erklärt Richard Sickinger, Leiter des Masterstudienganges Future Building Solutions. Deshalb sollen Bautechniker und Architekten zusammengebracht werden, „weil der Austausch Spannungen und Vorurteile beseitigen helfen möchte“. Schließlich sei Europa in puncto Nachhaltigkeit und Energieeffizienz beim Bauen führend. Und das solle auch so bleiben. Der Start des neuen Studiengangs ist für Herbst 2018 geplant.

Web:www.donau-uni.ac.at ,www.nachhaltigesbauen.euwww.uibk.ac.at/fakultaeten/architektur

 

www.cec.tuwien.ac.at/programme

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2017)

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