In Gefängnissen ist das Online-Lernen auf dem Vormarsch

Über eigens gesicherte Tablets kann sich die schwierige Klientel auch in der Einschlusszeit bilden. Viele müssen aber erst lernen, wie man einen Computer sinnvoll einsetzen kann.

Bei Häftlingen sind aber Motivation und die Fähigkeit zu lernen oft eingeschränkt.
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Bei Häftlingen sind aber Motivation und die Fähigkeit zu lernen oft eingeschränkt.
Bei Häftlingen sind aber Motivation und die Fähigkeit zu lernen oft eingeschränkt. – (c) Clermens Fabry

In Österreichs und Deutschlands Gefängnissen wird bei der Vorbereitung von Häftlingen auf ihr Leben nach der Entlassung immer mehr auf Online-Lernplattformen gesetzt. Das berichtet Svenje Marten vom Berliner Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft (IBI) in der aktuellen Ausgabe des Magazins "erwachsenenbildung.at".

Während vor wenigen Jahren der Einsatz von pädagogisch wertvollen Internetseiten noch "undenkbar" gewesen wäre, seien die Justizanstalten hier nun "beobachtbar offener" geworden. In Österreich gebe es etwa Ideen, dass Häftlinge nicht nur in den Schulungsräumen, sondern über spezielle Mediensysteme oder Lösungen wie eigens gesicherte Tablets auch während der Einschlusszeiten im Haftraum Bildungsinhalte abrufen können sollen.

Auch Tests, geschützte E-Mails und Foren nutzbar

Die seit 2009 vom IBI betreute Lernplattform "elis - eLearning im Strafvollzug" ist derzeit an über 1.000 Lernplätzen in mehr als 100 Gefängnissen in Österreich und zwölf deutschen Bundesländern abrufbar. Die Plattform bietet den Häftlingen nicht nur 380 verschiedene zentral verwaltete Lernprogramme für Schul- und Berufsbildung, Medien-, Sozial- und Alltagskompetenzen. Über "elis", das über spezielle Sicherheitsserver mit den österreichischen und deutschen Gefängnissen verbunden ist, können sie u.a. auch geprüfte Internetseiten ansteuern, Lern-Management-Systeme wie Gruppenverwaltung oder Tests und geschützte E-Mails und Foren nutzen.

Motivation und Fähigkeit zu lernen oft eingeschränkt

Beim Lernen im Gefängnis trifft ein schwieriges Klientel auf Barrieren bei den Lernmöglichkeiten: In Österreich sitzen (Stand Juni 2016) knapp 9.000 Personen im Gefängnis, davon weit über 90 Prozent Männer. Nur wenige haben laut dem Bericht eine Schul- oder Berufsausbildung abgeschlossen, viele hätten Ausbildungen abgebrochen oder negative Erfahrungen mit dem Thema gemacht, Motivation und die Fähigkeit zu lernen seien bei dieser Gruppe oft eingeschränkt.

Aber auch das Lernen in Haft bringt für die Insassen und ihre Lehrer diverse Einschränkungen mit sich: Sicherheit und Ordnung haben oberste Priorität, die Lernzeiten und der Zugang zu Unterrichtsmaterial sind dementsprechend eingeschränkt. Dazu kommt, dass in den Lerngruppen nicht nur Häftlinge mit extrem unterschiedlichem Wissensstand zusammenkommen, wegen der unterschiedlichen Haftdauer findet in der Gruppe auch ein ständiger Wechsel statt.

Unterlagen teils für Kinder gemacht

Dazu kommt, dass es wenig Bildungsmaterial gibt, das den Anforderungen an die Zielgruppe entspricht: Oft passt zwar das Fachniveau, die Unterlagen sind aber für die Zielgruppe Kinder und Jugendliche gemacht; oder die Inhalte (etwa für berufliche Bildung) passen, sind aber für die Inhaftierten zu anspruchsvoll aufbereitet.

Laut dem im Bericht zitierten Oberlehrer der Justizvollzugsanstalt Sehnde in Niedersachsen, Karsten Rehse, müssen die Häftlinge auf eine sinnvolle Nutzung von "elis" allerdings gut vorbereitet werden: Viele müssten erst lernen, wie man einen Computer sinnvoll einsetzen kann, wie man etwa sinnvolle und kritische Informationen aus dem Internet bekommt oder ein Textverarbeitungsprogramm nutzt. Auch mit selbst gesteuertem Lernen hätten die Insassen oft nur wenig Erfahrung.

Gleichzeitig biete "elis" die Chance, dass die Häftlinge einen neuen Zugang zum Lernen finden - schon allein, weil die Motivation, per Computer zu lernen, oft größer sei als bei klassischen Medien wie einem Buch. Dazu komme, dass "elis" für die "Schüler" schlicht auch Abwechslung in ihren Gefängnisalltag bringe.

Während in Deutschland "elis" vor allem im Schulunterricht der Gefängnisse eingesetzt wird, kommt die Lernplattform in Österreich laut Marten vorrangig in Selbstlernphasen und betreuter Freizeit zum Einsatz, oft mit Unterstützung von Sozialpädagogen und Justizwachebeamten. Häufig genutzte Inhalte seien etwa Internetseiten für Jobsuche oder Bewerbungsschreiben, Lernprogramme etwa zur Alphabetisierung oder Freizeitangebote wie "Gehirnjogging". Besonders beliebt bei "elis" sind außerdem die Übungsmodule, um den Europäischen Computer-Führerschein zu erlangen. Auch die entsprechende Prüfung kann über "elis" abgelegt werden.

 

(APA)

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