23.05.2012 22:56 | Meine Presse Merkliste 0

Religiöses Wissen: Wie ein gesellschaftliches Labor

28.10.2011 | 16:34 |  von erika pichler (DiePresse.com)

Über andere Glaubensrichtungen schlecht informiert zu sein wird langsam zum beruflichen No-go. Weiterbildung kann abhelfen, und neue Karrierewege öffnen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Gelten im Ramadan für muslimische Mitarbeiter besondere Regeln? Muss man mit jüdischen Geschäftskunden koscher essen gehen? Und ist es ignorant, über religiöse Feste nichts zu wissen? Österreich ist nicht nur multikulturell, sondern damit auch multireligiös: Von Kindergartenfesten bis zum Turnunterricht, von Ernährungsfragen bis zum Kopftuchthema: Je besser man über andere Religionen Bescheid weiß, umso professioneller kann man in seinem Berufs- oder Alltagsleben reagieren. Die Weiterbildungsszene reagiert auf den steigenden Bedarf an religiösem Know-how.

Akademie der Religionen

Ein niederschwelliges und dennoch qualitativ hochstehendes Angebot für ein breites Publikum zu schaffen ist Ziel des Zentrums für „Religion und Globalisierung" der Donau-Universität Krems. Deren neue „Akademie der Religionen" soll Interessierten die Möglichkeit bieten, sich mehrmals pro Semester an Wochenenden mit jeweils einer Glaubensrichtung auseinanderzusetzen - in Theorie und Praxis. Auf Letztere werde besonderer Wert gelegt, so der Religionswissenschaftler Ernst Fürlinger, Leiter des Zentrums und der Akademie: „Wir besuchen die Räumlichkeiten der jeweiligen religiösen Gemeinschaft und versuchen, den Teilnehmern die Schwellenangst zu nehmen. Die wissenschaftliche Perspektive wird immer mit der Begegnung verbunden. Insofern handelt es sich hier um ein Pilotprojekt."
Örtlichkeiten, Feiern und Rituale anderer Religionen kennenzulernen soll also ein Charakteristikum der Akademie werden. Das erste Seminar mit einer Einführung zum Judentum Anfang November findet daher nicht in Krems, sondern im Zentrum der niederösterreichischen jüdischen Gemeinde in Baden sowie in St. Pölten statt. Dort besteht die Gelegenheit, an einer Feier zum Gedenken des Novemberpogroms 1938 auf dem alten jüdischen Friedhof teilzunehmen. Für die fachliche Expertise stehen Experten der Universität Wien, der Jüdischen Gemeinde Baden sowie des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs zur Verfügung.

Kulturen im Dialog

Im Jänner geht es um das Alevitentum - eine liberale Ausprägung des Islam, das nicht auf die Scharia, sondern auf die Eigenverantwortlichkeit des Menschen setzt. Als wissenschaftlicher Experte wurde dazu Martin Sökefeld von der Universität München eingeladen. Fürlinger freut sich, dass „anlässlich dieses Seminars erstmals Vertreter aller Richtungen der in Österreich erst seit Kurzem anerkannten religiösen Gemeinschaft an einem Tisch sitzen."
Die Termine des Sommersemesters sind dem Buddhismus und dem sunnitischen Islam gewidmet, im Studienjahr 2012/13 stehen die Bahai-Religion, der schiitische Islam, Orthodoxie sowie primäre Traditionen wie Schamanismus und Hindu-Religionen auf dem Programm. Jedes Seminar ist einzeln buchbar, wer 80 Prozent der Seminarreihe besucht, erhält ein Zertifikat der Donau-Universität Krems über die Teilnahme.

Interkulturell geprägte Weiterbildungsprogramme führt auch die Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems (KPH) durch. Die ökumenische, größte pädagogische Hochschule Österreichs bildet Pflichtschullehrer aus und weiter. „Die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft, die sich in Schulen spiegelt, fordert Lehrern Sensibilität für religiöse Themen ab, nicht nur im Fach Religion", erklärt Thomas Krobath, Vizerektor für Forschung, Kooperationen, Ökumene und Interreligiöse Kontakte der KPH.

Trotz des Schwerpunkts in der pädagogischen Ausbildung ist man bemüht, Weiterbildung für die interessierte Öffentlichkeit anzubieten. So wurde eine Schiene unter dem Titel „Interkulturalität und Friedenserziehung" aufgebaut. Die Module des früheren viersemestrigen Lehrganges „Kulturen und Religionen im Dialog" können inzwischen einzeln gebucht und belegt werden. Es werden interreligiöse Spaziergänge als Weiterbildung für Kindergartenpädagogen angeboten. Seit Jahren wird in Zusammenarbeit mit dem Religionspädagogischen Institut der Universität Wien das Projekt „Lebenswerte Schule" durchgeführt.

Ein internationaler Kongress zum Thema „Kultur der Anerkennung" im Mai kommenden Jahres steht nicht nur Pädagogen offen, sondern auch Bildungswissenschaftlern und allen, die mit Fragen interreligiöser Erziehung befasst sind.

Konfessionsreiche Unilehrgänge

Parallel zu kompakten Weiterbildungen in Seminarform ist Interreligiöses in den Fokus einiger Universitätslehrgänge gerückt. Der zweisemestrige berufsbegleitende Universitätslehrgang „Muslime in Europa" des Instituts für Bildungswissenschaft der Universität Wien richtet sich an Imame, Religionsbeauftragte und islamische Seelsorger, die ihre Ausbildung meist in ihren Herkunftsländern erworben haben. Durch den Lehrgang unter der Leitung von Ednan Aslan, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Wien, erhalten sie das landeskundliche und pädagogische Rüstzeug für die Arbeit in Moscheen und Vereinen.

Auch der berufsbegleitende Universitätslehrgang „Islam und Migrationen in Europa", der bereits 2010 an der Donau-Universität startete, widmet sich dem Thema. Das Programm bietet sowohl die Möglichkeit, sich nach zwei Semestern zum „Akademischen Experten" zertifizieren zu lassen, als auch nach weiteren zwei Semestern zum „Master of Advanced Studies" (MAS) zu graduieren. „Ursprünglich war der Lehrgang für Personen gedacht, die beruflich mit dem Islam zu tun haben", sagt Fürlinger. „Es haben sich dann aber auch etliche Muslime selbst dafür interessiert, sodass wir jetzt eine schöne Mischung haben: Personen aus der Integrationsarbeit, aus Ministerien, aber auch Religionslehrer. Wir haben Säkularisten und Atheisten, liberale und orthodoxe Muslime unter uns und sind so zu einer Art gesellschaftlichem Laboratorium geworden." Der nächste Islam-Lehrgang beginnt im Herbst 2012.

Spirituelle Begleitung

Eben dann soll auch der noch in Planung befindliche Universitätslehrgang für „Spirituelle Begleitung" starten. Das Tätigkeitsfeld der fachlich kompetenten Begleitung von Kranken, Sterbenden oder Menschen in schwierigen Lebenssituationen wird mit dem Kremser Masterlehrgang erstmals als zweijährige universitäre Ausbildung angeboten. „Auch in der spirituellen Begleitung ändern sich die Anforderungen durch die Pluralisierung der Gesellschaft", sagt Fürlinger. „Wir befassen uns damit, wie Seelsorge in den unterschiedlichen religiösen Gemeinschaften aussehen kann."

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

4 Kommentare
Gast: Hilde
16.11.2011 00:42
0 0

Fortbildung

ich muss gestehen dass ich über andere Glaubensrichtungen wie Islam nicht so gut informiert bin aber wieso soll das zum beruflichen No-go werden? die regeln der beruflichen schlagfertigkeit und der umgang mit kollegen kenne ich durch erfahrungen und konnte ich vor kurzem bei einem microtraining vertiefen. Ich finde e also nicht so relevant, ob man sich im beruf mit religion gut auskennt...Solange man nich als religionslehrer arbeitet muss man kein fachman auf dem gebiet sein, oder?

Gast: Pinoy
03.11.2011 22:33
2 1

gib dem Kaiser, was des Kaisers ist

. . . wir sind Christen und überzeugte Demokraten.
Der Islam ist eine Staatsreligion und mit der laizistischen Kultur des christlichen Abendlandes unvereinbar.

2 0

Über andere Glaubensrichtungen schlecht informiert zu sein wird langsam zum beruflichen No-go.

Ach?
Wissen das die Muslime auch?

Gast: Gutmeinender
29.10.2011 10:53
0 0

Wenn doch die katholischen Priester

Wenn doch die katholischen Priester über die katholische und die christliche Religion Bescheid wüßten!

Und nicht nur über ihre persönlichen Wehleidigkeiten.

Und die soziale, irdische Gerechtigkeit.

Schlagzeilen Bildung