„Unsere Haustiere haben in den letzten Jahren einen anderen Stellenwert bekommen“, erzählt der Tierpsychologe Dieter Pouzar. Vom aus rationalen Gründen gehaltenen Mäusefänger oder Einbrecherschreck sind sie vielerorts zum geliebten Familienmitglied geworden. „Dieser emotionalen Bindung entsprechend sind die Leute bereit, in ein harmonisches Miteinander zu investieren“, so Pouzar. Sein Know-how ist vor allem im städtischen Bereich gefragt, „denn auf engem Raum sind gewisse Bewegungsbedürfnisse eben nur schwer erfüllbar und Probleme somit programmiert.“
Dessen ist sich auch der gelernte Tierpfleger Karl Lang bewusst. Als gefragter Filmtiertrainer – zum Beispiel des sprechenden Schweins in der Werbung für eine heimische Bio-Marke – verpflegt er ein „Archiv aus 400 Tieren“. Damit diese vor der Kamera ihre Leistung bringen können, gehe es 365 Tage im Jahr darum, „ihnen ein schönes und entspanntes Leben zu verschaffen. Nur in einem Tipptopp-Zustand sind sie psychischen Belastungen gewachsen“, so Lang, der früher wie Pouzar im Bereich der Tierverhaltensberatung tätig war. Dabei machte er Bekanntschaft mit „Hunden, die ihre Besitzer als Dienstboten betrachten und Leuten, die seit fünf Jahren keinen Besuch mehr empfangen, weil sich das Tier dann so aggressiv gebärdet.“
Wissen durch Beobachtung
Das Spektrum an gestörten Verhaltensweisen ist breit – sei es das „große Geschäft“ in den Teppichfasern, die in Fetzen hängende Couch oder Verletzungen durch aggressives Verhalten – all das sind Vorfälle, mit denen Pouzar in seiner fünfjährigen Praxis als Tierverhaltensberater immer wieder zu tun hat. Ab kommendem Jahr gibt er seinen Erfahrungsschatz in dem neuen bfi-„Diplomlehrgang Tiercoach“ weiter. Er richtet sich an Personen wie Tierärzte oder Tiertrainer, die bereits beruflich mit Hunden und Katzen zu tun haben und ihre Kenntnisse auf dem Gebiet erweitern wollen, aber auch an all jene, die sich nach dem Lehrgang als Tiercoach selbstständig machen wollen.
In 224 Einheiten wird den maximal 15 Teilnehmern über ein Jahr hinweg beigebracht, die Körpersprache von Hund und Katz zu lesen. Auf Basis dieser Analyse gilt es, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen und an den Tierhalter zu vermitteln: „Dafür braucht es Fingerspitzengefühl und die Fähigkeit, unangenehme Dinge ansprechen zu können. Und zwar auf eine Art, die beim Besitzer die Bereitschaft zur Mitarbeit fördert“, sagt Pouzar. Denn nur durch eine konsequente Umstellung des eigenen Verhaltens lässt sich eine positive Veränderung beim Tier bewirken. „Der Diplomlehrgang gibt dafür nur die Methoden in die Hand“, so der Kursleiter, „die Hauptarbeit liegt beim Besitzer.“ Neben Lehrgangsinhalten wie Verhaltensbiologie und -störungen geht es ihm vor allem um das Training in der Praxis. „Wir werden regelmäßig mit Problemfällen arbeiten“, kündigt Pouzar an. Auch Exkursionen, zum Beispiel in das Wolfsforschungszentrum Ernstbrunn, sind geplant.
Pouzar hat sein Wissen auf mehreren Wegen erworben. Er machte unter anderem die „Ausbildung zum Systemischen Tierkommunikator“ am WIFI Wien. Sie wird seit 2007 angeboten und verfolgt das Ziel, „aus dem Verhalten und den körperlichen Symptomen von Tieren zu lernen. Dabei erkennt man auch Entwicklungsmöglichkeiten für sich selbst“, schildert die WIFI-Geschäftsfeldleiterin Getrude Wirth.
Wissen aus der Ferne
Neben diesen beiden Präsenzveranstaltungen gibt es eine dritte Weiterbildungsschiene: die Fern- und Kombistudiengänge der Schweizer Akademie für Tiernaturheilkunde (ATN). Seit 1992 mit Kursen wie „Tierpsychologie“ und „Hundetrainer“ am Markt, bietet die ATN auch ein Studium der Hundepsychologie mit Spezialisierung auf Verhaltensberatung. Es umfasst 20 Pflicht- und drei fakultative Lektionen. „Diese Spezialisierung ist sinnvoll, da das Wissen in diesem Bereich gewaltig groß geworden ist“, meint der ATN-Dozent und Biologe Joachim Leidhold. So drehen sich elf Lektionen rein um Verhaltensstörungen und deren Therapiemethoden. Das Beratungsgespräch und die Kommunikation mit dem Kunden bildet im Zuge dessen ebenfalls einen Schwerpunkt. „Das Teilnehmerspektrum ist breit gefächert, aber der Lehrgang wird gerne von Leuten gebucht, die bereits seit Längerem in der Hundepraxis aktiv sind und ihr Know-how auf ein wissenschaftlich abgesichertes Fundament stellen wollen“, sagt Leidhold.
Der Fernlehrgang wird durch Praxisseminare ergänzt, die spätestens ab 2013 neben Deutschland und der Schweiz auch in Österreich abgehalten werden sollen. „Wir folgen dem Trend der Universitäten, in denen mehr Auswahlmöglichkeit bezüglich der Seminare geboten wird, und ermöglichen, Schwerpunkte je nach Interesse und Vorkenntnissen individuell zu setzen“, so Leidhold. Für den virtuellen Austausch sorgt eine Onlineplattform. „Dort treffen sich Schüler mit den Dozenten und besprechen Fälle und Hausaufgaben“, so Leidhold. Auch Filmmaterial komme dabei zum Einsatz.
Wissen in der Zukunft
An der Vet-Med-Uni Wien wird gerade an einem Curriculum für das Studium der „Mensch-Tier-Beziehung/Anthrozoologie“ gearbeitet. „Es wird voraussichtlich ab dem Wintersemester 2012/13 in Kooperation mit der Messeli-Stiftung angeboten“, so Felizitas Steindl von der Vet-Med. Schon jetzt gibt es den Universitätslehrgang „Angewandte Kynologie“ (Hundekunde).
WEITERE INFORMATIONEN UNTER: www.bfi-wienakademie.at
► Die nächste Ausbildung zum „Systemischen Tierkommunikator“ startet am 11. November 2012. Kosten: 3800 Euro. Infoabend: 30. März.
WEITERE INFORMATIONEN UNTER: www.wifiwien.at
► In den Fernstudiengang „Hundepsychologie mit Spezialisierung auf die Verhaltensberatung“ kann man jederzeit einsteigen.
WEITERE INFORMATIONEN UNTER: www.atn-ag.ch
► Das Studium „Mensch-Tier-Beziehung“ an der Vet-Med-Uni Vienna wird voraussichtlich im Wintersemester 2012/2013 starten.
WEITERE INFORMATIONEN UNTER: www.vu-wien.ac.at
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