Zwischen Himmel, Herz und Hörsaal

06.04.2012 | 18:43 |  ALEXIA WEISS & DANIELA MATHIS (Die Presse)

So mancher sucht zu Ostern Antworten auf ethische und religiöse Fragen. Möglichkeiten für Inspiration, Diskussion und Herzensbildung.

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Woran glaubt der Mensch? Welchen Werten fühlt er sich daher verpflichtet? Und wie setzt er sie im (beruflichen) Alltag um?

Für viele Menschen haben fixfertige Vorgaben ausgedient – tiefgläubige Christen, Muslime oder Juden, die die Verhaltensregeln ihrer Religion auch im Alltag voll ausleben, sind in unseren Breiten ebenso selten wie hochgeistige Philantropen. Die aufgeklärte Gesellschaft hat sich auf einen grundlegenden Wertekanon geeinigt, doch was darüber hinausgeht, wird vielfach aus diversen Quellen zusammengesetzt – und die eigene Glaubenswelt gebastelt.

 

Ethik: Selbst denken lernen

Auch die Weiterbildung hat den Trend erkannt – vor allem für Führungskräfte und Lehrer gibt es einige Angebote, die aber auch anderen offenstehen. Etwa der Universitätslehrgang „Ethik“ an der Universität Wien. Programm-Manager Robert Staubmann klärt auf, was darunter zu verstehen ist: „Die Ethik kann sich als philosophische Disziplin zur Kritik oder Begründung normativer Verbindlichkeiten nicht auf religiöse, das heißt nicht auf partikular akzeptierte Autoritäten – ,Heilige Schriften‘, ,Wort Gottes‘ – berufen. Sie arbeitet mit Argumenten, die für jeden autonom einsetzbar und im Zug rationaler Überprüfung gegebenenfalls auch zu revidieren sind.“

Ethik sei also nicht, wie oft fälschlicherweise angenommen, eine „Wertevermittlung, sondern die Beförderung des selbstständigen Denkens, der Urteils- und Argumentationskompetenz“, betont Staubmann.

Der Universitätslehrgang wendet sich nicht nur an Oberstufenlehrer oder Lehramtsstudierende, die im Rahmen des Schulversuchs Ethik unterrichten wollen. „Religion und Ethik als alternative Unterrichtsfächer zu sehen, greift zu kurz.“ Auch Teilnehmer aus anderen Berufen sind willkommen – aber noch selten anzutreffen.

 

Symposium: Geist und Materie

Ethik ist auch das Thema, dem sich der Dalai Lama am 25. Mai bei einem Vortrag in der Stadthalle widmen wird: „Jenseits von Religion – Ethik und menschliche Werte in der heutigen Gesellschaft“ lautet das konkrete Thema. „Darin wird der Dalai Lama seine Anschauungen zur Entwicklung einer säkularen Ethik mit dem Schwerpunkt auf Förderung der menschlichen Werte legen“, sagt Lucia Waldhör vom Tibetzentrum.

Der Dalai Lama ist auch bei dem Symposium „Geist und Materie – neue Modelle der Wirklichkeit“ zu Gast, zu dem die Universität Wien am 26. Mai gemeinsam mit dem Tibetzentrum lädt. Im Fokus stehen hier Buddhismus und Wissenschaft, als prominenter Referent spricht neben dem Dalai Lama der Quantenphysiker Anton Zeilinger. Ebenfalls zu Wort kommen die Psychologin Patrizia Giamperi-Deutsch, der Neurowissenschaftler Wolf Singer oder der Religionswissenschaftler Michael von Brück.

Bei dem Symposium sollen die philosophischen Grundlagen des Buddhismus neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen aus den Bereichen Neurowissenschaften und Physik gegenübergestellt werden, sagt Waldhör. Es gehe um einen „offenen Austausch von naturwissenschaftlichen und buddhistischen Ideen mit dem Ziel, einen Dialog über neue Modelle der Realität mit einem multidisziplinären Ansatz zu beginnen“. Grundsätzlich beobachte man im Tibetzentrum, dass das Interesse an der Funktionsweise und dem Potenzial des menschlichen Bewusstseins groß sei.

 

Vermitteln: Religion im Wandel

Austausch wird auch an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems großgeschrieben. Die Hochschule ist ökumenisch getragen, betont Heribert Bastel, Leiter des Instituts für die Ausbildung von Religionslehrern. Träger sind die katholische, evangelische, altkatholische, orthodoxe und orientalisch-orthodoxe Kirche. Neben konfessionell getrennten Lehrveranstaltungen gibt es auch viele, die gemeinsam besucht werden. Man blickt aber auch über den christlichen Tellerrand hinaus. „Der Lebensraum Schule ist ganz intensiv von gesellschaftlichen Entwicklungen geprägt, daran muss sich auch eine Aus- und Fortbildungseinrichtung wie die KPH Wien/Krems orientieren. Da sich in den Lebenswelten der Schüler und Schülerinnen interreligiöse Begegnung am intensivsten mit Muslimen ereignet, muss auch der Dialog mit dem Islam die dementsprechende Bedeutung erfahren.“

Am 16. April bietet die Hochschule hier zum Beispiel die Fortbildungsveranstaltung „Westliches Wirtschaftsmodell und Islamische Ethik: eine Zusammenschau“, am 15. Juni Weiterbildung zum Thema „Muslime und ihre Nachbarn: Interreligiöse Beziehungen und Feiern“. Veranstaltet werden diese Seminare vom Privaten Hochschullehrgang für Islamische Religionspädagogische Weiterbildung (IHL), mit dem die KPH hier kooperiert.

 

Führen: Werte-Management

Mit der richtigen Portion Ethik lässt sich auch im Management einiges bewegen. Zweitägige Seminare wie etwa „Mit Werten führen“ bietet hier die Akademie für Ethisches Management in Pfaffstätten. Ziel ist laut Geschäftsführerin Christine Richter, ethisches Denken und Handeln verstärkt in die Unternehmensführung zu integrieren. An der Akademie für Wirtschaft und Spiritualität ist man der Überzeugung, dass gute Führung aus geistigen Quellen schöpft. Wie man sich von der Ich-Zentriertheit verabschiedet und das größere Ganze sieht, wird beispielsweise in dem Seminar „Spirituell Führen“ vermittelt.

 

Auf einen Blick

Universitätslehrgang „Ethik“, vier Semester, für Ethiklehrer und Interessierte anderer Sparten wie Wirtschaft, Technik, Medizin, Recht, Journalismus und Politik konzipiert.

Der Dalai Lama spricht am 25. Mai zum Thema „Jenseits von Religion – Ethik und menschliche Werte“. Am 26. Mai ist er beim Symposium „Geist und Materie – neue Modelle der Wirklichkeit“ zu Gast.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.postgraduatecenter.at/lehrgaenge/bildung-soziales/ethik/

www.dalailama.at

www.kphvie.ac.at/fort-weiterbildung/

www.ethik-akademie.at

www.awitaet.at


Im Magazin „Upgrade“ der Donau-Universität präsentiert Sabine Knaak ihre Trendstudie über die Werte des mittleren Managements.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.donau-uni.ac.at/upgrade

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2012)

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