Mit der Seestadt Aspern und dem Areal des neuen Hauptbahnhofs entstehen aktuell in Wien urbane Lebensräume. Doch wer prägt ihr Bild und ihre Strukturen? In die Entwicklung maßgeblich miteinbezogen sind Raumplaner, erklärt Arthur Kanonier, Studiendekan für die Studienrichtungen Raumplanung und Raumordnung an der Technischen Universität (TU) Wien. Sie werden bei allen größeren Stadtentwicklungsprojekten hinzugezogen – auf den verschiedensten Ebenen: bei der Gebietsbetreuung ebenso wie bei der Stadtplanung. Oder sie arbeiten für die ausführenden Büros. In diesen Beruf führt das Masterstudium Raumplanung und Raumordnung an der TU.
Stehen hier die technischen Fragen sowie die Umsetzbarkeit im Vordergrund, werden an der Universität für angewandte Kunst Wien radikalere Zugänge zur Stadtgestaltung gesucht. Der postgraduale MSc-Studiengang „Urban Strategies“ hat dabei das Ziel, ein internationales Kompetenzzentrum an der Schnittstelle von Architektur und Städtebau aufzubauen, sagt die Studiengangs-Koordinatorin Sabine Hochrieser. Die Studierenden können sich im Rahmen des MSc-Studiengangs in drei Bereichen spezialisieren. Da wäre zum ersten „Urban Technique“ – hier ermöglichen nach einer sehr abstrakten Erklärung neue „dynamische Modellierungstechniken spekulative Entwürfe, die ein anderes Verständnis eines Stadtraums fördern“. Das bedeutet, dass mit „Was-wäre-wenn-Szenarien“ gearbeitet wird. „Excessive“ befasst sich mit einer neuen Form von „nicht angepasster Ästhetik und Ausgelassenheit“, so Hochrieser. Hier greift eine kritische Haltung gegenüber formalen Traditionen. „Power Plant City“ nennt sich die dritte Spezialisierungs-Möglichkeit, die ökologische Fragen in den Mittelpunkt stellt. Dieser Zweig „zielt auf einen Paradigmenwechsel zugunsten von Planungsstrategien mit positiver Energiebilanz ab“. Denn, meint Hochrieser, „neue Techniken für eine bessere Energieeffizienz und Lösungen zur Nutzung erneuerbarer Energien sind der Schlüssel für die Sicherung einer nachhaltigen Zukunft“.
Sicherheit im Fokus
Wenn heute neue Gebiete erschlossen oder alte anders genutzt und umgestaltet werden, spielen die Themen Nachhaltigkeit, aber auch Sicherheit grundsätzlich eine große Rolle. Die Energieeffizienz ist dabei ein wesentlicher Faktor für die Nachhaltigkeit. Zur Sicherheit tragen wiederum Hochwasserschutz, aber auch Verkehrssicherheit bei, betont Andreas Kolbitsch, Studiendekan an der TU und dabei für das Masterstudium „Bauingenieurwesen – Infrastrukturplanung und -management“ zuständig. Absolventen sind meist in Ingenieurbüros, Bauunternehmen, der öffentlichen Verwaltung oder universitären Einrichtungen tätig. Sie planen die verkehrstechnische Erschließung von Wohn- und Betriebsgebieten oder die wassertechnische Ver- und Entsorgung.
In Städten entstehen laufend neue Viertel, doch auch am Land müssen sich Regionen den sich ändernden Rahmenbedingungen anpassen. Der demografische Wandel, die globale Erwärmung, globalisierte Wirtschaftsverflechtungen, gemeindeübergreifende und transnationale Verwaltungsräume sowie der gesellschaftliche Wertewandel, all das geht auch an den heimischen Alpen- und Donauregionen nicht vorbei. Der MSc-Studiengang „Rural Studies“ an der Donauuniversität Krems biete hier auch bereits erfahrenen Praktikern neue Perspektiven, Strategien, Instrumente und Lösungsansätze, sagt Lehrgangsleiterin Christine Leitner.
Makrostrategien gefragt
Kooperation statt örtlicher Alleingänge heißt dabei das Erfolgskonzept. „Angesichts von dynamischen Veränderungen in Gesellschaft und Umwelt braucht es gemeinde- und teilweise auch grenzübergreifende regionale Makrostrategien für Tourismus, Verkehr, eine sichere und nachhaltige Energieversorgung, Landschaftsentwicklung, Kulturkooperationen oder qualitätsorientierte Wertschöpfungsketten“, so Leitner. Der Studiengang setzt dabei vor allem auf eine komparatistische Herangehensweise über nationale und kulturelle Grenzen hinweg. So wird auch die berufliche Praxis der Studenten reflektiert – und es ergeben sich neue Impulse und Kontakte.
Für alpine Regionen überlebensnotwendig sind Schutzmaßnahmen gegen Naturgefahren. Diese sind zwar natürliche Prozesse – aber in Zusammenhang mit der menschlichen Siedlungstätigkeit werden Hochwasser, Muren und Lawinen zur Bedrohung, so Johannes Hübl, Leiter des Instituts für Alpine Naturgefahren an der Universität für Bodenkultur. Heute werden in den Alpen jedes Jahr mehr als 100 Millionen Euro in Schutzmaßnahmen investiert. „Aufgrund der Schneeverhältnisse des heurigen Winters wären viele Lawinenabgänge auf Siedlungen und Verkehrswege zu verzeichnen gewesen. Diese wurden durch zahlreiche, in den letzten Jahren errichtete Verbauungen verhindert.“
Wie man dies schafft, lernt man im Boku-Masterstudium „Alpine Naturgefahren/Wildbach- und Lawinenverbauung“. Grundsäulen sind dabei die Prävention vor Naturgefahren, die Risikovorsorge und die Katastrophenbewältigung. Die Lawinen von Galtür waren eine solche Katastrophe. Hier würden beispielsweise seitdem immer noch Maßnahmen zum Schutz vor Lawinen umgesetzt, erzählt Hübl.
Technische Schutzmaßnahmen wie Anbruchsverbauungen gegen Lawinen oder Wildbachsperren haben übrigens eine beschränkte Lebensdauer. Sie müssen regelmäßig kontrolliert und nötigenfalls instandgesetzt werden. Raumplanerische Maßnahmen wie Bauverbote in Gefährungszonen oder Bewirtschaftungsvorgaben im Einzugsgebiet stellen dagegen eine langfristige Lösung dar.
Ein Stück Landschaft in der Stadt
Wer beim Masterstudium „Landschaftsplanung und Landschaftsökologie“ ebenfalls an alpine Täler denkt, übersieht, dass auch Ballungszentren über Grünräume verfügen. In Wien wurde im Zug der Neugestaltung des 75 Hektar großen Areals am ehemaligen Nordbahnhof beispielsweise ein 31.000 Quadratmeter großer Park geschaffen, der Rudolf-Bednar-Park, sagt Erwin Frohmann, vom Institut für Landschaftsarchitektur an der Universität für Bodenkultur. Der Park wurde 2008 fertig gestellt – für das Areal gibt es aber ein Stadtentwicklungsprojekt, das bis ins Jahr 2025 reicht.
Bis dahin sollen hier über 20.000 Menschen leben oder arbeiten. Der Bednar-Park wird für diese Menschen die Rolle der „grünen Lunge“ übernehmen. Ein Merkmal dieser Anlage ist eine Baumreihe aus 280 Bäumen. Schilfgärten sollen an die nahe Donau erinnern. Neben einem Spielplatz für alle Generationen gibt es für Jugendliche einen Bereich zum Skaten und Streetball-Spielen. Bei der Planung wurden so das Gelände, die umliegende Umgebung, aber auch die Bedürfnisse der Nutzer berücksichtigt.
Grundsätzlich bedeute Landschaftsplanung ökologische, gestalterische, soziale und kulturelle Ansprüche an einen Raum zu berücksichtigen, sagt Frohmann. „Damit wird gewährleistet, bestmögliche Lösungen für eine nachhaltige Entwicklung zu finden.“
Das Spektrum der Raumgestaltung reicht von kreativen und künstlerischen Ansätzen bis zu sicherheitsfokussiertem Schutz vor Naturgewalten. Nachhaltigkeit und grenzübergreifende Kooperationen sind gleichermaßen gefragt.
WEITERE INFORMATIONEN UNTER
www.dieangewandte.at/archurban
www.tuwien.ac.at/lehre/masterstudien/bauingenieurwesen/
www.tuwien.ac.at/lehre/masterstudien/raumplanungundraumordnung
www.donau-uni.ac.at/de/studium/ruralstudies/
www.baunat.boku.ac.at/488.html
www.boku.ac.at/2043.html
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2012)
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