Nach gerade einmal zehn Jahren Kinonutzung wurde das Wiener Cineplexx-Center an der Reichsbrücke vergangenen September geschlossen. Der Eigentümer wälzt nun Abrisspläne, statt Filmvorführräumen und der Kinderstadt Minopolis sollen Wohnungen entstehen. Umweltbewusst, kostensparend und anrainerfreundlich ist das nicht gerade: Nachhaltigkeit sieht anders aus. Und wird auch immer mehr eingefordert.
Auswirkungen bedenken
„Nachhaltiges Bauen ist in dem von der Architektur geprägten Hochbau ebenso wie im Ingenieur- und Infrastrukturbau ein starker Trend“, betont Peter Maydl vom Institut für Materialprüfung und Baustofftechnologie der Technischen Universität (TU) Graz. „Die ganzheitliche Betrachtung ökologischer, ökonomischer und soziokultureller Aspekte über den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks rückt immer stärker in den Vordergrund und wird in einigen Jahren Standard sein.“
Die Technischen Unis Graz und Wien haben daher gemeinsam das viersemestrige Programm „MEng Nachhaltiges Bauen“ entwickelt, das im Februar 2013 startet. Vermittelt werden sollen im Masterstudium das Wissen und die Instrumente, um den Nutzen eines Bauwerks für Gegenwart und Zukunft bei minimalen Umweltauswirkungen und Kosten über den Lebenszyklus optimieren zu können. Denn, so Maydl, es gehe nicht mehr nur darum, Funktionalität und Errichtungskosten bei der Übergabe eines Bauwerks zu gewährleisten. Man müsse auch die langfristigen Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft berücksichtigen. Das Programm ist für Berufstätige konzipiert und daher in Modulen aufgebaut.
Wenn man den Fokus auf Nachhaltigkeit legt, kann weniger durchaus mehr bedeuten. „Die fetten Jahre sind vorbei“, sagt der Architekt Richard Sickinger, Programmleiter des Masterstudiengangs „Future Building Solutions“, an der Donau-Universität Krems. „Das wirkt sich auch auf die Art des Bauens aus.“ In vier Semestern wird vermittelt, was zukunftsfähige Häuser ausmacht. „Wir müssen Häuser in angemessener Größe – oder eben Kleinheit – bauen. Wir müssen nach Nutzbarkeit trachten und nicht nach Demonstration von Reichtum.“
Gestalterisch sanieren
Nicht immer geht es zudem um die Errichtung neuer Bauten. Die Studenten befassen sich daher zusehends mit dem immer stärker werdenden Trend zur Werterhaltung und Wertsteigerung von Gebäuden. „Nachhaltige Sanierungen müssen – wie Neubauten – als gestalterische, konzeptionelle Aufgabe verstanden werden.“ Ein Beispiel: Die Fassadendämmung ist eine wirksame Maßnahme zum Klimaschutz – aber nur als Teil eines Gesamtpakets sinnvoll.
Niedriger Energieverbrauch ist heute nicht nur Thema bei großen Bauprojekten – auch der private Hausbauer richtet hier seinen Fokus darauf: Das Passivhaus wird beispielsweise immer öfter nachgefragt. Aber auch Niedrigenergie- und Plusenergiegebäude spielen im Wohnbau heute eine Rolle. Möglich gemacht werden sie durch anspruchsvolle technische Ausstattung. Wie diese am effizientesten eingesetzt werden kann, vermittelt der dreisemestrige Studiengang „Technische Gebäudeausstattung“ des FH Campus Wien, der mit dem Master of Sciences in Building Services Engineering (MSc) abschließt.
Technisch aufrüsten?
Automationsunterstützte Systeme steuern heute Raumtemperatur und Außenjalousien oder sorgen für die Zutrittskontrolle. Vor allem das Energiemanagement eines vielschichtigen Gebäudes könne heute aber nur mehr mit automationsunterstützten Systemen realisiert werden, so Christian Polzer, Fachbereichskoordinator Konstruktiver Ingenieurbau an der FH Campus Wien. „Verbrauchskennzahlen und Betriebsmodifikationen sowie der Erfolg von gesetzten Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen sind nur mit dem Einsatz dieser Technik nachweisbar.“ Sickinger will seinen Studenten vor allem eines zu bedenken geben: „Die Automatisierung verspricht zwar Komfort und Effizienz. Gleichzeitig bestätigt sich aber der Grundsatz, dass hochkomplexe technische Systeme extrem verwundbar sind.“ Zwischen den Polen Hightech und Lowtech wachse mittlerweile ein gutes Bewusstsein für Robustheit. „Denn wirklich zukunftsfähig sind nur robuste Häuser, also jene, die ohne ein Heer von Spezialisten und Softwaretechnikern funktionieren.“
Sonnenlicht nutzen
Das natürliche Licht und die solare Strahlung optimal zu nutzen wird im berufsbegleitenden MSc-Studiengang „Tageslicht Architektur“ an der Donau-Uni vermittelt. „Laut einer Studie der internationalen Energie Agentur (IEA) wird etwa ein Fünftel des weltweiten Stromverbrauchs für Gebäudebeleuchtung verwendet“, sagt Gregor Radinger vom Zentrum für Lichtplanung der Donau-Universität. „Die Architektur sollte daher das in hoher visueller Qualität und völlig kostenfrei vorhandene natürliche Licht optimal nützen.“ Gleichzeitig könne lichtmotivierte architektonische Gestaltung einen wichtigen Beitrag für den Energieverbrauch darstellen. Das Master-Programm dauert vier Semester, nach drei Semestern kann man alternativ als „Akademischer Experte“ abschließen.
Das Motto „Gebaut für die Ewigkeit“ ist, modern abgewandelt, als „nachhaltig nutzbar“ eindeutig wieder gefragt. Dabei sollen Experten nicht nur Design und Energiekosten bedenken, sondern in das Gesamtkonzept ökonomische, ökologische und soziokulturelle Aspekte über den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks miteinbeziehen können.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)
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