11.03.2011
Rote Revolution in Baku.Sarkozy und die Früchte des Zorns.
07.02.2011 18:40 | Oliver Grimm
Nicolas Sarkozy zeigt sich auf dem EU-Gipfel demonstrativ mit John Steinbecks sozialkritischem Roman "The Grapes of Wrath". Ein Signal des...
Da schau her: Nicolas Sarkozy liest sozial bewegte Arbeiterromane. Warum sonst hätte der Präsident der französischen Republik beim Europäischen Rat am letzten Freitag John Steinbecks "The Grapes of Wrath" ("Les raisins de la colère") so demonstrativ mit sich herumgetragen (siehe Bild)?
Natürlich ist Sarkozys literarisches Interesse am harten Los der Familie Joad, die in den 1930er-Jahren nach verheerenden Sandstürmen die "Dust Bowl" des heimatlichen Oklahoma verlässt, um sich in den Obstplantagen Kaliforniens ausbeuten zu lassen, politisch motiviert. Genauer gesagt: innenpolitisch. 2012 ist Präsidentenwahl, und Sarkozy kommt von drei Seiten unter Druck: Von den Sozialisten, die sich betont klassenkämpferisch geben werden. Vom wieder erstarkten rechtsradikalen Front National, der unter seiner neuen Führerin Marine Le Pen in die Mitte driftet und im Revier von Sarkozys UMP wildern wird. Und möglicherweise aus der eigenen Mitte, sollte sein Erzfeind Dominique de Villepin tatsächlich eine neogaullistische Bewegung anführen.
Sarkozy versucht sich also als mitfühlender Konservativer zu positionieren. Der rasante Anstieg der Lebensmittelpreise eignet sich in seinen Augen perfekt, um ein - zumindest rhetorisch - knallhartes Auftreten gegenüber "den Spekulanten" mit dem Mitgefühl für die hungernden Massen der Welt zu verbinden.
Anlass zu Zynismus ist dieses Problem keineswegs: So, wie die "Okies" vor 80 Jahren hungernd und entrechtet nach Westen zogen und dort auf den blanken Hass der eingesessenen Bevölkerung stießen, werden bald wieder Massen von Afrikanern an Europas Pforten pochen, sollte es so wie 2010 in der Sahel-Zone zu weitflächigen Ernteausfällen kommen.
Frankreich spielt in Europas Afrikapolitik kraft seiner kolonialen Vergangenheit eine Schlüsselrolle. Aber leider keine sehr glückliche. Sarkozys Hofieren unerfreulicher Potentaten von Hosni Mubarak bis Omar Bongo rückt sein ehrliches Mitfühlen mit den Armen des Kontinents ebenso in ein schiefes Licht wie der peinliche Tanz seiner Außenministerin Michèle Alliot-Marie von einem Fettnapf in den nächsten (man denke nur daran, wie sie Tunesiens mittlerweile gestürztem Diktator Ben Ali französisches "Savoir-faire" für den Umgang mit Demonstranten angeboten hat).
Insofern wäre Sarkozy vielleicht besser beraten, beim nächsten Gipfeltreffen statt Steinbecks "Raisins de la colère" die "Raisins de la galère" von Tahar Ben Jelloun zu lesen. In diesem Roman war nämlich schon 1996 zu lesen, wie schwer das Leben in Frankreichs Vorstädten selbst für die fleißigsten, integrationswilligsten Araber ist.
Also neun Jahre, bevor der damalige Innenminister Sarkozy als Lösung für die Aufstände in den Banlieues vorschlug, den "Abschaum" mit dem Kärcher wegzuputzen.

