Beschnittene Debatte

18.07.2012 14:02 |  von Michael Fleischhacker

Henryk M. Broder, der deutschsprachige Meister des erwartbar Unerwartbaren, hat im heutigen "Standard" einen Gastkommentar zur "Beschneidungsdebatte" publiziert. Nicht ganz zu Beginn einer Debatte fragt sich da einer über eine Seite hinweg, wieso es denn diese Debatte überhaupt gebe. Eine mögliche Antwort wäre: Damit auch Herr Broder knapp vor dem Ende noch seinen Senf dazu geben kann. Und der lautet: Die eigentlich sinnlose Debatte wird geführt, weil es sich um "eine Art Peepshow für den anspruchsvollen Voyeur" handle, in der Dinge gezeigt würden, "mit denen sich sonst nur Gynäkologen und Urologen beschäftigen."

Broder erklärt natürlich schlüssig, warum ausnahmslos alle Pro- und Contra-Argumente idiotisch seien. In der  Argumentation auf das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit abzustellen, sei beispielsweise deshalb idiotisch, weil man bis jetzt ja auch "noch kein Kind gefragt" habe, "ob es auf die Welt kommen will. Ob es getauft, in den Kindergarten geschickt, mit Bio-Brei ernährt und eingeschult werden möchte." Kurzum: Die ganze Kindheit sei "eine einzige Missachtung der natürlichen Kinderrechte", was immer Herr Broder darunter auch verstehen mag.

Merke: Wenn Du zu etwas keine Meinung hast, aber etwas veröffentlichen willst, tu so, als sei die wortreiche Umschreibung der Tatsache deiner Meinungslosigkeit die einzig sinnvolle Meinung, die man zu dem Thema haben kann. Machen wir alle hin und wieder.

Wahr ist, dass es in der Beschneidungdebatte nicht möglich ist, eine Meinung zu haben, die sich widerspruchsfrei argumentieren, also gewissermaßen wissenschaftlich absichern lässt. Umso mehr geht es darum, eine Meinung zu haben, das heißt, unter Offenlegung der Motive eine bewusste Entscheidung für einen widersprüchlichen Standpunkt zu treffen.

Broder erzählt stattdessen einen Witz. Es geht in einem Gespräch zwischen einer "extrem attraktiven Blondine" (Sexualwissenschaftlerin!) und einem "eher unauffälligen" Mann darum, dass die Indianer den Längsten haben und die Juden am längsten können, weshalb sich der Mann der Frau als "Winnetou Goldberg" vorstellt.

Nun ja.

Wir hatten heute in unserer Redaktionskonferenz ebenfalls eine längere Debatte zum Thema Beschneidungsdebatte. Sie fand dank der kultur- und ideengeschichtlichen Kenntnisse einiger Teilnehmer, allen voran Thomas Kramar, auf einem etwas höheren Niveau statt. Mein Fazit daraus: Wir sollten dazu stehen, dass wir die religiöse Tradition der Beschneidung von männlichen Kindern in Judentum und Islam nicht mit rechtlichen Mitteln beschneiden - bei allem Respekt für die Argumente von Menschen, die mit der Anwesenheit des Religiösen in unserer Gesellschaft ein grundsätzliches Problem haben.

 

 

113 Kommentare
 
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Gast: Fleischermeister
12.10.2012 10:26
0

Beschneidung war sein letztes Wort


Jemand

Mit dem Namen Fleischhacker sollte lieber keine Meinung zum Thema Beschneidung haben.

Gast: derökonom
03.08.2012 13:04
1

AMS?

Wohin geht es nach der "Presse"?

?

Fleischhacker sagt: Wir dürfen die Beschneidung nicht mit rechtlichen Mitteln bekämpfen (sprich: wir müssen das Selbstbestimmungsrecht des Individuums missachten), weil eine Tradition einer Religion zu würdigen ist, weil es eben eine Religion ist, und deren Ausformungen, egal wie menschenrechtskonform "sakrosankt" zu sein hat. Ein bizarres Nicht-Argument.

Gast: Karl Huber
25.07.2012 16:19
8

Also Fle...

Ich bin es gewohnt von Ihnen Beiträge mit Witz und Esprit zu lesen.
Der hier ist schlecht. Sehr schlecht.
Beschneidung ist, Männlein wie Weiblein, schwer Körperverletzung und muß auch so bestraft werden. Punkt. Aus!
Gegenvorschlag.
Jede(r) PolitikerIn, Journalist etc. der für die Beschneidung von Buben eintritt soll eine solche über sich ergehen lassen.
Und damits auch schön was hergibt wie in viele islamischen Ländern.. Ohne Betäubung.. Männlein wie Weiblein..
Danach reden wir weiter.
Schämens Ihnen Fle!

Danke Herr FH

ich verfolge diese Debatte seit Wochen in DE und AT Medien - und kann mich Ihrem Fazit nur anschließen.
PS: Mann bin ich froh daß mir der Elefantenrüssel fehlt...

Antworten Gast: Rater
25.07.2012 23:59
1

Re: Danke Herr FH

Keine Sorge, das gibts auch für Menschen ohne Rüssel:

http://de.wikipedia.org/wiki/Beschneidung_weiblicher_Genitalien

ist auch durch Tradition begründet.

Gast: Humanitas
25.07.2012 09:38
8

Religion & Genitalien

Religionen können sich mit allerlei beschäftigen.
Mit den Genitalien von Kindern haben sich Religionen niemals zu beschäftigen (Wie pervers sind anders lautende Meinungen eigentlich?).

Wenn in Österreich eine Ohrfeige strafbar ist, ist es natürlich auch eine Genitaloperation.
Wer anderes sagt lügt.

Es ist kein Zufall, dass Religionen, die darauf bestehen, dass Tiere am Ende ihres Lebens leiden müssen (Schächten) auch über Kinder Macht und Gewalt ausüben wollen.

Im übrigen wäre dann die Beschneidung der Schamlippen von Mädchen auch straflos (oder ist der Gleichheitssatz suspendiert?).

Gast: Analyst
23.07.2012 10:53
11

Peinlich

Nicht nur, dass Kritik zensuriert wird - auch Ihr Kommentar ist peinlich, Herr Fleischhacker. Aber in einer Zeitung, die der Kirche sehr nahe steht, nicht verwunderlich.

Warum gibt es da überhaupt eine Debatte?

Bei weiblicher Beschneidung wird ja (richtigerweise) auch nicht lange herumdiskutiert, ob ein Verbot nicht die religiösen Gefühle von irgendwem verletzen könnte.

Und auch das Hand Abhacken wird nicht als religiöse Tradition, die nicht beschnitten werden darf, verharmlost.

Aber bei der männlichen Beschneidung, bei der jährlich Babys und Kleinkinder sterben oder impotent werden, setzt offenbar der gesunde Menschenverstand aus. Oder kommt da die archaische Denkweise durch, dass ein Bub etwas aushalten muss, um als richtiger Mann zu gelten?

Antworten Gast: 3absatz
23.07.2012 12:17
1

Re: Warum gibt es da überhaupt eine Debatte?

@1. & 2. Absatz: vollste Zustimmung.

@3. Kommentar: Sie haben keine Ahnung. Es muß niemand groß was aushalten und es ist nützlich. Kein Vergleich zum weiter oben Genannten.

Re: Re: Warum gibt es da überhaupt eine Debatte?

Nützlich wäre es auch, dem Kind gleich den Blinddarm herauszunehmen.
Könnte ja auch mal Probleme machen.
Aber nein, steht ja kein Aberglaube dahinter.

Gast: b754
22.07.2012 12:58
4

lustig ist dass jetzt die juden anfangen zu behaupten dass ihre art der beschneidung die bessere ist

und nur ide der moslems aus dem mittelalter stammt also einfach für alle verbieten ist eh kindesmissbrauch

Gast: Nordlicht
22.07.2012 07:02
8

Beschnittene Debatte

Ich mag die Kommentare von Henryk M. Broder, die von Herrn M. Fleischhacker sind manchmal gut, manchmal auch nicht. Dieser hier sicher nicht.

Gast: b754
21.07.2012 18:00
7

also ich finde schlimmer als ein fleischhacker kommentar ist der broder auch nicht


5

ernst gemeint?

ganz so ernst wird Fleischhacker das wohl nicht meinen: Tradition der Beschneidung nicht beschneiden bei beschnittener Debatte? Oder ist das Ironie? Oder Witz?

Gast: nichtsovoreilig
20.07.2012 22:57
8

bitte

da buben an sich schon unter kastrationsängsten (Freud) leiden, müssten beschneidungen diese ängste doch erst einmal bestätigen und dann schließlich sogar massiv verstärken!
was genau bedeutet das möglicherweise für die gesellschaft???? lauter männer, die ihr leben lang um ihre männlichkeit fürchten?!


Gast: oupos
20.07.2012 22:24
12

OJ VEJ...

die Redaktionskonferenz hat beschlossen - das also ist Presse-Journalismus heute: ein Studienabbrecher als Chefredakteur, der sich nicht etwa um juristische Fragen kümmert - er ist ja "kein Jurist" - sondern hohl daherschwafelt. Recherche täte Not und könnte Licht ins Dunkel bringen - aber das kümmert Fleischhacker wenig, könnte dann doch auffallen, wie unterbelichtet er selber ist: juristisch ist JEDE Operation Körperverletzung, allerdings entschuldbar. Warum das diskutierenswert und ein Problem sein könnte, möge der Studienabbrecher selbst recherchieren....

Re: OJ VEJ...

Finde es immer wieder interessant, dass auf gewisse Punkte wie "Studienabbrecher" immer wieder hingehackt wird.
In Wien qualifiziert ein Biologiestudium zum Amt des Bürgermeisters, die FPÖ stellt einen Parteichef mit nachgeholter Matura und einem deftigen Deftzit zur Geschichte des Nationalsozialismus sowie einer Ignoranz gegenüber anderen Völkermorden, bei den Juristen die wir in der Politik haben, die an und für sich fachlich qualifiziert sein sollen, fragt man sich wie sehr sich die durch ein Studium gemogelt haben müssen oder ob sie an einem totalen Realitätsverlust leiden so wie sie an uns vorbei regieren.

Mag sein, dass man mit einem Michael Fleischhacker nicht immer einer Meinung ist, und dass auch er in der Position eines Chefredakteurs in seinem Job den einen oder anderen Fehler macht, aber gleich immer wieder herablassend den "Studienabbrecher" zu erwähnen finde ich niveaulos. Aber hey gerade die Universität zeigt mir immer wieder, dass "Bildung" nicht viel mit Niveau zu tun haben haben muss.

In diesem Sinne
MFG

Antworten Antworten Gast: oupos
21.07.2012 19:36
9

Themenverfehlung...

Es geht nicht darum, auf Studienabbrecher "hinzuhacken". Und der Vergleich mit dem Zahntechniker kann ja wohl nicht ernst gemeint sein. Nein, es geht vielmehr darum, dass die Presse eine lange Tradition an umfassend gebildeten Herausgebern und Chefredakteuren hatte, die Recherche hochhielten. Man mag zu ihnen politisch stehen, wie man will, aber Schulmeister und Chorherr waren schon andere Kaliber. Heute hat die Presse einen Chefredakteur, der sich mit nacktem Oberkörper ablichten lässt und sich rühmt, kein Jurist zu sein und deshalb juristische Sachverhalte erst gar nicht nachvollziehen zu wollen. Ein Chorherr (check, re-check, double-check) und erst recht ein Schulmeister hätten ihn seinerzeit wahrscheinlich hochkantig 'rausgeschmissen...

Antworten Antworten Antworten Gast: rabben
23.07.2012 09:37
0

Re: Themenverfehlung...

check, re-chek, double-chek des CIA bei den genannten Lichtgestalten des österr. Journalismus ( auch I. Leitenberger nicht zu vergessen), haben dazu geführt, dass die Amis auf diese als willfährige Lohnschreiber für die US Sache bei Bedarf zurückgreifen konnten. Bildung bedeutet nicht unbedingt Charakter.
M. Fleischhacker schafft es bis heute nicht, den "Merk`s Wien" Schwurbler anzubringen.Wirkt da noch etwas nach?

Re: Themenverfehlung...

Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, wer da wen rausgeschmissen hätte, aber egal. Ich lade Sie herzlich zu einem kleinen Wettbewerb in umfassender Bildung und gewissenhafter Recherche ein, falls Sie Ihr anonymes Versteck aufgeben möchten. Sie dürfen dabei ein wenig schwindeln und alle Bücher aus den Bibliotheken meiner Vorgänger benutzen. Wie schaut's aus?

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Ripov Raskolnikov
24.07.2012 16:31
6

Re: Re: Themenverfehlung...

Lieber Herr Fleischhacker, leider halten Sie uns in Ihrem Artikel die Argumente vor warum man die religiöse Beschneidung nicht verbieten ("beschneiden") soll, und schreiben leider wenig mehr als eine Wiederholung des anderen Artikels.

Also: Aus welchem Grund sollte das Recht auf Ausübung einer Tradition höher zu bewerten sein als die körperliche Unversehrtheit eines Kindes (ausgenommen medizinischer Indikation (und damit meine ich NICHT die angebliche AIDS-Prävention)?

..und: was sind "ideengeschichtliche Kenntnisse"?

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Üzi Güzi
23.07.2012 23:20
4

kleinen Wettbewerb

Gerne, alleine ihr Fazit überzeugt mich das ich keine Bücher oder Bibliotheken dazu brauche

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: leppie
06.08.2012 04:37
0

Re: kleinen Wettbewerb

... dann beginnen Sie Ihre Recherche vielleicht einmal bei den das/ dass-Regeln, würde ich vorschlagen!

Re: Themenverfehlung...

Dann lassen Sie einfach das Wort "Studienabbrecher" bei ihrer Kritk einfach weg und fertig ;)

 
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FLE

Der Autor

  • Michael Fleischhacker
    wurde am 26. Mai 1969 in Friesach/Ktn. geboren. Matura am Stiftsgymnasium Admont; unabgeschlossenes Studium in Theologie, klassische Philologie und Germanistik.

    Redakteur der Kleinen Zeitung im Ressort Außenpolitik ab April 1991. 1994 Redakteur in der Chefredaktion, 1995 bis 1997 Chef vom Dienst, 1998/99 stellvertretender Chefredakteur, ab Mitte 1998 auch Verlagsleiter mit dem Aufgabenbereich Strategieentwicklung und Neue Medien.

    2000 bis 2001 Chef vom Dienst beim „Standard“.

    2002 bis 2004 stellvertretender Chefredakteur der „Presse“,
    September 2004 bis 2012 Chefredakteur der "Presse".

Hinweis

  • Der Inhalt von Blogbeiträgen spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

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