Beschnittene Debatte

Henryk M. Broder, der deutschsprachige Meister des erwartbar Unerwartbaren, hat im heutigen "Standard" einen Gastkommentar zur "Beschneidungsdebatte" publiziert. Nicht ganz zu Beginn einer Debatte fragt sich da einer über eine Seite hinweg, wieso es denn diese Debatte überhaupt gebe. Eine mögliche Antwort wäre: Damit auch Herr Broder knapp vor dem Ende noch seinen Senf dazu geben kann. Und der lautet: Die eigentlich sinnlose Debatte wird geführt, weil es sich um "eine Art Peepshow für den anspruchsvollen Voyeur" handle, in der Dinge gezeigt würden, "mit denen sich sonst nur Gynäkologen und Urologen beschäftigen."

Broder erklärt natürlich schlüssig, warum ausnahmslos alle Pro- und Contra-Argumente idiotisch seien. In der  Argumentation auf das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit abzustellen, sei beispielsweise deshalb idiotisch, weil man bis jetzt ja auch "noch kein Kind gefragt" habe, "ob es auf die Welt kommen will. Ob es getauft, in den Kindergarten geschickt, mit Bio-Brei ernährt und eingeschult werden möchte." Kurzum: Die ganze Kindheit sei "eine einzige Missachtung der natürlichen Kinderrechte", was immer Herr Broder darunter auch verstehen mag.

Merke: Wenn Du zu etwas keine Meinung hast, aber etwas veröffentlichen willst, tu so, als sei die wortreiche Umschreibung der Tatsache deiner Meinungslosigkeit die einzig sinnvolle Meinung, die man zu dem Thema haben kann. Machen wir alle hin und wieder.

Wahr ist, dass es in der Beschneidungdebatte nicht möglich ist, eine Meinung zu haben, die sich widerspruchsfrei argumentieren, also gewissermaßen wissenschaftlich absichern lässt. Umso mehr geht es darum, eine Meinung zu haben, das heißt, unter Offenlegung der Motive eine bewusste Entscheidung für einen widersprüchlichen Standpunkt zu treffen.

Broder erzählt stattdessen einen Witz. Es geht in einem Gespräch zwischen einer "extrem attraktiven Blondine" (Sexualwissenschaftlerin!) und einem "eher unauffälligen" Mann darum, dass die Indianer den Längsten haben und die Juden am längsten können, weshalb sich der Mann der Frau als "Winnetou Goldberg" vorstellt.

Nun ja.

Wir hatten heute in unserer Redaktionskonferenz ebenfalls eine längere Debatte zum Thema Beschneidungsdebatte. Sie fand dank der kultur- und ideengeschichtlichen Kenntnisse einiger Teilnehmer, allen voran Thomas Kramar, auf einem etwas höheren Niveau statt. Mein Fazit daraus: Wir sollten dazu stehen, dass wir die religiöse Tradition der Beschneidung von männlichen Kindern in Judentum und Islam nicht mit rechtlichen Mitteln beschneiden - bei allem Respekt für die Argumente von Menschen, die mit der Anwesenheit des Religiösen in unserer Gesellschaft ein grundsätzliches Problem haben.

 

 

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