"Es reicht!"

25.09.2012 22:02 |  von Sebastian Wedl

Die mazedonische Regierung ist stolz auf das niedrige Defizit des Landes. Doch die horrende Arbeitslosigkeit und soziale Probleme zwingen die Menschen auf die Straße.

Die Abendsonne scheint auf den Triumphbogen „Porta Macedonia" nahe dem Hauptplatz von Skopje. Unter ihm versammelt sich eine Gruppe von Menschen. Sie bekleben ein rotes Auto der jugoslawischen Kultmarke „Yugo" mit Informationsbroschüren. Währenddessen kommen mehr und mehr Leute zum Treffpunkt. Am Straßenrand bereiten sie Schilder und Transparente vor. Die Bürgerinitiative „Aman"(leitet sich aus dem Türkischen ab und heißt so viel wie „Es reicht!") hat zum Protestmarsch gerufen, so wie jeden Dienstag Abend. Und wie jede Woche sind einige hundert Einwohner Mazedoniens ihrem Ruf gefolgt.

Wieland Schneider  Mazedonier und Albaner protestieren gemeinsam gegen Arbeitslosigkeit und hohe Preise

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Sie sind gekommen, um gegen die hohen Lebenserhaltungskosten zu protestieren. Strom, Gas, Benzin und Lebensmittel sind für viele Bewohner Mazedoniens zu schwer leistbaren Gütern geworden. Alleine Strom kostet die Einwohner Mazedoniens rund 100 Euro monatlich. Das ist viel. Vor allem wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Monatslohn etwas mehr als 330 Euro beträgt. Und sehr viel, wenn man bedenkt, dass fast ein Drittel der Mazedonier keine Arbeit und somit kein Einkommen zur Verfügung hat.

Die Zahlen Mazedoniens auf makroökonomischer Ebene können sich durchaus sehen lassen, aber dieser Erfolg kommt bei vielen Menschen nicht an. Die mazedonische Regierung ist stolz darauf, dass das Land die Kriterien für einen Beitritt zur Euro-Zone erfüllen würde und die Wirtschafts- und Finanzkrise besser als so mancher EU-Staat meistert. Doch das niedrige Haushaltsdefizit von 2,5 Prozent und der geringe Schuldenstand von 32,4 Prozent des Bruttoinlandproduktes gehen auf Kosten der Sozialleistungen. Und das wollen sich viele nicht gefallen lassen.

Die Proteste im Inneren der mazedonischen Hauptstadt haben vor mehr als einem Jahr begonnen. Anfänglich richteten sie sich gegen Polizeigewalt, nachdem ein Polizist einen 22-jährigen zu Tode geprügelt hatte. Damals wie heute sehen die Demonstranten die Verantwortung bei Premier Nikola Gruevski und seiner Regierungsmannschaft rund um die mazedonische Partei VRMO-DPMNE und die albanische DUI.

Sebastian Wedl Zdravko Saveski, Sprecher von Aman: "Mazedonier und Albaner leiden unter der gleichen Politik"

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Insgesamt finden die Proteste in fünf Städten Mazedoniens statt. Neben Skopje unter anderem in der hauptsächlich von Albanern bewohnten Stadt Tetovo. Laut Zdravko Saveski, einem der Organisatoren der Proteste, ist Mazedonien nicht gerade dafür bekannt eine Protestnation zu sein. Darum sind sie mit der Anzahl der Protestierenden sehr zufrieden. Die mehreren Hundert Demonstranten sind keiner spezifischen Altersgruppe zuzuordnen. Großmütter mit ihren Enkelkindern an der Hand beteiligen sich genauso an den Protestmärschen wie Studenten, Jugendliche und Arbeiter.

Vor allem aber schaffen die Proteste etwas, worin die Politik in Mazedonien seit jeher ihre Probleme hat: Sie bringen die verschiedenen Ethnien näher zueinander. Saveski, selbst ein slawischer Mazedonier, sagt: „Diese Initiativen bilden Brücken zwischen Menschen jeder Ethnizität. Wir hoffen, dass wir die Mauern zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen niederreißen können und ich denke, dass wir damit Erfolg haben. Wenn die Menschen zu Protesten wie diesem kommen, dann fühlen sie, dass sie geeint sind und unter der gleichen Politik leiden."

Kritik üben die Demonstranten auch an der Medienlandschaft Mazedoniens, die ihrer Meinung nach in fester Hand von Premierminister Gruevski und seiner Regierung ist. Auch Reporter ohne Grenzen äußerte vergangenes Jahr nach der Schließung von privaten Sendern und Zeitungen ernsthafte Bedenken. Deshalb marschiert die Gruppe von Protestlern dieses Mal am Parlament vorbei zum Gebäude des staatlichen Fernsehens. Sie trägt die Nachricht direkt vor die Haustür des Senders. Denn im Gegensatz zu anderen Medien, berichtet dieser nicht über die Proteste.

Wieland Schneider  "Yugo" schieben gegen hohe Benzinpreise

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Die Schilder werden verteilt, die Spruchbänder aufgerollt und präsentiert. Langsam beginnt die Menge zu marschieren. An vorderster Front wird der „Yugo" von den Demonstranten geschoben, symbolisch für die immer höheren Benzinpreise. Manche haben ein Megaphon mitgebracht, um ihre Parolen lauter vortragen zu können. Begleitet werden sie von einer überschaubaren Schar von Polizisten, die dem Treiben relativ gelassen zusieht. Die dienstäglichen Proteste sind sie schließlich schon gewöhnt. Und sie werden auch nächste Woche wieder dabei sein, wenn wieder einige hundert dem Ruf von „Aman" folgen werden.

Video vom Protest auf Vimeo:

https://vimeo.com/50205001

2 Kommentare
Gast: AleksandarTreti
27.09.2012 10:37
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AMAN = SDSM

AMAN ist eine Schein-Organisation die von Oppositionellen gegründet wurde nur mit dem Ziel die jetzige Regierung zu bekämpfen und Unruhe im Land zu stiften.
Führungspersonen der AMAN sind zugleich Parteimitglieder der oppositionellen SDSM.

Jede Woche verringert sich der Zuspruch der Proteste, und der letzte geplante Protest in Bitola wurde verschoben, vermutlich deshalb weil die Benzinpreise in Makedonien gerade am fallen sind...

Was mich aber wundert, wie kommt die AMAN zu der Ehre hier so ausgiebig präsentiert zu werden? Welch Netzwerk steht hier dahinter um über Makedonien ein falsches Bild zu präsentieren? Hätte der Author gut recherchiert, hätte er vermutlich erfahren das die makedonischen Medien die AMAN schon längst als "Parteiaktionsgruppe der SDSM" entlarvt hat.
http://macedoniaonline.eu/content/view/21833/45/

Gast: AleksandarTreti
27.09.2012 10:15
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Mehr Links

AMAN = SDSM

http://kurir.mk/makedonija/vesti/85185-FOTO-SDSM-go-organizira-AMAN

http://www.netpress.com.mk/mk/vest.asp?id=109987&kategorija=3

Ich würde den Author Bitten das nächste mal besser zu recherchieren, und nicht den "SOROSoiden" Makedoniens unnötig eine Plattform zu bieten.

Gruß aus Skopje

Globalist

Über die Autoren

  • Thomas Seifert bereiste als Reporter u.a. Tschetschenien, Sudan, Irak, Kosovo oder Nordkorea. Für "Die Presse" berichtet Seifert seit Jänner 06 aus aller Welt.
    Wieland Schneider ist stellvertretender Außenpolitikchef und Südosteuropaexperte der "Presse".


    Die Gewinner von Reporter'12 und Reporter'12-Ost

    Die Gewinner der Reporter'12-Aktion erhalten jeweils eine Reise mit Thomas Seifert und Wieland Schneider im Ausmaß von 14 Tagen, um Ihre Reportageidee in die Tat umzusetzen. In dieser Zeit werden laufend Reiseberichte in diesem Blog veröffentlicht.

    Hannah Stadlober, ist Gewinnerin von Reporter'12 und wird mit Thomas Seifert aus Thailand und Malaysia zum Thema "Kein Recht auf Sprache - Die Identitätskrise der pattani-malaisischen Minderheit in Südthailand" für "Die Presse" berichten.
    Sebastian Wedl, ist Gewinner von Reporter'12-Ost und wird mit Wieland Schneider in Mazedonien zu seinem Thema "Spurensuche nach einem vergessen Konflikt, der die Söhne und Töchter Mazedoniens zur Flucht nach Westeuropa zwang" für "Die Presse" berichten.

Hinweis

  • Der Inhalt von Blogbeiträgen spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

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