Umstrittenes "Heldengedenken" in Mazedonien

In den mazedonischen Bergen wird längst nicht mehr geschossen. Die einstigen Albaner-Rebellen sitzen heute in der Regierung. Doch in den Köpfen einiger Menschen ist der Krieg noch immer nicht vorbei.

Er hatte sich mit seinen Männern in den Shar-Bergen verschanzt. Von den Gipfeln hoch über der Stadt Tetovo kommandierte Ali Ahmeti den Aufstand der „Nationalen Befreiungsarmee". Seine Kämpfer hatten 2001 zur Kalaschnikow gegriffen, um - wie sie sagten - mehr Rechte für die albanische Volksgruppe in Mazedonien zu erzwingen. Anfang 2001 war der Gefechtslärm bis ins Herz Tetovos zu hören gewesen. Leuchtspur war von den Stellungen der mazedonischen Sicherheitskräfte in Richtung der bewaldeten Höhen rund um die Stadt aufgestiegen. Heute herrscht längst Frieden.

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Ali Ahmetis Hauptquartier befindet nicht mehr in den Bergen, sondern mitten in Tetovo. Und er trägt längst keine Tarnuniform mehr, sondern Anzug und Krawatte. Ahmeti ist zum arrivierten Player in Mazedoniens innenpolitischem Spiel geworden, das nun in Parteizentralen und in den Gängen des Parlaments ausgetragen wird. Doch seine Gestik, sein stechender Blick, lassen noch immer Erinnerungen an den albanischen Rebellenführer von 2001 wach werden.

„Die Versöhnung hier in Mazedonien sollte eine wahre Versöhnung sein. Nicht nur eine Versöhnung mit netten Worten", sagt er und nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. „Das geschah auch in anderen Ländern, die einen Konflikt hatten - etwa zwischen Frankreich, England und Deutschland." Doch nach dem Zweiten Weltkrieg war die Lage in Europa klar: Nazi-Deutschland war der Schuldige an dem Krieg und hatte eine totale Niederlage erlitten. In Mazedonien ist das nicht so einfach. Wer ist Opfer und wer Täter? Jede Seite ist davon überzeugt, dass sie selbst Opfer und die andere Seite Täter ist.
Rund 25 Prozent der Bevölkerung Mazedoniens gehören der albanischen Volksgruppe an. Einigen albanischen Angaben zufolge sind es mehr als 30 Prozent, die slawischen Mazedonier bezweifeln das. Die genaue Zahl kennt niemand. Erst vergangenes Jahr wurde eine Volkszählung nach einem Streit um das Prozedere wieder abgesagt - Beobachtern zufolge aber deshalb, weil sowohl Albaner als auch Mazedonier fürchteten, die Zählung könnte nicht das jeweils gewünschte Ergebnis bringen.

Viele Albaner in Mazedonien fühlten sich benachteiligt, fühlten sich als Bürger zweiter Klasse, die keine wichtigen Jobs erhielten und bei der Verwendung ihrer Sprache im öffentlichen Raum diskriminiert wurden. Motiviert durch den Kampf gegen die serbische Herrschaft im Kosovo starteten Ahmeti und seine Getreuen Anfang 2001 auch in Mazedonien eine Revolte. Nach monatelangen Gefechten wurde auf Druck von Nato und EU im August 2001 das Rahmenabkommen von Ohrid geschlossen, das den Albanern in Mazedonien mehr Rechte als bisher zusprach. Rebellenchef Ahmeti stieg in die Parteipolitik ein und gründete die „Demokratische Union für Integration" (DUI). Seit 2002 ist DUI kleinerer Koalitionspartner der Regierung - zuerst für die Sozialdemokraten, seit 2006 für die rechte VMRO-DPMNE.

Ahmeti zieht eine gemischte Bilanz der vergangenen elf Jahre: „Die albanische Universität in Tetovo wurde legalisiert, wir dürfen die albanische Nationalflagge verwenden. Die Albaner wurden an der staatlichen Verwaltung beteiligt, unser verfassungsrechtlicher Status wurde verbessert. Damit sind wir einer Gleichberechtigung nähergekommen." Dann macht er ein kurze Pause: „Eine völlige Gleichberechtigung haben wir aber noch nicht erreicht." Der ehemalige Guerillaführer hat auch gleich ein Beispiel parat, das - seiner seiner Meinung nach - illustriert, dass Albaner in Mazedonien nicht gleichwertig behandelt würden: die Aufregung um Mazedoniens Verteidigungsminister Fatmir Besimi. Besimi, ein Albaner und Parteigänger Ahmetis, hatte im Ort Slupcane Blumen an einem Denkmal für Gefallene der albanischen Rebellentruppe niedergelegt. Das sorgte unter den Mazedoniern für einen Sturm der Entrüstung - vor allem bei Ahmetis mazedonischem Koalitionspartner, der VMRO-DPMNE. Der einstige Rebellenchef zeigt dafür kein Verständnis: „Die Hälfte der Abgeordneten meiner Partei sind ehemalige Soldaten der Nationalen Befreiungsarmee. Ich war ihr Oberkommandierender. Die Toten müssen respektiert werden, egal auf welcher Seite sie zu Lebzeiten standen." Laut Ahmetis Darstellung war die „Nationale Befreiungsarmee" die Armee aller Albaner Mazedoniens. Seine simple Schlussfolgerung: Wer der „Nationalen Befreiungsarmee" die Anerkennung verweigert, verweigert sie der gesamten albanischen Volksgruppe.

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Doch die, die für viele Albaner „Helden" im Kampf um mehr Rechte der eigenen Volksgruppe sind, sind für viele Mazedonier nach wie vor „Terroristen", die Polizisten getötet und den Staat an den Rand des Zusammenbruchs getrieben haben. „Ein Großteil der Bevölkerung fühlte sich durch die Gleichsetzung der paramilitärischen Gruppen mit den mazedonischen Sicherheitskräften beleidigt. Laut einer Umfrage fordern die meisten Bürger eine Entschuldigung des Verteidigungsministers", sagt Mazedoniens Innenministerin Gordana Jankulovska von der VMRO-DPMNE. Aber Jankulovskas Partei koaliert mit Ali Ahmeti, dem einstigen Oberkommandierenden jener „paramilitärischen Gruppen", deren Tote der Verteidigungsminister jetzt ehrte. Wie passt das zur Empörung über das „Heldengedenken"? „Das unterstreicht nur meine Position, dass Menschen verschiedene Meinungen zu verschiedenen Themen haben können", meint dazu die Innenministerin. „Und wenn es um ein sensibles Thema geht, ist es nötig, dass man von einer Sache dasselbe Verständnis hat wie der andere, bevor man konkrete Schritte setzt. Das ist nötig, um den anderen nicht zu verletzen."

Es war nicht nur der Streit um die Ehrung der toten albanischen Kämpfer, der in den vergangenen Monaten Zwietracht säte. Mehrere Ereignisse sorgten für Reibereien und sogar Gewalttaten zwischen Mazedoniern und Albanern. Einige dieser Konflikte begannen mit relativ banalen Problemen, erzählt Innenministerin Jankulovska: „Zwei Gruppen an einer Schule begannen einen Streit wegen eines gestohlenen Mobiltelefons. Doch die Lage eskalierte. Und aus einem Zank zwischen Jugendlichen wurde ein Kampf zwischen zwei ethnischen Gruppen."
Zuletzt gab es noch weitaus gefährlichere Zwischenfälle, die das Verhältnis zwischen Albanern und Mazedoniern vergifteten. Nach einem Streit um einen Parkplatz erschoss ein mazedonischer Polizist in der Stadt Gostivar zwei Albaner. Der Polizist war offenbar nicht im Dienst. Doch viele Albaner sahen in dem Vorfall einen erneuten Beweis dafür, in Mazedonien Bürger zweiter Klasse zu sein und von der Staatsmacht gehasst zu werden. Dass der Sprecher der Innenministerin die Tat des Polizisten zunächst als „Notwehr" verteidigte, schien wie eine Bestätigung dafür und heizte die Wut noch weiter an. Einige Monate später wurden die Leichen von fünf erschossenen Mazedoniern bei einem künstlichen See nahe der Hauptstadt Skopje gefunden. Und noch bevor klar war, wer hinter den Morden steckte, berichteten einige mazedonische Medien von einem vermutlichen Racheakt der Albaner. Die Spannungen stiegen weiter an. Mazedonische und albanische Demonstranten gingen aufeinander los. Fahrgäste öffentlicher Busse in Skopje wurden verprügelt.

Viele Mazedonier und Albaner wollen diese Situation nicht hinnehmen. Vor allem Künstler und Intellektuelle quer durch alle ethnischen Gruppen fanden sich zusammen, um gemeinsam für ein einiges und friedliches Skopje auf die Straße zu gehen. Die Mazedonierin Irina ist eine davon. Doch nicht alle sind glücklich über Irinas Engagement. „Eine Frau, zu der ich immer einkaufen ging, hat mir klar gesagt, was sie davon hält, dass ich für Versöhnung demonstriere", erzählt Irina. „Die Frau sagte: Du wirst mit deinen albanischen Freunden in der Hölle schmoren." In den Hügeln um Tetovo wird längst nicht mehr geschossen. Doch in den Köpfen einiger Menschen ist der Krieg noch immer nicht vorüber.

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Gordana Jankulovska – (c) Wedl
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Ali Ahmeti – (c) Schneider
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