07.05.2012
Die Mauer von NavanakhonExit Ghost
09.07.2011 13:50 | Teresa Reiter
Es ist kein Zufall, dass der Taxifahrer uns mit einem müden „You are late for Exit“ begrüßt, als wir am Freitagmorgen in Novi Sad ankommen. Jedes Jahr um diese Zeit wird Novi Sad von tausenden Menschen gestürmt, die alle nur eines wollen, nämlich das coolste Musikfestival in Osteuropa besuchen.
Es ist kein Zufall, dass der Taxifahrer uns mit einem müden „You are late for Exit“ begrüßt, als wir am Freitagmorgen in Novi Sad ankommen. Jedes Jahr um diese Zeit wird Novi Sad von tausenden Menschen gestürmt, die alle nur eines wollen, nämlich das coolste Musikfestival in Osteuropa besuchen. 200.000 Besucher drängen sich jährlich in die Festung Petrovaradin an der Donau. An jedem Strommast kleben Zettel auf denen groß die Worte: „Room for Exit?“ prangen und die ganze Stadt dreht ihren Schlafrhythmus dieser Tage völlig um. Davon merkt man in den frühen Morgenstunden schon ein wenig. Hin und wieder kommen uns ein paar taumelnde Gestalten entgegen, die erst jetzt auf dem Heimweg vom Festival sind. Die meisten sind seltsam verkleidet und tragen leuchtende Fühler oder Hüte. Einige haben es gar nicht erst nach Hause geschafft und schlafen kurzerhand in den Gastgärten der unzähligen Cafés. Sie haben tiefe Ringe unter den Augen und bewegen sich, als wäre die Luft plötzlich dickflüssig geworden. Nicht verwunderlich, denn die Konzerte am Exit Festival dauern die ganze Nacht. Die letzten Acts beginnen erst um 6 Uhr früh. Dementsprechend lebt die kleine Stadt an der Donau für dieses eine Wochenende im Jahr nach dem Puls des Exit-Festivals.
Wie alles begann
Was he ute ein international angesehenes Riesenfestival ist, war 1999 noch eine Studentaktion gegen die Unterdrückung durch Slobodan Milošević. In einer hundertägigen Demonstration machten serbische Jugendliche ihrem Frust Luft und forderten Freiheit. Es entstand eine Bewegung, die sich gegen die Einschränkungen auflehnte, die das Milošević-System ihnen auferlegte. Bereits damals spielten junge serbische Bands improvisierte Gigs für die Demonstranten. Erst ein Jahr später konnte die Festung als Venue gewonnen werden und das Festival bekam seinen Namen. Exit - Ausgang. Den Gründern des Festivals ging es in erster Linie darum, eine zu diesem Zeitpunkt sehr schicksalsergebene Jugend für Politik und für ihre eigene Zukunft zu interessieren. Es ging darum, einen Ausgang aus der Unterdrückung und vor allem aus der Isolation zu finden.
Der Geist der ursprünglichen Bewegung ist heute zwar noch nicht vergessen, aber doch ziemlich in den Hintergrund gerückt. Die Kommerzialisierung des Festivals ist nicht zu übersehen. Multinationale Großkonzerne haben ihre Stände in der Festung aufgebaut. Es gibt Hühnerflügel von KFC und ein aufgeblasener blau-silberner Stier von Red Bull hängt im Bild.
Dass sich das Festival über die Jahre verändert hat, kann man auch deutlich am Line-up ablesen. Spielten 2000 noch Bands wie Atheist Rap und Darkwood Dub als Headliner, so sind sie heute nur noch eine Randerscheinung neben Größen wie Arcade Fire und den Editors. Das hat jedoch nicht nur kommerzielle Gründe. Serbien war immer schon ein Land, das für internationale Musiktrends empfänglich war. Punk und New Wave feierten hier ihren Einzug, lange bevor sie in Resteuropa vollends angekommen waren. So ist es also nicht völlig abwegig, dass weltweit erfolgreiche Bands heute auch auf dem Exit spielen. Trotzdem kommen auch heimische Acts nicht zu kurz. Die vielen mittelgroßen und kleinen Bühnen bieten jede Menge Möglichkeiten, auch Newcomer auf dem Exit willkommen zu heißen.
Vom Burggraben zum Fotograben
Nach einem langen Tag machen auch wir uns endlich auf den Weg zur Festung. Vorerst müssen wir jedoch über die Freiheitsbrücke die Donau überqueren. 1999 wurde sie bei Luftangriffen der NATO auf die Stadt fast restlos zerstört. Zwischenzeitlich wurde sie wieder errichtet und ist seit 2005 auch wieder befahrbar. An die alte Brücke erinnert nur eine von der Zeit geschwärzte Gedenktafel am Fuß der Brücke. Bei der Überquerung kommen uns unzählige Mädchen in kurzen Röcken entgegen, die Rakja verkaufen. Offenbar soll sichergestellt werden, dass auch wirklich niemand nüchtern beim Festival ankommt.
Oben angekommen wundert es nicht mehr, dass das Exit Festival 2007 von UK Festival Awards zum „Best European Festival“ gewählt wurde. Das ganze Riesenevent ist von vorne bis hinten exakt durchorganisiert. Tausende Besucher, aber kein Gedränge bei den Getränkeständen. Haufenweise angetrunkene Menschen aus aller Herren Länder, aber alle scheinen sich gut zu verstehen und haben viel Spaß. Der Sound auf der Hauptbühne ist erstklassig und sollte man sich auf den vielen Fußgängereinbahnen in der Festung einmal verirren, sorgen unzählige Schilder dafür, dass man wieder zurückfindet. Nach Tagen der Schlaflosigkeit wollen wir nun auch raus hier und suchen das richtige Exit-Schild.





Thomas Seifert bereiste als Reporter u.a. Tschetschenien, Sudan, Irak, Kosovo oder Nordkorea. Für "Die Presse" berichtet Seifert seit Jänner 06 aus aller Welt.
Wieland Schneider ist stellvertretender Außenpolitikchef und Südosteuropaexperte der "Presse".
Hannah Stadlober, ist Gewinnerin von Reporter'12 und wird mit Thomas Seifert aus Thailand und Malaysia zum Thema "Kein Recht auf Sprache - Die Identitätskrise der pattani-malaisischen Minderheit in Südthailand" für "Die Presse" berichten.
