07.05.2012
Die Mauer von NavanakhonWiedersehen mit Novi Sad
10.07.2011 12:26 | Wieland Schneider
Die dunklen Tage, in denen in Ex-Jugoslawien Krieg tobte, scheinen sehr weit weg. Meine Begegnungen mit der Stadt an der Donau.
Es war ein grauer Tag im Oktober. Über die Wege bei der alten Festung von Novi Sad schlenderten Spaziergänger, unter ihnen ein junges Paar. Sie erzählte in einem kurzen Gespräch von ihrer Angst, dass er bald zum Militär eingezogen und irgendwohin in den Kampf geschickt werden könnte. Er wiegelte ab, wies darauf hin, dass reguläre Einheiten aus Serbien kaum noch in die Gefechte in den anderen ehemaligen Teilrepubliken eingriffen – zumindest offiziell, wie er scheinbar doch besorgt hinzufügte. Meine erste Begegnung mit der Stadt Novi Sad im Oktober 1992, als in Serbien der Autokrat Slobodan Milosevic herrschte. Von der einst propagierten „Brüderlichkeit und Einheit“ in Jugoslawien war längst nichts mehr übrig geblieben. In dem früheren Vielvölkerstaat tobte ein besonders grausamer Krieg. In Kroatien waren die Gefechte bereits weitgehend zum Stillstand gekommen. Doch in Bosnien wurde gerade erbittert gekämpft, wurden zehntausende Menschen aus ihren Städten und Dörfern vertrieben.
Meine nächste Begegnung mit Novi Sad im Herbst 1999: Slobodan Milosevic war noch immer an der Macht. Die Brücken über die Donau waren zerstört, Trümmer davon lagen im Wasser. Die Nato hatte einige Monate zuvor die Brücken bombardiert, während des Krieges um den Kosovo, in den die westliche Allianz auf Seiten der Kosovo-Albaner eingegriffen hatte. In Serbien wuchs der Ärger über Milosevic und seine – verlorenen – Kriegsabenteuer, Oppositionelle in Novi Sad dachten wieder intensiver über eine Abkehr der Vojvodina vom Rest des Landes nach. Im ganz Serbien begann die Oppositionsbewegung zu mobilisieren und den Protest auf die Straße zu tragen. So lange, bis Milosevic im Oktober 2000 schließlich gestürzt wurde.
Novi Sad im Juli 2011, ein ganz besonderes, ein freudiges Wiedersehen: Die Cafes in der Altstadt sind voll, das Leben pulsiert. Oben auf der Festung spielen unzählige Bands beim Exit-Festival 2011. Ein Festival, das einst ins Leben gerufen wurde, um Milosevic loszuwerden – den Mann, dessen Politik das junge Paar im Oktober 1992 fürchten ließ, in die Mühlen des Krieges zu geraten. Die jungen Menschen, die heute auf die Festung gekommen sind, sind dort, um Exit 2011 zu genießen. Die dunklen Tage, in denen in Ex-Jugoslawien Krieg tobte, scheinen sehr weit weg, wie in einer anderen Wirklichkeit.


Thomas Seifert bereiste als Reporter u.a. Tschetschenien, Sudan, Irak, Kosovo oder Nordkorea. Für "Die Presse" berichtet Seifert seit Jänner 06 aus aller Welt.
Wieland Schneider ist stellvertretender Außenpolitikchef und Südosteuropaexperte der "Presse".
Hannah Stadlober, ist Gewinnerin von Reporter'12 und wird mit Thomas Seifert aus Thailand und Malaysia zum Thema "Kein Recht auf Sprache - Die Identitätskrise der pattani-malaisischen Minderheit in Südthailand" für "Die Presse" berichten.
