19.10.2012
Umstrittenes "Heldengedenken" in Mazedonien"Belgrade is like the greatest city in the world"
24.07.2011 11:30 | Teresa Reiter
Nach einem langen und beinahe völlig durchwachten Wochenende in Novi Sad, machen wir uns auf nach Belgrad.
Belgrad - Eine Stadt aus Beton. Die flimmernde Hitze verwandelt die Hauptstadt in eine Art Vorhölle. Atmen, Stiegen steigen, Taxifahren - alles ist anstrengend. Trotzdem fühle ich mich von der Stadt charmant empfangen. Belgrad sieht aus wie ein Legohaus, an dem acht verschiedene Kinder gebaut haben. Es gibt hier alles. Alte Häuser, moderne Hochhäuser, schmale Gassen, verfallene Innenhöfe - die Stadt hat einen eindringlichen Herzschlag. „Belgrade is like the greatest city in the world", hatte mir ein amerikanischer Kollege versprochen, bevor wir herkamen. Ich beginne zu ahnen, was er damit meinte. Die Stadt ist voller Überraschungen. Sie ist laut und heiß, aber begibt man sich versehentlich in eine Seitenstraße ist es plötzlich totenstill. Am Fluss liegen die Splavs - schwimmende Bars. Abends geht es dort zu wie in einem Bienenstock. Belgrad glüht förmlich vor Vitalität.
An einem der ersten Abende hier treffen wir die serbische Surfrockband Threesome. Sie wollen uns zeigen, wo sie proben. „Den Sonnenuntergang können wir uns von dort aus auch ansehen", sagt Jovana, die lebhafte Schlagzeugerin der Band. Wir sitzen im Auto und warten. Der Bassist fehlt. „Ich verstehe das nicht", murmelt Jovana während sie auf ihr Handy starrt. „Vor fünf Minuten habe ich mit ihm telefoniert, und er hat gesagt, er ist schon da. Die CD für dich habe ich jetzt auch zu Hause vergessen." Musiker sind überall auf der Welt gleich, denke ich amüsiert. Schließlich taucht Petar doch auf und wir können uns auf den Weg machen. Nach einer knappen Viertelstunde Fahrt halten wir vor einem äußerlich hässlichen und verfallenen Gebäude. Das Bigz Jugend- und Kulturzentrum war früher ein großes Medienhaus. Hier wurden Bücher für ganz Jugoslawien gedruckt. Heute beheimatet der Betonklotz eine Unzahl an jungen Bands, die hier ihre Proberäume und Studios haben. Graffitis säumen die niedrigen, dunklen Gänge. Alle zwanzig Schritte ist eine Tür offen und laute Musik dröhnt heraus. „Alle großen Bands Serbiens haben hier angefangen", erklärt Threesome-Gitarrist Uroš. „Da drüben ist das Petrol-Studio". Wir erinnern uns dunkel daran, Petrol auf der Main Stage am Exit Festival gesehen zu haben. Dürre Kerle mit langen zottigen Haaren, die harten Rock spielen.
„Wir gehen rauf aufs Dach. Da oben ist ein Jazzcafé. Der Typ, dem es gehört macht seine eigenen Möbel", sagt Jovana. Und wirklich: Am Dach des chaotischen Betonkomplexes sitzen junge Leute auf improvisierten Sesseln und trinken Bier. Über der Donau geht gerade die Sonne unter und ein paar schlaksige Typen spielen leisen Jazz in die Abendsonne hinein. Der Ausblick ist atemberaubend.
Wir setzen uns zu ihnen und erfahren eine Menge über das Gebäude. Es steht unter Denkmalschutz und kann deshalb nicht abgerissen oder umbebaut werden. Die Stadt hat es in Ermangelung einer besseren Idee den Jugendlichen überlassen. Für die Entwicklung einer starken Musikszene ist es wichtig, einen Platz wie diesen zu haben. Die Bands brauchen einen Ort, um zu proben und was wäre besser, als sie alle in einem Gebäude proben zu lassen? Im Bigz entstanden aufgrund der Proberaum-Nachbarschaften schon viele Freundschaften und Kooperationen zwischen den verschiedensten Projekten. Wir besuchen die Band Kriške, die gerade für einen Gig probt. „Normalerweise sehen wir ein bisschen anders aus. Unser Schlagzeuger kann nicht zum Gig mitkommen, deshalb spielt der Bassist Drums und bringt gleichzeitig einem anderen Bassisten seinen Part bei. Es ist einfach nur der typische Belgrader Band-Inzest", lacht der Kriške-Frontman Oliver Svilan.
Als wir gehen, hören wir im Stiegenhaus plötzlich laute Hip Hop-Beats. Eine Tür am Ende des Ganges steht offen. Wir werfen einen Blick hinein und finden eine Breakdance-Gruppe vor, die gerade eine Open Session für Nachwuchsbreakdancer abhält. „Leider sind wir gerade fertig", sagt Darko schwer atmend. Er war als Tänzer schon viel in der Welt unterwegs und auch einmal beim Impulstanz in Wien zu Gast. Das Gute am Bigz sei, erklärt er, dass hier viel Platz ist, die Miete billig und dass es immer geöffnet sei. Auf diese Weise können hier immer wieder interessante Projekte entstehen.
Wir wenden uns zum Gehen, doch Jovana fehlt. „Wahrscheinlich begrüßt sie gerade etwa vierhundert Leute. Sie ist wie die Königin dieses Gebäudes", verrät uns Uroš stolz lächelnd.
Threesome kennen Wien. Vor nicht ganz einem Jahr spielten sie mit den Sex Jams ein Konzert in der Kunstuni. Die Leute von Fettkakao haben sie eingeladen, erzählen sie uns. „Für uns ist jede Art von Zuspruch eine tolle Sache. Wir sind keine Mainstreamband. Wir haben nicht einmal einen Sänger." Ihrer Musik fehlt aber auch gar kein Sänger. Sie ist ihre eigene Stimme. Ein wenig erinnern sie an die Bambi Molesters aus Kroatien. Aleksander Deribasic - Rock Promoter in Belgrad - bestätigt mir diese Ähnlichkeit. Er weiß, dass Threesome große Fans der Bambi Molesters sind. „Es gibt ein Video von einem Bambi Molesters Konzert, auf dem die drei zu sehen sind und sich völlig von der Musik überwältigen lassen. Das scheint wohl die Stunde gewesen zu sein, in der Threesome geboren wurde."




Thomas Seifert bereiste als Reporter u.a. Tschetschenien, Sudan, Irak, Kosovo oder Nordkorea. Für "Die Presse" berichtet Seifert seit Jänner 06 aus aller Welt.
Wieland Schneider ist stellvertretender Außenpolitikchef und Südosteuropaexperte der "Presse".
Hannah Stadlober, ist Gewinnerin von Reporter'12 und wird mit Thomas Seifert aus Thailand und Malaysia zum Thema "Kein Recht auf Sprache - Die Identitätskrise der pattani-malaisischen Minderheit in Südthailand" für "Die Presse" berichten.
Sebastian Wedl, ist Gewinner von Reporter'12-Ost und wird mit Wieland Schneider in Mazedonien zu seinem Thema
"Spurensuche nach einem vergessen Konflikt, der die Söhne und Töchter Mazedoniens zur Flucht nach Westeuropa zwang" für "Die Presse" berichten.
