Die Mauer von Navanakhon

07.05.2012 19:59 |  Von Hannah Stadlober

Reporterin’12 Hannah Stadlober über ein Megaprojekt, das in Zukunft Thailands Industrie vor Überschwemmungen schützen soll.

Thailands Jahrhundert-Flut vom Herbst 2011 hat Industriekapitänen und Investoren einen gehörigen Schrecken eingejagt - es entstand ein Schaden in Höhe von 11,8 Milliarden, mehr als 800 Menschen starben. Um in Zukunft Thailands Industrie-Zonen vor derartigen Mega-Überschwemmungen zu schützen, werden um die Gewerbe-Gebiete Dämme hochgezogen.

Ein vermummter Motorradfahrer müht sich durchs Geröll, Sandsäcke liegen verloren im Wassergraben, ein Wächter döst vor sich hin. Aneinandergereihte Container zeugen von den verzweifelten Versuchen der Behörden, die Wassermassen aufzuhalten. Sie sollten erfolglos bleiben.

Am 17. Oktober wurde das Navanakhon Industrial Estate komplett überflutet. Täglich strömten 400 Millionen Kubikmeter Wasser in die Industrieanlage nördlich von Bangkok und überschwemmten 200 Fabriken. Aber nicht nur Navanakhon war von der größten Hochwasserkatastrophe seit 50 Jahren betroffen: Rund um die thailändische Hauptstadt ließen die Wassermassen insgesamt 11,8 Milliarden Euro Schäden zurück. Mehr als 800 Menschen starben.

Nachdem die Regierung unter Yingluck Shinawatra für ihr chaotisches Krisenmanagement kritisiert worden war, setzt sie jetzt alles daran, Investoren von ihren Schutzmaßnahmen zu überzeugen.

In Navanakhon wurde die thailändische Baufirma Italian-Thai mit der Konstruktion einer Schutzmauer beauftragt. Auch die Abfluss- und Kanalsysteme sollen verbessert werden um zukünftige Überschwemmungen zu verhindern.

vergrößern

Neben Nestlé, Tostem und Western Digital, haben hier auch Nidec-Copal und Toshiba ihre Produktionsstätten. Von den insgesamt 227 Fabriken am Gelände konnten 140 die Produktion wieder aufnehmen, 59 befinden sich in einer „Vorbereitungsphase" - wie viele Konzerne ihre Produktionsanlagen in andere Regionen oder gar Länder verlagern werden, ist noch unklar.

„Immer wieder rufen mich die Manager der ansässigen Betriebe an und wollen ganz genau wissen, wie die Bauarbeiten laufen", so Apinan Jawang. „Alle wollen auf Nummer sicher gehen." Der Projektleiter lehnt sich entspannt zurück, setzt ein Zahnpastalächeln auf und beäugt seinen Goldring.

Dann breitet er die Baupläne für Navanakhon vor sich auf: Die Anlage ist in sieben Zonen unterteilt. Während die Bauarbeiten im Norden schon voll angelaufen sind, werden sie im Süden erst in den nächsten Wochen beginnen. Derzeit sind 200 Arbeiter am Bau beschäftigt, um die hundert werden in den nächsten Wochen folgen.

vergrößern

20 Kilometer langer Damm

Wenn die Baufirma das Megaprojekt Ende August abschließt, wird die gesamte Stadt von einer insgesamt 20 Kilometer langen Mauer umgeben sein. Schon jetzt gleicht das Industriegebiet einer Befestigung aus einem Kriegsgebiet: Im nördlichen Teil von Navanakhon ragt der graue Schutzwall bereits einige Meter aus dem Boden. Vermummte Arbeiterinnen - Hut, Handschuhe und lange Ärmel sollen vor dem UV-Licht der prallen Sonne schützen - sind damit beschäftigt, mit Mörtel die Öffnungen zwischen den Betonwänden zu verputzen.

„Die Mauer wird aber noch um einiges höher", erklärt eine von ihnen bevor sie sich wieder ihrer Spachtel zuwendet.

vergrößern

Heute, so scheint es, dient der Bau einer Mauer nicht mehr dem Schutz vor kriegerischen Völkern, sondern vor nicht weniger zerstörerischen Naturgewalten. Die 200.000 Einwohner des Industriegebiets dürfte der Schutzwall jedenfalls wenig stören - im Gegenteil: Er wird den Wert ihrer Wohnungen in die Höhe schnellen lassen.

Auch der japanische Technologiekonzern Toshiba wird sich um diese Industrieanlage keine Sorgen mehr machen: Das stark von den Überschwemmungen betroffene Unternehmen wird mit dem Festplattenhersteller Western Digital Produktionsstätten tauschen: Während WD die Fertigungsstätten in Navanakhon übernehmen wird, wird Toshiba in ehemalige Western Digital - Fabriken in China einziehen um dort Festplatten zu produzieren.

Von Navakhon geht es auf ein Luxus-Boot am Chao Praya Fluss im Herzen von Bangkok. Die Schifffahrt anlässlich einer Pressekonferenz von Toshiba hat etwas Symbolhaftes. Waren es doch die Wassermassen, die der japanischen Firma noch im Herbst Millionenschäden beschert hatten.

vergrößern

Heute gibt sich die Führungsetage des Unternehmens betont kämpferisch - doch man trägt kein verbissenes Gesicht, sondern: Man lächelt.

„Wir waren eines der am härtesten getroffenen Unternehmen in ganz Thailand - aber wir werden gestärkt aus dieser Krise hervorgehen", so Yukiharo Adachi, Präsident von Toshiba Thailand.

Trotz der Riesenverluste wird das Unternehmen Thailand treu bleiben - „Wegen der bereits getätigten Investitionen und natürlich für unsere thailändischen Mitarbeiter", erklärt Toshiba Thailand-CEO Kobkarn Wattanavrangkul.

Da einige Fabriken ohnehin komplett neu gebaut werden müssen, habe der Konzern die Chance genützt und Produktionsabläufe verbessert. Um flexibler auf unterbrochene Versorgungsketten reagieren zu können, werde man in Zukunft mehrere Lieferanten parallel einsetzen.

Und damit nicht wieder alles baden geht, stimmen die Toshiba-Chefs abschließend gemeinsam mit den Mitarbeitern der Marketingabteilung ein eigens vom König gedichtetes Lied an. Selbst die Führungsetage singt mit voller Inbrunst, im Hintergrund läuft ein professionell gestaltetes Musikvideo.

Der Refrain: Lächeln und kämpfen.

vergrößern

Globalist

Über die Autoren

  • Thomas Seifert bereiste als Reporter u.a. Tschetschenien, Sudan, Irak, Kosovo oder Nordkorea. Für "Die Presse" berichtet Seifert seit Jänner 06 aus aller Welt.
    Wieland Schneider ist stellvertretender Außenpolitikchef und Südosteuropaexperte der "Presse".


    Die Gewinner von Reporter'12 und Reporter'12-Ost

    Die Gewinner der Reporter'12-Aktion erhalten jeweils eine Reise mit Thomas Seifert und Wieland Schneider im Ausmaß von 14 Tagen, um Ihre Reportageidee in die Tat umzusetzen. In dieser Zeit werden laufend Reiseberichte in diesem Blog veröffentlicht.

    Hannah Stadlober, ist Gewinnerin von Reporter'12 und wird mit Thomas Seifert aus Thailand und Malaysia zum Thema "Kein Recht auf Sprache - Die Identitätskrise der pattani-malaisischen Minderheit in Südthailand" für "Die Presse" berichten.
    Sebastian Wedl, ist Gewinner von Reporter'12-Ost und wird mit Wieland Schneider in Mazedonien zu seinem Thema "Spurensuche nach einem vergessen Konflikt, der die Söhne und Töchter Mazedoniens zur Flucht nach Westeuropa zwang" für "Die Presse" berichten.

Hinweis

  • Der Inhalt von Blogbeiträgen spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Weitere Blogeinträge

AnmeldenAnmelden