Warum wir die Goldreserven noch immer nicht im Meer versenkt haben

07.05.2013 16:23 |  von Nikolaus Jilch

Niemand ist eine Insel. Aber wenn ich Zypern wäre, ich würde mir einen höheren Goldpreis wünschen. Gedanken zur Rolle von Goldreserven in einer "modernen Welt".

Die Goldbestände der Zentralbanken sorgen immer wieder für Aufmerksamkeit. Zuletzt vergangenes Jahr, als Deutschland zuerst darüber debattierte und die Bundesbank dann wirklich mit der Rückholung ihres Goldes aus New York begann. (Ja, die Goldbestände lagern oft im Ausland - in New York, London oder Basel meistens.)

In solchen "Goldfenster-Momenten" tauchen auch immer allerlei "Experten" auf - und lassen ihren Emotionen freien Lauf. Dabei steht meist die "Das-Gold-ist-doch-längst-weg"-Fraktion in der einen - und die "Werft-es-doch-ins-Meer"-Fraktion in der anderen Ecke.

Kein Scherz. Im Zuge der letzten Debatte ließ sich die "Zeit" dazu hinreißen, diesen Text auf Seite Eins (!) der Printausgabe zu publizieren. "Die 1.546 Tonnen aus New York sollte man im Atlantik versenken", steht da am Schluss. Begründung: Keynes hatte gesagt, der Goldstandard sei ein "barbarisches Relikt".

Also weg mit dem Zeug! Ist ja nicht so, als ob die Bundesrepublik dieses Volksvermögen im aktuellen Gegenwert von rund 53 Milliarden Euro für irgendwas brauchen könnte. ;)

Die hier in der "Zeit" zur Schau gestellte Denke entstammt freilich einer relativ banalen und binären Perspektive aufs Geldsystem. "Wenn Goldstandard schlecht, dann Gold schlecht", lautet die Logik hinter derlei Argumentationen.

Dem gegenüber stehen die "Goldstandard gut, deswegen Gold gut"-Typen, die oft der Meinung sind, dass die Notenbanken das ganze staatliche Gold längst am Markt verbraten haben, um den Preis zu drücken und ihre Papierwährungen zu retten. Das wäre zwar möglich, ist aber höchst unwahrscheinlich - denn die Notenbanken verstehen die Bedeutung von Gold besser als gemeinhin angenommen wird. Und die Realität liegt wie so oft im Graubereich zwischen den extremen Meinungen.

 

Kleine Geschichte des Goldstandards

Tatsächlich gab es nie einen definitiven Goldstandard - sondern verschiedene Systeme, die mit Gold zu tun hatten und deswegen (nachträglich) unter "Goldstandard" subsummiert wurden. In der Regel versteht man unter "Goldstandard" heute die direkte Bindung einer Währung an Gold - die solange aufrecht erhalten wird wie eben möglich. Bis das auf Goldbasis entstandene Papiergeld so stark inflationiert wurde, dass eine "Neubewertung" des Goldes bzw. eine Abwertung des Papiergeldes unvermeidbar ist.

Seit 1971 gibt keine Form des "Goldstandards" mehr, weil keine Währung der Welt direkt an Gold gebunden ist. Die Zentralbanken haben das Zeug aber immer noch lagernd! Und entgegen der Beteuerungen der "Experten", wie unwichtig Gold in unserer ach so modernen Welt doch sei, hat die gute alte Deutsche Bundesbank tatsächlich mit der "Rückholung" dieser Reserven begonnen. Auch die Schweizer und die Oesterreichische Nationalbank fallen plötzlich durch erhöhte Transparenz im Goldbereich auf. Zweifellos auch eine Antwort auf die immer wiederkehrenden Gerüchte über angeblich längst geleerte Goldtresore.

Rund 17 Prozent allen Goldes (oder knapp mehr als 30.000 Tonnen) sind im Besitz von Staaten/Zentralbanken. Seit 2010 kaufen die Zentralbanken insgesamt wieder Gold zu - was langfristig betrachtet der "Normalzustand" ist. Im Jahr 1845 hielten gerade mal zwei Notenbanken (England und Frankreich) gemeinsam 85 Tonnen Gold. Mehr als hundert Jahre lang waren diese Institutionen auf der Nettokäufer-Seite zu finden, bis 1968 das Währungssystem von Bretton Woods zusammenbrach und 1971 die Eintauschbarkeit des Dollars aufgehoben wurde.

Diese Entwicklung haben wir immer wieder beobachten müssen, wenn wir Gold zu Geld gemacht haben. FOA beschreibt dies wunderbar:

 

Over time and life spans gold has been brought into official use countless times. Only to be bastardized by forces, we as peoples can never control. After every failure and ruination of much wealth, the cries always return to bring gold back as money. Once again to begin the long hard road that leads to the same conclusion. Gold coins, then bank storage, then gold lending, then gold certificate use, then lending of certificates, then certificates are declared paper money, then overprinted, then gold backing removed, then price inflation, then,,,,,, we begin again. But this time it's different the hard money crowd say. Yes, it is. Only the time has changed.

 

For the better part of human existence, gold alone has served all of the best functions of tradable wealth. But as soon as we call it our money, human nature takes over. Yes, we can call it a stock or a bond, a piece of land or a painting, a car, boat or antique, but just don't label it as money.

 

Das ist der springende Punkt: Gold war (als "tradable wealth") schon lange vor den Zentralbanken da! Mag schon sein, dass manche (fraglos hochqualifizierte) Notenbanker und Ökonomen heute ein philosophisches Problem mit der Rolle von Gold haben. Das ist verständlich, denn der "klassische Goldstandard" ist tatsächlich ein "barbarisches Relikt". Aber wer A sagt, muss schon auch B sagen: Wenn Gold ein philosophisches Problem darstellt, dann tut es die schiere Existenz von Notenbanken genauso. Aber das ist ein anderes Thema.

Es ist meine Meinung, dass Gold auch in Zukunft eine entscheidende Rolle im Geldsystem spielen wird. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die Notenbanken dieser Welt das anders sehen (und dass sie existieren und mit äußerster Macht ausgestattet sind, ist ja unumstritten).

Im Gegenteil: die Zeiten der "Goldverkäufe" sind vorbei, die Notenbanken sind seit 2010 wieder "Nettokäufer".

 Notenbankgold

vergrößern

(Quelle: Thompson Reuters GFMS)

 

Zurück zum "Goldstandard"? Nein.

Also rein in die "reine Papierwelt"? Auch nein.

Es sieht eher so aus, als würden wir viel weiter in der Geschichte zurückgehen als zum schnöden Goldstandard. Als hätten wir (als Menschen) inzwischen endlich aus den (Geld)Fehlern der Vergangenheit gelernt.

Es ist freilich nicht einfach, aktuelle Ereignisse direkt in dieses langfristige Bild zu integrieren - viel zu sehr bestehen unsere Nachrichten heute aus Spekulation und Gerüchten. Aber wir wollen es versuchen - am Beispiel einer kleinen Insel...

 

Auftritt der pawlowschen Hunde

Wer erinnert sich noch an Zypern? Es scheint weiterhin der Plan, dass diese kleine Insel einen Teil ihrer Goldbestände zur Rettung der Staatsfinanzen einsetzen soll. Rund 400 Mio. Euro soll ein Goldverkauf bringen. Das wären bei aktuellen Preisen rund 10 Tonnen Gold (Zypern besitzt knapp 14). Viele "Experten" haben diesen angedachten Goldverkauf einer Zentralbank als "Preis-negativ" oder "Gold-negativ" eingestuft. Wie pawlowsche Hunde.

Diese Reaktion hat auch handfeste Gründe, war Gold doch während der zwanzig Jahre, in denen die Notenbanken ihre Bestände reduziert haben, kein sonderlich prickeldes Asset - zumindest wenn man den Preis betrachtet. Aber der "Zypernplan" findet nicht während dieser 20 Jahre statt. Der ist - wenn er überhaupt stattfindet - ein Anzeichen für einen "neuen Goldmarkt".

 

"World class asset" statt "barbarisches Relikt"

Erstens würden 10 Tonnen am Markt verdampfen wie der sprichwörtliche "Tropfen auf dem heißen Stein" - ohne den Preis zu bewegen. Zweitens wären selbst 100 verkaufte Tonnen völlig egal, solange eine andere Zentralbank 101 Tonnen kauft - solange die Notenbanken also zu den Nettokäufern von Gold gehören. Und drittens hat Zypern ja gar kein Interesse an einem niedrigen Goldpreis!

Das ist sehr wichtig. Die früheren Goldverkäufe der Europäer waren breit angelegt und ausgedehnt um einen maximalen (negativen) Effekt auf den Preis zu erzielen. In den so genannten "Central Bank Gold Agreements" war (und ist) das bis ins Detail geregelt. Aber Zypern (oder ein anderer Staat, der sein Gold antastet) hat eine ganz andere Motivation: man braucht das Geld!

Hier würde kein "barbarisches Relikt" auf den Markt fliegen, sondern das letzte "world class asset", das Zypern noch hat. "Tradeable wealth", die eiserne Reserve! Wäre Gold so unbedeutend wie manche es gerne hätten, Zypern hätte es doch längst verkauft - oder? Oder wenigstens ins Meer gekippt, man hat es ja nicht weit. :) Und was ist mit Griechenland? Und Portugal? Diese Länder haben mehr Gold-pro-Kopf gelagert als die meisten anderen auf der Welt. Und ebenfalls Meerzugang. Worauf warten sie also?

 

Mein Gold ist so viel wert wie du mir gibst

In jedem Fall wären direkte Verkäufe eher ungewöhnlich. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Krisenstaaten ihr Gold als Sicherheit für etwaige neue Kredite einsetzen. Eine derartige Idee wurde vor etwa zwei Jahren in der EU und zuletzt vom World Gold Council aufgebracht. Gold als Sicherheit für die Liquiditätsversorgung zu nutzen ist nichts ungewöhnliches und geschieht (vor allem in Krisenzeiten) sowohl zwischen Zentralbanken als auch zwischen Zentralbanken und Geschäftsbanken "in Not".

Mir ist schon klar, dass sich der "Wert" von Gold für die Menschen nicht leicht fassen lässt - zumindest nicht, wenn man die Bedeutung der "Subjektiven Werttheorie" noch immer nicht ganz akzeptieren will. Jene Theorie also, die besagt, dass der Wert immer im "Auge des Betrachters" liegt. Anders gesagt: Mein Gold ist nur so viel Wert, wie ein anderer mir dafür zahlen will - egal wie wertvoll es mir ist und egal wie mühsam die Herstellung war. Ob ich zum "Preis des anderen" verkaufen will, ist wieder eine andere Frage.

Aber die Notenbanken spielen in diesem Spiel eine Sonderrolle. Sie können theoretisch den Wert dieses einen Assets ganz oben in ihrer Bilanz selbst bestimmen. Dass der Goldpreis von den Zentralbanken "mitgemanaged" wird, ist weder ein Geheimnis noch eine niederträchtige Manipulation - sondern Teil der "Geldpolitik". Und wenn sie ihn hinunter "managen" können, warum dann nicht hinauf?

Wenn ich Zypern wäre, ich würde es mir wünschen. Dann muss ich weniger Gold als Kreditsicherheit einsetzen (oder gar verkaufen) um mein Land zu retten.

37 Kommentare
 
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Gedanken zur Rolle von Goldreserven in einer "modernen Welt".

Gold bekommt erst seinen tatsächlichen realen Wert wenn das Papier nichts mehr wert ist. Das war so und wird immer so sein.

Wieso soll man etwas verkaufen was man nie wieder so billig bekommen.

Gold ist das wertvollste Asset das man haben kann.
Man legt es in eine Bank als Sicherheit für ein Geschäft, finanziert damit ein Geschäft, nach Abschluß nimmt man zwei Tatsachen mit, das Gold und den Gewinn.

Wer verkauft weiss nicht wie die Geschäftswelt tatsächlich funktioniert.

Mit dem Gewinn kaufe ich wieder Gold, mache wieder ein noch größeres Geschäft und noch einen größeren Gewinn usw. usw.

Das Gold bleibt immer beim Besitzer.

Wenn man die richtigen Geschäfte macht mit der richtigen Ware, ist das kein Problem.

Jede Bank würde sich freuen bei so einem Geschäft mit beiligt zu sein.




Central Bank Gold Agreement

Der Autor hat das CBGA nicht verstanden. Es handelt sich um ein klassisches Verkäuferkartell, das einem "Rette sich wer kann" Verkauf von Gold Einhalt gebieten wollte. Wie erinnerlich fiel damals der Goldpreis konstant und gewann eine Abwärtsdynamik, die gebremst werden mußte. Also keine Rede davon, Gold schlecht zu machen. Viel eher das Gegenteil.

Re: Central Bank Gold Agreement

Da haben Sie natürlich recht, die CBGA sind nicht dazu da "Gold schlecht zu machen, viel eher das Gegenteil" - viele glauben sogar, dass das erste CBGA den "Goldbullen" ausgelöst hat. Ich wollte nur auf den Unterschied zwischen einen einmaligen "Verkauf" und einem gestreckten, organisierten Verkauf deutlich machen - aber dem CBGA hab ich da wohl unrecht getan.

Re: Central Bank Gold Agreement

Da haben Sie natürlich recht, die CBGA sind nicht dazu da "Gold schlecht zu machen, viel eher das Gegenteil" - viele glauben sogar, dass das erste CBGA den "Goldbullen" ausgelöst hat. Ich wollte nur auf den Unterschied zwischen einen einmaligen "Verkauf" und einem gestreckten, organisierten Verkauf deutlich machen - aber dem CBGA hab ich da wohl unrecht getan.

EInspruch: Der Wert von Gold ist dem Menschen

sogar sehr leicht fassbar, wenn er selbst damit handelt. Jeder Volksschueler der einmal sein Pausenbrot verkauft hat beherrscht die "Subjektive Werttheorie". Der Preis von Goldmuenzen & Barren auf ebay zB. ist auf 95% vorhersagbar. In diesem Sinne sollten wir vielleicht wirklich "viel weiter in der Geschichte zurückgehen" und Gold zurueck in Eigenbesitz der Buergerschaft bringen, etwa indem der Staat seine Schulden durch Goldverkauf and die Oeffentlichkeit vermindert. Von Nationalbanken manipuliert oder von der breiten Masse im freien Markt selbstverwaltet ? Suchs dir aus.

Re: EInspruch: Der Wert von Gold ist dem Menschen

Ich glaube, dass die Staaten (zumindest in Europa und sogar in China) ein großes Interesse daran haben, dass ihre Bevölkerung Gold hat. Sehen Sie sich den Markt an: es gibt noch nicht mal eine MwSt auf Gold, EU-weit! Dass AT ein Interesse daran hat liegt auf der Hand: Der Philharmoniker gehört ja zu den wichtigsten Anlagemünzen. "Gold zurück in den Eigenbesitz der Buergerschaft" - das passiert schon!

Die Zentralbanken haben zudem verhindert, dass alles Gold gen Osten fliest bevor wir im Westen "aufwachen".

Re: Re: EInspruch: Der Wert von Gold ist dem Menschen

Ja, das mit der Umsatzsteuerbefreiung fuer Gold ist beeindruckend, warum eigentlich ? In meiner Juridiktion zahlt man 10%Ust fuer Silber&Gold. Zeigt dass der Staat starke Lenkwirkung hat, aber auch dass es am Buerger selbst liegt, vermehrt Gold zu verwenden. Oder nicht.

Re: Re: Re: EInspruch: Der Wert von Gold ist dem Menschen

Die UmSt-Befreiung in der EU wurde mit dem expliziten Ziel einer "Stärkung des Goldmarktes" beschlossen. Darf man fragen, wo Sie wohnen?

Re: Re: Re: Re: EInspruch: Der Wert von Gold ist dem Menschen

Null USt auf Gold ist schoen, aber es zeigt die Unsicherheiten durch Staateshand auf: Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen - morgen kann die USt auf 25% oder hoeher angesetzt werden wenn es der Elite in Bruessel so gefaellt. Melde-und Steuerpflicht bei allen Goldkaeufen? Wieso nicht, betrifft eh nur die Reichen und die asozialen Horter ...ein anstaendiger Mensch hat sein Geld auf der Bank etc.etc.
Ich lebe in Australien.

Re: Re: Re: Re: EInspruch: Der Wert von Gold ist dem Menschen

Stimmt. Auf Gold wird keine USt. erhoben, auf Silber (da Industrierohstoff) schon. Zumindest in Österreich. In der BRD wird glaube ich auf Silber auch keine USt. erhoben.

Re: Re: Re: Re: Re: EInspruch: Der Wert von Gold ist dem Menschen

Ein neues EU-Gesetz wird die USt. Ausnahme fuer Silber auf 19% anheben - ein Schlag fuer Silberfreunde.

Re: EInspruch: Der Wert von Gold ist dem Menschen

Alle - egal ob einer aus der "breiten Masse" oder eine Zentralbank - halten nur einen kleinen Teil ihres Vermögens in Gold. Dieser kleine Teil ist bei den Zentralbanken natürlich vergleichsweise riesig, sie halten aber zusammen nur 17 Prozent allen gehandelten Goldes.. Den Zentralbanken die Haltung von Gold zu verbieten, wäre eine deutliche Schwächung dieser für die Volkswirtschaft so wichtigen Einrichtung,und daran kann niemand interessiert sein.

So lange die Menschen bereit sind, Gold gegen andere wertvolle Sachen zu tauschen, ist es sinnvoll, Gold als Reserve für den Notfall zu halten. Daran wird sich sicher nichts ändern!


Mysterium

Hallo Herr Jilch.

Die Welt der Zentralbanken ist selbst für Fachleute oft ein Mysterium. Kein Wunder! Findet doch das meiste, was hier geschieht, hinter verschlossenen Türen statt.
Umso wichtiger der Versuch, von so vielen Perspektiven wie möglich Licht in dieses Dunkel zu bringen. Danke!

Dass die ZEIT, die Sie erwähnen, offenkundig nicht so recht weiß, was sie ihren Lesern eigentlich erzählen will, zeigt vor dem Hintergrund des Artikels, den Sie zitieren, nun dieser Artikel:

http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-03/bundesbank-gewinn-inflation

Hier refereriert das Blatt mal wieder brav, welche von welchen "Ertragsfeldern" die Bundesbank zu berichten hat. Wetten wir? Sollte Gold weiter fallen und von der Bundesbank dann entsprechend eingepreist werden, wird das Geschrei groß: "Stoßt das Gold ab!"
Und findet der Goldpreis auf den Märkten dann zu seinem neuen, von den Derivaten befreiten Preis, wäre die ZEIT die erste, die dann riefe: "Warum habt Ihr nicht noch sehr viel mehr Gold gekauft die letzten Jahre?"
Fähnchen im Wind …

Wieder einmal...

...ein sehr interessanter Artikel, Herr Jilch. Ich habe mich schon vor einigen Monaten auf meinem Blog mit dem Goldstandard auseinandergesetzt (siehe: http://mmaier.bplaced.net/2012/09/brauchen-wir-wieder-einen-goldstandard/) und immer wieder mal das Thema Gold angesprochen.
Beim Goldstandard (bzw. einer Goldwährung) dürfte es ja ständig eine deflationäre Neigung geben, was sich aus der begrenzten Menge an Gold ergibt. Manche Ökonomen halten ja eine Deflation sinnvoller als eine Inflation.
Dennoch: Gold ist (wie auch unser frei konvertibles Geld) eine handelbare Ware, und somit ein potentielles Spekulationsobjekt. Ob es sich für die Notenbanken lohnt, auf höhere Goldpreise zu spekulieren ist jedoch wieder eine andere Sache.

Re: Wieder einmal...

Sg Herr Maier,

danke - Sie illustrieren in Ihrem Artikel sehr klar, dass es nie "den Goldstandard" gegeben hat, sondern verschiedene goldbasierte Systeme - und dass diese (bei allen Vorteilen) auch immer inherente Nachteile mit sich bringen - nicht zuletzt den einen, dass die (freiwillige) Verpflichtung einer direkten oder indirekten Golddeckung jederzeit einseitig von Seiten des Staates gekündigt werden kann. Weiters scheint es, als würden Sie zu einem Schluss kommen, zu dem auch die "Architekten des Euro" schon vor Jahrzehnten gelangt sind.

Das obige Zitat von FOA beschreibt dieses Goldstandard-Dilemma sehr klar, glaube ich.


Re: Re: Wieder einmal...

Hallo Herr Jilch,

nun, ich selbst sehe im "Geld" an sich lediglich ein Mittel um Waren und Dienstleistungen zu bewerten, und um damit selbst auch (i.S.e. Werthaltigkeit) Werte sparen zu können.
An sich ist das Papiergeld selbst ja kein Problem - auch wenn das Papier selbst kaum einen wirklichen Materialwert besitzt - so lange es selbst nicht zur Handelsware wird. Unsere Devisenmärkte sind ja im Grunde genommen das Selbe wie die Edelmetallmärkte zu Zeiten der Edelmetallwährungen. Damals wurde mit Gold- und Silbergeld geschachert, heute mit Devisen.
Wäre beispielsweise der Dollar nicht das Basiszahlungsmittel für die Rohstoffmärkte, könnte die FED ja auch nicht derartige Unmengen auf den Markt werfen.
Vielleicht wäre es ja auch angebrachter, die Konvertibilität der Währungen aufzuheben, internationale Verrechnungskonten (auch für die Bewertung der Wechselkurse) einzuführen, und dabei das Gold selbst als das sehen was es ist: Ein wertvolles Edelmetall, welches als Absicherung und Anlageform dienen kann. Immerhin hat das Gold in den letzten beiden Jahrhunderten preislich real (nach Abzug der Inflation) sogar leicht zugelegt. Und wenn es auch keinen Zins abwirft und preislichen Schwankungen unterworfen ist: Papiergeld (wie auch Giralgeld) kann über Nacht nichts mehr Wert sein. Bei Gold (und Silber) geschieht das nicht.
Ja, das FOA-Zitat drückt das Dilemma deutlich aus, damit haben Sie absolut recht.

Wozu MTM wenn man zum Bilanzausgleich einfach klauen kann?

"Wenn ich Zypern wäre, ich würde es mir wünschen. Dann muss ich weniger Gold als Kreditsicherheit einsetzen"

ICH BIN ZYPERN? Wer soll das denn bitte schön in Person sein? Fakt ist: Gold ist für die herrsche Klasse (=Politiker, Bänker & Zentralbänker) Zyperns vollkommen irrelevant, wenn man zum Ausgleich seiner Bilanzen schlichtweg die Guthaben der arbeitenden Bevölkerung beliebig streichen kann. Der angenehme Nebeneffekt: Die Arbeitenden kommen nicht so schnell auf die Idee mit dem nun nicht mehr existentem Guthaben verführt in Rente zu gehen.
Wer also braucht in so einer Welt noch eine MTM-Party?
Gruß, AD

Re: Wozu MTM wenn man zum Bilanzausgleich einfach klauen kann?

Hallo AD ;)
Wenigstens EZB ist offenkundig sehr daran gelegen, den realen Wert ihrer Assets auszuweisen: und vierteljährlich neu zu bewerten. An Hand der aktuellen Marktpreise.
Sollte nun eines Tages eintreten, was das Freegold-Szenario prognostiziert – Kollaps des Papiergold-Marktes, Einfrieren des "Gold"-Preises auf irgendeinem irrelevant lächerlichen Niedrigniveau –, dann könnte es für die EZB wichtig werden, was sie nun in ihre Bilanz einträgt:
Den festgefrorenen Niedrigpreis von Gold? Das hieße: massiver Substanzabbau der EZB-Reserven!
Oder eher den Preis, der sich nunmehr auf dem rein physischen Goldmarkt ergibt, auf den jetzt alle Welt drängt? Das hieße: enormer Wertzuwachs der EZB-Reserven!
Dreimal dürfen wir raten, für welche dieser beiden Optionen sich die Notenbanker entscheiden werden.

Re: Re: Wozu MTM wenn man zum Bilanzausgleich einfach klauen kann?

"Wenigstens EZB ist offenkundig sehr daran gelegen, den realen Wert ihrer Assets auszuweisen: und vierteljährlich neu zu bewerten. An Hand der aktuellen Marktpreise."

Tschuldigung EA, da wir uns kennen, erlaube ich mir ein ehrliches: WAS FÜR EIN UNFUG!!!
Die EZB läßt sich alte kaputte Fahrräder andrehen (PIIGS Anleihen und PIIGS-Bankzertifikate), die sie dann als neue Sportrennräder (nominell) bewertet. Soviel zum Thema: Bilanzierung von realen Werten und EZB Ehrlichkeit. Von Außer-Bilanzvehikeln ala OMT, ESM, Target2, ELA mal ganz zu schweigen.

"Kollaps des Papiergold-Marktes, ...dann könnte es für die EZB wichtig werden, was sie nun in ihre Bilanz einträgt"

Und dann wird die EZB weiter lügen und betrügen: Fakt: Die EZB hat kein Gold, sondern Papiergold bilanziert. Du solltest die Bilanz schon mal genau lesen: "Gold und GoldFORDERUNGEN" steht da. Für derartige Bilanzierung würde Otto-Normalo schon längst im Knast sitzen.

Im übrigen kann es mir als Euro-Halter vollkommen schnuppe, ob die EZB nun so eine MTM-Party macht, dadurch wird, wie gesagt, mein Euro kein Stück "wertvoller".
Ach so, eines noch: Wenn es hart auf hart kommt, mit der EZB komplett von Idioten & GoldmanSachs besetzt, was glaubst Du wohl wird entschieden? Den Euro mit Gold gegenüber dem Dollar "zu retten"? LOL! Wach' endlich auf!
Gruß, AD

Re: Re: Re: Wozu MTM wenn man zum Bilanzausgleich einfach klauen kann?

AD, nehmen wir an, Sie haben vollkommen recht: was heißt das? Ich will es ehrlich wissen, welche Schlüsse ziehen Sie betreffend die mittelfristige Entwicklung des Geldsystems?

Gruß, NJ

Re: Re: Re: Re: Wozu MTM wenn man zum Bilanzausgleich einfach klauen kann?

Welche Schlüsse ich ziehe?
Nun, meine Glaskugel ist sicherlich nicht so hübsch, wie die EuroFreegold Kugel, aber es reicht doch wohl schon auf die Entwicklung der letzten fünf bis fünfzehn Jahre zu blicken, oder die aktuellen:
http://www.format.at/articles/1318/939/357542/snb-milliardengewinn
http://www.boerse-express.com/pages/1342281/fullstory/
usw....

DAS ist die Realität! Nicht dieser fünfzehn Jahre alte Unfug.
Gruß, AD

Re: Re: Re: Re: Wozu MTM wenn man zum Bilanzausgleich einfach klauen kann?

Mittelfristig, also im Zeitraum von 5 Jahren, gibt es nur 2 Varianten wie sich das (europäische) Geldsystem entwickeln wird.

Die "faulen" Forderungen die in den Büchern stehen werden scheibchenweise ausgebucht (Modell Zypern) oder ganz schnell auf einmal.

Und dann wird sich herausstellen was in den Positionen "Gold und Goldforderungen" wirklich drin ist.

Kann nicht viel sein, alle Notenbanken wehren sich mit Händen und Füssen gegen ein Audit der physischen Bestände.

Oder wie einer meiner Lieblingssprüche besagt:
"on the left is nothing right, on the right is nothing left"


Re: Re: Re: Wozu MTM wenn man zum Bilanzausgleich einfach klauen kann?

Hallo AD.
Nun, wir beide schauen nicht in die Bücher der EZB. Und auch nicht in die Tresore der beteiligten Notenbanken.
Besitzen die Notenbanken der EZB-Staaten nun Gold (phys.)? Besitzen sie keins?
Das Mysterium, wie gesagt.
Dass allerdings die EZB Schwindelpapiere in ihren Reserven hält (PIIGS), ist allerdings noch kein Beweis dafür, dass auch alle anderen Assets geschwindelt sind. Ob wir uns darauf einigen sollten?

Re: Re: Re: Re: Wozu MTM wenn man zum Bilanzausgleich einfach klauen kann?

Soweit ich es mitbekommen habe, erhalten die Banken für "Schrottpapiere" nur einen Teil der Summe. Für zypriotische Staatsanleihen beispielsweise pro 100€ Nominalwert um die 29€. Es scheint so, als ob die EZB durchaus versucht einen Mittelweg zu finden.
Allerdings wären bei einem Staatsbankrott Zyperns auch die 29% weg.

Re: Wozu MTM wenn man zum Bilanzausgleich einfach klauen kann?

Die Menschen in Südeuropa sind es gewöhnt, per Inflation "kalt" enteignet zu werden, wenn ihrer herrschenden Klasse das Geld ausgeht. Der Euro hat dem ein Ende gesetzt. Dass man die Guthaben der arbeitenden Bevölkerung "beliebig" streichen kann, glaube ich nicht. Jeder Politiker überlegt sich ganz genau, was er seiner Bevölkerung zumuten kann und wann er zu weit geht. Der verzweifelte Kampf der Franzosen gegen die Austerität spricht hier Bände.

Zypern war sicherlich ein "Testballon" - niemand, der im Zuge dieses Übergangs "enteignet" wird, soll sagen können, er habe es nicht kommen sehen. Es ist aber keinesfalls der erste Zweck der MTM-Party, die Staaten zu sanieren! Vielmehr ist MTM-Eurogold ein entscheidender Punkt in dem der Euro dem Dollar "überlegen" ist im Sinne moderneren Geldes "für die Welt".

Beste Grüße, NJ

 
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Der Autor

  • Nikolaus Jilch
    ist seit 2011 Economist-Redakteur der "Presse"; berichtet über Geld, Gold, Zentralbanken und von den Fronten des internationalen Währungskrieges.



Hinweis

  • Der Inhalt von Blogbeiträgen spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

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