Die seltsame Sehnsucht nach den 99,9 Prozent

14.10.2012 21:36 |  von Anneliese Rohrer

Seit Jahrzehnten werden in Österreich nur Wahlergebnisse bei Parteitagen toleriert, die eigentlich in totalitären Staaten üblich sind. Jeder Vorsitzende, der nicht auf weit über 90 Prozent kommt, erleidet ein "Debakel". Die in einer Demokratie normale Wahl zwischen zwei Personen, bei uns Kampfabstimmung genannt, wird als Katastrophe schlechthin gesehen. Das ist demokratiepolitisch ungesund.

Ich liebe das Internet. Es ersparte zum Beispiel am Samstag einen Besuch in St.Pölten. Die Live Stream Übertragung des SPÖ-Parteitages tat's auch, auch wenn die SPÖ die Technik am Anfang nicht ganz im Griff hatte, aber bei der Rede Werner Faymanns dann doch. Zumindest zu 90 Prozent, was ja mehr ist, als er dann bei der Wahl zum Vorsitzenden erhalten hat.

Und das Internet machte es auch möglich, das spätere Ergebnis bereits während der Rede zu erahnen. Immer dann nämlich, wenn die Kamera in die Reihen der Zuhörer alias Delegierten, schwenkte, war die erlesene Gelangweiltheit in den Gesichtern auch in den vorderen Reihen nicht zu übersehen. Wahrscheinlich haben die meisten gar nicht gewusst, dass ihre sauren Mienen jede Minute im Netz zu sehen waren.  Kein gespanntes Warten auf die nächste Ankündigung oder den nächsten Angriff also, höflicher Applaus bestenfalls. Manche Genossen sahen am Vormittag schon so aus wie sonst nur nach einem zwölf Stunden Tag im Parlament. Das verhieß nichts Gutes. Eine matte Sache, hätte Helmut Qualtinger gesagt. Mehr noch: Im Saal dürfte man nicht einmal die Kopie von Bruno Kreiskys berühmten Satz von den "paar Milliarden mehr" (an Schulden), die ihm weniger "schlaflose Nächte" bereitet hätten als ein "paar Hunderttausend Arbeitslose" mehr, bemerkt haben - obwohl der Satz Österreich später sehr teuer zu stehen kam, als die Schulden und die Arbeitslosen da waren.

Bei Werner Faymann klang das dann so und niemand schien aus dem kollektiven Dämmerzustand gerissen zu werden (der Videokamera sei Dank): "Mir bereiten die Sorgen der arbeitslosen Jugendlichen in Europa mehr schlaflose Nächte als die Sorgen der Reichen, ob sie Vermögenssteuer zahlen sollen."

Frauenministerin Gabriele Heinisch Hosek nannte dennoch Faymanns Rede großartig. Das wirkte irgendwie deplaziert. Denn das einzig wirklich Großartige daran war, dass Faymann manchmal wie seine  eigene Parodie aus dem Kabarett "maschek" wirkte - zumindest auf dem Computerschirm. Vielleicht weil er weitgehend frei sprach und nicht vom Blatt las. Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas hätte das Wort "Konstituierung" wahrscheinlich auch nicht fehlerfrei herausgekriegt, wenn sie es vom Blatt gelesen hätte. Also Dialekt, Mimik und Gestik Faymanns hatte schon was. Siehe oben.

Weil das Internet eben Stunden den Parteitag frei Haus lieferte und man so die Redebeiträge vor allem der Jungen zu mehr Demokratie innerhalb und außerhalb der Partei sowie das Abstimmungsverhalten bei den einzelnen Anträgen verfolgen konnte, sind die Reaktionen auf die 83 % für Faymann absolut unverständlich. Das Wahlergebnis hat sich abgezeichnet. Vielleicht nicht gerade das Minus von 10 Prozent gegenüber dem letzten Parteitag, aber doch. Wahrscheinlich hätte die Medien und die anderen Parteien auch aufgeheult und von Faymanns "Debakel" etc geschrieben, wenn er 89 oder 90 Prozent erhalten hätte.

Eine Wahl mit 83 Prozent kann nur in einem Land als ungeheure Niederlage empfunden werden, das über Jahrzehnte ein seltsame Sehnsucht nach totalitären Ergebnissen von 99,9 Prozent entwickelt hat. Es ist eben alles relativ. 83 Prozent sind in der Tat wenig, wenn man zuvor 93 Prozent hatte. Aber wie demokratisch glaubwürdig sind diese 90iger Ergebnisse an Parteitagen? Eigentlich zeigt die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit und vor allem der Medien, Parteichefs müssten wie im Kreml immer über 90 Prozent erhalten, ein wirklich gestörtes Verhältnis zu demokratischen Vorgängen. So wie ja seit Jahrzehnten bei einer möglichen Kampfabstimmung um einen Parteivorsitz gleich die österreichische Welt untergeht - in den medialen Kommentaren und in den Parteien. Deshalb gibt es sie auch nicht mehr. Das heißt, ein ganz normaler demokratischer Vorgang wird unter den Generalverdacht der politischen Katastrophe gestellt. Was sagt das eigentlich über den Entwicklungsstand unserer Demokratie und über unser Demokratieverständnis aus? Sind nicht in Wahrheit die 83 Prozent eine demokratiepolitische Katastrophe in einem westlichen Land wie Österreich?

So, mit diesen Fragen verabschiede ich mich wegen einer US-Reise für drei Wochen von diesem Blog. Aber, wie gesagt, es gibt ja das Internet. Und ich liebe es.

15 Kommentare
Gast: chris berger
30.10.2012 00:04
0

Geistig abwesende Politiker? Über 90 Prozent Erwartungshaltung?

Da sieht man wieder deutlich, wie blasiert so manche dieser Herren und Damen sind. Sie waren somit nicht gewillt, zumindest irgendwie beteiligt zu wirken. Politiker haben auf mich eine Ausstrahlung von sorgsam mit Watte ausgestopften Puppen oder - auch nicht schön - von hochgradig Angeheiterten in einem Beisl. Da ist mir die verschlafene Version doch etwas lieber!

Dass unsere Demokratie eine ganz eigenwillige Sache ist, das dürften wenige bezweifeln. Tja, meine Begeisterung für diese Art der Politik, die hält sich in absoluten Grenzen bzw., sie existiert gar nicht mehr. Eher der Frust!

Gast: xaverling
18.10.2012 21:07
0

solche " abweichenden " Prozentsätze

sind zudem ein treffliches Mittel, um sich
über der jeweiligen politischen Gegner herzumachen , daher sind 80 % eine "Ohrfeige " , 75 % eine " schallende Ohrfeige " usw , eine abweichende Meinung
wird zum "tiefen Riss " , zwei zu einer " offenkundigen Spaltung " , so , als wäre es normal, dass in einer grossen Partei automatisch alle einer Meinung sind.

Re: solche " abweichenden " Prozentsätze

am parteitag präsentiert sich jede partei geschlossen..hinter dem obmann..geteilte meinungen werden intern ausgetragen...wo nicht sind es tatsächlich ohrfeigen

Burli 16.10. - 22.34

Primitive kommen aus Kärnten oder vielleicht auch anderswo??
Ja, wir sind noch im Neandertal:
Hoimar von Ditfurth lesen - Danke!

Antworten Gast: Wernär F-Mann
17.10.2012 12:25
0

Re: Burli 16.10. - 22.34

Tun sie einen Kanzla nichts herunter stellen. Ich komme aus der Reindorfgasse in Wien, das kann ich beweisen.

http://1.bp.blogspot.com/-iCoDdJVAfdI/TtZq5xgNKPI/AAAAAAAAAH4/WvovVREh5X4/s1600/Faymann.jpeg

Freunderlschaft!

Werner F.


Gast: Wernär F-Mann
16.10.2012 22:34
0

Danke schön Frau Rohra

Danke Frau Rohra das mich so untastützen. da weis man als Kanzla dann wieder: es war kein Inserat umsonst und kein Taxischein zu viel mühe.

Vielen dank für diesen gritischen Schurnalisten-Komentar. Ich werde der Laura sagen das sie für den Wurlitzerpreis vorgeschlagen werden.

Freunderlschaft!

Werner F.

Gast: UKW
16.10.2012 22:22
0

War ja klar, dass sie ausrückt um den großen Vorsitzenden zu verteidigen

Wenn sie schon nicht persönlich nach St. Pölten kommen konnte, so hat sie damit der Partei ja auch gedient.

Merke: Je weniger Stimmen Fayman bekommt, desto weiter sind wir von einer Diiktatur entfert. Klingt doch logisch, oder?

P.S. Ich liebe das Internet auch.

es stinkt

der vergleich stinkt...äh...hinkt
diktaturen erreichen ihre 99.99% per betrug.
partei interne abstimmungen sind frei von betrug und zeigen immerhin ein stimmungsbild. natürlich soll eine partei "geschlossen" hinter ihrem chef stehen. kritiker gibt es ausserhalb genug.
geschlossen erfordertz natürlich die 90%...was sonst.
faymann hatte fast ein fünftel gegen sich...von geschlossen keine spur. dazu kommt die berüchtigte dunkelziffer. wieviele haben aus disziplin ihrem unmut nicht stimme verliehen und gegen ihren bauch für faymann gestimmt?

scxhade frau dr. rohrer..noch sonntag war im spektrum ein toller artikel aus ihrer feder zu lesen...und zwei tage später solch mist.
meine empathie für die roten neidgenossen hält sich in engen grenzen...aber mit dieser abstimmung haben sie, besonders im wahljahr ein massives problem....eine offene flanke für stronach den stimmenfischer

Antworten Gast: alibababa
19.10.2012 21:17
0

Re: es stinkt

Da kann man also der SPÖ und allen Parteien, für die die öffentlich zur Schau gestellte "Geschlossenheit der Partei" wichtig ist, nur raten, Abstimmungen in Zukunft bleiben zu lassen, bzw. Abstimmungen nur mehr per Akklamation durchzuführen.
Freundschaft, Genosse!

Re: Re: es stinkt

genosse?
ich bin ur-schwarz!!
partei interne abstimmungen sind nicht mit offiziellen abstimmungen zu vergleichen..etwa im parlament oder landtag

Re: Re: es stinkt

egal welche partei...ein obmann muß die truppe hinter sich wissen

für die spö ist das abstimmungsergebnis eh' keine katatrophe...

...für faymann schon eher. eine 99%-ige zustimmung zu diesem kerl angesichts der perfomance der letzten jahre wäre die wirkliche katastrophe für die spö gewesen. wer hätte das verstanden?

es ist auch für die recherche-faulen journalisten, die lieber nachbeten, was ihnen die laura-pressesekretäre als "news" aus dem "inneren der spö" so erzählen eine offenbarung gewesen, dass viele spö-mitglieder in vielen fragen nicht mit dem agieren der parteiführung übereinstimmen (was sie auch laut am parteitag gesagt haben). es hat mich immer wahnsinnig geärgert, wenn ich lesen musste, dass "die spö" jetzt "gegen die wehrpflicht" wäre, obwohl KEIN EINZIGES GREMIUM der partei einen beschluss dazu gefasst hat. dass wegen des relativ schlechten fay-ergebnisses viell. jetzt ein paar ipo-journos kapieren, dass es in der spö mehr gibt als werner, laura und häupl, ist viell. die wichtigste konsequenz des parteitages. dient viell.

Klagenfurt-RÜCKTRITTSMARSCH

Gesellschafts-politisch und demokratie-politisch sind "Kärnten-Wähler + Bewohner" leider immer noch in der Neandertalzeit - wir warten tatsächlich auf den NEUSTART was versprochen wird und ich hoffe das von SPÖ/GRÜNE/ÖVP als konzertierter Aktion!
Das mündige Menschen zur Wahl gehen und eine Wahlbeteiligung von 80% stattfinden würde - es ist wohl nur ein Traum, aber sie werden oft wahr. Der "eiserne Vorhang" ist auch Geschichte und ich hab nie gedacht dass ich das in meinem Lebenszeitraum erleben werde!
Auf die Hoffnung - vielen Dank Frau Rohrer und schönen Aufenthalt in den USA, bis bald in Kärnten. Es ist immer wieder eine weitere Ermutigung wenn man Sie wieder einmal sieht auch als
"Auffrischung" im ORF!

Es werden noch Tage kommen, wo man sich Faymann zurückwünscht.

Klingt schlimm - ist es auch.

Gast: irgendeiner
15.10.2012 09:03
6

Volle Zustimmung !

Frau Rohrer, sie haben das richtig erkannt, gesellschafts-politisch und demokratie-politisch sind Österreich und seine "Bewohner" leider immer noch Steinzeit !

Rohrers Reality-Check

Die Autorin

  • Anneliese Rohrer
    geboren 1944, war von 1974 bis 2005 bei der "Presse" als innenpolitische Journalistin, Ressortleiterin Innen- und Außenpolitik tätig. Seit 2009 ist sie Kolumnistin bei der "Presse".

Hinweis

  • Der Inhalt von Blogbeiträgen spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

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