Ein Leben ohne Internet via Handy? Unvorstellbar!

22.10.2012 05:28 |  von Anneliese Rohrer

Neue Technologien sparen Lebenszeit. Eine Binsenweisheit. Ich habe ein App, daher bin ich. Nicht mehr cogito ergo sum. Ein kurzer Erfahrungsbericht.

Eigentlich hatte ich ja eine Auszeit von drei Wochen für diesen Blog angekündigt, jedenfalls von dem zur österreichischen Innenpolitik. Aber habe ich schon erwähnt, dass ich das Internet liebe? Im letzten Eintrag zum SPÖ-Parteitag in St. Pölten, nicht wahr?

So ist es. Auch jetzt auf einer Reise durch acht US-Staaten, um an Universitäten eine Dokumentation über Menschenhandel zu zeigen - über ein Thema also, von dem auch Österreich als Ziel- und Transitland betroffen ist, das aber hier kaum auf Interesse stößt. Nicht einmal dann, wenn Menschenhändler einer Richterin im Gerichtssaal applaudieren, weil sie mit erstaunlich milden Strafen davon gekommen sind. Die Straftat: Etwa 30 Bulgarinnen auf den Wiener Strich „verkauft".

Aber ich schweife ab. Die Frage, die sich im Zusammenhang mit dieser Vortragsreise aufdrängt, hat auch mit dem Internet zu tun: Was war das für ein Leben vor der Erfindung des Handys, der Smartphones und damit der verschiedenen Applications, vom GPS ganz zu schweigen? Wie viele Abfahrten von der Autobahn hat man früher versäumt, weil sich die Blicke auf Straßenkarte und Verkehrsschilder in einem fremden Land nicht koordinieren ließen! Wie viel Lebenszeit wurde da vergeudet!

Von der Mühsal der etwas komplizierteren Reiseorganisation ganz zu schweigen. Gab es wirklich ein Leben vor der App, die ein naheliegendes Einkaufszentrum anzeigt? Und was war das für eines, wenn man nicht die letzten Bewertungen und Beschreibungen des übernächsten Motels schon im vornhinein wusste?

Und überhaupt: Wie konnte man früher denn je herausfinden, wo Frauen für Obama oder, von mir aus auch, für Romney, die beste Party in der Stadt organisieren, um die letzte Konfrontation vor der Wahl gemeinsam im TV zu verfolgen? Jetzt ist dank der unterschiedlichsten Apps und der sogenannten Social Media alles kein Problem mehr. http://diepresse.com/home/video/

Vorstellbar ist ein Prä-Handy-Leben also nicht mehr. Es hat es aber gegeben. Und es musste auch organisiert werden. Nur wie? Die Lebenszeit, die jetzt eingespart wird, kann man dazu verwenden, darüber zu sinnieren - oder die aller neueste App zu einem "Politiker in Ihrer Nähe" zu kaufen.

 

9 Kommentare
Gast: chris berger
29.10.2012 23:45
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Lebenszeit - Lebensqualität?

Meiner Meinung nach fand eine ungute Beschleunigung in fast allen Lebensbereichen statt. Der Mensch wurde von Maschinen beherrscht. Sie gaben die Geschwindigkeit vor, an die er sich anzupassen hatte.

Ich sehe nicht alles EDV-mäßige als Übel an, doch gibt es sehr viele Auswüchse, die bedenklich stimmen. Die absolute Konzentration, die penetrante Abhängigkeit vom Netz, von irgendeinem kleinen Ding, auf das man starrt, die kann auf Dauer nicht das Wahre sein.

Als Frau in den sogenannt reifen Jahren, habe ich die Anfänge der EDV natürlich erlebt. Ich war hin und weg! Schlichtweg begeistert, das gebe ich zu. Große Erwartungen waren an die EDV geknüpft. Fehlervermeidung, effizientes Arbeiten, Vermeidung von Papierbergen. Witzigerweise erfüllten sich diese Träume nicht. Die Technik schreitet fort, nimmt dem Menschen die Luft zum Atmen. Sie hemmt ihn, zwingt ihm eine Zwangsjacke auf. So fühlen sich heute viele Menschen wie in einem Hamsterrad. Ich denke, ich werde in zwei Jahren nur mehr fallweise meinen iMac einschalten. Nur mehr für Dinge, dir mir Freude machen und die mich wirklich interessieren.

Gast: www.HannasLifeBlog.de
27.10.2012 11:40
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Wo bleibt das Private?

Die Technik ist ja gut und schöne. Es macht Spaß damit zu spielen.
Nur die Omnipäsenz nervt. Wo bleibt das Private? Gestern saß ich im Wartezimmer des Zahnarztes, als eine Mitwartende zum Smartphone griff. Lang und breit erzählte sie einer Bekannten von ihrem Zahnarztbesuch, dass sie noch warten müsse, weil sie ohne Termin kam und das Zahnschmerzen halt ungeplant passieren können. Dinge, die ich alle nicht wissen wollte. Die auch vor der Tür hätten gesagt werden können.
Technik ist schön, wenn man auf Reisen ist, um sich zurechtzufinden. Technik kann nerven, wenn sie überall und ohne Rücksicht auf andere verwendet wird, einfach weil es die Möglichkeit gibt, sie anzuwenden.
Letzlich las ich, das viele Chefs ihren Mitarbeitern nächtliche SMS mit Arbeitsanweisungen senden. In dem Bericht hies es, die Mitarbeiter fühlten sich psychologisch verpflichtet, diese auch zeitnah zu bantworten.
Ich finde, wir brauchen dringend wieder einen neuen "Knigge". Technik sollte das Leben erleichtern und nicht beherrschen.

Antworten Gast: chris berger
29.10.2012 23:51
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Re: Wo bleibt das Private?

Ich habe jetzt geschmunzelt, denn ich sah schon häufig Menschen im Supermarkt, die sich vor dem Krautkopf aufbauten, nach dem Handy nestelten und dann ihre Stimme mehr oder weniger laut anschwellen ließen. Es waren Abhandlungen zu hören, die ich persönlich, wirklich herrlich fand. Ich finde ja viele Dinge, die Menschen und natürlich auch ich mache, oft so herzerfrischend, da so unglaublich wenig erwachsen zu nennen. Davon abgesehen ist das Wartezimmer eines Zahnarztes nicht gerade der geeignete Platz, um locker-flockig zu plaudern. Dort sitzen angstvolle Menschen, die sich wie im Vorhof zur Hölle vorkommen. Wo Nerven vibrieren, da sollen Menschen etwas feinfühliger mit den lieben Mitmenschen umgehen. Wäre überhaupt anzuraten, denn heute scheint vielen das Nervenkostüm schon fast auseinander zu fallen. So geht es nicht weiter, denn mit etwas Liebenswürdigkeit verschönt man sich und anderen das Leben. Kostet nichts, da der Staat darauf bis dato, seltsamerweise, noch keine Abgaben erhebt. Brüssel auch nicht!

Gast: Paz
26.10.2012 10:01
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Internethandy

Als möglicher Weise einer der Ersten mit PC und Internetanschluss habe ich mich bisher von einer Internetnutzung mittels Handy fernhalten können. Mir reicht die unnütz verbrachte Zeit vor dem Laptop, die mir für das Bücherlesen abgeht. Es mag für gewisse Zwecke praktikabel sein auch einen Internetanschluss am Handy zu haben. Die herkömmliche Strasssenkarte ist unübertroffen und lässt sich auch aus dem Internet ausdrucken. Während der Fahrt das Handy zu benützen ist eher problematisch.
Die Frage ist wie weit die digitale Verblödung um sich greifen wird und die Menschen nur noch über Internet kommunizieren und keine persönlichen Kontakte haben?!

Antworten Gast: chris berger
29.10.2012 23:56
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Re: Internethandy

Die "digitale Verblödung", diesen Ausdruck finde ich sehr treffend. Wie weit der geistige Verfall jedoch voranschreitet, das entscheidet immer noch der spezielle Mensch selbst. Manche brauchen kein Handy, um ihre Synapsen in den Ruhestand zu befördern. Geistig Rege jedoch, die werden streckenweise auch der Reizüberflutung ausgesetzt, doch wirkt sich das bei ihnen nicht so dramatisch aus.

Tatsache ist, dass man heute dazu gezwungen ist, die modernen Medien anzuschaffen. Aber in der Pension, da kann man sich von allem Ballast befreien oder die technischen Errungenschaften so nützen, dass sie tatsächlich einen Mehrwert darstellen. Es liegt ja viel an einem selbst.

Gast: Lilli
26.10.2012 07:40
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Seit wann

ist Frau Rohrer unter die Kabarettisten
gegangen?


Gast: aisa
22.10.2012 10:07
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die falsche Abfahrt

na ja, ich habe manchmal durch falsches Abfahren, schon die schönsten Gegenden entdeckt....

Re: die falsche Abfahrt

Das stimmt. Es gibt herrliche Umwege. Ich habe auch schon viele genossen. Leider nicht alle.
Denn wenn man einen Termin wahrnehmen muss, kann eine falsche Abfahrt wertvolle Zeit und Nerven kosten.

Rohrers Reality-Check

Die Autorin

  • Anneliese Rohrer
    geboren 1944, war von 1974 bis 2005 bei der "Presse" als innenpolitische Journalistin, Ressortleiterin Innen- und Außenpolitik tätig. Seit 2009 ist sie Kolumnistin bei der "Presse".

Hinweis

  • Der Inhalt von Blogbeiträgen spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

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