Nach Mut und Wut bleibt Zynismus

03.05.2012 23:07 |  von Anneliese Rohrer

Mehr als zwanzig Jahre hat ein "Presse"-Leser immer wieder Berechnungen verschickt, Informationen angeboten. Gespräche zum Semmering-Tunnel geführt - alles mit dem Ziel, vor dem immensen Schuldenberg für künftige Generationen zu warnen.

Immer wieder gibt es Leser, die man zwar nie persönlich kennen lernt, die aber oft über Jahre oder Jahrzehnte hinweg telefonisch oder schriftlich nicht müde werden, auf das eine oder andere aufmerksam zu machen.

Dazu gehörte vor langer Zeit eine Dame aus Oberösterreich, die jahrelang bis zu ihrem Tod versuchte, Kritik an Jörg Haider abzuschwächen, indem sie sein öffentliches Auftreten mit Erzählungen von seiner Herkunft verständlich machen wollte.

Und dazu gehört jener Leser, der in  zwanzig Jahren nicht müde wurde, die Schuldenorgie der ÖBB darzustellen. Die Öffentlichkeit, so meinte er immer wieder, werde über das wahre Ausmaß der letztlich vom Steuerzahler zu begleichenden Schulden im Unklaren gelassen. Als bestes Beispiel galt ihm immer wieder der Semmering-Basistunnel, dem er jeden ökologischen und ökonomischen Sinn abgesprochen hat. Er zeichnete den langfristigen Wirtschafts- und Umweltschaden in düsteren Farben.

Nachdem nun aber am 24. April unter großem Tam-Tam der Spatenstich für das Milliarden-Projekt erfolgt ist, schickte er dazu den folgenden "Aktenvermerk" unter dem Titel:

Der Tag der Schildbürger

Nun haben sich tatsächlich die Schildbürger für - wie sie sagen 150 Jahre - ein eigenes Denkmal gesetzt. Und das mit einem besonderen Knalleffekt: der langjährige niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll, der seine Popularität in Niederösterreich nicht zuletzt seinem Widerstand gegen den Semmering-Basistunnel verdankt, griff ebenso zur Schaufel wie seine Partnerin im Geiste, Infrastrukturministerin Doris Bures. Letztere hat sich einen besonderen Namen dadurch gemacht, dass sie riesige Geldmittel für unnötige Tunnelbauten einsetzt und offenbar ernstlich daran glaubt, damit zukünftigen Generationen einen Dienst zu erweisen. Das Gegenteil davon wird eintreffen.

Der Semmeringtunnel ist ein gutes Beispiel für die Tunnelmanie unserer Schildbürger:

- Er bringt für den Güterverkehr nichts, außer einer Erhöhung der Transportkosten.
- Für den Personenverkehr wird eine Fahrzeitersparnis von 20 bis 25 Minuten mit einem Riesenaufwand von rund sechs Milliarden Euro erkauft - für etwa 1.000 Fahrgäste, die derzeit täglich zwischen Graz und Wien insgesamt (in bei Richtungen) unterwegs sind. Würden diese Fahrgäste mit dem laut Studien gegenüber der Bahn umweltfreundlicheren (!) Bus transportiert werden, wäre eine noch kürzere Reisezeit zu minimalen Kosten (rund 3,5 Millionen Euro, ohne Berücksichtigung der Erlöse) möglich.
- Durch die Bautätigkeit und den Tunnelbetrieb wird die Bedeutung des Weltkulturerbes Semmeringbahn negativ beeinflusst, es könnte sogar zu einem Verlust des Status als Weltkulturerbe kommen. Die Schließung der alten Bergstrecke scheint aus Kostengründen langfristig unausweichlich.

Landeshauptmann Erwin Pröll kann seinen Sinneswandel nur mit äußerst schwachen Argumenten begründen:

- Das neue Projekt sei ein „vollkommen anderes" (Anmerkung: Ja, mehr als doppelt so teuer...)
- „ Dass wir es für die internationale Anbindung brauchen, ist unbestritten" (Anmerkung: Ihm dürfte unbekannt sein, dass der ohnehin schwache Transitverkehr über den Semmering in den letzten zehn Jahren ständig zurückgegangen ist.)

- „Die Natur und die Umgebung dürfen aber nicht auf Ewigkeit für den wirtschaftlichen Vorteil geopfert werden. Eine noch so hoch geschätzte Expertenmeinung hilft dann nicht, wenn die nächste Generationen darunter unglaublich leiden." (Anmerkung: Das ist wohl eine Freud'sche Fehlleistung mit Aussagen aus früheren Tagen)
- „Auf Prognosen zu vertrauen ist eine gewagte Sache" (Anmerkung: Richtig wäre, auf die Prognosen jener nicht mehr zu vertrauen, die beispielsweise Mitte der 1990er Jahre ein Erreichen der Kapazitätsgrenze am Semmering für spätestens 2010 vorhergesagt haben - aber gerade jene sind weiterhin für Verkehrsprognosen verantwortlich)

Langjähriges Ziel von Niederösterreich ist zu den besten Regionen in der EU zu gehören. Nur auf dem Gebiet der Schildbürgerstreiche wird man das erreichen, mit den beiden Denkmälern der perfekten Geldvernichtung: AKW-Zwentendorf und Semmering-Basistunnel.

 

12 Kommentare

Investition läuft bei den ÖBB so:

Der Begriff "Investition" wird als Ausrede für jene Geldvernichtung verwendet, die gerade die ÖBB so auszeichnet.

Investitionen macht man nur wenn man einmal einen Gewinn erwartet!

Bei den ÖBB wird seit Kaisers Zeiten "investiert" und trotzdem (oder gerade deshalb?) werden nun etwa 7 Mrd € jährlich vom Staat zugeschossen. Das ist die Summe der Zinsen der Staatsschulden oder das mehr als Dreifache, was z.B. das ganze Bundesheer kostet.

Ich warte immer noch auf den Tag wann sich die "Investitionen" aus dem vorigen Jahrhundet bei den ÖBB rechnen werden und endlich Geld in die Steuerkasse gespült wird!


unverständlich.....

unverständlich ist, daß man in Zeiten wo bei den Bürgern eingespart wird ,man das Geld für solche Pojekte ausgibt.

Sachliche BedenkenI

1. Wie „wichtig“ Mürzzuschlag ist, zeigt sich schon daran, dass die „klassischen Südbahnschnellzüge Villach Wien in Mürzzuschlag seit Jahren nicht einmal halten, weil es nachweislich zu wenige Fahrgäste dafür gäbe. Nur die Graz – Wien – ICs halten noch dort..

2. Absolut unverständlich ist, dass die Züge künftig von Gloggnitz mach Mürzzuschlag im Inneren des Berges auf künstlich verlängerter Route um einige 100 Höhenmeter nach Mürzzuschlag hochgeschleppt werden müssen – keine Rede von einer Flachbahn – um dann wieder durch das ganze Mürztal gebremst zu werden. Ist das der Sinn eines „Basistunnels“?

3. Künftig werden schwere Züge wegen der relativ großen Steigung im Berg (!) auch weiterhin Vorspann benötigen, - ein sehr lukrativer Dienst, der sonst den Mürzzuschlagern entfallen wäre. Auch müssen schwere Güterzüge wegen der „Zughakengrenze“ auch künftig geteilt werden.


Sachliche BedenkenIII

II. Fortsetzung
5. Mit Vmax 160 könnte das meiste rollende Material (Lokomotiven: 1044, 1016 „Taurus“; Reisezugwaggons einschließlich der Cityshuttles) noch lange Zeit eingesetzt werden. Unverständlich, dass die neuen „Talente“, auch auf Langstrecken (REX) eingesetzt und infolge Leichtbausweise Hoch-Querbeschleunigungstauglich, auf unzeitgemäße 140 km/h limitiert wurden. Unverständich auch, das man die der die erhöhte Querbeschleunigung des mittlerweile ausgemusterte 4010 nicht nutzte.

6. In Österreich wird mit geringerer Querbeschleunigung als in anderen Ländern gefahren. (Kurvengeschwindigkeit). Das bedingt große Fahrzeit- und Energieverluste bei der gegebenen Topographie durch Brems- und Beschleunigungsvorgänge auf/aus unnötig niedrigem Geschwindigkeitsniveau.

7. Schluss: Der Semmeringtunnel in dieser Form ist zweifellos RELATIV sinnvoller als Koralm- und erst recht Brennerbasistunnel, bringt in Verhältnis zu den gewaltigen Investitionskosten viel zu geringe Vorteile hinsichtlich Energieersparnis, Wartungsaufwand und Fahrzeitgewinn. Zudem ist zu bedenken: Die vielbeschworene Baltisch-Adriatische Verkehrsachse gibt es in der Realität nicht.

Antworten Gast: dasdsad
14.05.2012 09:41
0

Re: Sachliche BedenkenIII

Der BBT ist natürlich sinnvoller wie die anderen Tunnelprojekte. Vermutlich noch nie am Brenner gewesen. Sonst würden sie nicht ...

Gast: achdumeinegüte
09.05.2012 04:02
0

Vielleicht kann die Fr.

Rohrer auch mal Infos über ihre Infrastrukturpläne/ideen veröffentlichen. Es ist ein leichtes gegen die Tunnelbauten zu schreiben.

Wien-Graz per Bahn übers Flachland

Noch effizienter und besser wäre eine Direktverbindung Wien-Graz über das Flachland, d.h. ein kompletter Neubau, der die Alpen umgeht. Da wären echte Geschwindigkeiten möglich und die Leute würden diese Variante viel eher bevorzugen. Zudem könnten Güter aus Nordosteuropa somit viel schneller nach Italien gebracht werden und umgekehrt. Aber vielleicht bauen unsere Nachbarn bald ein Konkurrenzprojekt...

Re: Wien-Graz per Bahn übers Flachland


Was nützt die beste Alternative, wenn gegen Abend einfach keine auch nur halbwegs brauchbaren Personenzüge von Graz nach Wien fahren?

Die ÖBB sind halt leider noch nicht aus der Kreidezeit herausgekommen. Das Einzige, was funktioniert, sind vielleicht die Schmiergeld-Flüsse, die bei den Bauten anfallen könnten.

Gast: b754
05.05.2012 19:55
0

wer sich an die presse wendet ist selber schuld


Antworten Gast: 475b
12.05.2012 10:49
1

Re: wer sich an die presse wendet ist selber schuld

Sagt Ihnen der Ausdruck "Dumpfbacke" etwas? Zugegeben, eher "deutsch", aber Ihre Kommentare lassen Ihrerseits darauf schließen, leider IMMER!!

P.S. Ihrem Kommentar zu Folge sollten Sie eben lieber zu Standard, Kurier oder Krone wechseln und nicht hier posten!!

Gast: ökono-mist
05.05.2012 01:03
1

Wenn die Zukunft zubetoniert wird, ist das Licht am hinteren Tunnelende (Günther Nenning - ebenfalls einmal im Tiergarten namens SPÖ...)


"Letztere (Anm.: Doris Bures) hat sich einen besonderen Namen dadurch gemacht, daß sie riesige Geldmittel für unnötige Tunnelbauten einsetzt und offenbar ernstlich daran glaubt, damit künftigen Generationen einen Dienst zu erweisen."

Falsch, lieber langjähriger Vor-Schwarzen-Löchern - Warner: Wenn Frau Bures überhaupt an etwas glaubt, dann sind das PORR, Siemens, Amalgam, kleine Zahnarzt- und große Tunnelbohrer und sippenwärmende Standheizungen in Dienstlimousinen [diese werden nach der Übernahme der SPÖ durch Spindelegger laut Frau Schlaumayer und Herrn Sausgruber (beide ÖVP) angeblich verboten...].

Jetzt soll es dem Vernehmen nach endlich Konsequenzen geben aus dem langjährigen Parteiversagen - allerdings wieder nur in der ÖVP: Das Dollfuß-Bild im ÖVP-Club wird abgehängt und durch ein Video mit Günther Nenning ersetzt. Es zeigt jene Passage, in der der Auhirsch (war es nun 2000 oder 2001?) am 1. Mai offen gegen die pflichtvergessenen (SPÖ-)Granden auf der Rathaustribüne höhnt: "Schön braun wird man da oben, gell..."

Anm.: Heute tarnen sie das erdige Braun längst mit vornehmer Blässe...

einseitig

werr gegen ein projekt ist findet alles was dagegen spricht und nicht was dafür spricht.

tatsächlich wird der güterverkehr über den semmering weniger...slowaken und ungarn haben nicht geschlafen.
die durch den lokalpatriotischen populismus verursachte verzögerung des basistunnel hat nicht nur das projekt verteuert...danke erwin....sondern auch
das tagesgeschäft der öbb zu ungunsten von steiermark und kärnten verringert.
nur der tunnel kann den rückgang stoppen und vielleicht terrain zurückgewinnen.
expertisen durch fanatische tunnelliebhaber oder gegner sind für die rundablage

Rohrers Reality-Check

Die Autorin

  • Anneliese Rohrer
    geboren 1944, war von 1974 bis 2005 bei der "Presse" als innenpolitische Journalistin, Ressortleiterin Innen- und Außenpolitik tätig. Seit 2009 ist sie Kolumnistin bei der "Presse".

Hinweis

  • Der Inhalt von Blogbeiträgen spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

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