Verschwörungstheoretiker verpassen eine Chance

23.05.2012 23:13 |  von Anneliese Rohrer

Die neue Plakatserie der ÖVP ist DIE Chance für alle, die ständig an irgendwelche Verschwörungen glauben, ein Gerücht in Umlauf zu bringen.

Was ist los mit den üblichen verdächtigen Verschwörungstheoretikern in diesem Land? Sie müssten doch angesichts der neuen Plakatserie der ÖVP (www.oevp.at) in heller Aufregung schon längst das jüngste Gerücht verbreiten oder es zumindest für wahr halten: Hier kann es sich nur um eine Verschwörung der "Linken" handeln, die mit Hilfe der Internationalen in der ÖVP einen sogenannten "Maulwurf" plaziert hat, dem es dann gelungen ist ÖVP-Chef Michael Spindelegger eine deutsche Werbeagentur einzureden, die bisher laut eigenen Aussagen (siehe "Presse" vom 22.Mai) nicht nur "aus einem anderen Land" ist, sondern "für die SPD Wahlwerbung gemacht" hat.

Da hat die vom ÖVP-Auftrag "überraschte" deutsche Agentur "Butter" im Auftrag des linken "Maulwurfs" bei den Konservativen ganze Arbeit geleistet. So oder ähnlich muss das Verschwörungsgerücht lauten. Der Schwerpunkt der ÖVP "Tradition" wurde nämlich so interpretiert, dass diese bestenfalls bis in die 80iger Jahre zurückreichen kann, denn so muten die Plakate optisch an. "Testimonials" dieser Art von irgendwelchen Bürgern ohne besonderen Sympathiefaktor mit einem Text, den kein Mensch im Vorübergehen oder -fahren lesen kann, waren gestern - und da schon nicht besonders erfolgreich. Dazu noch der völlig unglaubwürdige Anspruch, dass Verantwortung, Vertrauen, Zusammenhalt, Offenheit Werte "aus Österreich" sind, so nach dem Motto: Bier "aus Österreich", Gemüse "aus Österreich", made in Austria also, ganz so als gäbe es in anderen Ländern keine Verantwortung und kein Gemüse.

Zur totalen Hochform in unfreiwilliger Komik wahrscheinlich aus Unkenntnis der landesüblichen Gebräuche ist die Agentur beim Begriff "Tatkraft" aufgelaufen: "Wer mutig anpackt, dem darf der Staat keine Hürden in den Weg stellen." Einer, der dabei herzhaft lachen müsste, ist der ehemalige Obmann der ÖVP, Wilhelm Molterer. Als dieser sich nämlich nach seiner Niederlage 2008 und vor seinem Posten als Vizepräsident  der Europäischen Investitionsbank selbständig machen wollte, klagte er einmal wortreich, wie schwierig, unglaublich bürokratisch und langwierig der Weg in die Selbständigkeit sei. Voller Hürden wahrscheinlich. Der Mann war immerhin Vizekanzler und Finanzminister, jahrelang in Regierung und Parlament. Wer hat ihn in dieser Zeit daran gehindert, jene Hürden, die er dann bejammerte, zu beseitigen? Willkommen im wirklichen Leben, war die einzig passende Antwort. Aber jetzt gibt es ja die plakatierte "Tatkraft".

Offenbar nicht ganz ortskundig, hat die deutsche Agentur  hinterlistig gemeint, Österreich habe auch etwas mit Lederhosen zu tun und die Kombination mit Laptop könne auch hier funktionieren. Flugs war der Spruch: "Ob am Laptop, im Betrieb oder auf dem Feld, wer hart arbeitet soll auch etwas davon haben." Laptop und Feld, das hat schon was Bayrisches. 

Diese Kombination von Unansehnlichkeit und Unlesbarkeit der ÖVP-Plakate kann nur eine Falle der "Linken", also der SPÖ, gewesen sein. So eine Verschwörungstheorie hat schon was, meinen Sie nicht?

14 Kommentare
Gast: Anderl74
09.07.2012 13:52
0

tja, da ist der SPÖ-Slogan von 2008...

"Faymann - die neue Wahl" schon deutlich besser, als irgendwelche abstrakten Begrifflichkeiten zu plakatieren, nicht wahr Frau Rohrer. Sie haben ja auch vollkommen recht, wir sollten unseren Landsleuten wirklich nicht zu viel Text zumuten, schon gar nicht irgendwas mit Werte und Verantwortung und so. SPÖ gut. Grüne wundervoll. ÖVP ganz schlecht. Das genügt. Nicht wahr. (Wahlweise geht auch 'ÖVP ganz besonders korrupt.') oder 'ÖVP böse' oder irgendetwas gegen ÖVP halt..

das hat System

kürzlich war VK Spindelegger in München zu Besuch bei MP Seehofer. (Bayern ist "nur "der größte Wirtschaftspartner Österreichs mit einer Auslandösterreicherkolonie von mehr als 180 000.) - Wer hat von diesem Besuch in den Medien gehört oder gelesen? Dieses Treffen von zwei Konservativen kann nur von einem SPÖ-Maulwurf totgeschwiegen worden sein.

Ein Kinderpflaster der

Marke "Bärchen" befindet sich am >>linken<< Zeigefinger des bärtigen Latzhosenmannes. Sehr verdächtig.

Zudem grinsen die Personen auf den Plakaten als ob sie für die Legalisierung von Grass werben würden.

Das sind unterschwellig platzierte Botschaften und keineswegs Beobachtungen von Verschwörungstheoretikern :-) .

Re: Ein Kinderpflaster...

Ich habe ebenfalls gegrübelt, ob das Kinderpflaster (?) auf dem linken (!) Zeigefinger eine eindringliche, chiffrierte Botschaft an das Unterbewusstsein darstellen sollte: links = aua!!!

Ich habe weiters kurz darüber nachgedacht, welche unterschwellige Botschaft an den Wähler hinter dem schwarz-blauen (!) Karomuster der Spindelegger-Krawatte verborgen sein könnte.

Farben senden ja starke Signale ans Unterbewusstsein, wie der populärpsychologisch-halbgebildete Österreicher weiß.

Seeehr mysteriös, das alles.

Womöglich unterschätzen wir in unserer Überheblichkeit die unglaubliche Manipulationskraft dieser Plakatserie ganz gewaltig?


Gast: ckx375
28.05.2012 16:43
0

Und ich frage mich immer ...

... ähnlich wie bei der Raiffeisenwerbung: Hat das ein untalentierter 14jähriger produziert oder ist der unprofessionelle Eindruck sogar erwünscht, weil man auf sehr verkrampfte Art Unbefangenheit übermitteln will.

Frau Rohrer hat den Nagel auf den Kopf getroffen ;-)

Auf dem Weg zur Arbeit komme ich täglich am ÖVP-Plakat mit dem fröhlichen bärtigen Bauern in Karohemd und Latzhose vorbei – er wirkt, als hätte er gerade bei der Raika einen Kredit bekommen und sich neue Gummistiefel im Lagerhaus geleistet!

Die restlichen Plakate hab ich mir dann auf der ÖVP-Homepage angeschaut, aber die waren auch nicht viel besser.

Wenn man bedenkt, dass diese deutsche Agentur sicher nicht für ein Butterbrot gearbeitet hat, kann man zu dieser Kampagne nur sagen: Außer Spesen nichts gewesen!

P.S.: Weiß jemand, was diese Agentur gekostet hat?

Gast: UKW
26.05.2012 09:12
2

Ich hätte da eine andere Verschwörungstheorie

Linke Elemente versuchen der ÖVP ständig einzureden was nicht alles Schuld ist, warum sie ständig Wahlen verliert:

1. Der einzige ÖVP-Obmann der letzten Jahrzehnte, der in der Lage war Wahlen zu gewinnen, ist Schuld daran, dass uncharismatische Typen wie Molterer oder Spindelegger Wahlen verlieren

2. Schüssel ist natürlich weiter auch Schuld daran, dass die uncharismatischen ÖVP-Obleute in Wien (Marek, Finz, Görg etc) keine Chance gegen die rote Propaganda hatten.

3. Der langweiligste Gschau aller Zeiten (Spindi) soll der ÖVP noch möglichst lange erhalten bleiben. Daher braucht es ein Ablenkungsmanöver. Schuld für das Umfragetief ist nicht der Spitzenkanditat (das Wort klingt in Zusammenhang mit dieser Person sehr seltsam) oder der ständige Linksdrall und die unklare Positionierung, sondern dass man sich nicht von Schüssel distanziert, dass man nicht modern (=noch linker) genug ist, oder dass man sich gegen die Mittelschule wehrt, oder dass man sich (zeitweise) noch gegen Umverteilung wehrt...

4. Und dann gibt es noch Leute, die der ÖVP einzureden versuchen, dass diese Plakatserie schlecht gemacht wäre. Dabei ist sie im Grunde genommen von der Aussagekraft her die beste seit Jahren. Sie hat nur einen einzigen Fehler, aber der ist ganz gewaltig: Es ist darauf eine Person abgebildet, die von ihrer Ausstrahlung her völlig ungeeignet für eine Spitzenkanditatur ist. Schüssel wurde als Person oft von der SPÖ diffamiert, Spindi noch nie. Warum wohl?

Lederhosen

Danke für den Kommentar, die Plakatserie ist mies. Aber Lederhosen haben bitteschön sehr wohl etwas mit Österreich zu tun – trage meine Bad Ausseer schon seit 40 Jahren!

Antworten Gast: b754
26.05.2012 11:33
0

Re: Lederhosen

was hat BA mit österreich zu tun nur weil die wiener schickeria dort urlaub macht

Gast: Ralf Tometschek
24.05.2012 12:43
1

Wäre eigentlich...

...ganz einfach: Die ÖVP müsste nur einmal im 21. Jhd. ankommen, dann ginge vieles wie von selbst und sie wäre wieder wählbar. Was tun?

zB reaktionäres Mutter-/Frauenbild aufgeben
zB Anbindung/-biederung an kathol. Kirche aufgeben
zB nicht nur die Großindustrie vertreten und diese steuermäßig davonkommen lassen (über 50% der Unternehmen in Ö sind bereits EPUs)
und und und...

Antworten Gast: UKW
26.05.2012 09:14
2

Re: Wäre eigentlich...

Na klar, wenn die ÖVP sich noch näher an die SPÖ-Linie anbiedert, dann schwenkt ein alter Sozi plötzlich um und wählt die ÖVP. Ist doch bekannt, dass die Wähler lieber zum Schmiedl gehen als zum Schmied.

eher könnt man glauben

dass da der strache mitgemischt hat - bei sovielen falschen zähnen - spindi halt sich noch z'ruck !
sowas nebulöses über eine drittplatzpartei ...
vielleicht nach dem "alten motto": wir schreiben über ihn - dann kommt er vielleicht wieder hoch !

Ist am Ende schon...

...Saure-Gurken-Zeit, so dass man sich genötigt sieht, derart belanglose Artikel zum Besten zu geben?

Re: Ist am Ende schon...

Saure Gurken haben immer Saure-Gurken-Zeit...

Rohrers Reality-Check

Die Autorin

  • Anneliese Rohrer
    geboren 1944, war von 1974 bis 2005 bei der "Presse" als innenpolitische Journalistin, Ressortleiterin Innen- und Außenpolitik tätig. Seit 2009 ist sie Kolumnistin bei der "Presse".

Hinweis

  • Der Inhalt von Blogbeiträgen spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

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