Wien.Das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Studierenden am FH Campus Wien ist nicht nur ausgeglichen – es liegt sogar zugunsten der Frauen: Knapp 43Prozent der Studenten sind männlich, 57Prozent weiblich. Damit gehört Wiens größte Fachhochschule (FH) mit 3400 Studierenden zu den Ausnahmen: In den meisten FH sind mehr als die Hälfte der Studenten Männer. Studieren also immer mehr Frauen naturwissenschaftlich-technische Fächer, wie diese Zahlen auf den ersten Blick schließen lassen?
Nicht unbedingt. Denn auch im FH Campus Wien bietet sich ein gewohntes Bild, sieht man sich die Statistik genauer an. Studentinnen sind vor allem in den Bereichen Soziales und Gesundheit anzutreffen. Im Gesundheitsdepartement der FH liegt der Frauenanteil gar bei 82Prozent.
Fast spiegelverkehrt sieht es in der Bautechnik aus: Nur knapp ein Viertel der Studierenden sind weiblich. Interessantes Detail: In den Applied Life Sciences sind wiederum mehr als die Hälfte der Plätze von Frauen belegt. „In diesen Studien sehen die Frauen einen Bezug zur praktischen Anwendung“, sagt Urike Alker, Leiterin der Abteilung Gender Mainstreaming. „Und das Fach hat mit Menschen zu tun – das ist Frauen wichtig bei der Berufsentscheidung.“ Natürlich hätten auch technische Studien einen menschlichen Bezug. „Aber in den Berufsbildern wird das nicht immer transportiert.“
Berührungsängste, Infodefizite
„Berührungsängste“ von Mädchen ortet auch Barbara Biribauer, Frauenbeauftragte an der FH Technikum Wien. An dieser FH, an der rein technische Studien angeboten werden, ist der Frauenanteil besonders niedrig – durchschnittlich 13Prozent. Sie ortet „zu wenig Wissen“ über Berufsbilder und Karrierewege im technischen Bereich. „Wenn wir Maturantinnen unsere Labors zeigen und sie den Alltag sehen, dann erleben wir oft einen ,Aha-Effekt‘.“ Alker und Biribauer betonen, wie wichtig Information ist – und die anschließende Betreuung der Studentinnen.
Am FH Campus Wien werden Studentinnen mittels Buddy-System von Anfang bis Ende im Studium unterstützt. Und die Männer? „Die sind auch als Buddies eingebunden“, sagt Alker. „Auch sie haben ein Interesse, dass mehr Frauen hier studieren.“ Am FH Technikum Wien setzt man auf die Vorbildwirkung: Leistungsstipendien für die fünf besten Studentinnen werden jedes Jahr vergeben, um die ausgezeichneten Leistungen von Frauen zu würdigen; in einem Mentoringprogramm können Studentinnen in die Arbeitswelt hineinschnuppern und sich von Profis wertvolle Tipps für die Karriere und die Work-Life-Balance holen.
Ob der Frauenanteil in den „harten“ technischen Studien wie Mechatronik oder Elektronik langfristig zunehmen wird, ist sich Ulrike Alker nicht sicher. Der Frauenanteil steige nämlich „nicht unbedingt kontinuierlich an“. Ihre Kollegin Babara Biribauer vertraut indes auf die nachhaltige Wirkung der Initiativen. Biribauer: „Wir hoffen, dass sich der Multiplikatoreffekt fortsetzt.“ Einen langen Atem brauche man in dem Bereich – „und viel Geduld. Aber es lohnt sich.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2010)
















