Eine Suche nach Ich-Stärkung ist im Gang. Die Distanzierung von den Institutionen, die Glaubwürdigkeitsverluste, die Individualisierung der Ansprüche - von der Partnerschaft bis zum Konsum - all dies hat gewaltige Unsicherheit bewirkt. Das "Eigene" ist nicht so leicht zu orten oder durchzusetzen - bei all der ökonomischen Besessenheit, es sich "leisten" zu wollen.
Rudolf Burger, ein Herold im Kampf gegen Selbsttäuschung und Heuchelei und in der Ideen- und Politgeschichte beschlagen wie kaum einer, holt nun aus dem Geflecht der Erben des "Systems Hegel" um die Mitte des 19. Jahrhunderts einen Ich-Fanatiker hervor. Max Stirner (1806 bis 1858), der deutsche Philosoph, Journalist und Publizist, von Burger als "Einziger" bezeichnet, der den erhabenen Zynismus wagte, sich nicht nur von allem "Guten", sondern selbst vom Pathos der Leugnung Gottes und aller Moral zu trennen. Stirner habe "die ganze Fülle der Welt als sein Eigentum" sich angeeignet, unter dem Motto "Mir geht nichts über Mich".
Wird uns diese Wahnhaftigkeit vorgestellt, um uns zu mehr Ich-Stärke und zum Abwerfen von Fesseln die Augen zu öffnen und uns in der wilden heutigen Konkurrenzwelt der Ichs Illusionen von Rücksichtnahme und Mitmenschlichkeit zu ersparen? Oder soll nochmals nur der "Tod Gottes" und der humanistischen Ide- ale von Burger verkündet werden? Stirner als Aufklärer der Aufklärung und Kritiker von deren modernisiertem Humanismus? Hat sich der Humanismus, wie Martin Heidegger bereits vorschlug, endgültig überlebt und mit ihm auch jegliche Metaphysik und Philosophie? Was nun denken und tun? Welche Ableitungen aus heutigen psychosoziologischen Ich-Theorien sind für eine Grundsatzdiskussion zu Stirner konstruktiv?
Verehrter, lieber Freund Rudolf Burger! Sie kennen Nietzsches Satz "Wir sind Natur quand même". Und wir haben Jahrzehnte von Humanbiologie und Verhaltensforschung von Konrad Lorenz bis Rupert Riedl hinter uns. So ziehe ich als einen Ausgangspunkt die biologische Grundbestimmtheit des Menschen heran: Denn wie die tierischen Mütter, die ihren Nachwuchs gegen einen übermächtigen Feind verteidigen, wie Vögelmütter gegen Raubkatzen, sind auch die menschlichen Jungen in einen starken Nachwuchsschutz eingebunden. Müssen wir nach Afrika schauen, wo, wenn aidskranke Mütter das Baby nicht zu stillen vermögen, aus familiärer Empathie den Großmüttern Milch einschießt? Der Mensch wird schon biologisch zur Überschreitung der Ich-Interessen gedrängt. Und durch diese instinktfundierte Anteilnahme erhält er auch individuelle und soziale Entwicklungschancen, etwa durch Angebote, sich mit einer Person oder Zielsetzung zu identifizieren.
Der Triebdruck im Rahmen der Erotik und die damit verbundenen Einigungswünsche führen zu den kühnsten Formen von Ich-Überschreitung und Risikoverhalten. Und ohne solche Ich-Überschreitung gibt es auch keine Selbsterfüllung. Die Höhepunkte des Daseins ereignen sich, wo das Ich verlassen wird, sei es durch Meditation oder durch Erotik, oder dort, wo sich beides berührt, in der Selbstvergessenheit. Auch große schöpferische Leistungen der Kultur sind Ich-Übersteigerungen, weil um Gegenstand und Ausdruck gerungen wird, um "Realisierung in der Materie", wie Aristoteles sagte.
Das Ich muss jedenfalls kämpfen, damit es zu sich selber findet. Es steht im Spannungsfeld zwischen Triebherrschaft des Es und Moralforderungen durch das Über-Ich. So hat es uns Freud gezeigt. Ein aktuelles Spannungsfeld zwischen Es und Über-Ich, zum Beispiel Bereicherungswunsch und Gewerkschaftsmoral, braucht man nicht lange zu suchen.















