"Falls wir reisen ab"

Von Franz Karl Stanzel (Die Presse)

War es ein Missverständnis? Oder hat der ungepflegte Herr aus Dublin in Zürich schlicht nur nicht entsprochen? Zum 100. Bloomsday am 16. Juni: wie Joyce nach Österreich kam - und warum er blieb.

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Ein Mondstein kopfüber in unsere Literatur gefallen", so beschreibt Stefan Zweig die Wirkung von James Joyces Roman "Ulysses" auf die literarische Szene der Zwanziger-jahre. Das Bild wäre auch nicht ganz unzutreffend für das Auftauchen von Joyce in Österreich vor genau 100 Jahren: im Oktober 1904 in Triest und Pola. Etwas Unvorhersehbares eignet beiden Ereignissen, und ihre Folgen beschäftigen uns noch heute. Da Joyce überdies die Handlung des "Weltalltagsromans", wie Hermann Broch "Ulysses" treffend genannt hat, mit dem 16. Juni 1904, "Bloomsday", datiert hat, werden die Freunde von Joyce und Bewunderer seines Werks in aller Welt die 100. Wiederkehr zum Anlass nehmen, das Jubiläum mit Konferenzen, Umzügen, Inszenierungen aller Art zu feiern. Zentrum der "Events" wird natürlich Dublin sein, aber auch für Salzburg, Graz und Wien sind Veranstaltungen angekündigt. Das war nicht immer so.

Vor 40 Jahren habe ich in Dublin an einer internationalen Konferenz über englische Literatur teilgenommen. James Joyce stand damals nicht auf dem akademischen Programm, und in den Schaufenstern der Dubliner Buchläden war kein Werk von Joyce ausgestellt. In den vergangenen Jahren hat Dublin den kommerziellen Wert seines weltweit renommierten Autors erkannt und ihn, ähnlich wie Goethe in Weimar oder Mozart in Salzburg, zum Säulenheiligen des Tourismus erhoben. Bloomtown Dublin ist zur Boomtown geworden, titelte die "Zeit" schon zum Bloomsday 2000. Und heute stolpert der Tourist auf Dublins Straßen über gullygroße Plaketten, die denkwürdige Stellen auf dem Weg der Hauptfiguren durch die Stadt markieren.

Der 16. Juni 1904 ist ein höchst privates Datum. An diesem Tag habe, so kann aus Andeutungen in Briefen von Joyce geschlossen werden, die spätere Ehegattin, Nora Barnacle, James Joyce "zum Mann gemacht". Literarhistorisch betrachtet wäre eigentlich der 8. Oktober 1904, an dem Joyce zusammen mit Nora Dublin verließ, um sich aus der, wie er sagte, für ihn unerträglich gewordenen Umklammerung durch Staat, Kirche und Familie zu befreien, das bedenkwürdigere Datum. Und vom Standpunkt des Themas "Joyce in Österreich" wäre auch der 30. Oktober 1904 ein gedenkwürdiges Datum. An diesem Tag begann sein mehr als elf Jahre dauernder Aufenthalt im damaligen Österreich, zunächst im Zentralhafen der k. u. k. Marine in Pola und dann in Triest. Diese Österreicherfahrung hat vor allem in seinem Roman "Ulysses" (1922) erkennbare Spuren hinterlassen.

Der Anfang an der Berlitzschule in Pola war nicht sehr vielversprechend. In seiner ersten Reaktion auf die für den Iren Joyce sehr fremde Welt der Habsburgermonarchie versucht Joyce, seine Unerfahrenheit hinter einem voreiligen Pauschalurteil zu verbergen. In einem der ersten Briefe nach Dublin ist zu lesen: "I hate this Catholic country with its hundred races and thousand languages governed by the most physically corrupt royal house in Europe." Joyce begann aber sehr bald, dieses vorschnelle Pauschalurteil auf Grund eigener Beobachtung und seines wachsenden Interesses für die multiethnische Vielfalt Istriens zu revidieren. Einige Jahre später stimmt er geradezu ein hohes Lied auf die europäische Mission dieses "ramshackle empire" an. Wenn es nicht existierte, heißt es bei ihm weiter, müsste man es erfinden. War ihm bewusst, dass er damit einen Ausspruch von Frantisek Palacký, einem tschechischen Abgeordneten im Frankfurter Parlament, zitierte?

Der Schauplatz des Romangeschehens ist Dublin, und es treten nur in dieser Stadt ansässige Personen auf. Doch ist "Ulysses" kein irischer, sondern ein europäischer Roman, in dem Sinne, dass Gedanken und Gefühle durchschnittlicher Menschen, wie sie um die Jahrhundertwende überall anzutreffen waren, den Inhalt des Romans bilden. In dieses europäische Panorama fügt sich ein österreichischer Subtext ein, der an manchen Stellen an die Textoberfläche dringt, was von der Joyce-Kritik noch nicht zusammenhängend registriert wurde. Es ist hier nicht der Platz, auf all jene Autoren und Künstler österreichischer Provenienz einzugehen, die bei Joyce nachweisbar Spuren hinterlassen haben. Die Liste wäre lang und reichte von Mozart zu Stefan Zweig, Hermann Broch, Sigmund Freud, Otto Weininger, Felix Beran, dessen Antikriegsgedicht "Des Weibes Klage" Joyce sogar übersetzt hat.

Nach Österreich hat es Joyce auf seinem Weg ins selbst gewählte Exil ganz zufällig verschlagen. Pola wurde seine erste Station, weil dort an der 1904 neu gegründeten Berlitzschule die Stelle eines Englischlehrers frei war. Eigentlich wollte Joyce nach Zürich, wo ihm noch in Dublin eine solche Stelle angeboten worden war. Bei seiner Ankunft dort war sie angeblich nicht mehr verfügbar. Im Gegensatz zu den Joyce-Biografen halte ich die Erklärung, dass ein Kommunikationsfehler Ursache für die Absage war, für eine Mär. In Wirklichkeit erschien wohl das nicht sehr gepflegte Aussehen von Joyce - nach mehreren Tagen und Nächten auf Fähren und Zügen nicht überraschend - dem Direktor der Zürcher Schule, deren Schüler Söhne und Töchter wohlhabender Zürcher Bürger waren, nicht präsentabel genug.

Die Aussehenskomödie wiederholte sich dann an der Berlitzschule in Triest, wohin man ihn von Zürich weggelobt hatte. Der Triester Direktor, der nur wenige Tage zuvor seinem Züricher Kollegen telegrafisch eine freie Stelle angeboten hatte, vergaß dies offensichtlich, als sich Joyce - nach einer weiteren Tag- und Nachtfahrt - bei ihm vorstellte. Das Verwaltungszentrum für alle Berlitzschulen im Südosten Europas befand sich damals in Wien. Sein Archiv wurde während des letzten Krieges zerstört. Es wird daher ungeklärt bleiben, was im letzten Grunde Joyce nach Österreich brachte.

Überhaupt stand die Ankunft von James Joyce und seiner Begleitung auf österreichischem Boden zunächst unter keinem guten Stern. Auf dem Weg zur Berlitzschule in Triest geriet er in einen Streit zwischen der Hafenpolizei und vermutlich Grappa-seligen Seeleuten des Mittelmeergeschwaders der Royal Navy, die die Überfahrt zu ihren Schiffen versäumt hatten. Vielleicht wollte er als Dolmetscher vermitteln. Die gute Absicht misslang, zusammen mit den Seeleuten landete er im Stadtarrest, aus dem ihn erst der britische Vizekonsul befreien konnte. In Pola, wo man offensichtlich auf ein gepflegteres Äußeres der Lehrer an der Berlitzschule - Kursteilnehmer waren hauptsächlich Seeleute und Offiziere der Marine - weniger Wert legte, fand Joyce schließlich eine Stelle, von der er sich allerdings bei erster sich bietender Gelegenheit nach Triest versetzen ließ, wo er dann bis 1915 blieb, um nach dem Krieg noch einmal für ein Jahr dorthin zurückzukehren. - Dem Joyce-Biografen Richard Ellmann verdanken wir eine exzellente Lebensgeschichte des Autors. Ihr Wert beruht vor allem auf den zahlreichen Interviews, die Ellmann mit den in den Fünfziger- und Sechzigerjahren noch lebenden Zeitgenossen von Joyce führte. Den archivalischen Quellen hat dagegen Ellmann weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Im Kriegsarchiv des Österreichischen Staatsarchivs Wien sowie im Archivio di stato Triest fand ich einige sehr aufschlussreiche, Joyce betreffende Dokumente. Bei der Suche im Archivio di stato hat mich John McCourt, Triest, sehr tatkräftig unterstützt.

Zusammenfassend hat jetzt McCourt die Ergebnisse in seinem Buch "The Years of Bloom" verfügbar gemacht. So fand sich vor allem Neues über die Zeit vor Beginn des Ersten Weltkriegs. 1913 hatte Joyce nach Jahren der schlecht bezahlten, zeitaufwendigen Lehrtätigkeit an der Berlitzschule eine besser honorierte Stelle an der Scuola superiore die commercio, einer Handelsakademie, gefunden. Als Ire besaß Joyce einen britischen Pass, der ihn mit Kriegsausbruch als Staatsbürger einer Feindmacht auswies. Dennoch bemühte man sich zunächst um seine Weiterbestellung. Die mit k. k. bürokratischer Gründlichkeit abgespulte Korrespondenz der Schuldirektion mit dem Ministerium in Wien, die über den Statthalter in Triest lief, beanspruchte viel Zeit, während welcher Joyce ohne Gehalt eine vierköpfige Familie notdürftig mit Privatstunden ernähren musste. Was ihn aber nicht davon abhielt, die Abfassungsarbeit am "Ulysses"-Projekt energisch in Angriff zu nehmen. Der Antrag der Schuldirektion ging im Oktober 1914 auf dem Amtsweg ab und erbrachte schließlich am 13. März 1915 (!) den Bescheid, dass Joyce am nächsten Montag seine Stelle wieder antreten könne. Der Bescheid kam jedoch zu spät. Die Akademie musste nämlich wegen Schülermangels (österreichische Wehrpflicht!) ihre Tore schließen.

Mit dem Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Alliierten im Mai 1915 rückte die Front bedrohlich nahe an Triest heran. So sah sich Joyce gezwungen, um eine Ausreisegenehmigung anzusuchen, die ihm, auf Fürsprache wiederum von einflussreicher Stelle, ausgestellt wurde. Sein Bruder Stanislaus, auch Lehrer an der Berlitzschule in Triest, der aus seinen Sympathien für die italienischen Irredentisten nie ein Hehl machte, wanderte, wie fast alle anderen Triestiner mit britischen Pässen, für die Zeit des Krieges in ein Zivilinternierungslager. Seine in der Cornell Joyce Collection in Ithaca, New York, erhaltenen Briefe gewähren ein paar nicht uninteressante Einblicke in das Lagerleben. So finden sich in fast allen Briefen Bitten um konservierte Lebensmittel, Kleidung, Bücher und Ähnliches. Die Internierung begann in Kirchberg an der Wild, Niederösterreich, wo offensichtlich Unterbringung und Versorgung noch Schwierigkeiten bereiteten. Bald wurde er nach Schloss Grossau bei Raabs verlegt, wo man bereits Fußball spielen konnte. Am Lager Drosendorf gefiel ihm die schöne Lage auf einer Anhöhe. Die letzte Station bildete Katzenau bei Linz, wo gegen Kriegsende die Lagerbedingungen bereits stark gelockert waren, so dass Eileen, James Joyces Schwester, verheiratet mit einem Tschechen, ihn dort besuchen konnte.

Zurück zu James Joyce. Am 27. Juni 1915 verließ Joyce mit seiner Familie Triest in Richtung Zürich. Der Zug und seine Passagiere wurden in Feldkirch noch einmal einer genauen Kontrolle unterzogen. Das waren bange Stunden der Ungewissheit für Joyce. Jahre später bekannte er bei Gelegenheit eines Besuches bei seinem Freund Eugene Jolas, einem amerikanischen Autor elsässischer Abstammung, der als Sommerfrischler in Feldkirch weilte: "Over on these tracks the fate of my novel ,Ulysses' was decided." Österreichische Joyce-Verehrer haben eine Tafel mit einer Übersetzung dieses Ausspruchs über dem Fahrkartenschalter im Bahnhof Feldkirch anbringen lassen. Tatsächlich führte Joyce in seinem Gepäck "Kontrabande" mit, nämlich persönliche und geschäftliche Briefe an einen Triestiner Kaufmann, der bei Kriegsausbruch nach Italien geflohen war und daher österreichischen Behörden als Verräter galt. Einen regulären Postverkehr zwischen Triest und Italien gab es während des Krieges nicht.

In Zürich achtete Joyce strikt das Österreich gegebene Ehrenwort, sich neutral zu verhalten. In diesem Sinne unverdächtig war auch seine erste bezahlte Beschäftigung als Übersetzer für die zweisprachig publizierte neutralistische "Internationale Rundschau - International Review". Darin publizierten prominente Pazifisten wie Romain Rolland oder Bertrand Russell. Joyce schrieb damals ein satirisches Antikriegsgedicht, "Dooleysprudence", aus dem einige Verse heute wieder beunruhigend aktuell klingen: "The only way to save all human souls / Was Piercing bodies through with dumdum bulletholes." Die Zeitschrift wurde von den Alliierten wegen vermeintlich zu großer Deutschfreundlichkeit, auf dem Gebiet von Österreich-Ungarn wegen zu "unmilitärischen" (!) Inhalts verboten.

Während der Kriegsjahre in Zürich behielten die Geheimdienste beider Seiten Joyce im Auge, wohl mit der Absicht, sich gegebenenfalls seines schriftstellerischen Talents für Propagandazwecke zu bedienen. Das britische Generalkonsulat in Zürich war dabei nicht sehr erfolgreich. Für die österreichische Seite fand sich ein sehr aufschlussreiches Dokument im Kriegsarchiv in Wien, das ich 2001 im "James Joyce Quarterly" veröffentlichte und das dort einiges Aufsehen erregte. Es handelt sich um den Brief des k. u. k. Militärattachés in Bern, in dem der Bericht eines bei Joyce eingeschleusten Agenten zitiert wird: "(Joyce) ist ein anständiger Mensch und scheint am Hungertuch zu nagen. Er spricht mit Achtung und Verehrung von Österreich. Der Agent meint, dass die Feder dieses Mannes für uns zu nützen wäre." Aus den erhaltenen Akten ist nicht zu entnehmen, ob tatsächlich ein Angebot an Joyce herangetragen wurde. Wohl aber wurde bald darauf die Briefzensurstelle in Feldkirch angewiesen, die Überwachung seiner Korrespondenz einzustellen.

Nach dem Krieg kehrte Joyce nach Triest zurück, doch fand er sich in dieser Stadt, die er einmal seine zweite Heimat genannt hatte, nicht mehr zurecht. Aus der österreichischen Stadt mit kosmopolitischem Flair war eine provinzielle Stadt am äußersten Rande des neuen Italien geworden. So entschloss sich Joyce wenige Monate später, einer Einladung Ezra Pounds nach Paris zu folgen. Dort vollendete er 1922 seinen "Ulysses". Die erste Skizze der Handlung des Romans, die von der Joyce-Kritik sehr aufmerksam registriert wurde, findet sich, ein kurioses Austriakum, auf einer Feldpostkarte aus dem Jahr 1915 an seinen Bruder Stanislaus im Lager Kirchberg an der Wild. Sie ist datiert mit 16. Juni, es ist die erste Nennung des Datums für den heute allerorten zelebrierten "Bloomsday", benannt nach der Hauptfigur des Romans, Leopold Bloom.

Joyces Text auf dieser Feldpostkarte, in etwas holprigem Deutsch abgefasst: "Lieber Stannie: Wir sind noch hier und bei guter Gesundheit. Ich hoffe dass Du bist es auch. Falls wir reisen ab ich werde Dir schreiben. Hab' kein Angst für uns. Bis jetzt hat man uns immer gut behandelt. Ich habe etwas geschrieben. Die erste Episode meines neuen Roman ,Ulysses' ist geschrieben. Die erste Teil, die Telemachie, besteht aus vier Episoden: die zweite von fünfzehn, dass ist Ulysses Wandlungen (Wanderungen?): und die dritte, Ulysses Heimkehr, von andre drei Episoden. Lebwohl Jim." Absender: James Joyce.

Es scheint müßig zu spekulieren, was aus dem "Ulysses" geworden wäre, hätte man James Joyce, ebenso wie seinen Bruder, während des Krieges in Österreich interniert. Wenn man bedenkt, dass Joyce seine literarischen Projekte fast immer unter sehr widrigen finanziellen und gesundheitlichen Umständen geradezu monomanisch vorantrieb, dann wäre nicht ganz auszuschließen, dass er auch in der Internierung an der Abfassung des Romans weitergearbeitet hätte. Sich jedoch auszumalen, wie dann ein solcher "Camp-Ulysses" ausgesehen hätte, übersteigt das Vorstellungsvermögen eines Kritikers. In diesem Zusammenhang sei an den Ausspruch seines Weggefährten in der Schweiz, Frank Budgen, erinnert, der meinte, auf die stereotype Frage, was er, Joyce, im Krieg gemacht habe, hätte Joyce sicher geantwortet: "I wrote ,Ulysses'." [*]

Neues zu Joyce

Friedhelm Rathjen: James Joyce (160 S., brosch., € 8,80; rororo, Reinbek).

Jörg W. Rademacher: James Joyce (358 S., brosch., € 15,50; Deutscher Taschenbuch Verlag, München).

Edna O'Brien: James Joyce (Aus dem Englischen von Holger Fliessbach, 240 S., geb., € 12,40; Claassen Verlag, Berlin).

James Joyce: Ulysses (Erste kommentierte Ausgabe der Wollschläger-Übersetzung, Hrsg. von Dirk Vanderbeke, 1100 S., Ln., € 51,50; Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main).

"Literaturen": 100 Jahre Bloomsday. Heft 6/04 (Friedrich Verlag, Berlin).

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