E S GIBT WENIGE KONSTANTEN im Leben, alles dreht sich, wächst, verändert sich, schmeckt nicht mehr so wie in der Erinnerung, hört sich fremd an, bedeutet plötzlich etwas anderes. Da sollte man doch froh sein, dass es ein paar Fixpunkte gibt, Grundpfeiler an Kontinuität, auf die man sich verlassen kann im Guten wie im Schlechten. In Österreich ist die "Kronen Zeitung" so etwas Unverrückbares, etwas, das sich nicht ändert, für sich selbst als Mittelpunkt aller populistischen Konstanz einsteht, sich nicht einmal durch einen Nobelpreis aus der kleinen Fassung bringen lässt - auch dann auf der eigenen insulanischen Rechthaberei beharrt.
Eigentlich ist über diese "Kronen Zeitung", die dem Österreicher wohl gleicht wie ein Fünffehlersuchbild dem anderen, schon alles gesagt worden, aber eigentlich auch nicht. Denn ist sie wirklich so konstant? Oder ist auch sie, wenn man näher hinsieht und mit der Fleischbeschau beginnt, nicht mehr mit dem Original, das man in seiner Erinnerung so gut zu kennen glaubt, identisch, hat auch sie wie das Fehlersuchbild Differenzen, Knochenschwund?
Die "Kronen Zeitung" ist ein Phänomen. Mit einer Auflage von rund einer Million und den damit angeblich drei Millionen Lesern ist sie nicht nur die mit Abstand auflagenstärkste Tageszeitung Österreichs, sondern überhaupt die Zeitung mit der weltweit höchsten Reichweite. Die österreichische Politik der vergangenen zwei Jahrzehnte kann denn auch an den Guglhupf-Essen mit Hans Dichand, dem "Krone"-Herausgeber, gemessen werden - wie bei den Fehlersuchbildern dienen sich die österreichischen Machthaber dem majestätischen Dichand-Gugelhupf an, versuchen sie, sich anzugleichen, nur ja nichts Fehlerhaftes einer abweichenden Meinung zu offenbaren.
Doch wie ist es möglich, dass die "Kronen Zeitung" ganz Österreich durchtränkt, an beinahe jedem Ortseingang wie auf roten Warnschildern zu lesen ist, dass das Städtchen, die Siedlung "Kronen Zeitung" liest: Aurach liest "Kronen Zeitung". Unterstinkenbrunn liest "Kronen Zeitung". Fohnsdorf liest "Kronen Zeitung". Und so weiter. Ein Wunder eigentlich, dass nicht auch an den Staatsgrenzen Schilder mit "Österreich liest ,Kronen Zeitung'" stehen, auf dass man gleich bei der Einreise in die Alpenrepublik gewarnt wäre.
IM FÜNFFEHLERSUCHBILD, das übrigens stets mit einem Copyright Dichand gekennzeichnet ist und mich seit Jahren überlegen lässt, ob es wirklich sein kann, dass einer der mächtigsten Männer Österreichs in seiner Freizeit nichts Besseres zu tun hat, als Fünffehlersuchbilder zu zeichnen (oder ist es einer seiner Söhne?), kommen zwei Motive besonders häufig vor: nach Hause kommende Betrunkene, die von einer schlagkräftigen Frau erwartet werden, und indische Fakire. Diese zwei Motive, die Lust an der Vergeudung, an Rausch und Strafe, wie die lächerlich gemachte Sehnsucht nach der Askese, erscheinen mir für Österreich, wo man alles über die Negation macht, nicht untypisch zu sein.
Aber natürlich besteht die "Krone" nicht nur aus Fünffehlersuchbildern, obwohl sie, wie schon gesagt, insgesamt als ein solches wahrnehmbar wäre. Es ist im Wesentlichen ein Treffen auf Bekanntes, das bestenfalls leicht modifiziert ist. Schon ein Schnupper-Abo reicht zur Bekanntmachung völlig aus. Und wer sind nun diese Bekannten? Diese Freunderln der Gemütlichkeitswirtschaft? Mehr als in allen anderen mir bekannten Boulevardzeitungen sind es Kolumnisten, Glossenschreiber, die ihre klar abgezirkelten Ecken füllen, Winkel, die man vom Hinschauen oder Wegschauen kennt und die da unter anderem heißen: "Herr Strudl", "Was dahinter steckt", "Anders gesehen", "In den Wind gereimt", "50 Zeilen mit Gott", "Lust & Liebe", "Menschlich betrachtet", "Heiteres Bezirksgericht", "Tierecke", "Telemax".
Ich nehme an, dass der durchschnittliche "Krone"-Leser nur ein mehr oder minder großes Segment aus diesem Guglhupf konsumiert. Und da scheint es der "Krone", die im April 1959 mit einer Startauflage von 30.000 angetreten ist, sich als Blatt der Pensionisten und kleinen, kinderlosen Haushalte zu profilieren, gelungen zu sein, für ziemlich jeden ein paar Rosinen bereit zu halten, was eine beachtliche Leistung ist.
MICH BEISPIELSWEISE hat man 1976 mit den Hochglanzbeilagen der österreichischen Olympioniken gekriegt. An der restlichen Zeitung nicht interessiert, bin ich damals, als Achtjähriger, weil keineswegs sicher war, dass mein Vater die Zeitung samt der Sportlerbeilage aus dem Schichtarbeiterkämmerchen der damals noch Chemiefaser Lenzing heißenden Zellstofffabrik nach Hause nehmen würde, was er sonst meist, aber eben keineswegs immer tat, so bin ich also, achtjährig, wie gesagt, ein Monat lang jeden Morgen zum damals noch existierenden Greißler gegangen, um die Zeitung samt Beilage zu kaufen. Selbstverständlich mit dem Geld meiner Eltern, also musste ich, um mein schon damaliges Gesunkensein zu komplettieren, familienintern auch noch Werbung für dieses antifeuilletonistische Machwerk machen.
Sonntags bot das wohl einzigartige, nur in Österreich mögliche System der offenen Zeitungstaschen die Gelegenheit zur Taschengeldaufbesserung, allerdings förderte der Appell an Ehrlichkeit und freiwilliges Bezahlen nicht nur das in einem katholischen Land eh schon zur Genüge vorhandene Schuldbewusstsein, sondern auch das Misstrauen gegenüber der Umwelt. Überall lauerten nun Denunzianten, auf Laternen, Bäumen, Verkehrsschildern. Zeitungsdiebstahl, stand auf den Taschen, ist kein Kavaliersdelikt! Zum Glück war ich noch nicht strafmündig. Mit der freien Entnahmemöglichkeit der "Sonntagskrone" wurde praktisch ein ganzes Land in Geiselhaft des Schuldgefühls genommen. Was für ein Coup!
Dreimal habe ich in der Hoffnung auf 300 Schilling der Rubrik "Mein Lieblingsrezept" mein Lieblingsrezept geschickt, dreimal war es nicht gut genug, um gedruckt zu werden, was mich schon damals vermuten ließ, dass diese 300-Schilling-Einstreifer vielleicht (wie ja möglicherweise auch die Leserbriefschreiber, aber das ist eine andere Geschichte) täglich erfunden wurden, damit sich die Redaktion Geld sparen konnte. Das hat mich aber nicht gehindert, über Jahre hinweg (wohl aus soziologischen Gründen) die damals noch nicht von der Mediaprint vereinheitlichten wöchentlichen Fernsehbeilagen zu sammeln.
Mit 16 habe ich bei einem von der damals existierenden Jugendseite zum Thema Umweltschutz ausgeschriebenen Malwettbewerb den vierten Platz erreicht, der mit einem scheußlichen Hundertwasser-Kunstkalender prämiert wurde. Ich kann mich noch erinnern, wie ich mich durch den bloßen Abdruck meines Namens in der "Kronen Zeitung" (auf einer Liste der Preisträger vier bis zehn, Schriftgröße acht Punkt), längere Zeit als Berühmtheit wähnte und dann doch ziemlich enttäuscht war, dass mich niemand, aber wirklich niemand darauf angesprochen hat.
MIT DEM AUSZUG aus dem Elternhaus bin ich allmählich auch der Gemeinschaft der "Krone"-Leser abhanden gekommen. Anfangs gab es zwar noch die Gewohnheit und den Vorwand des Mitleids mit einem aus Tunesien stammenden Kolporteur, aber mit der Zeit wurde mir das gemütliche Kleinformat dann doch zu ungemütlich. Ich bin weggebröckelt. Wie eine geistige Entblößung, ein öffentliches Onanieren habe ich das "Krone"-Kaufen zuletzt empfunden, ist doch, das darf hier nicht verkniffen werden, die Zeitung insgesamt derb, vulgär und reißerisch, ja oft geradezu ekelhaft, spricht schon auf dem Titelblatt mit Schlagzeilen wie "Alle Nigerianer sind Drogendealer" die niederen Instinkte an und kann von einem gereinigten Geist nur als Brechmittel empfunden werden.
Ist nicht die seltene Ausnahme einer sportlichen Glanztat zu feiern, findet man zwischen den Kolumnen-Inseln (und oft auch dort) wenig Positives: Raubmorde, Vergewaltigungen, Drogenmafia. So scheint die "Krone" vor allem eines, nämlich Angst machen zu wollen. Oder wird auf diese Weise - es handelt sich ja bei der Lust am Verbrechen um ein weltweites Phänomen - den sogenannt kleinen Leuten Macht verliehen? Indem andere klein gemacht werden, erscheint man selbst größer und besser, das eigene kleine Leben sieht im Vergleich zu den kolportierten Katastrophen weniger verpfuscht aus. Man wird zum Parasiten am Unglück des anderen, hat das Gefühl, selbst noch einmal davongekommen zu sein.
Für mich habe ich in den unzähligen Lebens- und Arbeitsstunden, die ich irgendwo mit ebendieser "Kronen Zeitung" allein gelassen worden bin - wohl auch auf Grund des Kleinformats - eine Gesamt-Lesart entdeckt, die sich am scheinbar zufälligen Zusammenhang der nebeneinander stehenden Artikel und Bilder erfreut, an der Kombination von Fotos und Texten. Wenn etwa neben einem Bild getöteter Robben eine Artikelüberschrift lautet: "Dutroux: ,Sei schön brav, oder du bist tot'", daneben die Glosse Günther Nennings "Wahre Freundschaft" heißt, und man darunter eine Bowlingkugel werfende Nonne sieht, besteht doch ein irgendwie skurriler Zusammenhang.
Auf der nächsten Seite sieht man ein Busenmädchen (hier frage ich mich oft, wer sich die unsinnigen Texte darunter ausdenken muss), daneben die Schlagzeile "Porno-Produktion trotz Aids-Alarm!", darunter einen weiteren Artikel, "Beckham-Ehe ,felsenfest'", und noch einmal darunter eine Werbung für "Jackpot. Sagen Sie Ja. Joker". Auf der anschließenden Seite: "Entlassung macht krank" sowie "2,53 m groß - und er wächst weiter!". Darüber das Bild eines Mannes, der ein seit sechs Jahren nicht mehr geschorenes Schaf auf den Schultern trägt, so dass sein Kopf, der des Mannes, zwischen zwei großen Schafwülsten versunken ist. Das Schaf schaut übrigens ähnlich ernst wie das Busenmädchen. Sogar die darunter abgebildeten abzulösenden Astronauten passen irgendwie dazu.
Heute lese ich die Zeitung nur noch sonntags oder nach Premieren meiner Theaterstücke, wobei hier die Erwartung der Kritik immer gespalten ist und mir der obligate Verriss wirklich lieber ist als Lob, das mich ziemlich in die Bredouille mit dem eigenen Selbstverständnis brächte. Vielleicht ist ja die Kunstfeindlichkeit der "Krone" der beste Kunstindikator überhaupt. Vielleicht verdankt sich die österreichische Kunst vor allem dieser Kunstfeindlichkeit. - So weit also meine "Kronen-Zeitungs"-Leser-Sozialisation.
NACH AUSSEN IST der Österreicher ein moderner, ja, sympathischer Mensch, vielleicht ein bisschen schlampig, dennoch elegant, charmant. Aber nach innen? Was für Steinbrüche tun sich da hinter der Fassade dieser enormen Landschaft und Geschichte auf? Der Österreicher ist ein Monolith, ein Eigenbrötler, der sich hinter den dem Tourismus freigegebenen Kulissen seine eigene Welt erschafft. Nach außen Kuhalm und Schönbrunn, aber nach innen sprachlos und verletzt, zynisch, ohne Vertrauen, aber versponnen. Der Österreicher lebt in seinem eigenen, von ihm selbst erschaffenen Weltgebäude - und die "Kronen Zeitung" unterstützt ihn dabei.
Jeder Österreicher ist sein eigener Kleinstaat. Insofern gibt es Österreich gar nicht, ist der Name Österreich nur der Sammelbegriff für acht Millionen frei flottierende Kleinstaaten, die miteinander äußerst diplomatisch nicht kommunizieren. Der Österreicher glaubt an keinen Staat, nicht an Gerechtigkeit, nicht an Moral, an die Verfassung nicht und schon gar nicht an die Aufklärung - am ehesten noch an die Bundeshymne, aber auch da bloß, dass sie ihm gestohlen worden ist. Ich glaube, dass der Österreicher auch seiner Zeitung nicht glaubt und sich eben nur mit seinen paar Inseln und Ecken identifiziert.
KANN "DICHTER" ein Schimpfwort sein? 2001 hat Wolfgang Martinek, der als Wolf Martin bekannte Hausdichter der "Kronen Zeitung", den 20. April, Hitlers Geburtstag also, mit folgendem Gedicht gefeiert: "Fürwahr, ein großer Tag ist heut! / Ich hab mich lang auf ihn gefreut. / Es feiern heute Groß und Klein, / zumeist daheim im Kämmerlein, / doch manche auf der Straße auch, / den unverzichtbar schönen Brauch, / bei dem, von Weisen inszeniert, / Gesellschaft zur Gemeinschaft wird. / Ihm sei's zur Ehre, uns zum Heil: / ,Taxi orange', der II. Teil!"
Wie hier schwenkte er schon 1994 erst in der letzten Zeile von Hitler ab. 1999 hatte er eine ganze Ode verfasst, die so begann: "Was liegt dem bösen Wolf wohl näher, / als einem großen Europäer, / der zwar historisch noch befleckt, / doch nur des Volkes wohl bezweckt, / Geburtstagsehren zu erweisen / und laut sein Lebenswerk zu preisen." Das aber ist sogar der "Kronen Zeitung" zu unverblümt gewesen. Es durfte nicht erscheinen.
Da Wolf Martins Verse täglich in der "Kronen Zeitung" für die unaufgeklärte Rückschrittlichkeit Österreichs Gewähr stehen, ist er wohl der am meisten gelesene Dichter im Land, was bei seinen oft hölzernen Reimen, in denen nicht selten das Hinterwäldlerische fröhliche Urstände feiert, natürlich doppelt schmerzt. Der Presserat hat ihn ob seiner Rechtslastigkeit schon mehrmals verurteilt, doch umsonst, noch immer erscheinen seine Versklumpfüße und schweißeln.
Auch Beispiele künstlerfeindlicher Art gäbe es zuhauf. Zum Literaturnobelpreis etwa fiel Martin jüngst ein, jetzt Jelinek nicht mehr - wie schon gehabt - auf Dreck zu reimen, sondern auf Scheck. Ein anderes zwar recht komisches, aber trotzdem die Künstlerfeindlichkeit belegendes Zitat kann ich nur aus dem Kopf zitieren; es lautet: Der Herrgott Marcel Prawy zu sich rief, der Teufel schickt uns Christoph Schlingensief.
SCHLÄGT SICH DER STÄNDIGE Konsum der "Kronen Zeitung" eigentlich auch in der Physiognomie nieder? Sieht man den Kroneanern ihre Zeitung an? Wächst ihnen all die Skandalwelt irgendwo zum Körper raus? Ich glaube schon. Ich denke, dass den langjährigen "Krone"-Lesern die Verbitterung und das Verkniffene ins Gesicht geschrieben sind, die Angst, der Neid, das Ekeln. Ich halte "Kronen Zeitung" lesen für ziemlich ungesund. Zwar werden die Seichtheiten der eigenen Existenz bestätigt, wird das Selbstvertrauen im So-weiter-Grundeln bestärkt, aber es gibt halt doch die vielen bösen Tiefen rundherum.
Um zum Schluss noch auf das empfehlenswerte Dichand-Buch "Kronen Zeitung. Die Geschichte eines Erfolgs" von 1977 zu sprechen zu kommen: Die "Kronen Zeitung" ist vor 45 Jahren angetreten, die österreichische Medienlandschaft zu revolutionieren, aus der damals noch hohen Zahl von Nichtzeitungslesern "Kronen-Zeitungs"-Leser zu machen, was ihr ohne Zweifel gelungen ist. Das Erstaunliche dabei: Viele der heute noch Schreibenden waren schon damals, zumindest aber 1977 dabei. Was dazu führt, dass die Zeitung heute vor allem von über 70-Jährigen gemacht wird, weshalb es eigentlich ein Wunder ist, dass es sie noch immer gibt. Sie ist nämlich, so mein Schlussbefund, ziemlich pensionsreif. [*]