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Faule Junge, fade Alte? Wie die Generationen (nicht) miteinander leben

Dossier Ob Politik, Freizeit, Wirtschaft oder Sport: Jung und Alt können sich nicht aus dem Weg gehen. Funktioniert dieses Zusammenleben oder dominiert der Generationenkonflikt?

Ein Dossier in Zusammenarbeit mit der FH Wien WKW

Die Jungen sind rücksichtslos und haben keinen Respekt vor älteren Leuten, die Alten verweigern Neues - Klischees wie diese sind weit verbreitet. Doch sind sie berechtigt? Und plündert eine Generation die andere aus? Fest steht, dass im Aufeinandertreffen der Generationen viel mehr steckt, als nur Konflikt.

Der Faktencheck zu Generationenmärchen: Wie sieht etwa das Zusammenleben in Mehrgenerationenhaushalten aus? Welche Auswirkungen hat die Zusammenarbeit mehrerer Generationen auf Betriebe, Vereine oder Familien? Gibt es eine Altersgrenze für Sport, Arbeit oder einen Facebook-Account? Sprechen die verschiedenen Generationen überhaupt noch die gleiche Sprache? Wie lebt es sich im 21. Jahrhundert in Österreich: Jung gegen Alt oder Jung mit Alt?

Ein Dossier in Zusammenarbeit mit der FH Wien WKW

Jungpolitiker

"Der Generationenkonflikt ist ein Blödsinn"

„Wir brauchen die Herausforderung der jungen Generation, sonst würden uns die Füße einschlafen.“

Willy Brandt

„Hast du Vertrauen in die Politik?“ - „Nein“, sagt die Mehrheit der jungen Menschen in Österreich. Die Jugendstudie „Generation What?“ behauptet von sich, ein Selfie der jungen Generation zu zeichnen. Das Bild, das von Jugendlichen und Politik auf den ersten Blick entsteht, ist besorgniserregend: Nur 15 Prozent der 55.000 befragen jungen Menschen zwischen 16 und 34 Jahren gibt an, der Politik völlig oder zumindest teilweise zu vertrauen. Ein Fünftel der Befragten hält Politiker generell für korrupt. „Junge Leute vertreten nicht mehr die Meinung, dass die Politik noch viele Dinge umsetzen kann. Sie haben nicht das Gefühl, dass sie noch Repräsentanten haben, die etwas für junge Leute tun“, sagt Jugendforscher Philipp Ikrath. Die klassischen Institutionen, wie sie Parteien und Jugendorganisationen, Gewerkschaften und Kirchen darstellen, hätten stark an Bedeutung verloren. Junge fürchten den Verlust ihrer Individualität sowie die Vereinnahmung durch den Parteiapparat, meint Ikrath. Und: „Es ist nicht cool, einer Partei anzugehören.“

Viele Junge wollen also von den Parteien nichts wissen und überlassen der älteren Generation die politischen Entscheidungen. Hinzu kommt der Eindruck, dass die Älteren ohnehin über die Jungen bestimmen. Die Wahl der Briten zum Brexit im vergangenen Jahr zeigte eindrucksvoll, welchen Einfluss die Diskrepanz zwischen Alt und Jung auf das politische Geschehen haben kann: 60 Prozent der über 65-jährigen Briten stimmten für einen Austritt aus der EU, 73 Prozent der unter 25-Jährigen für einen Verbleib. Die ältere Generation bestimmte den Ausgang der Wahl, während sich die britische Jugend um ihre Zukunft beraubt sah.

Auch in Österreich stellen die Älteren eine wesentlich größere Wählergruppe dar. So gab es bei der Bundespräsidentenwahl im Dezember rund 2,4 Millionen Wahlberechtigte über 55 Jahren im Vergleich zu 1,7 Millionen unter 35 Jahren. 858.000 16- bis 25-Jährige bildeten die jüngste und kleinste Wählergruppe. Unterschiede zwischen den Generationen lassen sich am Wahlverhalten der Österreicher ablesen, erklärt Florian Oberhuber vom Meinungsforschungsinstitut SORA. Vor allem die Großparteien bekommen dies zu spüren. Die vergangenen Nationalratswahlen im Jahr 2013 zeigten ganz deutlich „dass die Jungen unterdurchschnittlich Rot und Schwarz wählen, und überdurchschnittlich Grün und Neos. Vor allem junge Männer wählen wesentlich häufiger die FPÖ.“ In der Wählergruppe der ab 60-Jährigen waren SPÖ und ÖVP mit je über 30 Prozent der Stimmen eindeutig die Gewinner.

Die fleißigsten Wähler

Ganz egal ist den Jungen die etablierte Politik aber nicht. Immerhin gingen 79 Prozent der Wählerinnen und Wähler der Altersgruppe 16-29 zur Bundespräsidentenstichwahl im Mai 2016. Jene Gruppe lag damit deutlich über der allgemeinen Wahlbeteiligung in Österreich von 72 Prozent. Bei der Wählergruppe der über 60-Jährigen waren es überhaupt nur 64 Prozent, die zur Wahl gingen. Ob die im Vergleich sehr geringe Wahlbeteiligung der Älteren damit zusammenhängt, dass diesmal ein Kandidat des rechten sowie einer des linken politischen Randes zur Wahl standen und kein Vertreter der Regierungsparteien, kann nur vermutet werden. Auch bei der Nationalratswahl 2013 waren die bis 30-Jährigen mit einer Wahlbeteiligung von 79 Prozent die fleißigsten Wähler. 74 Prozent der 30- bis 59-Jährigen und 71 Prozent der über 60-Jährigen gingen damals zur Wahl.

Was gewählt wird, hängt nicht nur vom Alter ab. Einerseits sind Geschlecht, Bildungsgrad oder Sozialmilieu ausschlaggebend, andererseits die persönlichen Erwartungen an die Zukunft. Pessimistisch eingestellte Menschen wählten bei der vergangenen Wahl im Dezember zum Großteil Norbert Hofer (FPÖ), optimistische eher Alexander Van der Bellen (Grüne). Dass vier von zehn Jugendlichen eher pessimistisch in ihre Zukunft sehen, kann ihnen Oberhuber nicht verdenken: „Das ist eine Generation, die mit Unsicherheitserfahrungen groß geworden ist: Terror, Krisen, Sparpakete, das spiegelt sich wider.“ Eine Politikverdrossenheit sei der jungen Bevölkerung in den Wahlstudien der letzten Jahre aber nie diagnostiziert worden, „eher eine Politikerverdrossenheit“.

Parteien wollen wieder jung sein

Gerade die Regierungsparteien stünden für das Establishment, für Stillstand und sind für junge Menschen langweilig, meint Ikrath. Junge Leute, die sich in der österreichischen Politik engagieren, bekommen dies oft am eigenen Leib zu spüren: „Ich hör oft: ‚Oh Gott, warum tust du dir das an?‘“ erzählt Julia Herr, Vorsitzende der Sozialistischen Jugend. „Man muss sich oft rechtfertigen, warum man da eigentlich dabei ist.“ Für sie gibt es aber einen klaren Unterschied: Das Misstrauen gelte den Parteien, das Interesse am politischen Geschehen abseits institutionalisierter Politik sei nach wie vor sehr groß.

Dieses Interesse zu aktivieren fällt den Parteien schwer. Aktionen und Kampagnen, die speziell Jugendliche ansprechen sollen, wirken oft platt und aufgesetzt. Die Grünen versuchten 2013 mit dem Magazin „Eva“ bei den Jungwählern zu punkten. Das Cover schmückte der Nachwuchspolitiker Julian Schmid, mitgeliefert wurde ein Gratis-Kondom. Eingebracht hat es den Grünen vor allem die Kritik der eigenen Jugendorganisation, der Junge Grünen, die das Heft als „inhaltslos“ bezeichnete. Viel Spott erntete auch der heutige Außenminister Sebastian Kurz mit seiner „Geil-o-mobil“-Kampagne zur Wien-Wahl 2010, als er mit schwarzem Geländewagen und vollbusigen Begleiterinnen junge Wiener für die ÖVP begeistern wollte. Die FPÖ baute indes mit den „HC Strache-Raps“ schon mehrmals auf die Gesangskünste ihres Parteiobmanns, um Junge anzusprechen.

Obwohl im Moment nur fünf Abgeordnete im Nationalrat unter oder gerade 30 Jahre alt sind, ist sich Herr sicher, dass Parteien wieder mehr auf junge Menschen setzen. Das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Nachwuchsförderung sei wieder gestiegen, glaubt die 24-Jährige. Allerdings müsse man aufpassen, dass junge Menschen nicht zu „jugendliches Aushängeschild“ würden, sondern: „Wenn man eine junge Person in die Partei holt, sollte es darum gehen, dass sie Dinge neu macht, neue Zugänge hat und vielleicht auch kritischer ist - nicht nur um das Alter an sich.“

Alte gegen Jungpolitiker?

Kritik bekommt gerade die SPÖ von der Sozialistischen Jugend öfter zu hören. So hatte sich Herr Anfang 2016 öffentlich gegen den damaligen Bundeskanzler Werner Faymann gewandt, und ihrer eigenen Partei eine inhaltliche Neuorientierung empfohlen. Auch die Jungen Grünen fühlen sich wohl in ihrer Rolle als kritisches Korrektiv gegenüber der Mutterpartei. Zuletzt wurde der Unmut der Jungen Grünen gegen die Parteispitze im Zusammenhang mit der Kandidatur von Van der Bellen laut. Öffentlich ausgesprochen wird die Kritik vor allem dann, wenn sie im Vorfeld nicht in die Entscheidung eingebunden werden, erzählt die 22-jährige Flora Petrik, seit Jänner 2017 Bundessprecherin der Jungen Grünen. „Es gibt schon Leute, die dann verärgert sind, aber viele Grüne sind froh darüber, dass es jemanden gibt, der ihnen auf die Finger schaut.“ Als Obmann einer Jugendorganisation müsse man sich oft zwischen Parteikonformität oder Kritik entscheiden, meint auch Douglas Hoyos, Obmann der Junos. Der 26-Jährige war zuletzt 2014 mit seiner Forderung zur Drogen-Legalisierung in Konflikt mit Neos-Parteiobmann Matthias Strolz geraten.

ÖVP und FPÖ müssen sich hingegen selten mit öffentlichen Unmutsäußerungen ihrer Jugendorganisationen beschäftigen. Bei der FPÖ, so Maximilian Krauss, Bundesobmann des Rings Freiheitlicher Jugendlichen, stoße er eigentlich auf keinen Widerstand. „Dadurch, dass wir sehr junge Spitzenfunktionäre haben, haben wir in der Partei einen guten Zusammenhalt auch über die Generationen hinweg“, ist der 24-Jährige überzeugt, obwohl sein Parteiobmann Heinz-Christian Strache bereits 47 Jahre alt ist.

Dass die Junge ÖVP immer noch den 30-jährigen Sebastian Kurz als Obmann hat, macht sie unter den Jugendorganisationen der Parlamentsparteien zu einem einflussreichen Sonderfall. Kritik der Jungen nach ‚oben‘ sei da oft gar nicht nötig. „Da wir gleichwertig mit am Tisch sitzen, werden wir auch gehört“, erzählt Stefan Schnöll (28), Bundesgeschäftsführer der Jungen ÖVP. Intern werde natürlich heiß debattiert, und er habe auch schon des öfteren „eine auf den Deckel gekriegt“. Dass aber auch zwischen den ÖVP-Generationen Konflikte existieren, zeigte etwa eine Diskussion im Jahr 2010, als der damalige Bundesobmann des ÖVP-Seniorenbundes Andreas Khol und Kurz öffentlich über die Reformen des Pensionssystem stritten und das ÖVP-Urgestein den jungen JVP-Chef scharf zurechtwies.

Unterschiedliche Ansichten zwischen Parteispitzen und deren Jugendvertreter seien aber kein Ausdruck eines Generationskonflikts, darüber sind sich alle Jungpolitiker einig. „Es wird oft versucht, Jung gegen Alt gegeneinander auszuspielen“ analysiert Schnöll. Auch Herr sieht es ähnlich: „Der Generationenkonflikt ist ein Blödsinn, der wird hervorbeschworen“. Deswegen gelte es auch, junge Menschen mit den richtigen Themen zu erreichen, anstatt, wie das auch in ihrer Partei öfter gemacht wird, Jugendliche nur auf das Jung-sein zu reduzieren. „Pseudodebatten“, nennt Petrik das, was viele junge Leute politikverdrossen macht. „Es geht nicht darum, was die Kids cool finden, sondern ob die Kids sich ihre Miete leisten können.“ Parteien sollten stattdessen wieder die großen sozialen Fragen stellen. Auch Hoyos ist für eine Rückkehr zu themenbezogener Politik: „Die Leute haben Inhaltslosigkeit und Populismus satt.“

Wie die Politik Junge begeistern kann

Jugendforscher Ikrath sieht ebenfalls keinen politischen Generationenkonflikt. Der Konflikt bestehe stattdessen zwischen unterschiedlichen sozialen Milieus. Politiker könnten junge Menschen über Themen erreichen, aber nur wenn diese an die Lebenswirklichkeit anknüpfen und im Alltag präsent sind: „Das geht über Mietpreise bis hin zur Rolle von Mann und Frau oder Homosexualität“. Je emotionaler das Thema dabei aufgeladen ist, desto interessanter sei es. Persönlichkeiten wie Kurz seien ein Aspekt davon: „Er ist ein Typ, der das Spiel mit der Ästhetik sehr gut beherrscht.“ Dessen ist sich auch Schnöll bewusst. Um neue Mitglieder zu gewinnen und Menschen für Politik zu begeistern sei Kurz, neben den starken ländlichen Strukturen, das „große Asset“ der Jungen ÖVP. Für die Freiheitlichen sei Strache so eine schillernde, die Jugend anziehende Figur, meint Krauss. Für ihn fußt der Erfolg seines Parteichefs auf zwei Pfeilern: Attraktive Themen sowie ein direkter, moderner Kommunikationsdraht - Facebook. Hier führt Strache die inoffizielle Politikerrangliste mit rund 520.000 Fans, dicht gefolgt von Kurz mit 432.000 Fans (Stand 22 Jänner 2017).

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(c) APA/ANDREAS PESSENLEHNER (ANDREAS PESSENLEHNER)

Der persönliche Kontakt sei dennoch nach wie vor der beste Weg, um neue Mitglieder zu gewinnen, ist etwa die SJ überzeugt. „Wenn du die coolen Kids hast, die ‚Ziager‘, dann hast du gleich auch eine funktionierende SJ-Gruppe“, erzählt Herr. Petrik ist skeptisch: „Es braucht politische charismatische Leute, um Leute zu begeistern, aber um langfristig die Lust auf Politik zu wecken, braucht’s was anderes“. Sie ist der Meinung, dass Junge vor allem ernst genommen werden wollen. Ikrath wiederum ortet unter Jugendlichen mehrheitlich den Wunsch nach einer radikalen Änderung. Was genau sich ändern solle, wisse aber keiner. Das merke man etwa in der Art, wie sich Junge politisch organisieren: Forderungskataloge, Hierarchien oder Institutionalisierung, all die Merkmale von politischen Parteien, gibt es bei Jugendbewegungen wie Uniprotesten oder Occupy nicht mehr. „Es sind Individuen, die sich zu einem Protest zusammenfinden, aber dieser Schwarm ist ziellos.“

Ganz so radikal sehen es die Jungpolitiker nicht. Doch auch sie beobachten eine Tendenz, die weg von typischen Parteimitgliedschaften hin zu dynamischen Bewegungen geht. „Parteien, wie wir das in dieser Form in Österreich haben, haben ausgedient“, meint Hoyos. „Ich glaube, es wird immer mehr Bewegungen geben, die plötzlich da, aber dann auch wieder weg sind.“ Wie es letztlich auch ausgehen mag, als sicher gilt, dass die Jungpolitiker noch viel Energie und Durchsetzungsvermögen brauchen sowie den einen oder anderen Konflikt austragen werden müssen, um ihre Ziele zu erreichen. Aber schließlich gehört auch das zum ‚Politik machen‘ dazu.

(Von Teresa Wirth)

Kommunikation

"Senioren spielen nicht - Senioren brauchen einen Weg"

Die Sprache kann durchaus endgeil und vollfett sein – man muss sie nur in ihrem entsprechenden Biotop sprechen.

Wolfgang J. Reus

„Ich bin am fly, Bae! Isso! Gemma auf an Hopfensmoothie, oder ärgerst‘ dich noch mit deiner Bambusleitung?!“ So, oder so ähnlich sollten sich Jugendliche 2016 anhören. Zumindest wenn man die Top 5 Jugendwörter des letzten Jahres ernst nimmt. Jedes Jahr führt Langenscheidt diese Wahl durch. Das Ergebnis besteht dann oft aus einem Wort oder einer Phrase, die niemand zu kennen scheint. Kommt sicher auch darauf an, wen man fragt. Aber eines ist klar: Jugendliche sprechen anders als alte Menschen - vor allem untereinander. Sie verwenden andere Füllwörter, Verkürzungen und einen anderen Satzbau.

Voneinander profitieren

Auch in der sprachlich eher konservativen Gruppe der Älteren gibt es einen offenen Umgang mit Sprache und Veränderung. Annette Gerstenberg, Linguistin an der Freien Universität Berlin, hört von ihren Gesprächspartnern oft, dass die Sprache sich ändere, aber dass das normal und gut sei. „Die Älteren partizipieren auch an diesen Entwicklungen. Sprache gestaltet sich ständig neu, findet immer neue Formen und Funktionen und das passiert auch in der Auseinandersetzung mit den Jüngeren.“ Vor allem innerhalb der eigenen Familie. Und auch die Jungen würden profitieren. „Mit den Großeltern sprechen sie in vollen Sätzen und anstatt der Abkürzung verwenden sie das ganze Wort und das trägt definitiv zur sprachlichen Prägung der Kinder bei.“, sagt Gerstenberg.

Zwei vom österreichischen Sozialministerium in Auftrag gegebene Studien aus den Jahren 1998 und 2005 – nicht mehr topaktuell, aber repräsentativ und vergleichbar – zeigen, dass das Gefühl des Miteinanders zwischen den Generationen steigt.

Sprache

Metzler-Lexikon 1993: Wichtigstes und artspezifisches Kommunikationsmittel der Menschen, das dem Austausch von Informationen sowie epistemische, kognitive und affektive Funktionen erfüllt.

Wikipedia: Komplexes Regelsystem als zentrales menschliches Verständigungsmittel

Duden: (historisch entstandenes und sich entwickelndes) System von Zeichen und Regeln, das einer Sprachgemeinschaft als Verständigungsmittel dient

Um miteinander aus zu kommen, überhaupt in Beziehung zu treten, braucht es Kommunikation. Die meisten Definitionen von Sprache zielen auf ihre Funktion als wichtigstes Kommunikationsmittel ab. Nun entwickelt sich die Sprache zwar von Generation zu Generation, aber die Abweichungen sind nicht so stark, dass sich Jung und Alt nicht mehr verständigen können.

Wenn aber vom Kommunikationsmittel die Rede ist, muss auch der Weg, den die Sprache vom Absender zum Empfänger nimmt mitgedacht werden. Gerade in Zeiten, in denen die Mittel und die Geschwindigkeit der Kommunikation zunehmen, stellt sich die Frage, ob ältere Menschen noch mithalten können und wollen, wenn schon mancher Mitt-20er darüber klagt, dass er zu alt für Snapchat sei.

Was ist WLAN?

Karin Niederhofer betreibt auf der Praterstraße ihr Seniorencolleg. Sie bietet Computerkurse für Senioren an. „Manchmal tun sie mir schon leid, weil sie praktisch gezwungen werden sich mit der Technik zu beschäftigen. Und die Werbung, die ist fies. Sie gaukelt ihnen vor, ein Tablet gehe sowieso von allein. Aber wenn du nicht weißt, was WLAN ist, wie du eine Seite öffnest oder etwas suchst, dann kannst du das Gerät nicht bedienen.“

Niederhofer hat die Erfahrung gemacht, dass es oft schwierig ist, wenn die Jungen den Älteren den Laptop oder das Tablet erklären wollen. „Wenn die Jungen sich ein Mailkonto einrichten, dann kommen sie schon irgendwie ans Ziel. Aber die Oma will den genauen Weg wissen. Sie braucht Struktur und die können ihr die Jungen in ihrer Ungeduld und ihrer Selbstverständlichkeit im Umgang mit den Geräten nicht geben.“ Da mangle es an der Kommunikation und dem Verständnis füreinander. Auch innerhalb der Familie.

Das Internet ist omnipräsent. Alte wie junge Menschen schalten den Fernseher an – ältere sogar häufiger – und sehen Hashtags, Links und QR-Codes. „Bestellen übers Internet, Kommunikation, Bankgeschäfte, alles läuft übes Netz. Viele ältere Menschen kommen an einen Punkt, da wollen sie nicht mehr nur zusehen. Sie wollen verstehen, warum ihre Enkel über den Bildschirm wischen, was Facebook ist und was dort passiert. Sie wollen mithalten und mitreden.“, sagt Niederhofer. „Die meisten verlieren ihre Aversion gegenüber Facebook sehr schnell. Spätestens, wenn sie am Leben ihrer Enkelkinder, die vielleicht gerade in den USA studieren, teilhaben können. Sie freuen sich, dass sie so viele Fotos bekommen. Sie sind stolz. Und der Enkel ist auch stolz auf seine Oma."

Senioren brauchen einen Weg.

Oft kommen die Menschen mit Tablets zu Niederhofer, die ihnen der Sohn oder die Tochter geschenkt haben. „Der Sohn sagt dann: ‚Spiel dich doch einfach ein bissl damit!‘, aber Senioren spielen nicht. Senioren brauchen einen Weg. Das ist einfach so. Ein Phänomen. Sie probieren nicht einfach irgendetwas aus. Sie gehen nur einen gezielten Weg. Sie wissen entweder, wie etwas geht, oder sie lassen es. So wurden sie erzogen.“

Jung und Alt
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Jung und Alt
Wegweisend. – Iris Reiß

Franz Kolland, Soziologe an der Universität Wien, forscht zur Nutzung von neuen Technologien im Alter. „Bei einem 70 oder 80-jährigen Menschen steht das Experimentieren nicht mehr im Vordergrund. Wenn etwas nicht funktioniert, ist der Frust gleich sehr groß und oft ist ja auch der Nutzen eines PCs oder Tablets völlig unklar.“ Schon das Kaufen einer Fahrkarte ist für ältere Menschen oft nur mehr schwer möglich: An manchen Bahnhöfen gibt es keinen Schalter, nur noch Automaten, und die zu bedienen ist für sie nicht einfach. „Wie sie online eine Karte kaufen wissen sie auch nicht, also was machen sie? Sie bleiben zuhause.“, sagt Kolland.

Brücken.

„Dieses Phänomen führt nicht unbedingt dazu, dass es heute mehr einsame Menschen gibt als früher, es führt aber dazu, dass diejenigen, die einsam sind, es noch schwerer haben.“, sagt Kolland. Sie haben niemanden, der ihnen neue Dinge erklären und zeigen kann. „Die Technik ist aber, wenn Kontakte da sind, eine wesentliche Brücke zwischen den Generationen. Es gibt kaum einen älteren Menschen, der nicht automatisch die Enkelkinder mit neuer Technologie verbindet. Die Familie ist sicher das Einfallstor für neue Technologien in das Leben Älterer. Über diese Schiene haben die Generationen auch wieder viel Gesprächsstoff miteinander.“

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Neue Technologien verbinden die Generationen. – Pixabay

Um Sprache und das Miteinander geht es auch bei den Englischkursen der Aktiven SeniorInnen im WUK. Einmal pro Woche kommt im Kurs von Irene Kostelecky eine Gruppe von ca. 15 Senioren zusammen. Die meisten sind schon eine halbe Stunde vor Beginn hier. Zum Plaudern. Kommen kann, wer möchte und Zeit hat. Pro Stunde zahlen die Teilnehmer zwei Euro. Wer nicht da ist, der zahlt auch nicht.

Warum lernen?

Aufgrund der lockeren Organisation ist es schwierig, Grammatik durchzunehmen. „Ich kann schwer auf etwas aufbauen. Ich habe hier Leute, die bei Adam und Eva anfangen. Wieder andere haben vielleicht Verwandte in Amerika und sprechen schon ein bisschen Englisch. Viele vergessen auch bis zur nächsten Stunde alles.“ Kostelecky würde dann eben sehr individuell arbeiten, sehr viel wiederholen und sich einfach nach den Fragen, die während der Stunde auftauchten richten, und diese abarbeiten.

Auch Kolland beschäftigt sich mit Bildung im Alter. Er bestätigt diese Beobachtung Kosteleckys. „Der wesentliche Unterschied ist der Grund, warum ich lerne.“ Bis zur Pensionierung sei Bildung berufs- und zweckorientiert. Wir wollen einen besseren Job, mehr Geld verdienen, oder aufsteigen. Nach der Pensionierung sei Bildung aber Sinngebung. Lange Zeit wurde in der Altenbildung darauf abgestellt, dass der alte Mensch schlechter hört, schlechter sieht und sich Dinge schlechter merkt, und daraus wurde ein eigener Bildungszweig abgeleitet. „Es ist aber der Beweggrund und das Ziel der Bildung, das sich ab der Pensionierung komplett ändert und tatsächlich den Unterschied ausmacht.“

Fehlerkultur.

Kostelecky fällt noch etwas auf: Ältere könnten sehr schwer mit Fehlern umgehen. „Wir haben in Österreich überhaupt keine Fehlerkultur. Aber die ältere Generation, die sieht das ja direkt als Verbrechen an, Fehler zu machen. Diese Generation hat gelernt, dass sie keine Fehler machen darf. Ich versuche ihnen ein bisschen die Angst zu nehmen und sie zum Reden zu bringen.“

Wie im Compterkurs von Niederhofer, hat auch Kostelecky die Erfahrung gemacht, dass die Jüngeren ihre Eltern und Großeltern zwar unterstützen wollen, aber oft ungeduldig sind oder sie bevormunden. „Die Senioren kommen dann zu mir und sagen: ‚Meine Tochter hat gesagt, das gehört so nicht‘, aber warum können sie nicht erklären.“ Damit werde ihnen die Chance genommen, aus ihren eigenen Fehlern zu lernen und selbständig Lösungen zu erarbeiten.

Social Impact Studie – A1

Seit 1999 führt A1 zusammen mit GfK Austria jährlich ihre Social Impact Studie durch. Die Studie befasst sich mit dem Nutzungsverhalten und den sozialen Veränderungen durch den vermehrten Einsatz von Smartphones und Internet. Diese Erhebungen werden immer im Zusammenhang zu gewissen Schwerpunkten gestellt. 2014 betraf dieser Schwerpunkt die digitale Kommunikation und das Sprachverhalten. Befragt wurden 1000 Handynutzer ab 12 Jahren.

Erzählen.

Es gibt aber auch Bereiche, in denen die Jüngeren etwas von den Älteren lernen können. Gerstenberg, der Linguistin aus Berlin, hat für ihre Arbeit Erzählungen aufgezeichnet und untersucht. „Es fällt auf, wenn Geschichten oft erzählt wurden. Sie finden dann eine sehr ausgereifte Form. Genau nach den klassischen Elementen der Erzählung: Es gibt eine Einleitung, einen Hauptteil, einen Schluss.“ Diese Geschichten seien sehr schön anzuhören und man finde diese ausgereifte Erzählweise nur bei älteren Menschen. „Es gibt Passagen mit wörtlicher Rede, die der Geschichte Charakter verleiht. Es macht richtig Spaß zuzuhören. Erst durch die ständige Wiedergabe hat die Erzählung diese perfekte Form gefunden.“, sagt Gerstenberg.

Um einen Vergleich aufstellen zu können, hat Gerstenberg auch mit Studenten gearbeitet und sie Geschichten aus ihrem Leben erzählen lassen. Die konsequente Bauweise der Erzählungen sei weniger ausgeprägt. Vor allem im Schlussteil. „Die Geschichten waren auch formal etwas knapper und einfacher. Außerdem ist mir aufgefallen, dass die Älteren eine explizite Bewertung ihrer Lebensgeschichte haben.“ Bei den Jüngeren fehle diese noch. „Eine Bewertung des eigenen Lebens, die kommt erst in späteren Jahren dazu.“

(Von Iris Reiß)

Demografie

Country for old men: Wie ein Dorf gegen die Vergreisung kämpft

Die Migration innerhalb des Landes steht im Zusammenhang mit unterschiedlichen Lebensphasen.

Konrad Pesendorfer, Statistik Austria

Es ist Anfang Dezember als Julia Kurzreiter das erste Mal die Nummer einer Cateringfirma anwählt. Den Aufbau werde die Landjugend wie jedes Jahr selbst übernehmen, nur das Essen für die Weihnachtsfeier, Schnitzel und Pommes, würden sie diesmal liefern lassen und nicht im Gasthaus Lenz abholen. Denn auf der Tür des gelben Hauses in der Mitte des Dorfplatzes klebt seit einem Jahr ein in Glassichtfolie gepackter Zettel: Zu verkaufen. Die alten Betreiber sind in Pension gegangen und in der Gemeinde Langau an der tschechischen Grenze im Waldviertel gab es niemanden, der das einzige Gasthaus des Ortes übernehmen konnte.

Das Waldviertel stirbt aus, heißt es. Und auch, dass es damit nicht alleine ist. Ganze Landstriche haben sich in Österreich in den letzten Jahren geleert, die Menschen zieht es von den Dörfern in die Stadt. Entlang des Alpenhauptkammes bis ins südliche Salzburg und Oberösterreich sowie entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs könnten auf der Landkarte bald weiße Flecken entstehen. Zwei Drittel der österreichischen Bevölkerung lebt bereits in Städten, und es werden mehr werden. Vor allem die Jungen wandern ab, zurückbleiben oft Dörfer, in den Pensionisten über dreißig Prozent an der Bevölkerung ausmachen.

Die Geschichte vom sterbenden und alternden Land ist schon oft erzählt worden. Wenn man jedoch verstehen will, welche Entwicklungen hinter diesem groben Befund vor sich gehen, lohnt es sich einen Blick auf das kleine Langau im nördlichen Waldviertel und drei Generation von Langauern zu werfen.

Vom Kommen und Gehen

Still und winzig liegt Langau Anfang Dezember zwischen einem Teppich aus gefrorenen Äckern und Wiesen vor der Grenze zu Tschechien. Das Dorf im Norden des Waldviertels hat in den letzten Jahren 40 Jahren rund ein Drittel seiner Bevölkerung verloren, heute sind über 260 Personen der 676 Einwohner über 60 Jahre alt. Laut Raumplanerin Gerlind Weber sind es vor allem Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, die auf der Suche nach Ausbildungsplätzen abwandern.Der Sog der Städte erklärt sich auch durch die Entwicklung unsere Gesellschaft hin zu einer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft. Wer höhere Ausbildungsstätten sucht, findet diese selten am Land.

 



Auch die neunzehnjährige Julia Kurzreiter hat vor eineinhalb Jahren ihre Sachen gepackt, und ist von Langau für das Jusstudium nach Wien gezogen. Wenn sie im Wiener Kaffeehaus Stadtkind von ihrer Heimatgemeinde erzählt, und davon, dass sie jedes Wochenende nachhause fährt, um als Leiterin der Landjugend Feste zu organisieren oder an Proben der Blasmusikkapelle teilzunehmen, merkt man aber, dass es kein endgültiger Abschied sein soll. Die meisten Jungen wollen nicht weg, sagt sie, und viele, die gehen, haben vor wiederzukommen. 

„Das Land hat sein schlechtes Image abgelegt, auch bei den Jungen“,

Franz Linsbauer, Bürgermeister von Langau


Es ist ein Befund, der Bürgermeister ländlicher Regionen wohl vorsichtig hoffen lässt. 2016 kann das Waldviertel erstmals eine leicht positive Wanderungsbilanz vorweisen. Und auch wenn man noch weit davon entfernt ist, von einer tatsächlichen Trendwende zu sprechen, hat sich in den letzten Jahren viel getan. „Das Land hat sein schlechtes Image abgelegt, auch bei den Jungen“, sagt Langaus Bürgermeister Franz Linsbauer.

In der Nachkriegszeit lebten zeitweise 1050 Menschen in Langau. 900 Meter vor der tschechischen Grenze wurde Braunkohle abgebaut, es gab eine Molkerei, insgesamt waren damals an die 650 Menschen im Ort beschäftigt. Wenn man heute durch Langau fährt, vorbei am verfallenen Molkereigebäude an der Ortseinfahrt, Dort wo früher Edamer und Gouda produziert wurde, lagern heute Bretter und Autoreifen. Als der Braunkohle Vorrat zu Neige ging, wurde der Tagebau in Langau eingestellt, die Molkerei Anfang der 70er Jahre geschlossen. Und mit den Arbeitsplätzen gingen auch die Menschen. Die verlassenen Häuser, die fast überall die Straßen im Waldviertel säumen, sind Zeugen der Landflucht von damals. „Als ich mit der Schule fertig war, wollten alle meine Schulkollegen nur weg aus Langau, weg aus der gesamten Region“, sagt Linsbauer. Ans Zurückkehren dachte damals niemand. Das Dorf erlebte Jahre, in denen es keine einzige Geburt gab.

Im braun vertäfeltem Besprechungssaal des Gemeindeamtes erzählt Linsbauer vom Exodus der letzten Jahre, aber auch von den Dorferneuerungsprozessen und Anstrengungen, mit denen es gelang, die Stimmung zu drehen. An der Mulde, die der Braunkohleabbau in die Erde schlug und die sich im Laufe der Jahre nach und nach mit Wasser füllte, wurde ein Freizeitzentrum mit Kletterpark und Liegewiesen errichtet. Im Sommer feiert die Landjugend hier ihren Summer Flash, ein Fest mit Wasserskifahren und Strandbar, und am Dorfplatz steht nun seit einem Jahr ein Elektroauto, dass es auch Gemeindebürgern ohne eigenen Wagen ermöglichen soll, flexibel zu sein. Linsbauer tritt mit dem alternde Langau auch bei mehreren Jugendbewerben an, und 2013 wird just jene Gemeinde, in der über 32 Prozent der Einwohner über 65 Jahre alt sind, als jugendfreundlichste Gemeinde Niederösterreichs ausgezeichnet.

„Zentral für die Gemeinde sind unsere Vereine“, sagt Linsbauer. Denn obwohl die Bevölkerung über die Jahre enorm geschrumpft ist, wachsen Langaus Vereine. Landjugend, Sportverein, Blasmusikkapelle, Laientheater oder Faschingsgilde, durch die Vereine sei es gelungen, ein identitätsstiftendes Gefühl aufzubauen, das die Jungen an den Ort bindet. Auch noch dann, wenn sie für die Ausbildung in die Stadt abwandern. Viele würden so wie Julia Kurzreiter zwar wegen dem Studium wegziehen, am Wochenende aber regelmäßig nach Langau kommen, an Festen teilnehmen, und sich in der Gemeinde einbringen. Wenn sie dann, nach dem Wochenende, wieder in die Stadt aufbrechen, bleibt zumindest die Hoffnung, dass sie eines Tages wiederkommen, um dauerhaft zu bleiben.

Fünfzehn Stunden

Die große Stadt hat uns abgeworfen, sagt Daniel Mayerhofer an diesem Abend im Langauer Gemeindeamt. Und, dass er froh darüber sei, dass es so gekommen ist. Seine Kinder können nun in derselben Umgebung aufwachsen wie er, mit den kurzen Wegen und kleinen Schulklassen. Vor vier Jahren ist der 40-Jährige IT-Techniker von Wien wieder zurück in seine Heimatgemeinde gezogen. Als aus der größeren Wohnung in Wien nichts wird, meldet er seine zwei Töchter hier im Ort für den Kindergarten an und beginnt mit der Renovierung des Hauses der Großmutter im Langauer Ortskern.

Aber auch wenn seine Kinder jetzt als Testimonials für das Glück am Land von Broschüren lachen, ganz von der Stadt lösen konnte sich Daniel Mayerhofer nicht. Jeden Sonntagabend fährt er nach Wien zum Arbeiten, mittwochs wieder zurück nach Langau. In einem Ort, wo der Postbus nur alle zwei Stunden hält und die nächst gelegene Zuganbindung nach Wien eine halbe Stunde entfernt ist, braucht es zum Pendeln Ausdauer.

Auf die Abwanderung der letzten Jahrzehnte wurde seitens des Staates mit Rationalisierung geantwortet.



Auch wenn die Stimmung in der Region nun eine bessere ist, fehlt es nach wie vor an Arbeitsplätzen, vor allem für besser qualifizierte Rückkehrer. In Langau selbst gibt es 59 Arbeitsstätten, davon 28 in der Forst-und Landwirtschaft. Das gesamte Waldviertel kann kaum Betriebsneuansiedlungen vorweisen, dafür fehlt es an Infrastruktur. Auf die Abwanderung der letzten Jahrzehnte wurde seitens des Staates mit Rationalisierung geantwortet. Postämter wurden geschlossen, Bezirksgerichte konzentriert, ganze Regionen kamen in Raumplanungskonzepten gar nicht mehr vor, meint Raumplanerin Weber. „Weil man davon ausgeht, dass ein investierter Euro in Ballungszentren mehr bewirkt als in strukturschwachen Regionen.“ Gutbezahlte Dienstleistungsjobs wurden damit sukzessiv vom Land in die Stadt verlagert. Für jene, die sich nach abgeschlossener Ausbildung entscheiden zurückzukehren, bedeutet das, schnell günstigen und schönen Wohnraum zu finden, dafür aber lange Wege zur Arbeit in Kauf zu nehmen.

25 km von Langau entfernt, fährt in der Gemeinde Retz jede halbe Stunde ein Zug nach Wien. Und während man in Langau auf die Schienen der Nostalgiebahn des Reblausexpress blickt, ist in Retz die Bevölkerung in den letzten 5 Jahren um 2,5 Prozent gewachsen. Die leicht positive Wanderungsbilanz im Waldviertel ist keineswegs gleichmäßig verteilt. So sind es vor allem strukturstarke Regionen und Gemeinden mit guter Verkehrsanbindung in die Stadt, die im Waldviertel und österreichweit Menschen anziehen.

Wenn Junge gehen und alt zurückkehren

Langaus Bevölkerungspyramide steht auf dem Kopf. Im einzigen Kaffeehaus sitzen um halb fünf am Nachmittag ausschließlich älte Männer und spielen Karten. Und auch wenn in Zukunft viele der Abwanderer wirklich wieder zurückkehren sollten, wird sich daran nicht viel ändern. Setzt sich der Trend fort, den Statistiker der Statistik Austria in den letzten Jahren verzeichnet haben, werden Rückkehrer wie Daniel Mayerhofer die Ausnahme bleiben. Denn während bis zum 40. Lebensjahr die Zuwanderung vom Land in die Stadt überwiegt, kehrt sich die Wanderung erst ab dem 60. Lebensjahr um. Das bedeutet: Es sind nicht nur die Alten, die bleiben, es werden vor allem auch die Alten sein, die wieder kommen. Ländliche Regionen ohne Arbeits-und Ausbildungsplätze und Infrastruktur werden somit zur Lebensabschnittsregionen für Zeiten außerhalb des Erwerbsalters.

Auch Herbert Freundorfer ist in seiner Pension von Wien nach Langau gezogen. „Wien hat für mich immer nur Arbeit bedeutet“, sagt er, „Langau Freizeit und Leben.“ Es sei für ihn damit immer klar gewesen, wieder nach Langau zurück zu kommen, sobald er seine Goldschmiede in Wien schließt. In der Stadt mit ihrer Anonymität und den Geschichten von vereinsamten Alten, deren Tod erst nach zwei Wochen von den Nachbarn entdeckt wurde, wollte er nicht alt werden. In Langau, sagt Freundorfer, könne so etwas nicht passieren, da müsse man schon „darauf bestehen, einsam zu sterben“.

Auch wenn es verständlich ist, dass Gemeinden um die Jungen buhlen, darf der Wert von Pensionisten gerade für kleine Gemeinden nicht unterschätzt werden.

Gerlind Weber, Raumplanerin


Jeden dritten Samstag im Monat um neun Uhr steigt der 73- jährige Obmann des Seniorenverbandes in den Lieferwagen am Langauer Hauptplatz. Zu Mittag wird er gemeinsam mit einem Kollegen 85 Kilometer zurückgelegt und 40 Portionen Essen ausgeliefert haben. Über 50 Personen engagieren sich in der Pfarre Langau ehrenamtlich beim Service „Essen auf Rädern“, die meisten davon sind Senioren. „Auch wenn es verständlich ist, dass Gemeinden um die Jungen buhlen, darf der Wert von Pensionisten gerade für kleine Gemeinden nicht unterschätzt werden", sagt Raumplanerin Weber. Menschen, die in der Pension in ihre Heimatgemeinde zurückkehren, würden mit ihrem Geld oft Altbauten renovieren und Gemeinden dadurch aufwerten. Zudem gibt es immer noch zu viele ungenutzte Ressourcen bei älteren Gemeindebürgern. Senioren sind heute länger gesund, sie haben viel frei verfügbare Zeit, und wollen sich einbringen. Gerade im Angesicht der demographischen Entwicklung im ländlichen Raum könnte das freiwillige Engagement von Senioren in der Nachbarschaftshilfe bis hin zur Kinderbetreuung oder der Übernahme von Stabsaufgaben in Vereinen einen positiven Nebeneffekt der Überalterung darstellen, den Gemeinden nutzen sollten.

 

In Langau werden Anfang Jänner Julia Kurzreiter und Herbert Freundorfer mit den anderen Vereinsleitern wie zu Beginn jedes Monats am runden Tisch im Gemeindeamt Platz nehmen und die Veranstaltungen ihrer Vereine aufeinander abstimmen. Den Vorsitz dabei wird dann, wie jedes Mal bei diesem monatlichen Zusammenkommen, der Vater von Daniel Mayerhofer übernehmen. Er gibt die Vereinszeitung der Gemeinde seit seiner Pensionierung ehrenamtlich heraus.

(Von Eja Kapeller)

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"Jetzt müssen wir Sex auch noch haben“

“Schönheit kennt kein Alter”

(Dove)

Ein alter Mann schleppt eine Einkaufstasche durch den Schnee. Er sperrt die Tür auf und hört seinen Anrufbeantworter ab. Seine Tochter hat angerufen. Sie sagt ihm, dass ihn ihre Familie dieses Jahr zu Weihnachten nicht besuchen kommen wird. Stattdessen bekommt er eine Karte auf der „Merry Christmas“ steht. Traurig schneidet er sein Gemüse, während sein Nachbar Besuch von der Tochter und den Enkelkindern bekommt. Um doch noch ein schönes Weihnachten feiern zu können, täuscht er seinen Tod vor und lockt seine gesamte Familie zu sich nach Hause, wo er sie mit einem Festtagsessen überrascht.

Dieser Werbespot der Supermarktkette Edeka sorgte im Dezember 2015 für feuchte Augen. Ein Jahr später hatte das Video auf YouTube bereits über 53 Millionen Aufrufe. „Die habe ich schon öfter gesehen und ich habe mich immer gefragt, wofür sie wirbt. Den Zusammenhang zu Edeka verstehe ich immer noch nicht“, sagt Anna Wanka. Sie beschäftigt sich am Institut für Soziologie der Universität Wien mit dem Thema Alter(n). Diese Werbung zeigt, wie schwer sich die Werbeindustrie mit dem Alter tut. Der Spot hat für viel Aufsehen gesorgt, Probleme der Isolation älterer Menschen sieht man selten. Und trotzdem ist das Bild des alten Mannes im Edeka-Spot negativ. 

„Ich bin eigentlich über die Arbeitsforschung zum Alter gekommen“, erzählt Wanka. Ihre Forschungen haben die 29-jähhrige Wissenschaftlerin über die Arbeitslosigkeit zu einem anderen Thema geführt: ohne Arbeit sein. Und so ist sie zu dem Forschungsgebiet Alter(n) gekommen.  „Diese dritte Lebensphase, die jetzt das Altern darstellt, ist ja eigentlich eine, die sehr stark davon charakterisiert ist, dass der Beruf wegfällt.“ Damit rückt die Freizeit und ihre Gestaltung in den Mittelpunkt der Tagesplanung.

Im Jahr 2010 lag die Kaufkraft der Generation 50 Plus über allen anderen Altersgruppen. „Die Unternehmen merken langsam, dass ältere Menschen ein großer Markt sind. Diese ‚silver economy‘ wird in Milliardenhöhe prognostiziert, es gibt aber anscheinend eine Schwierigkeit diese Menschen anzusprechen“, meint Wanka. Das glaubt auch Gerlinde Zehetner, Geschäftsführerin des Pensionistenverbandes Österreich. Hinzu komme, dass ältere Menschen unterrepräsentiert seien: „Senioren sieht man nur als Teil einer Familie, wie die lustige Oma vom XXXLutz.“ Hin und wieder schaffen es Alte dann doch Fokus einer Werbekampagne zu sein. So wie bei Dove, dem Kosmetikkonzern, der ältere Damen nackt zeigt und tituliert: „Schönheit kennt kein Alter.“ Doch selbst bei Kosmetika, die die Zielgruppe ältere Frauen haben, ist das eine Seltenheit. „Man muss ja früh genug damit anfangen“, so Zehetner.

Durch immer frühere Pensionsantritte, bei einer gleichzeitig steigenden Lebenserwartung, sind ältere Menschen immer länger in Pension. „Mittlerweile sind das 20, 30 Jahre, die wir in der Pension haben. Davon zehn oder 15 bei bester Gesundheit. Das heißt, das ist eine ganz neue Lebensphase, die sich da eröffnet hat.“ Ältere Menschen sind aus genau diesen Gründen zu einem großen Faktor in der Gesellschaft geworden. Sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Politisch war die ältere Generation für den Brexit und Trump verantwortlich. In Österreich damals bei der Volksbefragung zur Wehrpflicht. Doch auch wirtschaftlich sind ältere Menschen eine Macht.

Ältere schauen mehr fern

Tatsächlich gibt es relativ wenig ältere Menschen in der Werbung und jene, die vorkommen sind oft nur stereotyp. Die neueste MasterCard Werbung fällt in diese Kategorie. Darin begleitet man eine 80-jährige Dame, die sich langsam durch den Alltag bewegt, dabei den jüngeren Menschen im Weg ist, die genervt die Augen verdrehen. 

Dabei sind es vor allem Menschen über 50, die vor dem Fernseher sitzen. Laut Teletest sahen die Österreicher und Österreicherinnen im Jahr 2013 durchschnittlich 133 Minuten pro Tag lang fern. Dieser Wert steigt rapide, je älter die Zuseher werden. 

Wanka fasst das Altersbild in der Werbung so zusammen: „Diese Stereotype, die wir haben, sind einfach noch so stark. Es gibt hier das defizitäre Altersbild. Also die Oma, die den Kuchen backt, die auf die Enkelkinder aufpasst, mit dem Stock geht. Im besten Fall, wenn man witzig sein will, stellt sie jemandem mit dem Stock das Bein.“

Der Begriff „omaleicht“ wurde auch schon früher einmal verwendet. Die Austrian Airlines warb im Jahr 2006 schon mit dem Spruch „Omileicht Flüge buchen“ für die Onlinebuchung. Ganz zum Unmut von Andreas Hollinek, dem Betreiber der Website www.50plus.at. In einem Artikel aus dem Jahr 2013 über Diskriminierung älterer Menschen in der Werbung nennt er die Austrian-Kampagne als Negativbeispiel: „Begründung: omileicht ist stark assoziiert mit babyleicht und diskriminiert Großmütter als absolut unbeholfene Internet-Userinnen.“

Der freundlichere Stereotyp

Ein alter Mensch ist in der Werbung „entweder der hochbetagte Sieche oder der super-agile, wohlhabende Senior, der sich alles leisten kann und will“, sagt Zehetner. Ähnlich Wanka: „Es gibt die sogenannten ‚active ages‘, das positivere Altersbild, das ich auch sehr kritisch sehe.“ Das Altersbild sei einfach unrealistisch, was zur Folge hat, dass sich ältere Menschen erst recht wieder ausgeschlossen fühlen.

Andreas Hollinek beschreibt diese „active ages“ anders. Für ihn sind sie „überdrehte ältere Menschen, die ein schrilles Verhalten an den Tag legen, das ihrem Platz in der Gesellschaft so nicht entspricht.“ Dabei wirkt dieser Stereotyp der sportlichen und vitalen Menschen im hohen Alter auf den ersten Blick sehr positiv. Ältere Menschen werden aus der Opferrolle des defizitären Alterbildes herausgeholt, die ihnen so oft zugeschrieben wird, sie sind agil und jung geblieben. Dass dieses Bild in vielen Fällen aber nicht stimmt, bleibt unerwähnt und erzeugt ein Gefühl der Unzulänglichkeit. „Wenn man die Zeitung aufschlägt und den 99-jährigen Triathleten oder die 90-jährige Balletttänzerin sieht, ist das etwas, womit man sich nicht identifizieren kann. Da wird eher Druck ausgeübt“, so Wanka.

Die Werbung der Versicherungsanstalt Uniqua sticht in diesem Bereich heraus. Sie hat ältere Menschen in Situationen gezeigt, die man eher von Jüngeren erwartet. Die Rezeption der Spots war unterschiedlich. Aufmerksamkeit wurde zwar erzeugt, aber die Porträtierten fanden ihn nicht so toll. „Jetzt müssen wir Sex auch noch haben.“ So fasst Wanka die Rückmeldung älterer Menschen zu Uniquas Spot in einem Satz zusammen:

Wenn man die Frage stellt, wie Werbung für ältere Menschen ausschauen sollte, gehen die Meinungen teils weit auseinander. Die "Presse" zitiert in einem Artikel einen Werber mit den Worten „Zeige ihnen nicht, dass sie alt sind“. Wanka ist in ihrer Forschung zu einem anderen Ergebnis gekommen: „Die Leute würden schon gerne ein realistischeres Bild von sich in den Medien sehen. Alter ist noch etwas, das unattraktiv ist, aber es liegt auch an einer gewissen Blindheit der Werbemacher.“ Die Geschäftsführerin vom Pensionistenverband geht mit der Werbebranche ähnlich hart ins Gericht. „Wir reden seit 20 Jahren davon, dass sich das Bild von älteren Menschen in Zukunft ändern wird“, so Zehetner. Der Pensionistenverband vergibt deshalb jedes Jahr die „Seniorennessel“, einen Negativ-Preis für besonders klischeehafte oder diskriminierende Werbungen. Ein gutes Bild von Senioren wird mit der „Seniorenrose“ belohnt. Der letzte Preisträger war Wohnpartner Wien, die 2015 für ein besseres Zusammenleben von Jung und Alt warben. 

Die Wohnpartner Wien haben die Seniorenrose 2015 gewonnen.
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Die Wohnpartner Wien haben die Seniorenrose 2015 gewonnen.
Die Wohnpartner Wien haben die Seniorenrose 2015 gewonnen. –

Die Werbeindustrie sucht noch weiter nach einer Formel, mit der sie die kaufstarke „silver economy“ richtig ansprechen kann. Der Opa aus der Edeka-Werbung hat zwar für Aufmerksamkeit gesorgt, aber der einsame Mann, der seinen Tod vortäuschen musste, um an Weihnachten seine Familie zu sehen, ist dieses Jahr nicht mehr im Fernsehen. Er wurde im neuesten Edeka-Spot von Kindern verdrängt.

Werbung für und mit alten Menschen bleibt eine Randerscheinung. Zu sehr gehen die Meinungen auseinander, wie das Bild dieser Gruppe sein sollte. Die Werbebranche arbeitet mit zwei Stereotypen, die beide vom Zielpublikum nicht angenommen werden und schließen daraus, dass man Menschen nicht mit ihrem Alter konfrontieren sollte. Die Expertinnen sehen das aber anders. Aus ihrer Erfahrung zeigt sich, dass es realistische Bilder des Alters braucht, um einen Wiedererkennungswert zu erzeugen. Dann klappt es auch mit der Werbung.

(Von Patrick Krammer)

Mehrgenerationenhaushalt

Alt und Jung an einem Tisch: Wer kriegt das größte Schnitzel?

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

Sokrates

Die Panier ist perfekt. Goldbraun und heiß ummantelt sie das Schnitzel. Das helle Fleisch, es ist nur wenige Millimeter dünn. Prädikat extrazart. Niemand macht Wienerschnitzel so gut wie „Oma“ Christine, findet der 13-jährige Wendelin. Jetzt ist er bereit für das Zweite. Christine holt die Servierplatte. Papa Werner will auch noch einen Nachschlag. Er ist ein großer, schlaksiger Mann mit Brille und Bart und einem feinen Humor. Es sei ja nicht so, dass sie hier jeden Sonntag koche, sagt Christine. Und Schnitzel erst recht nicht. „Das gibt es eigentlich nur zu besonderen Anlässen wie Weihnachten oder zu Geburtstagen“, erzählt Christines Tochter Maria. Als Vegetarierin isst sie statt Fleisch gebackenen Sellerie. Maria sitzt am großen Tisch in der Landhausküche Christine gegenüber, neben Werner. Zu Werners Rechten sitzt Tochter Gerrit, 16 Jahre jung, lange, aschblonde Haare, freundliches Lachen.

Werner ist Marias Lebensgefährte. Wendelin und Gerrit sind Werners Kinder aus früherer Beziehung. Fünfzig Prozent der Zeit verbringen sie bei ihrer Mutter, fünfzig Prozent bei Werner und Maria, in dem kleinen Ort an der niederösterreichisch-slowakischen Grenze, wo die Landschaft flach ist und grün. Die Familie bewohnt ein großes, einstöckiges Haus, in dem auch Marias Mutter Christine und Marias 89-Jährige Großmutter Serafine, Spitzname „Sella“, leben. Jede Generation hat ihren eigenen abgetrennten Bereich. Außerdem leben im Haus zwei Hunde und acht Katzen. Maria ist Tierärztin, immer wieder landen tierische Findelkinder bei ihr. „Wir sind eine fröhliche, bunte Patchworkfamilie“, sagt sie. Maria ist eine bodenständige Frau mittleren Alters mit grau-meliertem Pferdeschwanz.

Großfamilien wie Marias, die gemeinsam in einem Haus leben, werden laut Statistik Austria langfristig immer weniger. Von den 3,8 Millionen österreichischen Haushalten sind nur rund 90.000 Mehrgenerationenhaushalte, also solche, wo drei oder mehr Generationen zusammenleben. Dafür ist die Zahl der Singlehaushalte in den vergangen Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen: Gab es im Jahr 2000 in Österreich 977.000 Ein-Personen-Haushalte, so sind es heute 1,4 Millionen. Die durchschnittliche Haushaltsgröße liegt heute bei 2,2 Personen. Die Städte sind voller Singlehaushalte, Großfamilien, die zusammen leben, gibt es, wenn überhaupt, eher in ländlichen Gebieten. Während im Burgenland und in der Steiermark knapp vier Prozent aller Haushalte drei oder mehr Generationen beherbergen, sind es in Wien nur 1,5 Prozent. In Deutschland sehen die Zahlen ähnlich aus.

Glücklich mit Abstand

Was erstaunlich ist: Viele Menschen würden sich wünschen, mit der Großfamilie zusammen zu leben, hat kürzlich eine Umfrage des deutschen Meinungsforschungsinstituts YouGov ergeben. 44 Prozent der Deutschen wünschen sich demnach mit mehreren Generationen zusammenzuleben. Stimmt das auch für Österreich? Nein, meint Franz Kolland, Professor für Soziologie und Gerontologie an der Universität Wien. Sein Forschungsschwerpunkt ist das Thema „Familie, Generationen und Gesundheitsförderung“. Kolland glaubt nicht an die Zahlen aus der deutschen Umfrage. Laut eigener Erhebung wünschten sich nur etwa drei bis vier Prozent der Menschen, als Erwachsene mit Eltern oder Schwiegereltern zusammenzuwohnen. Das romantische Bild, von Jungen und Alten, die idyllisch zusammenleben, zieht Kolland in Zweifel: „In der heute zunehmend urbanisierten und individualisierten Gesellschaft funktionieren familiäre Beziehungen nur mit dem ausreichenden Maß an Abstand“, sagt der Soziologe.

„Ich glaube, dass unser Zusammenleben unter anderem deshalb so gut funktioniert, weil wir es freiwillig so gewählt haben“, gibt Maria zu bedenken. Hätte sich die Wohnsituation durch eine finanzielle Zwangslage ergeben oder gebe es keine Rückzugsbereiche, sehe die Sache anders aus. So aber sieht man sich eben, wenn man sich sehen will. Zu besonderen Anlässen ist das fast immer der Fall. Heute hat zwar niemand Geburtstag. Wienerschnitzel gibt es dennoch. Christine braucht nämlich die Unterstützung der Jungen für ein besonderes Projekt. Kurze Haare, feste Stimme: die resche Pensionistin, die lieber anpackt als herumsitzt, engagiert sich für Flüchtlinge und im örtlichen Kulturverein. Dort ist sie für das Thema Kulinarik zuständig. Kommende Woche organisiert sie für den Verein ein gemeinsames Essen. Weil das Auge bekanntlich mitisst, darf da geschmackvolle Tischdekoration nicht fehlen. Christine hat einen Korb Orangen und ein großes Glas Gewürznelken mitgebracht. Tochter, Schwiegersohn und die Kinder sollen helfen, die Orangen mit Gewürznelken zu spicken. Als Lohn für die Bastelunterstützung hat sie das kollektive Lieblingsessen gekocht.

Bis vor wenigen Jahren mochte er Schnitzel nicht, erzählt Wendelin. Aber seit er Christine kennt, ist das anders. Heute ist Schnitzel sein Lieblingsgericht. Wendelin ist ein intelligenter, aufgeweckter Bursche mit blonden Haaren und neugierigem Blick. Unter dem Tisch wirft er der Borderterrier-Hündin Tota ihren Lieblingsball, den sie immer und immer wieder apportiert. Gerrit, Maria und Werner widmen sich unterdessen den Orangen. Auf dem langen Esstisch liegen überall kleine Häufchen von duftenden Gewürznelken. Maria bestückt ihre Orange in Schneeflockenform. Werner hat der Ehrgeiz überkommen, er arbeitet an einer Krippe samt Engel und Esel.

Wendelin, Christine und Co. beim sonntäglichen Basteln

Unterstützung von außen

Serafine hat das heutige Mittagessen mit anschließender Bastelstunde ausgelassen. Lieber ist sie in ihrer kleinen Wohnung geblieben, um einen Film zu schauen. Serafine, die zierliche Frau mit den weißen Haaren, sitzt in einem Fauteuil vor dem, für junge Ohren viel zu laut aufgedrehten Fernseher. Im Kamin brennt ein Feuer, das kleine Wohnzimmer ist so warm, dass man es kurzärmlig aushält. Im Raum nebenan klappert Geschirr. Sella ist nicht alleine. Eine 24-Stundenpflegekraft unterstützt sie in ihrem Alltag. Gerontologe Kolland hält das für eine vernünftige Lösung, denn „wir haben eine lange Tradition der Forschung, wonach Coresidence, also das Zusammenleben mehrerer Generationen, keine günstigen Pflegebedingungen schafft“. Unterstützung durch Kinder und Enkelkinder in unmittelbarer Nähe sei zwar begrüßenswert. „Ein pflegebedürftiger Angehöriger, um den man sich ohne externe Unterstützung kümmert, nimmt jedoch viel Zeit und Energie in Anspruch“, so der Experte. Nicht selten führe das mit der Zeit zu Überforderung und Frust.

„So lange sie nicht bettlägerig ist, holen wir sie sonst immer gerne dazu, auch bei jedem Geburtstagsessen ist sie dabei“, sagt Christine. Körperlich ist ihre Mutter noch ziemlich fit. Im Sommer sitze Sella gerne draußen im gemeinsamen Garten. Hier trifft man sich: Christine und Werner pflegen dann die Gemüsebeete, Wendelin liegt am liebsten in der Hängematte. Und die 89-jährige Sella? „Meist weigert sie sich einen Hut aufzusetzen“, erzählt Maria. Deshalb soll sie mit ihrem Sessel im Schatten sitzen. „Aber die Oma ist listig. Immer wenn sie glaubt, dass niemand herschaut, rutscht sie mit dem Sessel ein kleines Stück in die Sonne“.

Was können die verschiedenen Generationen voneinander lernen? Wo hilft man sich gegenseitig aus? „Ich bin glücklich, dass ich die beiden habe“, sagt Christine über Gerrit und Wendelin. „Weil wenn ich mit meinem Laptop oder meinem Handy Schwierigkeiten habe, dann komm ich immer zu ihnen.“ Und umgekehrt? „Wenn ich mal krank bin, kümmert sich die Christine um mich und macht mir einen Tee“, sagt Wendelin. „Wendel, du magst doch gar keinen Tee“, unterbricht ihn Gerrit. „Du bist ja wohl nicht ganz wach, ich liebe Tee“, kontert der Bruder. Die Kinder seien eh schon groß, sagt Werner. „Dennoch ist es ein gutes Gefühl zu wissen, sie sind nicht allein.“ Dass jemand da sei, wenn sie etwas brauchten.

Efeuschneiden für Küchenmaschine

Gerrit stellt sich mit der Orange besonders geschickt an. Eine erste hat sie schon verziert, jetzt greift sie nach der nächsten. Zwischendurch nimmt sie sich ein Keks. Apropos Teig. Dem Werner hilft Christine gelegentlich beim Backen. Sie war es auch, die ihn von den Vorzügen einer Küchenmaschine überzeugt hat. Inzwischen leiht er sich ihre regelmäßig aus. „Das ist genau sowas“, erklärt Werner: „Man braucht nicht zwei Küchenmaschinen“. Wolle man sich etwas ausborgen, gehe man einfach schnell rüber und frage freundlich. „Was ich außerdem sehr angenehm finde, ist, dass die Christine die komplette Organisation übernimmt, von der Müllabfuhr bis zum Handwerker“, erzählt Werner. „Das ganze Haus würde nicht so funktionieren, wenn die Mama nicht wüsste, wo jeder Knopf und jeder Schalter ist und wie man die bedient“, bestätigt Maria. „Naja“, sagt Christine, „ich bin ja zuhause, ich hab ja Zeit“. Werner, gerade mit Nelken in Kometenform beschäftigt, räume im Gegenzug im Herbst die Dachrinnen aus, schneide den Efeu und schlichte Brennholz. Maria: „Das hat sich alles einfach so ergeben, wir haben uns nie aktiv hingesetzt und Aufgaben verteilt.“ Wieder Gelächter.

In diesem Haus wird viel gelacht. Überhaupt geht es sehr harmonisch zu. Wird denn hier nie gestritten? Es stimmt, in den meisten Dingen sei man sich einig, sagt Christine. Gestritten werde maximal über Kleinigkeiten und selbst da versöhne man sich schnell. Kaum Streit trotz engem Zusammenleben, wie ist das möglich? Coresidence-Experte Kolland weiß um die Ursache der Harmonie: „Ein Haus einer Großfamilie, das in separate Wohnungen unterteilt ist, bietet Rückzugsorte. Leben die verschiedenen Generationen hingegen ohne Trennung in einem Haushalt, kommt es zu Konflikt.“ Zwischen den Generationen, erklärt er, gebe es meist Werteverschiebungen, die erst durch das unmittelbare Zusammenleben sichtbar würden. Das äußere sich dann in ganz banalen Alltagssituationen. Kolland erzählt von einem Tochter-Schwiegermutter-Gespann, das sich an sich gut verstanden habe, bis die beiden gezwungen waren, sich eine Küche zu teilen. „Sie hatten ein grundverschiedenes Verständnis von gesund oder ungesund und stritten über den Einsatz von exotischen Gewürzen“, so der Gerontologe. Auch ungleiche Vorstellungen richtiger Kindererziehung böten im Mehrgenerationenhaushalt Stoff für Konflikt.

Das Häufchen mit den Nelken ist jetzt fast aufgebraucht. Wie ist das mit dem Zusammenleben wenn, die Stimmung einmal nicht so gut ist? Christines Mann ist vor einigen Jahren an einer Krankheit gestorben, für sie war es eine Umstellung. „Wenn es mir einmal nicht so gut geht, körperlich oder seelisch“, erklärt Christine, sei es angenehm zu wissen, dass sie nicht alleine in ihrem Haus sei. Zu wissen, dass da in unmittelbarer Nähe immer ein Ansprechpartner ist. „Und sei es nur, dass ich mich dazusetze.“ Sie kenne einige ältere Menschen, die alleine lebten und niemanden zum Reden hätten: „Die werden alle seltsam.“

Man gehe in dieser Form des Zusammenlebens anders mit den Menschen um, bestätigt auch Christine. Wenn sie nach einem langen Arbeitstag heimkomme und schlechte Laune hätte, könne sie nicht herumjammern. „Da musst du trotzdem noch irgendwie gemeinsam tun und auskommen.“ Sonst klappe nichts. Das erdet.

Die Küche duftet jetzt nach Orangen und Gewürznelken. Christine stellt Tee auf.

(Von Andrea Vyslozil)

Arbeitsmarkt

Alt und jung am Arbeitsmarkt: Wer hat die besseren Karten?

Älter werden heißt auch besser werden.

Jack Nicholson
Mehr als vier Millionen Erwerbstätige gibt es momentan in Österreich, eine Zahl die Jahr für Jahr leicht ansteigt. Die Erwerbstätigenquote, also der Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung beträgt 71,4 Prozent und ist damit gegenüber dem Vorjahr leicht angestiegen. Gleichzeitig waren mit Stand Februar 475.786 Personen auf Jobsuche. Doch wie unterscheiden sich die Probleme für jung und alt am Arbeitsmarkt? Ist das Alter stark ausschlaggebend für erfolgreiche Jobsuche, oder liegen die Probleme anderswo?

Zu alt für den Job, zu jung für die Pension

Permanent steigende Zahlen zeigen sich bei der Altersarbeitslosigkeit der über 50-jährigen Österreicher. Zu alt, zu teuer, zu unflexibel und öfter krank – so lautet oft der vorurteilsbehaftete Tenor der Unternehmen. Doch tatsächlich haben ältere Arbeitsuchende auch viele Vorteile für Arbeitgeber anzubieten. Langjährige Berufserfahrung und Firmentreue sind einige der Pluspunkte. Natürlich aber ist der Erfolg für eine Wiedereingliederung am Arbeitsmarkt eine Frage der Branche.

„Bei einem großen Angebot an Arbeitskräften, wie es derzeit herrscht, haben Ältere mitunter schlechtere Karten“, weiß Birgit Gerstorfer, Geschäftsführerin des AMS Oberösterreich zu berichten. Aber es komme auch auf die Branche an. Bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten seien die Voraussetzungen schlechter als bei Tätigkeiten, die vor allem ein langjähriges berufliches Know-how erfordern. „Viele Unternehmen haben Angst, dass ältere Arbeitskräfte unflexibler oder öfter krank sind als jüngere und wegen der Gehaltskurve teurer kommen.“, so die Arbeitsmarktexpertin.

WIFO-Arbeitsmarktforscherin Julia Bock-Schappelwein verweist auf die Aufgaben der Betriebe: „Angesichts der demographischen Entwicklung ist auf betrieblicher Ebene der zunehmenden Alterung der Arbeitskräfte Rechnung zu tragen, beispielsweise durch die Einführung bzw. Forcierung von altersgerechten Arbeitszeitmodellen, Arbeitsstrukturen, Arbeitssystemen oder Arbeitsplatzgestaltung sowie Gesundheitsprävention.“ Auch auf die Bedeutung von betrieblicher Weiterbildung für ältere Arbeitskräfte sei zu verweisen, insbesondere wenn die erlernten, schulischen Fähigkeiten am Arbeitsmarkt bereits stark an Wert verloren haben und die berufliche Weiterbildungshäufigkeit und Weiterbildungsneigung mit zunehmendem Alter deutlich abnimmt.

Generell nimmt die Arbeitsmarktforscherin Betriebe in Mitverantwortung: „Auf betrieblicher Ebene sollte das Gesundheitsmanagement gefördert werden, das heißt nicht nur einzelne Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung, sondern Verankerung der gesundheitlichen Dimension auf der Steuerungsebene im Unternehmen, um alle Bereiche durchdringen zu können.“

Probleme beim Wiedereinstieg in das Arbeitsleben haben aber ebenso vollkommen gesunde, ältere Arbeitnehmer, die hochqualifiziert sind. „Bonus-Malus Systeme, Quotenregelungen und geförderte Beschäftigungsprojekte sind durchaus Initiativen, die zu begrüßen sind, um der Altersarbeitslosigkeit beizukommen.“, meint WIFO-Arbeitsmarktforscherin Julia Bock-Schappelwein.

Doch es gibt auch andere Wege, um der Altersarbeitslosigkeit beizukommen. In Deutschland ermöglichte die Regierung, unter bestimmten Voraussetzungen den Weg in die Pension bereits mit 63 Jahren zu gehen. Dies ist dann gegeben, wenn der Arbeitnehmer ab einem Alter von 58 keine Arbeit mehr gefunden hat. In Österreich verhindert die restriktivere Pensionsreform diese Möglichkeit. Dadurch steigt zwangsläufig aber auch die Quote der Altersarbeitslosigkeit.

Auch das bevorstehende Ausscheiden der ersten geburtenstarken Jahrgänge der 1950er Jahre aus dem Erwerbsleben zeigt Wirkung und verursacht ein weiter auseinanderdriftendes Verhältnis zwischen Aktiven und Personen im Ruhestand. Erst ab 2021 werde sich die Situation am Arbeitsmarkt wieder leicht entspannen prognostiziert das WIFO.

Bildung ändert alles?

Jugendliche stehen besonders im Fokus der österreichischen Arbeitsmarktpolitik. Mit Ende des Jahres 2016 waren mehr als 72.000 Personen unter 25 Jahren ohne Beschäftigung. Die Zahlen sind zwar leicht rückläufig, dennoch soll die Beschäftigungsquote beim Einstieg in das Arbeitsleben erhöht werden.

Das aktuelle Regierungsprogramm sieht vor, dass alle Jugendlichen unter 18 Jahren nach Möglichkeit eine über den Pflichtschulabschluss hinausgehende Ausbildung abschließen. Diese Maßnahme tritt mit dem Schuljahr 2017/2018 in Kraft und setzt fest, dass jeder Jugendliche nach der 9. Schulstufe verpflichtend eine weiterführende Schule oder Ausbildung besuchen soll.

Viele Jugendliche, die sich für eine Lehre interessieren, bekommen nicht die erhoffte Stelle. Ein Großteil derer landet in Folge in einer überbetrieblichen Lehrausbildung, die Teil der AMS-Maßnahmen ist. In diesen Lehrwerkstätten befinden sich etwa 13.000 Jugendliche. Jedoch finden in Folge nur die Hälfte der Teilnehmer einen regulären Lehrplatz, die andere Hälfte verbleibt bei der überbetrieblichen Lehrausbildung. Für letztere bedeutet bedeutet dies laut einer aktuellen Studie des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (IBW) in Folge, dass die Jobaussichten deutlich schlechter sind.

Während bei den Absolventen einer Lehrausbildung im Betrieb die Arbeitslosenquote nach drei Jahren bei sieben Prozent liegt, sind von den Absolventen einer Lehrwerkstätte 22 Prozent arbeitslos. 45% der arbeitlosen Personen können lediglich Pflichtschulbildung aufweisen.  Aber Bildung alleine ist nicht alles. Auch junge Akademiker sind nicht von Arbeitslosigkeit verschont, ein leichter Anstieg ist auch hier bemerkbar. Hinzu kommt, dass diese Gruppe zusehends von prekären Arbeitsverhältnissen wie Scheinselbständigkeit oder Praktika abhängig ist. Dominik Leitner (28) studierte Medienmanagement und Journalismus und weiß von den Problemen und Auswirkungen der Arbeitslosigkeit zu berichten:“Die Suche nach einem Job, das Nichtfinden, die scheinbare Unvermittelbarkeit beim AMS, all das. Man fühlt sich abhängig, depressiv und fällt in ein tiefes Loch, aus dem man versucht herauszukommen.“

Schließlich bekam er die Möglichkeit, bei einigen Projekten auf Honorarbasis mitzuarbeiten und will dies auch künftig tun. Nicht ohne zu erwähnen, daß er natürlich sofort zugreifen würde, sollte sich eine Fixanstellung ergeben. Der Arbeitsmarkt in Östereich ist einem Wandel unterzogen und die Wirtschaftskrise hat auch bei Akademikern ihre Spuren hinterlassen. Hohe Arbeitslosenquoten verzeichnet etwa das Studium der Betriebswirtschaft wie auch das der Rechtswissenschaft.

Neben der Anforderungen der Arbeitgeber an die Absolventen, ist es  auch eine Vielzahl von Mitbewerbern, welche die Arbeitssuche von Jung-Akademikern erschweren. Die Konkurrenz ist groß und Jahr für Jahr verlassen unheimlich viele Absolventen die Universitäten oder Fachhochschulen mit einem Abschluss. Gut vernetzt zu sein ist am heutigen Arbeitsmarkt ein wichtiges Kriterium, denn nur so erschließt sich auch der versteckte Arbeitsmarkt, der oftmals eine Chance darstellt, um ins Berufsleben einzusteigen.

 

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Presse Digital

Der Alumniverband der Universität Wien bietet verschiedene Programme zur Unterstützung von Jung-Akademikern. Individuelle Unterstützung bietet das „Alma-Mentoring-Programm zum Berufseinstieg“ in der Studienabschlussphase. Berufserfahrene Absolventen übernehmen die Betreuung, es gibt Workshops und Peer-Treffen. Ziele des Programms sind das Selbstbewusstsein und die Eigenverantwortung der Studierenden zu stärken und durch Erfahrungsaustausch den Übergang vom Studium zum Beruf zu erleichtern. Das Programm „u:start“ unterstützt Akademiker beim Schritt in die Selbständigkeit. Über 4000 Absolventen finden finden sich auf der Plattform „Alumni Map“, die dort aufzeigen, wo sie leben und was sie beruflich tun. Hier können Studierende recherchieren, in welchen Berufen Absolventen ihrer Fachrichtung aktiv sind und mit diesen Kontakt aufnehmen. Auch der Zugang zu Netzwerkveranstaltungen wird angeboten, einerseits zum Austausch von Akademikern untereinander aber auch zum Aufbau eines eigenen beruflichen Netzwerks.

(Von Michael Brandstetter)

Arbeiten in der Pension

Erfolgskonzept: Kuchen von der Oma 

“Im Ruhestand muss man nicht mehr tun, was sich rentiert, sondern kann tun, was sich lohnt.”

Ernst Reinhardt

Maria ist an einem Donnerstagnachmittag gerade dabei, die fertigen Apfelstrudel aus dem Backrohr zu nehmen. Sie richtet sich ihre weiße Schürze und öffnet das Backrohr mit Neonlicht. Heiße Luft und der Duft von gebratenen Äpfeln und frisch gebackenem Teig strömen ihr entgegen. Aus den Boxen tönt Musik aus ihrer Jugendzeit. Maria ist 62 Jahre alt und stammt ursprünglich aus einem Dorf im Weinviertel. Heute hat sie zusammen mit Christine Dienst in der „Vollpension“. Sie teilen sich zusammen die offene Schau-Küche und backen frische Kuchen und Mehlspeisen für die Gäste. Der Apfelstrudel zählt zu einer Spezialität von Maria und ist bei den Gästen sehr beliebt. Nach ihrem Pensionsantritt 2013, suchte sie eine neue Herausforderung im Leben und fand ihren Platz hier.

Die „Vollpension“ ist ein Generationenkaffeehaus und befindet sich seit dem Frühjahr 2015 in der Schleifmühlgasse im 4. Wiener Bezirk. Seite an Seite arbeiten dort junge Servicekräfte mit Senioren zusammen, die geringfügig angestellt sind. „Die Ursprungsidee kam von Moritz und Mike, den Gebrüdern Stich,“ erzählt Julia Krenmayr, die das Kaffeehaus mit Hannah Lux und Cornelia Kamleitner leitet. Im Rahmen der Vienna Design Week 2012 haben die beiden Jungunternehmer, die sonst für ihre Organic Maß-Jeans bekannt sind, die „Vollpension“ erstmals ins Leben gerufen. Ganz nach dem Motto „Wo gibt es die beste Mehlspeise? – bei der Oma“ haben Seniorinnen im Zeitraum des Events zehn Tage lang gebacken. Um für das Event Senioren zu finden, die gerne backen, wurde eine Anzeige in einer Tageszeitung geschalten. Das Interesse war groß. „Und das ist damals so gut angekommen, also auch im Team bei den Seniorinnen, dass es dann mehrere Vollpension-Pop-ups gab“, sagt Krenmayr.

Christine und Maria in der Vollpension
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Christine und Maria in der Vollpension
Christine und Maria in der Vollpension – (c) Presse Digital

Social Business

Ein Social Business ist eine Mischung aus Non-Profit-Organisation mit sozialem Hintergrund und gewinnorientiertem Unternehmen. Das Unternehmen muss als Hauptziel ein soziales Ziel anstreben. Das Sozialministerium startete im September 2016 zusammen mit der Nationalstiftung für Forschung und Technologieentwicklung und der Förderbank des Bundes, dem Austria Wirtschaftsservice (aws) das neue Programm „aws Social Business Call“, um mit drei Millionen Euro Start-ups mit gesellschaftlichem Mehrwert zu fördern.


So hatten auch die Konferenz-Teilnehmer vom Europäischen Forum Alpbach die Möglichkeit, sich mit Kuchen von den Omas verwöhnen zu lassen. 2014 tourte die „Vollpension“ in einem VW-Bus plus Wohnwagen durch Österreich. Um den Omas eine fixe Backstube zu geben, wurde noch im selben Jahr, neben den bereits bestehenden Verein, die „Vollpension“ Generationencafé GmbH als Gastgewerbe im Rahmen eines Social Business gegründet und nach einem Standort in Wien gesucht. Hannah Lux wurde zur Geschäftsführerin ernannt und betreibt nun mit Julia Krenmayr und Cornelia Kamleitner zusammen die „Vollpension“. Als primäres Ziel haben sie sich gesetzt, sinnerfüllte Arbeitsplätze für Senioren zu schaffen. „Es gibt ja sehr viele Angebote für Senioren wie Seniorenclubs und Kartenspielen. Das sind so die Klassiker. Der Unterschied zu uns ist aber, dass es sich hier um einen Job handelt. Alle sind bei uns angestellt und verdienen ihr Geld. Es gibt fixe Dienstpläne. Also man muss auch etwas leisten,“ betont Krenmayr.

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Paradebeispiel „Vollpension“

Aktuell arbeitet in der „Vollpension“ ein 35-köpfiges Team. Neben der Geschäftsführung sind zehn jungen Servicekräfte, 17 Seniorinnen und drei Senioren angestellt. Die Senioren arbeiten entweder fünf oder zehn Stunden pro Woche. „Das ist deshalb so, weil wir schauen möchten, dass wir so viele wie möglich einbinden und es auch für die Senioren eine Regelmäßigkeit gibt,“ sagt Krenmayr. Die Dienstzeit ist auch deshalb auf fünf Stunden beschränkt, damit es für die Senioren körperlich nicht zu anstrengend wird. Die Freude an der Arbeit soll so weiterhin bestehen bleiben.

Für die Senioren gibt es zwei unterschiedliche Rollen: Es gibt Back-Omas und –Opas und die Hosts. Die Back-Omas und –Opas backen in ihrer Arbeitszeit sechs bis zwölf Kuchen. Ursprünglich war geplant, dass jeder von ihnen zehn Rezepte hat, für die die entsprechenden Zutaten eingekauft werden. Da sich diese Methode aber nicht bewährt hat (Omas improvisieren auch einfach einmal gern), wird den Senioren beim Backen sehr viel Freiraum gelassen. „Aber das ist auch Teil des Konzepts, weil wenn du die Oma besuchst, weißt du schließlich auch nicht, welchen Kuchen du bekommst“, so Krenmayr.

Eine zentrale Rolle im Generationencafé spielt auch die Einrichtung. Alte Möbel treffen auf kitschige Schirmlampen, Weihwasser-Madonnen aus Lourdes und kleine Keramikfiguren. Die meisten stammen von Flohmärkten und dem Anzeigenportal „willhaben.at“. An der Wand reihen sich neben Farb- auch Schwarz-Weiß-Fotografien, die an frühere Zeiten erinnern. Einen Kontrast zu den alten Polstermöbeln bilden die jungen Gäste, die darauf Platz genommen haben.

Ein Rundgang durch die "Vollpension"

Täglich gibt es einen Schichtwechsel bei Jung und Alt. Die Omas und Opas, die als Hosts eingesetzt werden, treten ihren Dienst täglich um 15 Uhr an. Sie übernehmen die Rolle der kommunizierenden Gastgeber. Sie begrüßen neu eingetroffene Gäste, weisen Plätze zu und servieren ab. Im Vordergrund steht dabei immer der Community-Gedanke. Der Gastronomiebetrieb wird sehr familiär geführt. So ist auch das Potential für Konflikte gegeben. „Manchmal gibt es Phasen, in denen es mehr kracht und manchmal ist es wieder harmonischer. Doch der Konflikt ist tagtäglich da. Es gibt keinen Tag, an dem sich nicht irgendjemand über irgendwen aufregt“, sagt Krenmayr. Doch werden in der „Vollpension“ Konflikte direkt angesprochen. „Wir versuchen sehr offen damit umzugehen. Wenn Menschen, egal welchen Alters, zusammenkommen, dann ist es ganz normal, dass es kracht,“ erklärt Krenmayr.

Die Gründe, weshalb die Senioren trotz ihrer Pension noch in der „Vollpension“ arbeiten, sind unterschiedlich. „Manche leben von der Mindestpension, andere wiederum bekommen ein wenig mehr. Bei ihnen geht es vielmehr darum, dass sie noch einmal rauskommen möchten, um sich selbst in der Pension noch einmal neu kennen zu lernen,“ sagt Krenmayr.

 „Ich wollte nicht einfach aufhören“

Sitta ist heute als Host im Einsatz. Sie räumt das schmutzige Geschirr vom Tisch, stellt es auf ihr Tablett und geht damit zurück in die Küche. Obwohl sie anfangs keine Ahnung vom Gastgewerbe hatte, hat sie sich schon 2012 im Rahmen der Vienna Design Week für einen Arbeitsplatz in der „Vollpension“ beworben. Nun läuft sie eilig mit dem beladenen Tablett durch den Raum und begrüßt neu eingetroffene Gäste. 68 Jahre ist sie alt und war fast 40 Jahre lang im Unterrichtsministerium tätig. Das Alter sieht man ihr nicht an. Sie hat rot lackierte Fingernägel und trägt eine modische, grau-schwarze Weste. Gleich nach ihrem Pensionsantritt hat sie sich nach einer neuen Aufgabe umgesehen und Volksschüler in Deutsch in einer Privatschule unterrichtet. „Ich wollte nicht einfach aufhören,“ sagt sie. Durch eine ihrer beiden Töchter, die die Anzeige entdeckte, ist sie auf die „Vollpension“ aufmerksam geworden.

Sitta arbeitet nicht aus finanziellen Gründen in der „Vollpension“, sondern weil sie unter Menschen sein möchte. Allerdings gebe es zu wenige Möglichkeiten für Pensionisten, die gerne noch einer Beschäftigung nachgehen möchten. „Ich habe viele Freundinnen, die eigentlich etwas machen möchten, aber nicht wissen was. Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr auf Profit und Beschleunigung aus ist. Für alte Leute geht das nicht. Es gibt eigentlich sonst keine Betätigungsfelder, wo man weniger als 20 Stunden arbeiten kann,“ erklärt Sitta. An das Aufhören denkt sie noch nicht. „So lange ich noch denken, gehen und vor allem mich bewegen kann, werde ich das noch möglichst lange machen,“ sagt die 68-Jährige.                                  

Senioren, die auch in ihrer Pension weiterarbeiten möchten, unterstützt auch Ingrid Korosec (ÖVP). Als Präsidentin des Österreichischen Seniorenbundes vertritt sie die Interessen der älteren Bevölkerung in Österreich. Sie ist der Ansicht, dass die Pension als immer länger werdende Lebensperiode „exakt vorbereitet“ und „genau vorgedacht werden“ müsse. Sie sieht das Generationenkaffeehaus als „eine tolle nachahmungswerte Idee.“

Jung und Alt ­– ein positives Miteinander

Auch wenn es wie in jedem Betrieb zu Konflikten zwischen Mitarbeitern kommt, ist sich Krenmayr sicher, dass die Vorteile des altersgemischten Teams überwiegen. „In Zeiten wie diesen ist es etwas Seltenes, Diversität positiv vorgelebt zu bekommen.“ Krenmayr ist davon überzeugt, dass gerade die Konstellation von Jung und Alt den Charme der „Vollpension“ ausmacht. „Manche Gäste fragen, ob wir miteinander verwandt sind. Wir sind zwar schon ein wenig wie ein Familienbetrieb, doch sind wir nicht miteinander verwandt,“ sagt Krenmayr. Der 29-jährige David Haller, der sich um die Eventgestaltung kümmert und immer wieder im Service aushilft, meint, dass die Zusammenarbeit in der „Vollpension“ deshalb so gut funktioniert, weil „jeder eine klar definierte Rolle hat, aber trotzdem genug Freiheiten hat, um sein persönliches Ich zu integrieren.“ Er findet die Lebenseinstellung seiner älteren Arbeitskollegen sehr inspirierend und möchte so wie sie auch im hohen Alter noch lachen können. 

(Von Victoria Abulesz)

Pensionen: Wer, wann, wie viel?

Interaktive Grafiken zum österreichischen Pensionssystem.

In Österreich steigt die Lebenserwartung und die Alten sind immer länger in Pension. Während die Babyboomergeneration aus dem Erwerbsleben ausscheidet, gibt es zu wenige Junge, die mit ihren Zahlungen das System weiterfinanzieren könnten. Droht der Generationenvertrag zu scheitern?

Pensionsantrittsalter der letzten Jahrzehnte

 


Effektives Pensionsalter von Frauen in 8 Ländern


Effektives Pensionsalter von Männern in 8 Ländern


Durchschnittliche Lebenserwartung und Zeit in Pension der letzten Jahrzehnte:

 

Anmerkung: Für “internationalen Vergleich” wurden Österreich, Italien, Frankreich, Deutschland, Schweden, USA, OECD und EU-27 gewählt.

 

Vergleich staatliche Ausgaben für Pensionen mit Ausgaben für Kindergärten, Schulen und Universitäten

 

Staatliche Ausgaben für Pensionen der letzten Jahrzehnte

 

Beschäftigungsquote bei 55 bis 64-Jährigen im int. Vergleich

 

Anmerkung: Für “internationalen Vergleich” wurden Österreich, Italien, Frankreich, Deutschland, Schweden, USA, OECD und EU-27 gewählt.

Familienunternehmen

Wirtschaft zwischen Alt und Jung

 

„Jede Generation sollte die Firma stärker hinterlassen, als sie sie vorgefunden hat.“

Jürgen Kluge

Grundsätzlich ist die Nachfolge eines der heikelsten Thema, wenn es um Unternehmen geht. Und noch dazu, wenn es sich um Familienunternehmen handelt. „Es gibt zwei Kategorien der Übergabe bei Familienunternehmen“, erklärt Andrea Hagendorfer vom Gründerservice der Wirtschaftskammer Österreich. „Wird das Unternehmen familienintern übergeben, oder passiert eine Übergabe an jemand familienexternen – also wird es verkauft?“ Laut einer Untersuchung der KMU Forschung Austria im Auftrag der WKÖ (Details siehe Infobox) werden rund die Hälfte der Familienunternehmen auch familienintern übergeben. „Diese Art der Übergabe dauert auch länger“, so Hagendorfer. „Ein Familienmitglied steigt in den Betrieb ein und arbeitet oft mehrere Jahre lang mit. Offiziell ist noch immer ein anderes Familienmitglied aber Inhaber. Bei externen Übergaben läuft das komplett zeitgleich – der neue Eigentümer steigt in den Betrieb ein und ist sofort auch Eigentümer.“

Familienunternehen

Laut einer Untersuchung der KMU Forschung Austria im Auftrag der Wirtschaftskammer Österreich von 2013 sind 90 Prozent der Unternehmen im Land Familienunternehmen laut EU-Definition. Lässt man Ein-Personen-Unternehmen weg, machen die Familienunternehmen in Österreich noch immer 54 Prozent aus. Sie beschäftigen bundesweit 70 Prozent der Arbeitnehmer. Den Familienunternehmen sind laut Wirtschaftskammer Österreich 58 Prozent der Umsätze zuzurechnen.

Dass Familienunternehmen andere oder größere Probleme haben als Nicht-Familienunternehmen, glaubt Hagendorfer nicht. „Die Probleme sind nur anders gelagert.“ Vor allem die kommunikativen Faktoren spielen eine Rolle – die frühzeitige Einbindung des Nachfolgers in den Betrieb ist essentiell. „Außerdem sind die Gespräche auch mit Tabuthemen wie dem Tod verbunden.“ Bei Generationenkonflikten sei es daher oft ratsam, sich Hilfe von außen in Form einer Mediation zu holen. Auch die Definition des richtigen Zeitpunkts der Übergabe kann Konflikten vorbeugen. „Viele Übernehmer sammeln auch in anderen Betrieben einige Jahre Berufserfahrung. Wenn der Übergeber dann aber zu lange nicht vom Betrieb loslassen kann, kann es passieren, dass sich der Übernehmer woanders schon eine Karriere aufgebaut hat.“

"Das kann man nicht erzwingen"

Im Fall von Johannes Günthör, einem Landwirt aus Niederösterreich, ist genau das Nachfolgethema noch ungelöst. Er weiß noch nicht, ob eines seiner drei Kinder den Bauernhof übernehmen wird. Günthör betreibt eine kleine Landwirtschaft in Nöchling im Bezirk Melk. Zehn Kühe hält er hier, daneben Hühner, Schweine und Gänse. Zum Hof gehören 7,5 Hektar Nutzfläche, von denen der Großteil Grünland ist. Nur auf fünf Ar werden Gemüse, Kartoffeln und Futterrüben für den Eigenbedarf bzw. als Tierfutter angebaut. Den Hof hat der gelernte Tischler selbst 1991 von seinen Eltern übernommen. „Sie haben das alles unter großen Entbehrungen aufgebaut. Auf der Wiese stand gar nichts“, erzählt Günthör. Man spürt: Für den 58-Jährigen ist der Hof eine Herzensangelegenheit. Mit der Übernahme 1991 hat Johannes Günthör den Hof auf Biobauernhof umgestellt.

 

Johannes Günthör und seine Tochter Edeltraud bei der gemeinsamen Arbeit im Stall.
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Johannes Günthör und seine Tochter Edeltraud bei der gemeinsamen Arbeit im Stall.
Johannes Günthör und seine Tochter Edeltraud bei der gemeinsamen Arbeit im Stall. – privat

„Es wäre für uns natürlich schön, wenn eines der Kinder den Hof übernehmen könnte, aber das kann man nicht erzwingen“, sagt Günthör, der drei Kinder hat: Bernadette (33), Edeltraud (31) und Johannes (25). Tochter Edeltraud ist momentan die wahrscheinlichste Kandidatin für eine Hofübernahme. Auch sie hatte eigentlich lange andere Pläne für ihre Zukunft und wollte eine Karriere als Journalistin vorantreiben. Vor rund einem Jahr hat sie aber dann doch die Übernahme des elterlichen Betriebs in Betracht gezogen: „Ich überlege, den Hof zu übernehmen, weil ich die Arbeiten gerne mache und gerne in der Natur bin. Ein Stück weit ist es auch das frei und unabhängig sein in der Entscheidung, was ich wann mache.“

 

Mittlerweile überlegt Edeltraud, den Hof des Vaters doch zu übernehmen.
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Mittlerweile überlegt Edeltraud, den Hof des Vaters doch zu übernehmen.
Mittlerweile überlegt Edeltraud, den Hof des Vaters doch zu übernehmen. – privat

Falls der Hof doch nicht in die Hände eines seiner Kinder wandert, hat Günthör auch schon über Alternativen nachgedacht. „Es kann die Fläche zum Beispiel verpachtet werden. Die Frage ist nur, ob man das Haus und die Wirtschaftsgebäude ohne Landwirtschaft finanziell erhalten kann.“ Traurig wäre der 58-Jährige aber in jedem Fall, wenn der Hof nicht in der eigenen Familie bleibt. „Es wäre natürlich schade, wenn nach der zweiten Generation schon wieder Schluss wäre.“

"Dann sage ich: Das ist meins"

Das Klischee, wonach familiäre Zusammenarbeit in einem Unternehmen das familiäre Klima verschlechtert, kann die Scheibbserin Julia Hollaus nicht bestätigen. Im Gegenteil: das Verhältnis zu ihrer Mutter hat sich sogar verbessert. „Mit 15, 16 Jahren wollte ich nur ausziehen“, erinnert sich die heute 26-Jährige. Die Wende brachte ihre Selbstständigkeit. Sie betreibt seit 2011 im niederösterreichischen Petzenkirchen den Hundesalon „Pfotenoase“, vertreibt hochwertiges Tierfutter und verkauft und spinnt Wolle aus Hundehaaren. „Meine Eltern haben mich von Anfang an unterstützt, vor allem finanziell, weil ich bei ihnen wohnen durfte. Die ersten paar Jahre habe ich das Unternehmen komplett alleine geführt. Bis ich eines Tages Angina mit 39 Grad Fieber bekommen habe. Da hat sich meine Mama eine Woche Urlaub genommen, um mir zu helfen“, erinnert sie sich. Das ist jetzt 2,5 Jahre her. Von da an hat ihre Mutter immer mehr im Betrieb mitgeholfen. Mittlerweile ist sie in ihrem Hauptberuf in Altersteilzeit – und hat mehr Zeit für den Betrieb ihrer Tochter. „Sie steht oft um vier in der Früh auf, spinnt die Wolle und fährt dann um halb acht mit mir in den Betrieb. Wollespinnen kann sie mittlerweile auch besser als ich, obwohl ich sie angelernt habe.“

Für das Mutter-Tochter-Verhältnis war die gänzlich unentgeltliche Mitarbeit der Mutter in der Pfotenoase Gold wert. Mit Unterstützung ihrer Mutter hat Hollaus auch ein zweites Unternehmen, eine KG, gegründet, um den Tierfutterverkauf vorantreiben zu können. Die KG hat im Vorjahr einen Umsatz von rund 73.000 Euro abgeworfen, im Salon sind es etwa 25.000 Euro Umsatz.

Diskussionsbedarf gibt es zwischen Mutter und Tochter zwar auch, aber der hält sich laut Hollaus‘ Angaben in Grenzen. „Meine Mama will mich bei Investitionen oft beschützen, aber sie weiß, dass ich einen Dickschädel habe“, schmunzelt Hollaus. Das heißt aber nicht, dass Hollaus wichtige Entscheidungen nicht mit ihrer Mutter abspricht. „Es ist sicher auch nicht einfach für sie gewesen, zurückzustecken, weil es ja mein Betrieb ist und ich so viel jünger bin. Aber mittlerweile sieht sie, dass es gut läuft. Wenn sie sich zu viel einmischt, sage ich ihr: Das ist meins.“ So wie beim Ankauf der Spinne für das Wollespinnen aus Hundehaaren. Und das ist ja mittlerweile das Steckenpferd von Hollaus‘ Mutter.  

"Ich will nicht ins Waldviertel zurück"

Dass sie einmal das Unternehmen der Eltern übernehmen könnte, diese Möglichkeit hat Jasmin Haider-Stadler lange Zeit nicht in Betracht gezogen. Die gebürtige Waldviertlerin ist die Tochter von Monika und Johann Haider, die die erste Whiskydestillerie Österreichs im Waldviertel ins Leben gerufen haben. Mittlerweile – seit Anfang 2016 - ist Haider-Stadler gemeinsam mit ihrer Mutter Geschäftsführerin des Unternehmens, der Vater ist in Pension. Die Zusammenarbeit mit ihren Eltern im Betrieb funktioniert einwandfrei, wie Haider-Stadler erzählt. Dabei „habe ich immer gesagt, ich will nicht ins Waldviertel zurück“, schildert Jasmin Haider-Stadler, die mehrere Jahre in Wien Marketing und Kommunikation studierte und in einer PR-Agentur gearbeitet hat.

 

Die Familie Haider führt jetzt gemeinsam die Whiskydestillerie.
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Die Familie Haider führt jetzt gemeinsam die Whiskydestillerie.
Die Familie Haider führt jetzt gemeinsam die Whiskydestillerie. – (c) Karoline Grill

Ins Unternehmen (hier wird nicht nur hochwertiger Whisky hergestellt, es gibt auch eine Whiskylounge für Verkostungen, Österreichs ersten Whiskykeller und geführte Touren) ist Haider-Stadler nach und nach hineingewachsen. „Ich habe immer wieder kleinere Texte für Journalistenanfragen geschrieben. Dann habe ich die Ausbildung zur Destillateurin gemacht und in der PR-Agentur, in der ich gearbeitet habe, auf 20 Stunden reduziert, damit ich daheim mithelfen kann.“ Die Freude bei den Eltern war schließlich groß, als sich die Tochter entschied, ganz in den elterlichen Betrieb einzusteigen. Mittlerweile ist Haider-Stadler nicht nur für Kommunikation und Marketing, sondern auch für das Fassmanagement, also den Einkauf von Weinfässern für die Whisky-Produktion, zuständig: „Ich bin jetzt das Gesicht nach außen. Mein Vater zieht sich immer mehr zurück. Meine Eltern wissen, dass ich das gut mache.“

 

Jasmin Haider-Stadler kommt aus dem Marketing und ist erst später in die Whiskydestillerie eingestiegen.
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Jasmin Haider-Stadler kommt aus dem Marketing und ist erst später in die Whiskydestillerie eingestiegen.
Jasmin Haider-Stadler kommt aus dem Marketing und ist erst später in die Whiskydestillerie eingestiegen. – (c) Regina Hügli

Aktuell arbeiten im Betrieb inklusive Familienmitglieder (die Eltern und Jasmin Haider-Stadler) neun Personen. Haider-Stadlerss Vater ist bereits in Pension, aber nach wie vor stark im Betrieb involviert, vor allem beratend. Eine Mitarbeiterin ist schwanger, für die wird im kommenden Jahr eine Karenzvertretung gesucht.

Familienunternehmen kämpfen also nicht mit mehr oder weniger Problemen als andere Unternehmen. Sie müssen jedoch die Balance zwischen familiärer Bindung und Professionalität schaffen. Andrea Hagendorfer vom Gründerservice der Wirtschaftskammer verrät das letzte Problem, das bei Familienunternehmen anders geartet sein kann als sonst: Finanzierung. „Denn was passiert, wenn es mehrere Kinder gibt? Wer bekommt das Unternehmen, wer welchen Anteil?“ Hier könne etwa helfen, den Kaufpreis für das Unternehmen offiziell ermitteln zu lassen, so Hagendorfer. Grundsätzlich gilt: „Es ist wichtig, dass Probleme offen angesprochen und geklärt werden.“ 

(Von Anita Kiefer)

Leistungssport

Wenn die Pension erst der Anfang ist

"Grundsätzlich ist jeder Mensch bis ins hohe Alter leistungsfähig und belastbar.”

Sportmediziner Dieter Leyk

Mit seinen 36 Jahren ist Joachim Standfest aktuell der älteste Profi in der österreichischen Fußball-Bundesliga. Dennoch habe er „körperlich keine Probleme, da mitzuhalten.“ Zwar hatte der Grazer im Laufe der letzten 20 Jahre einige Verletzungen, „Knie, Kreuz und Hüfte sind aber noch gut in Schuss“. Nicht umsonst kommt er bei den Wolfsbergern noch immer regelmäßig zum Einsatz. In seinem Alter keine Selbstverständlichkeit. „Wenn ich mir meine Kollegen ansehe, die im selben Alter sind und mit denen ich früher gespielt habe: Die jammern schon sehr oft, wenn ich mit ihnen Kontakt habe. Ich habe großes Glück, dass ich in der Früh aufstehe, ohne Schmerzen zu haben“, sagt Standfest. Das Kapitel „Profifußball“ neigt sich für ihn dennoch langsam dem Ende zu.

SOCCER - BL, WAC vs A.Wien
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SOCCER - BL, WAC vs A.Wien
Jochim Standfest ist aktuell der älteste Bundesliga-Spieler. – (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Michael Riedler)
Standfest hat in Österreich bereits alles erreicht, was es zu erreichen gibt: zweimal Meister, fünfmal Pokalsieger. Stationen beim GAK, der Wiener Austria, Sturm Graz, Kapfenberg und aktuell eben Wolfsberg. In Kärnten lässt Standfest seine Karriere ausklingen. Der Vertrag läuft noch bis zum Ende der aktuellen Saison. Ob der Grazer noch ein Jahr anhängt, wird sich kurzfristig entscheiden: „Ich habe noch Freude daran. Wenn das nicht mehr der Fall ist, oder ich mich quälen muss in der Früh zum Training zu fahren, dann werde ich nicht mehr verlängern.“

Die Karriere nach der Karriere

Wie es danach weitergeht, weiß Standfest noch nicht: „Ich möchte aber natürlich schon im Fußballbereich bleiben.“ Eine Berufsausbildung hat der 36-Jährige nicht. Damit ist er im Fußball nicht alleine. Lut einer internationalen, Ende November 2016 veröffentlichten Studie der FIFPro (eine Organisation, die weltweit Profifußballer repräsentiert) haben rund 72 Prozent der befragten Fußballer (siehe Grafik) lediglich eine abgeschlossene Matura. In Österreich offenbart sich ein ähnliches Bild: Die Vereinigung der Fußballer (VdF) spricht von weniger als zehn Prozent, die eine berufsbegleitende Ausbildung absolvieren.

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Standfest hatte nach der Matura begonnen zu studieren. Erst Architektur, dann Sport und Geographie. Ersteres „war zeitlich quasi unmöglich“, sagt Standfest. Für Zweiteres habe ihm „dann der Biss gefehlt - es ist extrem schwierig, wenn man bei einem größeren Verein ist.“ Die angestrebte duale Karriere scheiterte früh. Ein Problem, mit dem Sportler vor allem, aber nicht nur im Fußball, zu kämpfen haben. Der Verein KADA versucht seit einigen Jahren Abhilfe zu schaffen und die Situation für Profisportler aller Disziplinen zu erleichtern. KADA steht für „Karriere danach“, was mittlerweile aber nur mehr zum Teil zutrifft. Das Hauptaugenmerk gilt „der Vereinbarkeit des Sports mit der Ausbildung“, wie die KADA-Geschäftsführerin Roswitha Stadlober sagt.

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Roswitha Stadlober gründete den Verein KADA. – KADA

Stadlober kennt als ehemalige Skirennläuferin die Probleme, mit denen Leistungssportler zu kämpfen haben. Und sie versteht auch den Antrieb, der die Sportler dazu bringt, den Sport trotz aller Herausforderungen auszuüben. Die zweifache Siegerin des Slalomweltcups und WM-Silbermedaillen-Gewinnerin von 1987 hat ihre Karriere mit bereits 24 Jahren beendet. Das war 1988. „Für mich war es wichtig, noch etwas kennen zu lernen, auch beruflich“, sagt Stadlober 28 Jahre später. Bereits während ihrer aktiven Zeit war die Salzburgerin in der örtlichen Bank tätig, der sie nach der Karriere erhalten blieb. Nach einer fünfjährigen Periode als ÖVP-Abgeordnete im Salzburger Landtag, 1999 bis 2004, begann dann die Idee heranzureifen, Profisportler beim Umstieg und der Integration ins Berufsleben zu unterstützen. Das erste Projekt „after sports“ war nur für Frauen konzipiert. Schnell wurde aber klar, „dass es viel mehr braucht, als nur Jobcoaching.“

„Sehe mich als Existenzsicherung für den Sport.“

KADA entstand 2010. Der Verein startete mit 55 Sportlern, aktuell sind es über 500. Dabei werden die Sportler vor, während und nach der Zeit im Leistungssport unterstützt. Von Problemen wird dabei nicht gesprochen, eher von Herausforderungen. Eine dieser Herausforderungen ist, Talente und junge Athleten „im Sport zu halten. Einen Großteil verliert man zwischen 17 und 19 Jahren.“ Hier entscheiden sich die meisten für die Ausbildung und nicht für den Sport. Für Stadlober ein Alarmsignal: „Wir hören immer wieder, dass jemand studieren oder Sport machen will. Das sollte aber kein ‚entweder, oder‘, sondern ein ‚und‘ sein.“ Sie sieht sich daher „als Sportförderung und Existenzsicherung für den Sport.“

Kanada - Olympische Winterspiele in Calgary 1988
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Kanada - Olympische Winterspiele in Calgary 1988
Roswitha Stadlober bei den Olympischen Winterspielen in Calgary 1988. – KADA

Während Joachim Standfest weiterhin aktiv ist, hat Ronald Spuller seine Profikarriere bereits beendet. Im Sommer 2014 lief sein Vertrag beim SV Mattersburg aus. Spuller war damals 33 Jahre alt. Als das Profidasein beendet war, kam das Thema KADA auf. Spuller hatte zuvor schon davon gehört und war sich bewusst, dass „man ja etwas machen muss.“ Es folgte ein Telefonat, Spuller äußerte seine Vorstellungen und Wünsche und wenig später begann er eine Massage-Ausbildung. Knapp zwei Jahre nach seinem Karriereende als Fußballprofi ist er bereits als Masseur tätig: „Das ging alles sehr schnell. KADA hat einen guten Einfluss.“

Ein Spätstarter im Fußballgeschäft

TIPP3-BUNDESLIGA: LASK LINZ - SV MATTERSBURG
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TIPP3-BUNDESLIGA: LASK LINZ - SV MATTERSBURG
Ronald Spuller darf auf erfolgreiche Jahre in Mattersburg zurückblicken. – (c) APA/RUBRA (RUBRA)

Dabei war sicherlich auch von Vorteil, dass Spuller vor seiner Zeit als Fußballer bereits eine Berufsausbildung absolviert hatte. Denn der gebürtige Wiener Neustädter arbeitete als Installateur, ehe er die Chance bekam, sich als Profi zu versuchen. Mit 27 Jahren schaffte er den Sprung in die erste Mattersburger Mannschaft. Nicht nur für heutige Verhältnisse untypisch, wie ein Blick auf den aktuellen Altersschnitt in der Bundesliga zeigt (siehe Grafik). „Ich hatte eine tolle Form. Da war viel Glück dabei“, erzählt Spuller. Eine Karriere wie seine hat mit Sicherheit Seltenheitswert. „Und gerechnet habe ich nicht mehr damit. Aber lange überlegt man nicht, wenn man die Möglichkeit bekommt.“ Spuller nutzte sie, spielte einige Jahre noch auf hohem Niveau. Ehe er sich 2014 – wenn auch unfreiwillig – verabschiedete. Im vergangenen Sommer zog er dann auch im Amateurbereich einen Schlussstrich. Mit 35 Jahren. „Das war immer ein Limit. Ich war nie gravierend verletzt und wollte nichts herausfordern.“

Spuller hat damit etwas geschafft, mit dem viele andere Sportler zu kämpfen haben: Dem Leistungssport ein für alle Mal Lebewohl zu sagen. „Manchen gelingt es eher, manchen weniger“, meint KADA-Geschäftsführerin Stadlober, „Das Wichtigste ist, dass sie selber abschließen können. Ist das nicht der Fall, macht es auch keinen Sinn.“

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Duale Karriere als Zauberwort

Sportmediziner Norbert Bachl, seines Zeichens Direktor des ÖISM (Österreichisches Institut für Sportmedizin) in Wien, sieht zwei Gefahren, wenn Profisportler nicht loslassen können: „Jeder wird spüren, dass er ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr mithalten kann. Das ist etwas ganz Natürliches. Da besteht dann die Gefahr, dass diese Leute zu unerlaubten Methoden greifen. Oder aber, dass sie sich im falschen Ehrgeiz massiv überlasten.“ Dabei spielt auch der finanzielle Aspekt eine Rolle. „Es geht ja nicht jeder am Ende der Karriere mit Millionen nach Hause. Da steige ich dann leichter aus, wenn ich weiß, dass ich etwas gelernt und in der Hinterhand habe. Es ist ganz wesentlich, dass ein Sportler die Möglichkeit hat, sich beruflich weiterzuentwickeln und nicht vor dem Nichts steht“, erklärt Bachl weiter. Stichwort Duale Karriere. Bachl: „Sportliche Leistung und Ausbildung müssen Hand in Hand gehen.“

Während dies im Fußball ein besonders großes Problem darstellt, sind Randsportarten anders oft gar nicht zu bewältigen. Von jenen Beträgen, die im Fußball weltweit fließen, können Sportler in weniger frequentierten Disziplinen nur träumen. So etwa im Badminton. Die beste Österreicherin ist Elisabeth Baldauf. Im vergangenen Sommer erfüllte die 26-Jährige sich den Traum von Olympia, aktuell ist sie auf Position 70 der Weltrangliste zu finden. Reich wird sie damit nicht. „Die Weltklasse lebt sicher vom Badminton. Bei uns in Österreich sind Sponsoren die Haupteinnahmequelle“, erzählt Baldauf. Wie in jeder Randsportart ist es aber auch hier schwer genug, Sponsoren zu generieren. „Für uns ist es daher ganz wichtig, das Bundesheer zu haben.“ 2013 erhielt Baldauf den Platz beim Heeressport. Für sie ein entscheidender Schritt. „Du bist versichert und hast ein Einkommen. Das gibt mir viel Sicherheit.“

OLYMPISCHE SOMMERSPIELE RIO DE JANEIRO 2016: BADMINTON / BALDAUF (AUT)
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OLYMPISCHE SOMMERSPIELE RIO DE JANEIRO 2016: BADMINTON / BALDAUF (AUT)
Seit Mit der Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Rio erfüllte sich Elisabeth Baldauf einen Traum. – (c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)

 „Bin gerade in der Blütephase.“

Aktuell finden sich beim Bundesheer 192 Sportler wieder. Vom Badminton, über Leichtathletik bis hin zum Klettern. Für die Athleten ist das oft der einzige Weg, im Leistungssport aktiv zu sein. Als Baldauf den Bundesheerplatz erhielt, wurde das Lehramtsstudium, das sie bis dahin absolvierte, ruhend gelegt. Auch, weil in der Folgezeit alles auf die Olympischen Spiele 2016 ausgerichtet war. Nachdem dieses Kapitel erledigt ist, soll nun auch das Studium zu Ende gebracht werden. Hilfe bekommt die Vorarlbergerin von KADA. Dabei werden Wettbewerbs- und Trainingsplan mit den Lehrveranstaltungen und Prüfungen an der Universität abgeglichen und auf einen gemeinsamen Nenner gebracht. Mittlerweile hat sich Baldauf zwar daran gewöhnt, zu Beginn der Karriere wurde ihr der Druck und Stress aber oftmals zu viel. „Der Gedanke ans Aufhören war extrem oft da. Aber ich wusste immer, dass die Ausbildung dazu gehört. Und es tut mir auch gut für den Sport. Ich bin daher froh, dass ich durchgehalten habe“, gibt Baldauf zu.

Heute sieht sie sich „in der Blütephase“ ihrer Karriere. Nach ihrer aktiven Zeit will Baldauf nicht nur als Lehrerin arbeiten, sondern auch dem Sport erhalten bleiben. Als Trainerin. „Wenn sich unsere Sportart entwickeln will, ist es wichtig, unser Wissen weiterzugeben. Ich kann mir gut vorstellen, zukünftig mit jungen Sportlern zu arbeiten.“ Bis dahin ist aber noch Zeit, ein paar Jahre gibt sich Baldauf noch. Natürlich unter der Voraussetzung, dass sie verletzungsfrei bleibt. Bis jetzt hatte Baldauf nur mit kleineren Problemen zu kämpfen. Was auch daran liegt, dass „wir extrem viel im Kraft- und Aufbaubereich machen, um präventiv zu arbeiten.“

Wenn der Körper Grenzen setzt

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Norbert Bachl: "Der eigene Körper ist das Kapital der Profisportler" – Stefan Berndl

Die Verletzungsgefahr variiert freilich von Sport zu Sport und ist auch vom Individuum abhängig. Sportmediziner Bachl nennt hier „das Verhältnis von Genetik und Epigenetik“, also der Umwelt, als wesentlichen Punkt: „Diese Mischung macht die Höchstleistungen eines Sportlers aus und sorgt auch dafür, dass man mit zunehmendem Alter noch hervorragende Leistungen bringen kann.“ Der eigene Körper ist das Kapital der Profisportler und setzt ihnen auch Grenzen.

Spuller hatte Glück in dieser Hinsicht. Der 35-Jährige blieb die gesamte Profikarriere über von schwereren Verletzungen verschont. „Ich kann also weiterhin jeden Sport ausüben. Daher hätte es auch nichts gebracht, noch ein, zwei Jahre herumzuspielen. Ich wollte gesund aufhören.“ Aktuell ist er in der Fußballakademie im Burgenland als Co-Trainer der U18 tätig - der Übergang vom Profisport ins Berufsleben hat reibungslos funktioniert. Auf Standfest kommt dieser Schritt erst zu - wie auch auf zahlreiche andere. Roswitha Stadlober hofft für ihn und die anderen schon jetzt, dass eines Tages „der Sport in Österreich Gesetz wird, also ein anerkannter Beruf. Dann wäre alles viel einfacher. Und träumen darf man ja.“

(Von Stefan Berndl)

Freizeit

Leidenschaft durch alle Generationen

Die Energie, die Kinder zu viel haben, fehlt den Alten.

Stefan Regal - Autor, Herausgeber und Kolumnist (1965)

62 Prozent der 15 bis 29-Jährigen sind in mindestens einem Verein Mitglied. Das besagt eine Studie des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung. Bei den 30 bis 49-Jährigen sind es 53 Prozent, bei den über 50-Jährigen 57 Prozent.  In Österreichs Vereinen leben, arbeiten und trainieren also unterschiedlichste Altersgruppen miteinander. Im Reitverein Wiener Neustadt in Niederösterreich trainieren etwa Personen im Alter von vier bis 77 Jahren. Bei der Freiwilligen Feuerwehr in Lichtenwörth, rund zehn Kilometer von Wiener Neustadt entfernt, sind die jüngsten Mitglieder zehn Jahre alt – und die bleiben der Feuerwehr meist ein Leben lang erhalten. Eines haben alle Mitglieder - egal welcher Verein, egal welches Alter - gemeinsam: viel Energie für ihre Leidenschaft. 

Reitverein Wr. Neustadt: „Alter ist kein Thema“

Donnerstag, 10 Uhr. Sonnenstrahlen fallen durch die Fenster der hölzernen Reithalle und werfen Lichtstrahle in den Sand.  Von der Decke hängen vereinzelt Spinnweben.  Die Fenster sind leicht verstaubt, teilweise einen Spalt geöffnet. Hier, in der Reithalle des Reitvereins Wiener Neustadt, wird heute trainiert.  „Zum Aufwärmen erst einmal ganz entspannt Schritt am langen Zügel. Ja genau so. Super“ – Verena Zach ist 39 Jahre alt, Reittrainerin und Obfrau des Vereins. Sie steht in der Mitte der Reithalle.  Um sie herum reitet Ingrid Hornsteiner. Mit aufrechter Haltung sitzt sie auf einem großen, braunen Pferd. Ingrid Hornsteiner folgt den Anweisungen der Trainerin, das Pferd folgt ihren Anweisungen. Ingrid Hornsteiner ist 77 Jahre alt.

Reitverein Wiener Neustadt
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Reitverein Wiener Neustadt
Reitverein Wiener Neustadt – Pia Seiser

Sie hat vor fünf Jahren mit dem Reiten begonnen – auf Anraten ihres Arztes. „Ich war nach einer langen Krankheit sehr schwach und der Arzt hat mir zum Reiten geraten, um wieder fit zu werden“, erzählt sie. Seit dem trainiert sie im Reitverein Neunkirchen und im Wiener Neustädter Reitverein. Hornsteiner kann sich noch gut an die Anfänge in Wiener Neustadt erinnern. „Ich bin vom ersten Augenblick an super aufgenommen worden und hab mich auch sofort integriert gefühlt trotz meines fortgeschrittenen Alters und dafür bin ich sehr dankbar“, erzählt sie mit einem Lächeln.

Hornsteiner: „Ich habe sofort dazu gehört“

Im Sommer hat Hornsteiner den Reiterpass – eine Reitprüfung mit Praxis- und Theorieteil – abgelegt. Trainiert hat die 77-Jährige dabei auch mit vielen Kindern. „Ich wurde vielleicht ein bisschen mehr angeschaut“, Hornsteiner lacht, „aber ich war eine von vielen und habe sofort dazu gehört – so habe ich es empfunden.“ Alter würde hier im Reitverein keine Rolle spielen, meint sie. „Ich empfinde es hier so, dass kein Unterscheid gemacht wird. Ich habe vielleicht ein bisschen einen anderen Stil, ein bisschen langsamer vielleicht alles, aber ich empfinde eigentlich keinerlei Unterschied und es wird auch von den Trainern kein Unterschied gemacht zwischen alt und jung.“

Das bestätigt auch Obfrau Verena Zach. „Wir unterscheiden weder geschlechtsspezifisch noch nach Generationen.“ Im Wiener Neustädter Reitverein trainieren Buben und Mädchen im Alter von vier Jahren, aber genauso erwachsene Männer und Frauen bis aktuell 77 Jahren. Die unterschiedlichsten Generationen gibt es im Reitverein aber nicht nur bei den Reitschülern, sondern auch bei den Trainern.  „Unsere Voltigierübungsleiter, die den Longe-Unterricht machen, sind teilweise Schüler und Studenten, die aber dann auch Schüler bis zu den Senioren hinauf unterrichten“, erklärt Zach. 

„Kleine profitieren von Erfahrung der Größeren“

Zum Beispiel Anna Haslinger. Die Jus-Studentin ist 22 Jahre alt und unterrichtet im Wiener Neustädter Reitverein. Sie ist auch für die Jüngsten im Verein zuständig – die Voltigiergruppe. Jeden Dienstag und Samstag trainieren Kinder ab vier Jahren auf dem Pferd und auf der Tonne. Das Voltigieren ist für Zach ein Beispiel dafür, wie die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Generationen im Reitverein funktioniert. Unterstützt wird die 22-jährige Voltigiertrainerin nämlich von Kindern aus dem Verein. „Die Kleinen profitieren sehr gut von der Erfahrung der Größeren, die das Wissen an die Kleinen weitergeben, mit Spaß vorleben. Die Kleinen schauen auf und bewundern die Großen“, erzählt Zach.

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Reitverein Wiener Neustadt
Anna Haslinger leitet die Voltigiergruppe im Reitverein Wiener Neustadt. – WNR

Die 22-Jährige profitiere sowohl von den Trainerkollegen unterschiedlichsten Alters, aber auch von ihren Reitschülern, die sich durch verschiedene Altersklassen ziehen: „Die verschiedenen Generationen führen mir unterschiedliche Sichtweisen zum Reitsport allgemein, aber auch zu einzelnen Lektionen im Speziellen vor Augen – und so bekommt man eine vielfältige Sichtweise, die einen im Training, aber auch im Leben nützt.“

Obfrau Zach: „Das Alter ist noch nie erwähnt worden“

Neben den Trainern und den Schülern ist auch der Vereinsvorstand bunt gemischt – von Vorstandsmitgliedern mit 23 bis mit über 85 Jahren. „ Die Zusammenarbeit funktioniert optimal – alle Veranstaltungen werden auch zusammen organisiert, gefeiert und gelebt“, so Zach. Sie blickt kurz nachdenklich in die Luft: „Das Alter ist da eigentlich noch nicht einmal erwähnt worden.“ Generationskonflikte gäbe es im Wiener Neustädter Reitverein nicht - im Gegenteil. Das Zusammenkommen von so vielen verschiedenen Generationen hält die Obfrau für einen Profit für das Vereinsleben.

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Pia Seiser
 

Feuerwehr Lichtenwörth: Alle Generationen ziehen an einem Strang

Johann Pidlich ist 83 Jahre alt. Er ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Lichtenwörth. Und das seit seinem 18. Lebensjahr. „Damals nach dem Krieg hat es nichts gegeben, da war es eine Selbstverständlichkeit zur Feuerwehr zu gehen.“ Von 1971 bis 1990 war Pidlich Kommandant der Feuerwehr Lichtenwörth, mit 65 Jahren wechselte er dann vom Aktivstand in den Reservistenstand. Er ist aber nach wie vor Mitglied und steht seinen Kameraden mit Rat und Tat zur Seite. So wie 29 weitere Feuerwehrmänner in der so genannten Reserve. Die ältere Generation ist nicht mehr bei schwierigen Einsätzen mit dabei, berät aber den Einsatzleiter und hilft bei Veranstaltungen oder dem alljährlichen Feuerwehrfest. 

Feuerwehr profitiert von Generationenvielfalt

Das ist auch der Tag im Jahr, an dem alle verschiedenen Altersklassen der Feuerwehr zusammenkommen: Feuerwehrleute im Alter von 10 Jahren bis hin zu über 80-Jährigen. „Es ist schön gemeinsam an einem Strang zu ziehen, und das ist ja auch das Ziel der Feuerwehr“, sagt Martin Kellner. Er ist 27 Jahre alt und seit 12 Jahren Feuerwehrmitglied. Vom Zusammenarbeiten von so vielen verschiedenen Generationen würde die Organisation profitieren, meint Kellner. „Die Älteren haben die Erfahrung und können das an die Jungen weitergeben.“ Das bestätigt auch Pidlich: „Ich habe damals allerhand gelernt von den Älteren.“ 

Dass die Zusammenarbeit funktioniert würde sich regelmäßig bei Einsätzen zeigen, aber auch bei altersbedingten Übergaben von verschiedenen Positionen in der Feuerwehr. „Wir wissen meist schon Jahre zuvor, dass eine Übergabe stattfinden wird. Der Ältere schult seinen Nachfolger dann lange Zeit ein, sodass er optimal auf seine neue Aufgabe vorbereitet ist“, erklärt Kellner.

Feuerwehr-Nachwuchs lernt von den Älteren

Die jüngsten Feuerwehrleute sind zehn Jahre alt. Mit diesem Alter werden sie bei der Feuerwehrjugend aufgenommen. Jeden Montag trifft sich die Leiterin der Jugendgruppe, Kathi Zusag, mit ihren Schützlingen - 17 an der Zahl. Zusag vermittelt dem Nachwuchs praktisches und theoretisches Wissen zur Freiwilligen Feuerwehr - so wie es ihr auch vor vielen Jahren vermittelt worden ist. Sie hat nämlich selbst bei der Feuerwehrjugend begonnen. Mittlerweile ist Zusag 21 Jahre alt und selbst aktives Mitglied bei der Lichtenwörther Feuerwehr – als einzige Frau. „In der Feuerwehrjugend werden die Kinder auf den Aktivstand vorbereitet“, erklärt sie. Mit 16 Jahren dürfen die Jugendlichen bei richtigen Einsätzen mithelfen. Bis dahin legen die Kinder verschiedene Abzeichen ab und trainieren bei Übungseinsätzen.

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Kameraden: Jugendbetreuerin Kathi Zusag und Martin Kellner. – Pia Seiser

Jasmin Locher ist 13 Jahre alt und seit dem Sommer Mitglied der Feuerwehrjugend in Lichtenwörth. „Ich will einmal so werden wie die Kathi“, sagt sie und schaut ihre Betreuerin mit leuchtenden Augen an. „Ich bin zur Feuerwehr gekommen, weil mein Papa auch dabei ist, und jedes Mal, wenn er von Einsätzen nach Hause gekommen ist und erzählt hat, habe ich das voll cool gefunden und wollte das auch unbedingt machen“, erzählt die 13-Jährige.  In der Feuerwehr wird die Jugendarbeit sehr ernst genommen. „Die Jugend ist unsere Zukunft“, sagt Pidlich, „und so lernen die Kinder pflichtbewusst zu sein.“ Auf der anderen Seite würden aber auch die älteren Feuerwehrmitglieder von den Jugendlichen profitieren. „Die Älteren lernen so immer die Neuheiten kennen“, so der 83-Jährige. 

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Verschiedene Generationen bei der Feuerwehr in Lichtenwörth: Die 13-jährige Jasmin Locher und der 83-Jährige Johann Pidlich. – Pia Seiser

Kellner: „Es ist ein guter Mix“

Die Zusammenarbeit zwischen Alt und Jung funktioniere bei der Feuerwehr Lichtenwörth also auf allen Ebenen: Bei Einsätzen, Übungen, Festen sowie bei der Ausbildung des Nachwuchses. „Es ist ein guter Mix, der funktioniert“, sagt Kellner. Teilweise bringt das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Generationen aber auch Konflikte mit sich. „Wenn die Jungen etwas Neues gelernt haben und es sofort durchsetzen wollen, blockiert das die ältere Generation oft“, schildert Kellner. Konflikte, wie dieser, seien aber lösbar: „Die Älteren holen die Jüngeren so auch wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und so entsteht im Endeffekt dann ein guter Mix.“ Ein guter Mix, mit dem die Feuerwehr schon seit Jahrzehnten arbeitet.  

(Von Pia Seiser)

Öffentlicher Raum

Ein Ort für Jung und Alt

„Die Menschen, nicht die Häuser, machen die Stadt.“

Der Hamerlingpark an einem schönen Wintertag. Während Kinder unter den wachsamen Augen von jungen Eltern und fürsorglichen Großeltern am Kinderspielplatz trollen, Jugendliche im Gitterkäfig einen Ball jagen und Hundebetreuer Small Talk treiben, sitzen die anderen Menschen im Park herum. Da die Jugendlichen. Dort die Gruppe junger Schüler am Picknicktisch. Im stillen Eck ein paar Obdachlose in einer Gruppe, während ein anderer trotz der kühlen Luft zwischen den Parkbesuchern auf einer Bank schläft. Woanders sitzt eine ältere Dame, die ihren Einkaufswagen neben sich geparkt hat und die Sonne genießt.

Es ist ein typisches Bild, das es hier zu sehen gibt und ein positives, aber auch eines, das auf ein Problem hinweist. Denn während alle hier einen Platz zu finden scheinen, ist von Begegnung zwischen den Altersgruppen eher nicht zu reden. Man duldet das Andere. Manchmal bestaunt man es. Noch seltener wird interagiert, der Raum gemeinschaftlich genutzt.

Dass die Situation in Wien ist, wie sie ist, ist so in vielerlei Hinsicht ein Erfolg, denn öffentlicher Raum und insbesondere seine Freiräume sollen, nach allgemeiner Expertise und gültigem Leitbild der Stadt Wien, vor allem eines sein: Orte für alle. Räume, in denen alle in einem jeweiligen Gebiet vertretenen Gruppen Zugang finden können und Orte, die deren Bedürfnissen und Nutzungsansprüchen entsprechen. Für Andrea Breitfuss, von der Gebietsbetreuung der Stadt Wien für den 3. und 11. Bezirk, braucht es beides: „Es braucht Orte, die niemandem speziell ‚gehören‘ und es braucht Orte, die klar auf die Bedürfnisse einzelner Nutzergruppen zugeschnitten sind.“

Manche Ansprüche sind nicht vereinbar

Selbst wenn es möglich wäre, Räume für alle unterschiedlichen Nutzungsgruppen bereitzustellen und immer jeweilige Interessen zu befriedigen bzw. die Besetzung durch Einzelinteressen zu tolerieren, so wäre das keine gute Idee. Denn neben dem Anspruch einen Raum für alle zu bieten, erfüllt der öffentliche Raum laut Thomas Madreiter, dem Planungsdirektor der Stadt Wien, auch eine zentrale demokratische Funktion: Der öffentliche Raum ist nicht nur ein Raum, der von allen genutzt werden soll, er ist auch ein Raum, wo „Menschen aufeinander treffen sollen“.

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Klimkin | Pixabay

In der Wiener Charta heißt es: „Im öffentlichen Raum muss es Möglichkeiten zum Zeitvertreib, zum Austausch und zum Gespräch geben.“ Während es aber schon eine große Herausforderung ist, Räume zu planen, zu bauen und zu entwickeln, die unterschiedliche und sehr diverse Nutzungsbedürfnisse befriedigen, besteht laut Assoc Prof. Dr. Sabine Knierbein, von der TU Wien, weitgehend Einigkeit, dass soziale Interaktion nicht direkt, oder nur sehr schwer, planerisch herbeigeführt werden kann. Denn Räume, die exklusiv für bestimmte Altersgruppen geschaffen werden, führen auch bei besten Intentionen weitere Barrieren für Begegnung ein und bringen die Gefahr räumlich herbeigeführter sozialer Segregation. Trotzdem besteht wenig Zweifel, dass globale und lokale Entwicklungen Anlass geben, proaktiv zu handeln und im Mindesten in manchen Fällen spezifisch für Altersgruppen zu planen und zu gestalten.

Konkret geht man in Wien aktuell davon aus, dass die Stadt in den kommenden Jahrzehnten jünger und älter zugleich wird. Bei den unter 15-Jährigen geht man von einer Steigerung von bis zu 18 Prozent bis 2044 aus, während die 60- bis 74-Jährigen im selben Zeitraum 26 Prozent zulegen sollen und die über 75-Jährigen gar um 96 Prozent.

Kommunikation mit der jüngeren und älteren Bevölkerung, und die Befriedigung ihrer Interessen, wird vor diesem Hintergrund ohne Zweifel immer wichtiger. Und es wird auch versucht: von Bezirksvorstehungen, den Verantwortliche für Stadtplanung und -entwicklung sowie den Gebietsbetreuungen. Allerdings: Das Halten und Erweitern der Kontakte fällt mitunter schwer - und dsa Einschätzen der Bedürfnisse. Denn, wie Breitfuss sagt, kann man „ja kaum noch sagen, was eine Person mit 65 plus oder 75 plus für Bedürfnisse hat“. Man dürfe, wenn man „älter“ hört, ncht sofort an Gehbehinderung oder eingeschränkte Sicht denken. „Das sind viele in diesem Alter ja noch nicht,“ so Breitfuss.

Die große Diversität der Stadtbevölkerung stellt folglich eine der größten Herausforderungen für Stadtplanung und -entwicklung dar: Längere Grünphasen bei Fußgängerüberquerungen sind etwa im Interesse weniger mobiler Stadtbewohner, nicht jedoch im Interesse der Stadtbewohner, für die Schnelligkeit weniger ein Problem und mehr ein Erfordernis ist. Manche Konflikte sind vorprogrammiert, können aber, wenn ihnen begegnet wird, auch zu Annäherung führen und sind oft schon im Vorfeld vermeidbar. Bürgerbeteiligungsverfahren sind hier ein Hoffnungsträger. 

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Leo Lettmayr

„Man muss sehr laufen, um ältere Menschen vor Ort zu erreichen“

Ältere Menschen zu erreichen und zur Teilnahme an Beteiligungsverfahren zu motivieren ist laut Breitfuss oft nicht leicht: „Da muss man schon sehr laufen, um ältere Menschen vor Ort zu erreichen.“ Man versucht es über Seniorenwohnheime, Seniorenclubs und Pfarren - und zwar im Optimalfall mit einem konkreten Anlass. Andernfalls bleibt das Interesse und damit die Partizipation häufig aus. Peter Rippl von der Initiative "Lebenswerter Nordbahnhof" nennt ein zusätzliches Problem: „Wenn es nicht um Protest, sondern um Mitgestaltung geht, dann ist es einfach schwieriger.“

Drei Bürgerinitiativen aus Wien

Zivilgesellschaftliche Bemühungen, wie die Initiative "Lebenswerter Nordbahnhof", "Wir sind 12!" oder die "Agendagruppe Begegnung" versuchen folglich, Bewegung und Teilnahme zu erwirken, haben aber auch mit - zum Teil altersbedingten, oftmals aber auch zeitlichen Hürden - zu kämpfen. Dabei wären viele Bedürfnisse der Jüngeren und Älteren gar nicht so unähnlich, insbesondere der Wunsch nach einem bunten, grünen und lebendigen Raum für alle. Einem, wie Frank Placke es ausdrückt, in dem jeder „sein eigenes Ding macht“.

Längenfeldgarten
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Längenfeldgarten
Längenfeldgarten – Leo Lettmayr

Aktionen wie "Urban Gardening", Initiativen zur Verschönerung von Vierteln, gemeinsames Radfahren und Spaziergänge sowie Feste sind vielversprechende Wege, wenn es darum geht mehr Mitglieder aller Generationen zu motivieren, den öffentlichen Raum zu nutzen und am gesellschaftlichen Leben dort teilzuhaben. Noch finden sie aber zu vereinzelt statt und siend häufig breiten Teilen der Bevölkerung einfach nicht bekannt. Doch es sind Lichtblicke.

(Von Leo Lettmayr)

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Faule Junge, fade Alte? Wie die Generationen (nicht) miteinander leben

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