Wien. Im Mai könnte es im engen Kaltenleutgebener Tal am Rand von Wien noch enger werden: Dann werden Spezialmaschinen auffahren, um einer historischen Industrieruine zu Leibe zu rücken. Die über hundert Jahre alte, seit Längerem leer stehende Perlmooser Zementfabrik soll abgerissen werden. Angesichts von bis zu 80 Meter hohen Betontürmen und rund 200.000 Tonnen Abbruchmaterial eine schwierige und teure Aufgabe, die ein Jahr lang dauern wird.
Gerald Parzer, Geschäftsführer der Waldmühle Rodaun Errichtungsgesellschaft, betont, dass es sich um keinen normalen Abbruch handeln wird. „Hier wird Urban Mining praktiziert. Das heißt, der überwiegende Anteil des Materials wird nicht abtransportiert, sondern vor Ort aufbereitet und für den Unterbau verwendet.“ Ansonsten wären 20.000 Lkw-Fahrten für den Abtransport nötig gewesen.
Doch während es gegen den Abriss keinerlei Bedenken gibt, erregt das Nachfolgeprojekt die Gemüter der Bevölkerung in Liesing und in den angrenzenden niederösterreichischen Gemeinden. Denn auf dem frei werdenden Gelände, das noch im Wiener Stadtgebiet liegt, soll eine Wohnanlage mit 450 Einheiten errichtet werden.
Gerd Zöhling von der Rodauner Bürgerinitiative warnt vor einem Verkehrskollaps. Er weist darauf hin, dass von Kaltenleutgeben nur eine einzige Straße nach Wien führt. „Schon jetzt ersticken wir im Stau. Wenn diese Wohnanlage gebaut wird und einige hundert Menschen mehr mit dem Auto reinfahren, gibt es ein Chaos.“ Die Initiative will das Projekt verhindern und fordert von der Stadt Wien, die Widmung zu ändern oder zumindest optimale Verkehrslösungen zu präsentieren. Um den Forderungen Gewicht zu verleihen, werden auch Blockadeaktionen im Frühjahr angedacht.
Tatsächlich ist der Liesinger Ortsteil Rodaun verkehrsmäßig schwer überlastet. Von und nach Breitenfurt fahren jeden Tag mehr als 18.000 Autos. In Kaltenleutgeben sind es 6300. „Ein Nadelöhr“, sagt auch Liesings Bezirksvorsteher Manfred Wurm (SP). Öffentlicher Verkehr ist kaum vorhanden, 85 Prozent der Kaltenleutgebener fahren mit dem Auto.
Perchtoldsdorf „enttäuscht“
Den heraufbeschworenen Verkehrsinfarkt durch neue Wohnanlagen sieht er allerdings nicht. Die entsprechenden Kreuzungen in Rodaun würden demnächst umgebaut, sagt Wurm zur „Presse“. Und Verkehrssimulationen hätten gezeigt, dass damit der Verkehr künftig flüssiger ablaufen werde als jetzt.
Abgelehnt wird das Projekt aber nicht nur von den Bürgerinitiativen, sondern auch von den Bürgermeistern in Kaltenleutgeben und Perchtoldsdorf. Martin Schuster, Ortschef von Perchtoldsdorf, das verkehrsmäßig von neuen Wohnanlagen auch stark belastet würde, befürchtet das Schlimmste. „Uns wurde von der Stadt Wien gesagt, dass das Bauvorhaben weit kleiner und damit erträglicher ausfallen wird. Und jetzt heißt es lapidar, 450 Wohnungen werden gebaut. Ich finde das unverständlich und bin persönlich enttäuscht.“ Die geplanten Ampellösungen seien reine Kosmetik.
Perchtoldsdorf sieht neben der Verkehrsbelastung aber ein anderes Problem. Knapp ein Fünftel des Perchtoldsdorfer Wassers kommt von einer Quelle gleich neben dem Areal der künftigen Wohnanlage. Und der Bau einer Großwohnanlage könne große Auswirkungen auf das Trinkwasser der Perchtoldsdorfer haben, fürchtet Schuster. Als Teillösung gegen einen Verkehrskollaps kommt eine alte Idee ins Spiel. „Da bietet sich die Reaktivierung der historischen, noch aus der Monarchie stammenden Kaltenleutgebener Eisenbahn an“, sagt VP-Verkehrssprecher Roman Stiftner. Die sei zwar für den Personenverkehr stillgelegt, aber die Gleiskörper seien vorhanden. Und die Bahn, die von Kaltenleutgeben über Perchtoldsdorf nach Liesing führt, zu aktivieren komme billiger als andere Verkehrslösungen, sagt Stiftner.
Bezirksvorsteher Wurm: „Technisch ist alles möglich. Nur zahlen muss es jemand.“ Aber weder ÖBB noch die Länder Wien und Niederösterreich haben Geld für ein Projekt, das laut Studien um die 30 Millionen Euro kosten würde.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2012)















