Manche Kritiker sagen, Ayurveda sei nur sinnvoll für Menschen aus Ihrem Kulturkreis. Ein Österreicher hingegen sollte besser auf die Alm gehen.
C. A. Raman: Grundsätzlich funktioniert unser Organismus gleich. Wenn Ayurveda einem Inder hilft, spricht nichts dagegen, dass es auch für Europäer gut sein kann. Wenn wir essen, müssen wir auch verdauen. Wenn man den Körper nach traditionellen indischen Prinzipien reinigt, funktionieren diese bei Europäern ganz gleich wie bei Indern. Mit Ausnahme schwangerer Frauen kann jeder eine Ayurveda-Kur machen.
Ist Körperreinigung das Hauptziel?
Das Ziel von Ayurveda ist es, einen Zustand totaler Gesundheit in jedem Lebewesen herzustellen: auf physischer, mentaler und spiritueller Ebene. Das geschieht durch die Gabe von ayurvedischer Medizin, Ölanwendungen, Yoga, Mediation und Ernährung. Ayurveda will kranke Menschen gesund machen und gesunde Menschen gesund erhalten. Wir bereiten den Körper darauf vor, Gifte auszuscheiden, danach verjüngen wir den Körper. Dadurch wird der Körper gesund, der Geist zufrieden und die Seele gereinigt. Das sieht man den Menschen auch an, sie wirken wieder viel frischer.
Ayurveda wird ja im Westen sehr stark mit den Ölanwendungen assoziiert. Wie funktionieren die?
Bei Stoffwechselreaktionen entstehen Abfallprodukte in den Zellen, diese sammeln sich dann im Gewebe an. Die Ausscheidung erfolgt nur teilweise über Stuhl, Urin und Schwitzen. Die Aufgabe der Öle ist es, in das Gewebe einzudringen und die Schlackenstoffe zu lösen. Danach werden diese durch den Blutkreislauf aus dem Körper transportiert. Das unterstützt Ayurveda unter anderem durch Massagen.
Ayurveda arbeitet mit 600 verschiedenen Heilpflanzen. Was setzen Sie zum Beispiel gegen hohen Blutdruck ein oder für die populäre Verjüngungskur?
Gegen Bluthochdruck verwenden wir unter anderem „serpentine root“. Das indische Hausmittel „Triphala“ enthält die indische Stachelbeere und ist gut für Verdauung, Augen, Ohren, Gedächtnis, Jugendlichkeit und Langlebigkeit – man könnte also sagen ein sehr gutes Verjüngungsmittel. Die ayurvedische Lehre spricht aber auch Frauen eine verjüngende Wirkung auf Männer zu: durch ihre Liebe, ihre Wärme und ihre Attraktivität.
Stimmt es, dass es indisches Viagra für den Mann und für die Frau gibt?
Ja. Wussten Sie, dass das Pferd das sexuell aktivste Tier ist? Also müssen wir essen, was die Pferde essen. Bei uns ist sogar eine Pflanze danach benannt: „Horsegram“, eine indische Bohnenart. Auch die „Ashwagandha“ („Schlafbeere“) wird zur Stärkung der Manneskraft eingesetzt. Der Unterschied zu Viagra ist, dass wir mit der Ursache arbeiten, nicht mit den Symptomen.
Sport soll man während einer Ayurveda-Kur aber nicht machen. Warum?
Weil die Energie ausschließlich für die Kur eingesetzt werden soll. Sport würde uns da nur zusätzlich auspowern.
Sie arbeiten seit 58 Jahren mit Ayurveda. Sind Sie noch immer gerne Arzt?
Vor ein paar Monaten war Patricia hier, 32 Jahre alt. Als sie hier ankam, litt sie an stark ausgeprägter Neurodermitis. Man hat keine Haut mehr gesehen – ihr Körper war komplett wund und blutig. Nach 30 Tagen war sie geheilt. Auch mental war sie wie ausgewechselt, weil sie sich wieder hübsch fand. Beantwortet das Ihre Frage?
Viele Menschen kommen sicher auch zu Ihnen auf der Suche nach einem Mittel gegen Krebs. Was sagen Sie denen?
Ich werde immer wieder gefragt, ob ich nicht ein Medikament dagegen kenne. Meine Antwort ist allerdings, dass ich kein Medikament gegen Krebs kenne; dass ich aber Medikamente zur Stärkung des Immunsystems und der mentalen Kraft kenne, die dann wiederum den Kampf gegen Krebs unterstützen.
Welchen Stellenwert hat Ayurveda in Indien eigentlich gegenüber der Schulmedizin?
Wir arbeiten zusammen und tragen zur Ergänzung der Schulmedizin bei. Ursprünglich war ayurvedische Medizin billiger als die schulmedizinische Versorgung, da die Kräuter in der Natur frei zugänglich waren. Deshalb wurde früher erst der ayurvedische Arzt konsultiert, dann der Schulmediziner. Heute ist die Situation umgekehrt. Die ayurvedische Medizin ist mittlerweile teurer, weil es immer schwieriger wird, die notwendigen Kräuter und Wirkstoffe zu bekommen.
Haben Sie selbst auch tägliche Rituale?
Wenn man morgens aufsteht, muss man sich erst einmal wieder entschlacken. Die Morgentoilette ist deshalb Pflicht. Vor dem Duschen trage ich mir am Oberkopf, an der vorderen und der hinteren Fontanelle ein paar Tropfen Kokosnussöl auf. Dasselbe tue ich an den Ohren und an den Fußsohlen. Diese sensiblen Bereiche des Körpers werden so vor Wasser geschützt. Wasser soll nach der ayurvedischen Tradition diese Bereiche des Körpers nicht berühren beziehungsweise nicht in diese eindringen.
Was ist Ihr Rezept für ein langes Leben? Gibt es etwas, das man regelmäßig essen oder tun kann?
Früh aufstehen, körperliche Betätigung, gesunde Ernährung, wenig Alkohol und keine Zigaretten. Niemals unter Druck Essen! Nehmen Sie sich Zeit dafür, halten Sie feste Essenszeiten ein. Essen Sie nicht mehr als 1500 Kalorien pro Tag und nur, wenn Sie Hunger haben. Essen Sie nicht vor dem Fernseher. Auf der psychischen Seite hilft es, sich nicht in Sachen einzumischen, die einen nicht wirklich betreffen. Ein ausgeglichenes Gemüt ist hilfreich.
Was ist denn Ihr Lebensziel?
Ohne eine Erkrankung wünsche ich mir irgendwann einen sanften Übergang in den Himmel.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2012)
















Wie gut kennen Sie den menschlichen Körper?