Natürlich ist nicht immer sicher – auch pflanzliche Heilmittel können Nebenwirkungen haben. „In der Kinderheilkunde müssen Phytopharmaka besonders vorsichtig, mit Fachkenntnis und Erfahrung angewendet werden“, betont die Kinderärztin und Pharmakognostin Ulrike Kastner. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Die Dosierung ist vom Lebensalter, vom Gewicht, von der Körperoberfläche und der Entwicklung des Kindes abhängig. Alkoholhältige Arzneimittel sollten Klein- und Schulkindern nicht gegeben werden.
Große Schwankungen gibt es bei der Verabreichung von Tropfen, beispielweise bei Atemwegsinfektionen: von einem bis drei Tropfen täglich für Säuglinge bis zu fünf bis 15 Tropfen zwei- bis dreimal täglich für Kinder über fünf Jahren. „Um die kindgerechte Darbietungsform und Dosis zu finden, bedarf es der Erfahrung der Eltern und der Beratung mit Arzt und Apotheker“, so die Kinderärztin. Nach Verschreibung des Arztes kann der Apotheker ein pflanzliches Arzneimittel individuell zubereiten. Dafür ist keine Zulassung erforderlich, für die Einzelherstellung nach Angabe des Arztes und Herstellung seitens des Apothekers gilt die persönliche Verantwortung. Pflanzliche Heilmittel waren eines der Schwerpunktthemen einer Veranstaltung der Österreichischen Apothekerkammer. Da es keine ausreichende Datenlage gibt, wird laut EU-Verordnung keine einzige pflanzliche Droge für Kinder unter vier Jahren empfohlen.
Nicht bei schweren Erkrankungen
Trotzdem sieht Pharmakognostin Kastner Phytotherapeutika in der Kinderheilkunde als unverzichtbar. „Man muss allerdings die Therapieentscheidung immer individuell treffen und die Grenzen beachten. Für schwere Krankheiten und Notfälle eignen sie sich ganz sicher nicht. Aber bei leichten Fällen können oft starke Medikamente mit Nebenwirkungen, etwa Antibiotika, eingespart werden.“
Es dauert zwar etwas länger, bis die Wirkung eintritt, aber es gibt in den meisten Fällen weniger Nebenwirkungen als bei Antibiotika. Ein weiterer Vorteil: Die Darbietung kann auf das Kind abgestimmt werden, eben kindgerecht. Lösungen in Sirup, Säften oder Tees werden von Kindern leichter angenommen als bittere Medizin.
Die häufigsten Anwendungsgebiete sind Hauterkrankungen, Atemwegsinfektionen und Magen-Darm-Störungen. Dazu einige Beispiele: Bei Windeldermatitis hilft Kamille, in der Salbe oder als Extrakt im warmen Sitzbad. Auch bei schlecht heilenden Wunden bringt Kamillenöl bessere Heilungschancen. Die Abheilung von Fieberblasen beschleunigt Melissenblattextrakt in einer Fieberblasencreme.
Darmprobleme: Karottensuppe
Zahlreich sind die Anwendungen gegen banale Infekte der Atemwege, schleimlösende Mittel, ätherische Ölmischungen mit Salbei, Anis, Fenchel und immer wieder mit Kamille. Allerdings sollen ätherische Öldrogen erst ab dem vierten Lebensjahr verabreicht werden, da eine Neigung zu Asthma ausgelöst werden kann. Oft leiden Kleinkinder unter Blähungen, da helfen Blähungstropfen, die Fenchel, Koriander oder Kümmel enthalten. Ein besonders gebräuchliches Hausmittel ist die Karottensuppe nach Moro gegen Infektionen des Magen-Darm-Traktes: 500 Gramm geschälte, gewürfelte Karotten in einem Liter Wasser eine Stunde kochen, dann durch ein Sieb drücken oder im Mixer pürieren, mit gekochtem Wasser wieder auf einen Liter auffüllen und drei Gramm Kochsalz zugeben.
„Phytopharmaka können in der Kinderheilkunde in vielen Fällen klassische Therapien ergänzen und oft nebenwirkungsreiche und für Kinder gar nicht zugelassene Medikamente ersparen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2012)
















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