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Krebs: Die Seele reagiert stets anders

23.07.2012 | 18:23 |  von CHRISTINA LECHNER (Die Presse)

Optimistische Lebenseinstellung kann zwar Krankheitsbewältigung fördern, das oft geforderte „positive Denken“ darf aber keinesfalls zum Zwang werden.

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Menschen, die eine schwere Krankheit erfolgreich bewältigt haben und darüber schreiben, können für Betroffene Vorbildwirkung haben. Eine positive Lebenseinstellung trotz einer schweren Erkrankung zu zeigen, kann für Patienten sogar eine „ansteckende“ Wirkung haben, wie vielleicht das Buch der deutschen Krebspatientin Carola Ries von Heeg: In ihrem Buch „Tumor raus – rein ins Leben“ (Humboldt-Verlag) schildert sie auf sehr emotionale Weise ihren Leidensweg nach dem Diagnostizieren eines zunächst als unheilbar bezeichneten Bauchspeicheldrüsen-Tumors.

 

„Wegweiser zum Gesundwerden“

Bei der Diagnose war Ries von Heeg 37 Jahre alt. Nach erfolgloser Operation und mehr als 40 Chemotherapien waren die Ärzte mit ihrem Latein am Ende. Wie die heute 44-Jährige den Krebs dennoch besiegte – ihre Ärzte sprachen von einem medizinischen Wunder –, beschreibt sie in dem Buch, das sie als „Wegweiser zum Gesundwerden“ versteht. Sie schildert ihre persönlichen Erfahrungen im Umgang mit belastenden Untersuchungen oder Chemotherapien und beschreibt unter anderem, wie sie sich selbst während einer 45-minütigen Untersuchung in der engen CT-Röhre durch angenehme innere Bilder stärkte. Auch die persönlichen Techniken der Autorin, sich durch Musik, Humor und Visualisierungen in eine positive Stimmung zu versetzen, mögen für manche Leser hilfreich sein, ebenso wie die Ernährungstipps im Falle einer Krebserkrankung.

 

Kann zum Bumerang werden

Dabei mag das Duzen der Leser befremdlich stimmen, vielmehr aber sollten manche Aussagen kritisch hinterfragt werden. Denn Ries von Heeg schreibt unter anderem, dass „es in erster Linie deines Willens und deiner Mitarbeit bedarf, um wieder geheilt zu werden“. Positives Denken, so der Eindruck nach der Lektüre, ist der Schlüssel zur Heilung. Rät Ries von Heeg etwa „Denke etwas Positives, statt in deinen negativen Gedanken zu ertrinken“, so greift dies sicher zu kurz.

Denn immerhin kann die Forderung nach positivem Denken gleichsam zum Bumerang werden: Was ist mit jenen Patienten, denen dies nicht oder nicht aus eigenem Antrieb gelingt? Sie dürfen sich deswegen keinesfalls hilflos oder schuldig fühlen oder sich womöglich damit selbst unter Druck setzen, warnt die Psycho-Onkologin sowie Klinische und Gesundheitspsychologin Brigitte Felfer.

 

Auch Wut hat ihre Berechtigung

Gute Gedanken und Gefühle wirken sich ebenso wie „ein Gefühl der Kontrolle“ günstig auf Wohlbefinden und Gesundheitszustand aus, doch sie sind keine Voraussetzung für Heilung. „Gerade in der psychischen Bewältigung einer Krebserkrankung können negative Gefühle wie Ängste und depressive Verstimmungen oder sogar Wut und Aggression ebenso ihre Berechtigung haben“, so Felfer.

Negative Gefühle und Stimmungen treten nach den Erfahrungen der Psycho-Onkologin auch zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten im Verlauf einer Krebserkrankung auf, mitunter sogar erst dann, wenn der Patient geheilt ist und gleichsam „alles überstanden“ hat. „Es ist gerade so, als ob sich die Psyche erst dann meldet, wenn der Körper nicht mehr im Mittelpunkt steht“, erklärt Felfer. Deshalb suchen Patienten oft erst nach der Therapie die Hilfe der Psycho-Onkologen auf – gerade dann, wenn ihnen von ihrem Umfeld signalisiert wird, es müsse ihnen doch gut gehen.

„Ganz wichtig ist es in dieser Situation, wenn die Angehörigen dafür Verständnis zeigen, keinesfalls sollten sich Patienten dafür schämen oder gar Schuldgefühle haben, wenn sie seelische Probleme haben“, ergänzt Karin Isak, Leiterin der Beratungsstelle der Österreichischen Krebshilfe in Wien, „denn eine Krebserkrankung verletzt immer auch die seelische Integrität.“ Nicht selten suchen Angehörige und Patienten gemeinsam die von der Krebshilfe übrigens kostenlos angebotene psycho-onkologische Beratung auf.

 

Kein Patentrezept

Felfer und Isak verweisen jedenfalls auf die vielfältigen und ganz individuellen seelischen Verarbeitungsstrategien bei Krebs, die es zu respektieren gilt. Es gebe auch kein Patentrezept dafür – ganz ähnlich, wie die Krebsforschung immer genauer die feinen, biologischen Unterschiede von Tumoren erkennt und damit erklärt, warum nicht alle Patienten mit einer bestimmten Krebsdiagnose auf dieselbe Therapie gleich ansprechen.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.krebshilfe-wien.at

www.praxis-felfer.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2012)

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